f 51 -
ging es im deutschen Lande sehr einfach zu. voraussichtlich werden wir nach diesem Kriege wieder zur Einfachheit der Väter zurückkehren müssen. Unter solchen Umständen dürfte die Jugendgeschichte eines Mannes, der im späteren Leben zu hohen Ehren ausstieg, interessieren. Der Mann, um den es sich hier handelt, war ein deutscher Gelehrter, er hieß Karl Friedrich v. Kloden. Lr entstammte einem alten märkischen Udelsgeschlechte; durch die Ungunst der Verhältnisse hatte es der Vater nur zum Unteroffizier gebracht und ist später stets in untergeordneten Stellen beschäftigt gewesen. Kloben, der 1856 gestorben ist, hat sein Leben selbst beschrieben. Da sein buch längst im Buchhandel vergriffen und sehr selten geworden ist (die „Wiesbadener Volksbücher" brachten vor einigen Jahren einen kurzen Nuszug daraus), so wollen wir hier die Schilderung der Jugendzeit Klödens abdrucken, da diese Schilderung hohen religiösen und erzieherischen wert hat und das einfache, oft ärmliche Leben der
alten Zeit treffend wiedergibt.
* *
*
Hm 21. Mai 1786, mittags um 12 Uhr wurde ich geboren. Es war Sonntag und zugleich der erste Uevuetag, der während König Friedrichs Uegierung unabänderlich feststand. Mein Vater war, während ich geboren wurde, in Parade auf dem damaligen Exerzierplätze im Tiergarten. Der Grt, an dem ich zuerst das Licht der Welt erblickte, war die Kaserne Holzmarktstraße 21 (jetzt die Spaziersche Maschinenbau- Bnstalt) irn östlichen Flügel, zwei Treppen hoch, etwa das dritte oder vierte Fenster von der Straßenecke. Meine Eltern zogen aber bald nachher nach der sogenannten Baumgasse, der jetzigen Elisabethstraße. Um 17. Uugust starb der große König, und Friedrich Wilhelm II. trat die Uegierung an. Mit Friedrichs Tod schloß eine höchst merkwürdige Zeit ab, und eine vielleicht noch wunderbarere Periode begann, deren Uugenzeuge ich werden sollte.
wenig mehr als anderthalb Jahr alt, erkrankte ich an den Frieseln. Die Krankheit aber kombinierte sich mit andern Uebeln und würde langwierig und gefahrvoll. Meine Mutter wachte weinend an meinem Bette in Gebet und Urbeit, mich auf das Sorgfältigste pflegend. Ich magerte bis zum bloßen Knochengerippe ab und der Urzt erklärte mich für aufgegeben. Der Gedanke, mich zu verlieren, war meiner Mutter zu fürchterlich, um sich daran zu gewöhnen,' sie hörte mit ihrer pflege nicht auf, selbst als der Urzt ihr sagte, sie möge das Kind nicht mehr mit Urznei plagen, denu es sei alles vergebens und keine Hilfe mehr möglich. Eine Nachbarin kam und deckte mich auf. Sie wollte an gewissen Merkmalen erkennen, daß die Hoffnung noch nicht aufzugeben sei. Meine Mutter ergriff diesen Strohhalm in ihrer Not begierig, und setzte die Pflege nach wie vor fort. 3n der Tat fing ich an, mich wieder zu erholen, und meine Mutter hatte die Freude, mich durch ihre treue, unermüdet sorgsame pflege und Wartung, wenn auch erst nach längerer Zeit, gerettet zu sehen. Ich ward gesund, hatte aber das Laufen, das vorher schon ziemlich gegangen war, gänzlich verlernt und mußte von neuem anfangen.
Meine Erinnerungen reichen natürlich jo weit nicht zurück. Die früheste sehr dunkle und nebelhafte Erinnerung habe ich von einer Fahrt, bei der ich, auf dem Schoße meiner Mutter in ihren Mantel eingehüllt, zwischen Bäumen fuhr, durch eine Geffnung sah, und nur ein grauer Himmel, das plätschern des Begens und das Bollen des Donners ist mir als dunkler, stark verwischter Eindruck geblieben. Ich habe nachher erfahren, daß meine Eltern gegen Kbend mit mir
während eines Gewitters von Pankow nach Berlin fuhren. Ich war drei Jahre alt.
