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AU5 der Zugendzeit einer deutschen Männer.
(Fortsetzung.)
Kinder liefen bei einer solchen Gelegenheit die größte Gefahr, weil es bei dieser Krt von Leuten ein allgemeiner Aberglaube war: es sei eine geringere Zünde, ein Kind zu toten, als einen Erwachsenen, denn letzterer fahre in seinen Zünden in die Verdammnis dahin, ohne Zeit zu haben, sich vorher zu bekehren, während ein unschuldiges Kind sofort ein Engel werde und selig sei. Zeltsamer Widerspruch im menschlichen Kerzen! Während diese Unglücklichen sich zu dem grausamsten verbrechen entschließen, fällt doch eine Re- gung des Gewissens, ein Gefühl des Erbarmens, als letzter blasser Rbglanz des göttlichen Ebenbildes in den dunkeln Rbgrund ihrer Zeele. Zie mühen sich, das Unglück ihres Opfers und damit ihre eigene Zchuld zu vermindern, obgleich ihnen das Glück ihres Nebenmenschen völlig gleichgültig geworden ist. Zn diesen verwilderten Zeelen, in denen die alte Pflanze der Neligiosität vom bösesten Unkraut gänzlich überwuchert schien, dauerte also doch ein Keim derselben im Dunkeln fort, unzerstört und unzerstörbar; denn die Neligiosität ist nichts Gemachtes, sondern ein Geschenk des Fimmels und kann zwar sehr verkümmern, aber nicht in den Kerzen ersterben, so lange sie noch schlagen.
Meine Mutier arbeitete inzwischen, so viel sie nur irgend vermochte. Leider waren nicht immer genug Bestellungen da, und wenn sie bloß auf den verkauf arbeitete, mußte sie die Waren oft so billig losschlagen, daß sie nicht imstande war, Zeide zu neuer Rrbeit zu kaufen. Indessen wäre es allenfalls noch leidlich gegangen, wenn mein Vater nicht unglücklicherweise „Fteiwächter" geworden wäre. Dies war auch eine von den schlimmen Einrichtungen jener Zeit, welche den Menschen zur Verzweiflung treiben konnten. Der Kompagnie-Ehef konnte nämlich einen Teil seiner Kompagnie, ich glaube den dritten, auf vier Monate beurlauben, und bezog inzwischen den Zold dieser Mannschaft für seine Privatkasse. Die Beurlaubten waren während jener Zeit dienstfrei. Die Landeskinder gingen dann nach Hause zu ihren Angehörigen und kehrten nach abgelaufener Zeit wohl ausgefüttert zurück. Diejenigen, welche ein Handwerk trieben oder Gegenstände zum verkauf anfertigten, arbeiteten dann zu Hause ungestört um so fleißiger. Wer aber in der Kaserne seine Heimat hatte, mußte bleiben, wo er war, behielt seine Wohnung, die Unteroffiziere auch meist ihre Schlafburschen, für deren Ueberwachung sie verpflichtet blieben,' aber sie erhielten in vier Monaten keinen Pfennig Zold. Dieses Los traf auch meinen Vater,' er wurde Freiwächter und konnte nun sehen, ob er von der Luft zu leben vermöchte. Die Unteroffiziere waren dabei viel schlimmer daran, als die gemeinen Soldaten' letztere konnten sich fa durch Handarbeiten als packträger, handlanger, Schuhputzer, Kleiderreiniger, Helfer beim Wäscherollen und auf mancherlei Weise Nebenverdienst verschaffen,' denn zu allen diesen Verrichtungen nahm man damals Soldaten an,' der Unteroffizier aber durfte dergleichen nicht tun.
