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Line meiner frühesten Kinbfyeitserinnerungen ist die an den liebenswürdigen Dichter Julius Sturm. Bis ehemaliger Erzieher meines Vaters und treuer Freund meiner Eltern kdm er oft und gern zu uns. Zeine Frau Klara war eine der liebsten Freundinnen meiner Mutter, die jüngeren Kinder waren meines Bruders und meine Spielgefährten. Da nahm uns unsere Mutter sehr oft mit, wenn sie nach Köstritz fuhr, um einige trauliche, schöne Stunden im dortigen pfarrhause zuzubringen. Line kleine Stunde im Wagen gebrauchten wir, um hinzukommen. Wie war das schön! Selbjt im Winter und bei Begenwetter war uns diese Fahrt lieb, nun aber erst im Frühling durch das blühende Elstertal. Wir sprachen nicht viel, wir schauten, wir freuten uns, die Mutter dichtete.
Das Pfarrhaus in Köstritz liegt in einem lieblichen Garten, die Kirche am Bergesrand, unter dem sich der schöne park ausbreitet. Der Wagen hält am Gartentor, wir steigen aus, der Dichter eilt uns entgegen. Ich sehe ihn noch vor mir mit den fliegenden haaren, den gütigen Bugen, höre seine frische Stimme, mit der er uns freudig begrüßte.
3n der Kinderzeit benutzten wir die Stunden im Pfarrhaus zum Spielen und Toben in den Gängen und im Garten, selten nur hörten wir den Gesprächen der Erwachsenen zu. Doch wußte ich manches Gedicht des pfarrherrn auswendig, das ,,Gott grüße dich" sangen wir gern. Bn warmen Tagen wurde auch im park gewandert, dieser ist heute noch der Inbegriff der Schönheit für mich.
3n einem Sommer unserer Kinderzeit besuchten uns Sturms in heinrichsruhe, einem kleinen Landhaus unweit Schleiz. Meine schönste Erinnerung jener Tage ist diese: wir lagerten im Heu oder unter Bäumen, und der Dichter las uns Märchen vor, eigene und die von Brentano.
So gingen die Fahre hin,- als ich heranwuchs, blieb der Verkehr ebenso traut und herzlich. Ich nahm an den Gesprächen der älteren teil, es kamen auch andere Pastoren in das Köstritzer Pfarrhaus, und da wurden zuweilen theologische Gespräche geführt. Einer Versammlung in der pfingstzeit erinnere ich mich genau. Man sprach» über das Wirken des heiligen Geistes in unserer Zeit und im täglichen Leben. ,,Wenn uns zu rechter Zeit ein Bibelspruch oder ein Lieder- vers einfällt, so ist das auch ein Wirken des heiligen Geistes," so ähnlich sagte Sturm, und dieser Busspruch bleibt mir unvergeßlich.
Schön war es, wenn er seine Gedichte vortrug, ebenso schön, wenn er aus seinem Leben erzählte. Mit kindlicher Freude und Lebendigkeit kam er mit neuen Werken herbei- gejtürmt: ,,hören Sie mal, ich glaube, das ist mir gelungen!" Dabei kannte er die gewöhnliche Eitelkeit so mancher Dichter durchaus nicht. Noch erinnere ich mich genau seiner Schilderung der Zeit, da er in Württemberg Hauslehrer war und mit Kerner in Weinsberg verkehrte, dessen Geistererscheinun- gen miterlebte und daselbst auch den unglücklichen Lenau traf. Dieser war schon damals tief melancholisch, und Sturm konnte den Eindruck nie vergessen.
Ich kannte wenige Menschen, die ihr Vaterland so mit Liebe umfaßten wie er, die die große Zeit 1870/71 mit solcher Begeisterung erlebten, die eine höhere Verehrung für unsere Helden aus jener Zeit an den Tag legten. Seine vaterländischen Gedichte sind wohl den meisten Gebildeten bekannt, vielleicht auch einige der politischen Lieder, die zuweilen satirisch gefärbt sind.