Mein ich muß jene dunkle Periode des unbewußten kindlichen Lebens übergehen bis zum Jahre 1790, als meine Eltern nach der Kaserne in der Großen Friedrichsstraße 102, vorn heraus, zwei Treppen hoch eine Wohnung bezogen, hier entwickelte sich mein Bewußtsein, und mannigfache Bilder aus jener Zeit treten in lebendigster Frische vor meine Seele.
Noch heute sehe ich die durch das ganze Gebäude entlang ziehenden Korridore, zu deren beiden Seiten die Stuben lagen. Diese Gänge waren an jedem Ende und in der Mitte mit einem Fenster versehen, welche letzteren aber nur in der Mitte des Ganges zu erblicken waren, wo die Treppenflure lagen. Innerhalb der Korridore sah man nur die beiden Lndfenster, und mir erschien die Länge dieser Gänge viel größer als die des ganzen Gebäudes, ja fast endlos, wenn Weihnachten vorüber war, dünkte es mich bis zu dem nächsten Weihnachten ebenso lang, als von einem dieser Fenster bis zu dem andern. Sie waren mir der Maßstab für alles sehr Lange und weite.
Unten auf dem Hausflure standen zwei Kanonen. Diese dienten uns Jungen zu Turnübungen, von denen, als solchen, man damals noch nichts wußte, waren wir müde, so setzten wir uns reitend auf Bohr und Lafette und sangen mit Heller Kehle: „Bus auf ihr Brüder und seid stark", oder andere Soldatenlieder, die wir aufgeschnappt hatten und die einer den andern lehrte. Sie gehörten oft nicht zur besten Sorte dieser Lieder, aber wir verstanden sie meistens nicht und hatten kein Brg dabei.
Des Bbends wurde zum Zapfenstreich nach der wache am Dranienburger Tore gelaufen. Den Tambour begleitete der Helle Haufen auf seinem Gange, und so wie er fertig war, wurde mit einem gellenden Gejauchze die Mütze hoch in die höhe geworfen und dann fortgelaufen. Dies war herkömmliche Sitte, und bekanntlich werden alte Gewohnheiten von niemandem so fejtgehalten, wie von den Kindern. Ihre Spiele beweisen das: Murmel, Ball, Drachcnspiel, die stets in jedem Jahre zu derselben Zeit anfangen. Ich hätte auch gern meine Mütze in die höhe geworfen, aber ich hatte keine, und konnte nur die Hände in die höhe heben. Bis zum zehnten Jahre ist keine Bedeckung auf meinen Kopf gekommen; Kegen und Sonnenschein, Kälte und Hitze konnten ungehindert darauf einwirken, und ich schreibe es diesem Umstande zu, daß ich lebenslang frei von Kopfschmerzen geblieben bin. Uebrigens hatte ich lange hellblonde haare, die mir zu meinem großen verdrusse den Barnen Flachskopf erwarben.
Km Tage wurde auf den Straßen, auf dem Kasernenhose, auf dem Flure oder Korridore oder in der Stube gespielt und gelobt, je nachdem die Jahreszeit und die Witterung es mit sich brachten und gestatteten, denn darauf wurde strenger gehalten, als auf geschriebene Gesetze. Man weiß, daß Kühler nur im ersten Frühlinge, Ball nur um die Gsterzeit, Drachenziehen im herbste gespielt werden, Zeck aber zu allen Zeiten. Die Musterung der Soldaten auf d?m Kasernenhofe, die dabei sehr häufig vorfallenden Stockprügel bei 6en Kanonieren und Fuchtel bei den Bombardieren, das Spießrutenlaufen ebendaselbst, das „In der Fiddel stehen" der Weiber in den Korridoren gaben der Schaulust viel Nahrung und Gelegenheit, die Zeit totzuschlagen. Bei alledem entwickelte ich ziemliche Nnlagen zum Straßenjungen.
Oft wurde ich zu allerlei Besorgungen ausgeschickt, da meine Mutter sich möglichst zu Hause hielt. Nicht selten mußte


