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Nr. 41. Gieszen, Sonntag 17. nach Trinitatis, den 15. Oktober 1916. 5. Jahrgang

Aus einer Eichener ttriegspredigt des Jahres J870.

Psalm 27, 1. Der Herr ist mein Licht und mein heil; vor wem sollte

ich mich fürchten! Der Herr ist meines Lebens Kraft; vor wem

sollte mir grauen!

wie wir beim Uusbruch dieses Krieges, am 9. Uugujt 1914, dem allgemeinen Kriegsbettage, uns zusammengefun­den haben, um alle unsere Zargen vor Gatt zu bringen, so hatte König Wilhelm auch bei Uusbruch des Krieges 1870 bestimmt, daß am 27. Juli im ganzen Königreich Preußen ein allgemeiner Buß- und Bettag gefeiert werden sollte. 2m Großherzagtum Hessen ist man dem preußischen Beispiel ge­folgt, und an dem genannten Tage es war ein Mitt­woch - war die evangelische Gemeinde Gießen in der Ztadt- kirche versammelt. Pfarrer Br. Zeel hielt die predigt über Psalm 27, l. Cs leben sicher noch viele unter uns, die an jenem Gottesdienste teilgenommen haben. Der ernsten, ein­dringlichen predigt Zeels, die durch den Druck veröffentlicht wurde und deren Erlös für die Familien der in das Feld ge­rückten Gießener Krieger bestimmt war, entnehmen wir die folgenden beherzigenswerten Busführungen.

Der Prediger gab zunächst ein Bild von der religiösen und sittlichen Verfassung, in der sich damals das deutsche Volk befand, und sagte folgendes:wir denken an das Er­sterben der rechten, lebendigen Gottesfurcht in so vielen, vielen Zeelen. wir denken an die Zehren des Unglaubens, welche gerade in den letzten Jahren immer lauter und immer anmaßlicher durch die Welt gepredigt worden sind, die den Schöpfer in seiner Zchöpfung und das Bild Gottes in der Menschenseele leugnen, wir denken an die vielen, die dahin­lebten nur nach ihres Herzens Gelüste und taten, was ihren Zinnen wohlgefiel, ohne zu fragen nach Gottes Wort und Gebot. (D, wie wiegten wir uns ein in eine erträumte Zicher- heit! 2m vertrauen auf «unser menschliches wissen und Können dachten wir» unser eigener Heiland zu sein und keines an­deren zu bedürfen, wenn nur Handel und Wandel gedieh, so glaubten wir unser Haus wohl und sicher gegründet und sprachen wie jener törichte Mann im Evangelium: Zo und trink nun, liebe Zeele, und habe gute Buh,' denn du hast einen Vorrat für viele Jahre. Und dabei teilte sich das Leben der einen in gieriges Erwerben und eitles, üppiges, schwel­gendes Genießen, während die anderen, minder Begünstig­

ten, mit Neid und Mißgunst zuschauten und die Herzen voll Gelüsten hatten nach des Nächsten Gut."

Viesen Bußgedanken folgten Worte des Trostes, die sich besonders an die Eltern der ausziehenden Streiter Ehemänner sind damals nur in geringer Zahl in das Feld gerückt - richteten.2hr mußtet ihn lassen, den Zohn eurer Liebe,' denn nicht nur für euch, sondern auch für das Vaterland habt ihr ihn erzogen, und wenn dessen Hilferuf ertönt, da weigert sich kein deutsches Herz eines Opfers, und ob es auch das schmerzlichste wäre. Über mit blutendem Herzen habt ihr ihn ziehen lassen, und nun denkt ihr, wie ihr so manchmal an der wiege des Kindes gewacht, euch sorgend über das Krankenbett des Knaben gebeugt habt und habt ihn so sorglich gepflegt, wo sein Leben bedroht schien - nun mußtet ihr ihn ziehen lassen in große, unleugbare Gefahr und konntet nicht folgen! Uber getrost: euere Gebete können ihm folgen auf allen seinen wegen. Und der, der rechte Vater ist über alles, was da Kinder heißt im Himmel und auf Erden, der wird auch Vater- und Muttergebete nicht ver­achten und wird den Euren nahe sein mit seiner Hilfe, mit seinem Schutze, mit seiner allmächtigen Liebe. Und auch wir alle, die wir nicht gerade Zöhne oder Ungehörige im Heere haben, wir wollen ihnen folgen mit unseren Gebeten. Denn jeder, der mit seiner Brust das teuere Vaterland beschützt, der ist jetzt unser Ungehöriger und unser Bruder. Und wenn so hinter den tapferen Heeren ein ganzes betendes Volk steht, dann werden ja auch unsere Gebete wie schützende Engel sie umschweben in der stunde der Gefahr, und der Ullmächtige wird unser Flehen erhören nach seiner väterlichen Weisheit."

Mit Trostworten, die sich an die ganze Gemeinde rich­teten, schloß die predigt,wir wollen alle unsere Zorge auf den Herrn werfen. Er sorget für uns. wir befehlen unsere Zache dem, der da recht richtet, von seinem festen Thron sieht er auf alle, die auf Erden wohnen, und Gerechtigkeit ist sein Kleid und Wahrhaftigkeit seiner Füße Schemel. Er ist mit denen, die ihn lieb haben und auf seinen Uamen trauen. Unter seine allmächtige Hand beugen wir uns, er wird uns erhöhen zu seiner Zeit."

Man sieht aus dem, das wir hier mitteilen, daß diese predigt, obwohl sie schon vor 46 Jahren gehalten worden ist, heute noch keineswegs veraltet ist, sondern für unsere