Julius Sturm hatte meine Eltern getraut, es war damals eine stille Hochzeit mit wenigen Gästen, da mein Großvater, der Herzog Eugen von Württemberg, nicht lange vorher ge
storben war. Diesen, den Heerführer aus den Befreiungskriegen, hat er aber im Fahre 1857 kennen gelernt und oft von seinen Gesprächen mit ihm erzählt. Sturm taufte später meinen Bruder und hielt die Bede bei der Silberhochzeit meiner Eltern. Diese war ein wundervolles Werk poesievollen Empfindens und machte tiefen Eindruck auf uns. Zu meiner Hochzeit erhielt ich eine schöne Sammlung Gedichte von dem lieben alten Herrn mit Widmung. So reiht sich eine köstliche Erinnerung an die andere, und unvergessen und lebensvoll steht das Bild des edlen, frommen Dichters Fulius Sturm vor meiner Seele, umrankt von frischem Grün der herrlichen Fugendzeit.
Elisabeth, Prinzessin zu Solms-Braunfels, geborene Prinzessin Beuß j. L.
Hungen, 1916 _
Vornamen der Ainder aus der Uriegszeit.
Daß der Krieg, der auf so manchem scheinbar ganz daneben liegenden Gebiete sich in seinen Einwirkungen bemerkbar macht, auch in die Vornamen hineinspricht, ,jdie Eltern ihren eben geborenen Kindern geben, kann man hier und da wohl wahrnehmen,- es ist nur, schade, daß derartige Fälle nicht häufiger zur öffentlichen Kenntnis kommen. Einige derselben sind mir bekannt geworden, und es würde mich freuen, wenn ein Leser ähnliche hier veröffentlichen könnte.
Schon im Kriege 1870/71 geborene Kinder haben die Erinnerung an die glorreiche Zeit ihr Leben lang in ihrem Barnen tragen müssen. So ist 1870, Bnfang September, in Friedberg einem Bürger eine Tochter geboren worden, die der Vater in der FIreude seines Herzens ,,Viktoria", d. i. Sieg, hieß.
In dem gegenwärtigen Weltkriege, so erzählt man, wurde im Bnfang einem Süddeutschen eine Tochter geboren, die die Eltern: Friederike hießen. Bls aber der Krieg länger dauerte und diesen Eltern nach einem Fahr noch einmal ein Mädchen geboren wurde, da erschien der Vater auf dem Standesamt und hieß diese Tochter: Kriegsrike. Bn den Wunsch, daß bald Friede werde, erinnerte auch der Barne ,,Bringfriede", den ein hessischer Vater seinem Mädchen beigelegt haben soll. Buch der Barne ,,Wilfriede" gehört, xvie ich bestimmt weiß, dazu, der in Gießen einem Kinde gegeben wurde. Ein am 9. Bugust 1914 zu Gießen geborenes Kind erhielt die Vornamen ,,Viktoria Germania".
In anderer Bichtung gehen Barnen, die von den großen Feldherren hergenommen sind. Man hat gelesen, daß in Ostpreußen ein Vater seinem Sohne den Vornamen ,,hinden- lburg" gab. Dasselbe soll in Baden geschehen sein. Ob Mackensen derselben Ehre teilhaftig geworden ist, weiß ich nicht, aber ich hoffe, daß seine Taten in der Dobrudscha recht starken Bntrieb dazu geben werden.
Buch Kanonen, die in diesem Kriege berühmt geworden sind, sollen bestimmte Vornamen bewirkt haben. Man sagt, daß in Westfalen ein Eisengießer sein Mädchen nach der bekannten ,,dicken Berta" auch Berta geheißen haben soll, weil es einmal auch dick war und dann — auch so laut geschrien habe. Ob's wahr ist?
Gr.-L. _ G.Sch.
Aus der Jugendzeit eines deutschen Mannes.
Für das heutige Geschlecht ist es sehr lehrreich, einmal zu erfahren, in welchen Verhältnissen die Vorfahren gelebt haben. Um das Fahr 1800 und auch noch lange nachher


