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Es war auch wirklich sehenswert, die reich geschmückten Staatsgondeln des Hofes und der Stadtbehörden den breiten canate grande entlang fahren zu sehen, gerudert von Gon- dolieren in alter Tracht, während die kostbaren, über die Zitze gebreiteten Teppiche bis in das Wasser herabhingen. Die alten malerischen Paläste zu beiden Zeiten dieser Wasserstraße waren von einer erwartungslustigen, geputzten Menge an allen Fenstern und auf den kleinen Balkonen besetzt,' diese waren mit Teppichen reich behängen. Man hatte den Lin- -druck, ein Märchen zu erleben, und fühlte beim Zchauen solch mittelalterlicher Pracht sich um Jahrhunderte zurückversetzt.
Tin gewaltiges brausen erscholl, die Musikkapellen spielten die österreichische und die italienische Nationalhymne, und bald nahten sich die königlichen Gondeln wieder, die den kaiserlichen Gast am Bahnhof abgeholt hatten und nun blitzschnell zur großen Treppe fuhren, die den Nufgang zum königlichen Schloß für dessen Gäste bildet. Dort sah man die junge anmutige Kronprinzessin von Italien (die jetzige Königin-Mutter Margherita), welche den Kaiser empfing. Auffallend war der Unterschied in der Erscheinung beider Herrscher, der Kaiser sah in seiner weißen Uniform und mit seiner hohen, schlanken Gestalt neben dem kleinen König in dunkler Uniform sehr eindrucksvoll aus. wie begeistert war das so leicht zu begeisternde Volk damals für diesen besuch! Uls beide Herrscher sich später am Markusplatz auf dem Balkon des Schlosses zeigten, wobei die hohe, Helle Gestalt des Kaisers weithin zu sehen war, da kannte der Jubel dieses Volkes keine Grenzen, wie haben die Zeiten sich seitdem verändert, und diese so leicht zum Ueberschäumen gebrachte Volksseele muß jetzt verdammen, was sie einst bewunderte.
Der festliche Tag sollte durch ein ballfest im königlichen Schlösse, dem palazzo reale, gekrönt werden. Für viele ist das kein festlicher Abschluß gewesen, da sich auch hierbei der Mangel an System und Ordnung fühlbar machte, der das leichtlebige italienische Volk beherrscht. Einmal sollen viel zu viel Einladungen ergangen sein,' denn jeder Italiener, mehr noch jede Italienerin, setzte wohl alle Hebel in Bewegung, um anwesend sein zu können. So sollen schon bald nach Ankunft der Gäste die Treppen im Palast von einer drängenden, stoßenden Menge knäuelartig besetzt gewesen sein, so daß es bald kein vorwärts mehr gab, und erst recht kein zurück; denn neue Massen drängten unaufhaltsam nach vorn. So kam es, daß viele der Eingeladenen überhaupt nicht bis in die Festsäle gelangten, viele der Damen gaben den versuch auf, da sie sich in ihren zerfetzten Kleidern nicht sehen lassen wollten,' sie zogen vor, ergeben in ihr Schicksal auf den Treppenstufen innerhalb des Schlosses das Ende des Festes, und damit die Möglichkeit, nach Hause zu gelangen, abzuwarten. Und diese waren die vom Schicksal begünstigten. Denn, zum großen Teil getrennt von ihren Ungehörigen und von ihren Dienern, die die schützenden hüllen mitgenommen hatten, mußten später Angekommene die Nacht auf den Treppen außerhalb eines schützenden Daches zubringen, und zwar in einem leise niederrieselnden Negen. Der graue Morgen fand diese in einem beklagenswerten Zustand sich befindlichen Gestalten, die erst sehr allmählich aus ihrer Sage befreit werden und im Schutze der bergenden Gondeln ihr Zuhause erreichen konnten.
