Gemeinöeblatt fmöie evangelische Kirchengemeinoe
Gieszew
Nr. 40. Gießen, Sonntag 16. nach Trinitatis, den 8. Oktober 1916. 5. Jahrgang
Hindenburg und Nietzjche.
Evangelium des Matthäus 14. 14. Und Jesus ging hervor und sah das große Volk und es jammerte ihn derselben, und er heilte ihre Kranken.
Ungefähr um das Iahr 1890 wurde der Name Friedrich Nietzsche in Deutschland immer mehr bekannt. Lin einsamer Mann, der schon jahrelang infolge Krankheit an der Kusübung eines Berufes behindert war und nun ein Wanderleben führte, bald in Italien, bald in der Schweiz sich aufhielt, ließ Bücher in die Welt hinausgehen, die in hohem Maße geistvoll waren, durch ihre Titel, aber auch durch ihren Inhalt Kussehen erregten. Nietzsches Schriften sehen sich zumeist aus Kusführungen zusammen, die miteinander nur in losem Zusammenhänge stehen — Kphorismen nennt man derartige Kusführungen. Unstreitig war ihr Verfasser ein Mann, der die ganze Geisteskultur seiner Zeit - mit Kusnahme der Naturwissenschaften in sich vereinigte. Ueber alles machte er seine Kusführungen, über die klassische Literatur und das Christentum, über Neligion und Mo. ral, Geschichte und Politik, Philosophie und Musik, und alles wurde in einer Sprache dargeboten, die Nietzjche zum lg roßen Dichter stempelt. Kber die Gesinnung, die sich in seinen Schriften ausprägt, ist nicht edel. Scheinbar ohne jegliches geschichtliche Verständnis überhäufte er das Christentum, insonderheit die alten Christen, aber auch Paulus und Luther, mit den gröbsten Schmähungen. Nicht dem Guten, Feinen, Cdlen in der Welt, nicht der Liebe und Selbstverleugnung redete er das Wort, sondern dem Brutalen, Gewalttätigen, Grausamen. Namentlich wollte er das Mitleid ausgerottet haben. Cr sagte: „Kch, wo in der Welt geschehen größere Torheiten als bei den Mitleidigen? . . . Mitleiden ist zudringlich. Klle Schaffenden sind hart."
Man wird Nietzsche für diese und unzählige andere Keußerungen ähnlicher Krt nicht verantwortlich machen dürfen ; denn er war seit seinem 25. Lebensjahre ein schwer- kranker Mann. Kls er 45 Jahre alt war, brach der Wahnsinn bei ihm aus, darnach hat er noch elf Jahre in erbarmungswürdigem Zustande, ganz auf das Mitleid anderer angewiesenund von seiner alten Mutter, einer Pfarrerswitwe, gepflegt, zugebracht. Man tut dem geistvollen Manne un
recht, wenn man ihn wegen seiner seltsamen Keußerungen anklagt, aber unrecht tun auch die, die seine, eines Kranken, Gedanken in die Wirklichkeit umsetzen wollen, indem sie der „Herrenmoral" das Wort reden, die Kranken und Schwachen 'brutal unterdrückt sehen wollen und das Mitleid als eines ^Schaffenden", d.h. eines zielbewußten, energischen Menschen unwürdig ansehen.
Unter solchen Umständen ist es von dem höchsten Interesse, auf einen Mann hinzuschuuen, dem keiner bestreiten 'wird, daß er ein „Schaffender" im Sinne Nietzsches ist. Vieser Mann ist hindenburg, der deutsche Feldherr, der die Nüssen mit eisernem Besen aus dem deutschen Lande hinausgefegt hat und von dem der Kaiser gefügt hat, daß er der deutsche Nationalheld sei. Einer Knzahl von Kriegsberichterstattern hat er vor kurzem gesagt, er bedauere von Herzen die Frauen, die jetzt stundenlang aus der Straße stehen und auf ein halbes Pfund Fleisch warten müssen, immer in Sorge um ihre Kinder zu Hause, die bei verschlossener Tür sitzen und vielleicht mit dem Feuer spielen. Und in einem Briefe an seinen Sohn schreibt der große Heerführer, es habe ihm leid getan, in Polen und Ostpreußen die Störche zu sehen, die ruhelos um die verkohlten Kamine der ausgebrannten Dörfer kreisten, wo sie früher ihr Uest gebaut hatten.
was aus diesen Kussagen hindenburgs spricht, das ist Mitleid, schlichtes, herzliches Mitleid, wenn man sein Wort über die Störche hört, so denkt man an das schöne Wort des Kpostels Paulus: „wir wissen, daß alle Kreatur sehnet sich mit uns und ängstet sich noch immerdar." Der Mann, der Millionen von Soldaten leitet und in den Kampf für das bedrohte Vaterland führt, widerlegt in einzigartiger weise die Knsicht, die der nervenschwache privatgelehrte verbreitet hat und die unreife Menschen sehr zum Schaden des deutschen Kn sehe ns im Kurland - ihm nachgebetet haben, um sie, wo möglich, im Leben zu verwirklichen. Es ist uns deutschen Christen ein großer Trost, daß der Mann, in dessen Hand jetzt unser Schicksal ruht, ein schlichter, demütiger Christ ist, der es mit dem Heilande hält, den allemale das Mitleid erfaßte, wenn sein weg ihn an Kranken und Leidtragenden vorüberführte, und der durch die Gotteskraft, die in ihm war. den Gebeugten Trost und Hilfe brachte. h- B.


