147
besucht wird. Die Siubenten, Handwerksgesellen usw. können keine Zänkereien anfangen, weil sie nicht wie jetzi beisammen, sondern getrennt sitzen, und hierdurch wird also die Bndacht des Gottesdienstes befördert. Zollte indessen dieser Vorschlag nicht auszuführen sein, so kann, wenn die Kirche einmal steht, eine verthrilung der Stände nach belieben vorgenommen werden, jedoch unter dem ausdrücklichen Vorbehalt, daß kein Stand mit Gitterwerk oder einer albernen Umschließung zugemacht werden darf, weil dergleichen Unlagen gegen allen guten Geschmack sind und den Kirchen ein finsteres Unsehn geben."
Diese Ausführungen fanden nicht die Billigung des Kirchen- und Schulrates. In einem bericht an das Ministerium sagt diese Behörde: „daß wir der Idee des Groß- herzoglichen Majors Sonnemann darin nicht beppflichlen können, daß nach vollzogenem bau der Kirche keine Verkeilung der Stände an die Collegia und andere bis jetzt in beiden hiesigen Kirchen mit besonderen Kirchenständen versehenen Corpora und Tigenthümer statt habe, sondern auf der bühne und auf den weibsständen alle Zuhörer so, wie sie kommen würden, durcheinander stehen sollten, weil solches nicht allein zu großer Unordnung und Inconvenienz sondern auch zu gerechten Beschwerden der jetzt eigentümliche Stühle besitzenden Familien Gelegenheit geben würde, bei) welchem Vorschläge sich auch der Major Sonnemann auf ein ganz unrichtiges Suppositum gründet, als ob bep den Katholiken besondere Stände nicht gewöhnlich seyen, da solches vielmehr bloß bep Klosterkirchen nicht aber bei Stadt- und Dorf-Pfarrkirchen der Fall ist."
Crotzdem hat Sonnemann recht behalten, in der neuen Ztadtkirche hat man keine besonderen Stände mehr eingerichtet. Uebrigens werfen seine Beußerungen ein Sicht auf die Zustände, die in der alten Stadtkirche zuweilen herrschten. Man stritt sich um die Plätze,' der Umstand, daß Handwerksburschen und Studenten nebeneinander saßen, führte zu Streitigkeiten, die wohl in der Kirche begonnen wurden, abends aber auf der Straße zum Bustrag gebracht wurden. Der Bndacht war das gewiß nicht förderlich. Interessant, wenn auch nicht erfreulich, ist die Bemerkung des Kirchen- und Schulrates, daß viele Bewohner der Stadt Gießen Lauigkeit im besuch des Gottesdienstes an den Cag legten. Sonnemann «muß übrigens ein Mann gewesen sein, der neuen Ideen zu- gewa,-.dt war und nicht mehr den alten Zopf des achtzehnten Jahrhunderts beibehielt. Obwohl er selbst zu den „Honoratioren" gehörte, die damals durch eine tiefe Kluft von den 'bürgern geschieden waren, so eiferte er doch entschieden dagegen, daß die „Honoratioren" in der Kirche bessere Plätze erhalten sollten als die Bürger. h- B*
Mancherlei <So:te$öien?tftätten im 5eNe.
Nicht immer ist es möglich, unseren Truppen an der Front in einer Kirche Gottesdienst zu halten. Cs muß vielmehr jede Gelegenheit unter Berücksichtigung der gerade gegebenen Umstände benutzt werden. Unter welch verschiedenen äußeren Verhältnissen die Gottesdienste an der Front gehalten werden, darüber berichtet ein evangelischer Feldgeistlicher aus dem Westen folgendermaßen:
„Fand der Gottesdienst im Freien statt, so mußte immer ein Platz unter bäumen gesucht werden wegen der Deckung gegen feindliche Flieger. Noch anders gestaltet sich die Sage an Orten, die unter feindlichem Feuer stehen, hier wären Gottesdienste überhaupt nicht möglich, wenn uns nicht die
Natur zu Hilfe käme, nämlich durch das Vorhandensein großer Steinhöhlen, in denen ganze Negimenter leicht Unterkunft, finden. Solcher Höhlengottesdienste habe ich fünf gehalten und kann nur sagen, daß es die stimmungsvollsten waren, auch da, wo im Hintergründe der höhle die Pferde standen und die Feuerstellen qualmten, „wie die ersten Christen", sagte ein Offizier, der besonders gut mit einem weißen Bltar, Kruzifix und Kerzen für die Herrichtung des Gottesdienstes gesorgt hatte. Dazu ist für Gesang und Uede die Bkustik sehr gut, und das von seltenen Kerzen durchbrochene Halbdunkel hebt die Leute in die Sphäre des Ungewöhnlichen.
von ganz besonderer Brt sind die Undachten in der Stellung hinter den Geschützdeckungen und den Schützengräben, wo schnell alle verfügbaren Mannschaften zusammengerufen werden, um nach kurzer Bnjprache weiter zu feuern, hier hatte ich ganz kleine Kreise, die ^Mannschaften von je 3 und 3 Geschützen jedesmal, und oft pfiffen die Geschosse der zu hoch schießenden Franzosen über die kleine Versammlung hin, die sich aber nicht dadurch stören ließ.
Cine besondere Brt der Vorbereitung erfordern diese Stellungsgottesdienste. Da man bei Tageslicht in die Stellungen nicht herein kann, ist es notwendig, nachts zu kommen, die Nacht und den folgenden Tag da zu bleiben und mit Einbruch der Dunkelheit zurückzukehren."
Aufruf.
Die Feinde kommen zuhauf.
Naff dich noch einmal auf,
G deutsches Volk, und gib, was dir nur irgend blieb! halt wacker hieb und Stich,
Der Notdurft Bande brich! halt tapfer dich und stark Und schirme deine Mark! vor aller Bengstlichkeit halt ritterlich dich weit, vertrau auf deine Kraft,
Die Wunder schon geschafft!
K. G.
Kleine IKitidlungen.
Bis zum Busbruche des Krieges ist der Pfarrer Claußen, ein deutscher Neichsangehöriger, der Geistliche der evangelischen Gemeinde Judenburg in Steiermark gewesen. Bis der Nrieg ausbrach, rückte er mit der Waffe in das Feld. Da ein Ersatz für ihn nicht beschafft werden konnte, so trat seine Frau, eine Tochter des Generals Sitzmann, des Eroberers von Kowno, an seine Stelle. Taufen, trauen, beerdigen und predigen kann Frau Friederike Claußen natürlich nicht, aber sie hat den gesamten Unterricht ihres Mannes übernommen. Rn zehn verschiedenen Orten, in wöchentlich neun stunden unterrichtete sie insgesamt 51 Kinder. Da diese Orte weit auseinander liegen, so waren jedesmal zwei volle Tage in der Woche für diese Brbeit nötig. Außerdem erteilte Frau Claußen Konfirmandenunterricht und hielt an jedem zweiten Sonntag Kindergottesdienst. Leider hat sie diese Brbeit einstellen müssen, um ihren in Frankreich schwerverwundeten Mann, dem in Bethel der rechte Unterschenkel und später auch das Kniegelenk amputiert werden mußte, zu pflegen.