So endete das Fest mit einer tiefen Enttäuschung für viele. Ich glaube aber nicht, daß dadurch irgend jemand bei einer nächsten ähnlichen Gelegenheit sich davon hat zurück
halten lassen, alles in Bewegung zu setzen, um dabei zu sein, wenn es etwas zu sehen gab. So wenig zugänglich dieses Volk für ernstere Eindrücke ist, mit um so größerer Leidenschaftlichkeit gibt es sich jeder Zerstreuung hin.
Baronin N.
(Fortsetzung folgt.)
\ Erinnerungen eines alten Mannes.
von Generalarzt a. D. Dr. Kappesser in Darmstadt.
26. wie die Provinz Nh ein Hessen zum Großherzogtum Hessen gekommen ist.
Es hat mich oft gewundert, daß im Gegensatz zu anderen deutschen Gebieten, gerade in den linksrheinischen Teilen der ehemaligen Pfalz so gar keine, oder doch nur äußerst geringe Erinnerungen an das, was gewesen ist, im Gedächtnis des Volkes sich erhalten haben, und ich erkläre mir dies zum Teil daraus, daß das Grenzland, welches Jahrtausendelang den Zankapfel zwischen mächtigen Nationen gebildet hat, zu oft und zu gründliche Zerstörungen erlitt, so daß die Fäden ganz zerrissen wurden, welche das Neue an das Alte knüpfen sollten. So erinnere ich mich aus meinem Geb'urtsort, daß dort auf einem südlich davorliegenden Hügel häufig und an unregelmäßig zerstreuten Plätzen menschliche Skelette ohne jegliche Beigabe und kaum spatentief unter der Erdoberfläche liegend ausgegraben wurden, was meist beim Anlegen von sogen. Nübenmieten geschah, und es mögen wohl die wenigsten gefunden sein. Ich selbst erinnere mich, als Knabe einer solchen Ausgrabung beigewohnt zu haben, und daß damals die Umstehenden ihre Verwunderung über das völlig unversehrte Gebiß des weißen Schädels aussprachen. wie aber dann einer mit dem Messergriff nur leise auf das Stirnbein klopfte, zerfiel das Ganze in Trümmer. Jedenfalls hat vor sehr langer Zeit dort ein blutiges Ereignis stattgefunden und die wohl geflüchteten Einwohner haben dann bei ihrer Nückkehr die zerstreut umherliegenden Toten, wo sie eben lagen und und nur so tief eingescharrt, daß die Pflugschar gerade darüber Weggehen konnte.
wo.ich fall, gräbt man mich nieder Ohne Sang und ohne Sieder,
Niemand fragt, woher ich bin.
Ich habe mich vergebens bemüht, irgend eine Spur der Erinnerung im Gedächtnis der heutigen Bevölkerung aufzufinden. Ich halte daher den versuch nicht für wertlos, so manches, was sich noch so vom Vater zum Sohn mündlich vererbt, festzuhalten, wenn auch nur als Material für einen Berufeneren zur Schaffung einer Natur- und Kulturgeschichte des Volkes.
Unsere heutige Provinz Nheinhessen, welche seit 1816 ihren Namen führt, wenngleich eigentlich niemals Hessen auf dieser Nheinseite gewohnt oder länger sich dort aufgehalten' haben (mit Ausnahme etwa der ,,palzvergifter", welche der Hessen-Kasseler Sandgraf zur Zeit des unseligen bayrisch-pfälzischen Lrbfolgekrieges dorthin gesandt hat und welche jahrelang das unglückliche Sand furchtbar drangsaliert haben) ist eigentlich ein bunter Mischmasch schier unzähliger kleiner und kleinster Trümmer des weiland heiligen römischen Neichs deutscher Nation, von welchem ein berühmter Geschichtsschreiber behauptete, es sei zuletzt weder heilig, noch römisch noch reich gewesen, während die deutsche Nation kaum noch ein geographischer Begriff war. wurde doch z. Bi. die Gemeinde Nieder-Saulheim von 6 oder 7 reichsunmittelbaren Familien


