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Nr. 39. Gießen, Sonntag 15. nach Trinitatis, den 1. Oktober 1916. 5. Jahrgang.

Der deutsche Landmann und die dritte ttriegsernte.

(Zum Erntedankfest.)

Buch des Propheten Daniel 6, 28. Gott ist ein Erlöser und Nothelfer.

Er tut Zeichen und Wunder, beide im Ejimmel und auf Erden.

HIs Jesus dem Fischer Simon nach der Seepredigt den Rat gab, auf die höhe des Sees Genezareth zu fahren und dort das Netz auszuw-erfen, gab ihm dieser zur Lntwort: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts ge- gefangen!" Nichts gefangen! Nichts erreicht, umsonst ge­arbeitet, wie oft tritt uns diese Klage im Menschenleben ent­gegen! ,,N)ie ein Knecht sich sehnet nach dem Schatten, und ein Taglöhner, daß seine Lrbeit aus sei, also habe ich wohl ganze Monate vergeblich gearbeitet," so klagte im Luche Hiob ein Mann, der des Lebens Not und die Enttäuschung vergeblicher Lrbeit am eigenen Leib gespürt hat.

wenn einer hierüber aus Erfahrung sprechen kann, so ist es der deutsche Landmann bei seiner Lrbeit in der dritten Kriegsernte. Wie oft haben der Landmann und die Seinen vergeblich gearbeitet, besonders hier in den Dörfern in der Lähe unserer Stadt bei der Heuernte! Das Futter gewendet, auf Kegel gebracht, wieder ausgebreitet, und alle Mühe um­sonst durch den Legen! Die Kleider durchnäßt bis auf die haut! Wie oft ist es dem Landmann so ergangen bei der Heu­ernte dieses Jahres! wohl fünf- bis sechsmal hat sich der ge­schilderte Vorgang auf mancher wiese wiederholt, bis das Heu endlich in entwertetem Zustand und dunkel die Farbe nach Hause gefahren werden konnte. Sn strömendem Legen und in eiliger Fahrt fuhr manchmal der heuwagen in die Scheune.

Sn noch stärkerem Maße hat sich das bei der Grummeternte wiederholt, wenn mein Luge zum Fenster hinausschweift, trifft es auf dunkle, schwarze Kegel, die den Wiesengrund füllen. So sitzen sie schon 14 Tage lang, und fast täglich, wenn der Himmel einmal ein freundliches Gesicht macht, sehe ich alte Mütterchen, gebückte Greise, fröhliche Kinder um die Grummetkegel beschäftigt. Sie breiten das Futter aus, sie wenden es unermüdlich, sie bringen es wiederum auf Kegel. Lbends beim Uachhausegehen höre ich die Großmutter er­muntert und befriedigt zum müden Enkelkind sprechen: Tummle dich, wenn es morgen hält, bringen wir das Grum­met nach Haus, und du darfst auf dem wagen fahren!" Lm

andern Morgen jagen dunkle Wolken am Himmel, nur zu­weilen weichen sie einigen flüchtigen Sonnenstrahlen. Trotz­dem eilt die Großmutter mit ihrer geschwinden Schar wieder auf die wiese, wieder wird das Grummet ausgebreitet, wie­der bemühen sich fleißige Lrme um das Trocknen,' es scheint zu gelingen, schon wird das Futter auf große Haufen zu­sammengedrängt. Lber als eben die Kühe in schleppendem Gang den wagen auf die wiese bringen, bricht es wieder los in gewitterartigem Legenschauer, wieder war die Lrbeit zweier Tage vergebens, wieder zieht die fleißige Schar in eiliger Flucht vor dem Legenguß nach Hause, wieder ver­gebens !

Und doch nicht erbittert und verärgert ist das Herz der Landleute. Die Großmutter erzählt von manchem Jahr, da es noch schlimmer gewesen sei. Gottlob, sei in diesem Jahre doch noch kein Futter auf den wiesen verfault wie damals, als sie noch ein Kind gewesen. Daß man manches fünf- und sechsmal tun müsse, das sei der Landmann gewohnt, und des­wegen dürfe man nicht unwillig werden gegen Gott.

Der Stadtbewohner tadelt gern den Landmann, beson­ders jetzt in der Kriegszeit, wo so vieles mangelt. Lber wa­rum sieht man bloß das Unerfreuliche, warum sieht man nicht die unverdrossene Freudigkeit, die der Lauersmann und seine kleinen und großen Helferinnen in unverdrossener Lrbeit be­weisen, wenn sie auch zehnmal umsonst ist? wahrlich, das ist ein Heldentum, nicht kleiner als das Heldentum unserer Feld­grauen, die einen Schützengraben, den der Feind zehnmal zu­sammengeschossen hat, zum elften Male wieder Herrichten, heute am Erntedankfest, da darf einmal von diesem Helden­tum die Lede sein.

Lber nicht allein diese Unermüdlichkeit unserer Lauers­leute ist von Gott gewirkt, einWunder und Zeichen" von Gott, sondern auch die staunenswerten Lrbeitsleistungen un­serer alten Frauen und ihrer bejahrten Männer. Sch könnte euch manche nennen, deren Lücken in der Kriegszeit noch ge­beugter geworden ist, als er schon war. Sichtbar hat die ver­mehrte Lrbeitslast die Gestalten gekrümmt, wie der West­wind im nahen Kiefernwald die Läume alle nach Osten gedrückt hat. Einer steht mir vor Lugen. Er zählt demnächst 77 Jahre, die beiden Söhne stehen im Felde, einer ist an der Somme in Gefangenschaft geraten. Lber man will doch das