Das war eine schlimme Zeit,' da war es sehr schwer, sich satt zu essen. Meine Mutter mußte die ganze Wirtschaft erhalten, und mein Vater, dessen vergoldungsarbeiten längst aufgehört hatten, da sie aus der Mode gekommen waren, mußte notgedrungen stricken helfen, obgleich es ihm, trotz der guten Unweisung meiner Mutter, nicht sonderlich von Händen ging. Der Vater meiner Mutter, der sie von Zeit zu Zeit besuchte, war selber zu arm, um halfen zu können, und begnügte
sich, sie zu erinnern, daß er all das Elend vorausgesehen und vorausgesagt habe, wozu freilich keine große Prophetengabe gehörte. Ihre zwei älteren Brüder konnten wenig tun, da auch sie nicht auf Kosen gebettet waren, die beiden jüngsten gingen noch in die Schule und vermochten gar nichts. Der älteste derselben besuchte das Berlinische Gymnasium und kam öfter mit seinen Büchern zu uns, um sich von meiner Mutter die lateinischen Vokabeln vorsagen und sie sich überhören zu lassen, wobei diese eine hübsche Menge behielt und noch viele Jahre nachher herzusagen wußte. Die mathematischen Figuren im Euklides starrte ich als rätselhafte Hieroglyphen an und verlangte von meiner Mutter eine Erklärung, was die Bilder vorstellen sollten.
Meine Großväter liebte ich nicht, von dem Großvater väterlicherseits hatte ich kaum etwas vernommen, den mütterlicherseits mochte ich nicht gern. Er hatte beständig viel zu tadeln, und meine Mutter hielt mich seiner Ansicht nach nicht streng genug. Ich mußte mehr Prügel haben. Mit solchen Rezepten empfiehlt sich ein Großvater seinem Enkel keineswegs. Noch erinnere ich mich, wie er am ersten Weihnachtstage vormittags zu uns kam. Ich hatte eine kleine Trommel zum Thristfeste bekommen, war überselig, und huschte baldmöglichst auf den Korridor, um nach Herzenslust zu trommeln. Da kam mein Großvater die Treppe herauf, packte mich am Rrme, riß die Türe auf und zog mich ins Zimmer. Im heftigsten Rerger schalt er mich aus, tadelte meine Mutter, daß sie dergleichen erlaube, und schrie: ,,Was kann aus solcher Range anders werden, als ein Kerl, der dem Kalbfelle folgen muß, nichts als Futter fürs Kanonenpulver" usw. Um ihn zuftieden zu stellen, mußte ich schon einige hiebe mit der Rute hinnehmen, obgleich ich nicht wußte, was ich gesündigt hatte, da ich nur mit dem spielte, was meine Eltern mir geschenkt hatten, um damit zu spielen. Diese Ungerechtigkeit machte einen tiefen Eindruck auf mich.
Lines Tages hatte mein Vater ein Kaninchen oder einen Hasen geschenkt bekommen. Ls sollte ein Wildbraten gemacht werden, und mein Großvater wurde dazu eingeladen. Der Braten war angegangen und hatte einen sehr starken Wildgeruch, der sich auch bei der Zubereitung nicht verleugnete, die gegen Übend erfolgte. Mir war der Geruch äußerst zuwider ; denn ich bin von jeher gegen Gerüche höchst empfindlich gewesen; da ‘mir aber nur eine Stube hatten, mußte ich darin bleiben. Ich konnte den Geruch nicht ertragen, und ekelte mich unsäglich. Daher verkroch ich mich in einen Winkel am Bette und hielt mir einen Zipfel des Bettvorhanges vor die Rase, dessen Stärkegeruch den Wildgeruch mäßigte. Man setzte sich zu Tische und mein Großvater lobte den Braten außerordentlich. Endlich wurde auch ich gerufen, zu Tische zu kommen. Ich weigerte mich, meinen Winkel zu verlassen, und erklärte: ich könne nicht essen, weil das Fleisch so übel rieche. Das nahm der Großvater sehr übel, nannte mich einen eigensinnigen Schlingel, dessen Starrsinn gebrochen werden müsse, und machte Rnstalten zu einer exemplarischen Züchtigung, der ich nur mit großer Mühe durch Fürbitten meiner Mutter entging. Seit dieser Zeit war mir der Wildgeruch so ungemein wider, daß ich mich noch jetzt in meinem Rlter mit demselben nicht vertragen kann und Wild nur esse, wenn es ganz frisch ist, und auch dann nur ungern. Kein Sinn wirkt bei mir so stark auf das Erinnerungsvermögen, als der des Geruches. Wo sich nur ein Geruch wiederholt, treten die Umstände, unter welchen ich ihn früher und bis zur frühesten Zeit hin empfunden habe, lebhaft ins Gedächtnis zurück,' unwillkürlich erscheint


