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man sich keine Vorstellung machen von den Schwierigkeiten, welche vor mehr als 40 Jahren mit einer Reife von Schlesien nach dem Süden verbunden waren. Line solche Reife war sogar recht beschwerlich, besonders wenn es galt, bei nahender Winterszeit möglichst schnell für eine kranke die Sonne und milde Luft der Niviera aufzusuchen.
Dies war für meine schwerleidende Schwester im Gk- tober des Jahres 1874 notwendig geworden, als einziges Mittel nicht nur, ihre Leiden zu erleichtern, sondern auch, wie wir hofften, sie uns wenigstens noch einige Jahre erhalten zu sehen.
Da für die Kranke ein Umsteigen von einem Schnell- zug in den andern unterwegs ausgeschlossen war, wurde ein Krankenwagen aus Dresden verschrieben, es war damals der einzig erreichbare. Er war praktisch und gut eingerichtet und wurde von einem sächsischen Schaffner begleitet. Uußer einem kleinen Ubteil für diesen barg der Wagen einen größeren bequemen Kaum in der Mitte für die Kranke und deren Pflegerin, dem sich ein kleinerer für mich und meine Jungfer anschloß. Line kleine Spiritusmaschine half uns, die verschiedenen kleinen Uebenmahlzeiten für die Kranke selbst zu bereiten, für welche wir alles Nötige mitführten, während die Mahlzeiten für uns alle die damals noch recht mangelhaften Bahnhofsrestaurationen lieferten.
Um sicher zu sein, daß unser Eisenbahnwagen von den anschließenden Zügen auch mitgenommen wurde, mußten die betreffenden Bahnhofsverwaltungen vorher benachrichtigt werden; um ferner zu verhindern, daß er als letzter eines Zuges angehängt werde, halfen zwei meiner Mitreisenden Brüder stets den Wagen ab- und anzuschieben, verhüteten dabei auch harte Stöße, wie sie so leicht dabei oorkommen konnten.
Wir fuhren die erste Uacht und den folgenden Tag durch mit häufigem Linhängen in verschiedene Schnellzüge und langten abends in München an, wo der Wagen unter der Gbhut des Schaffners mit uns vier Frauen in einem Güterschuppen untergebracht wurde. Die zweite Tagesfahrt ging über den Brenner bis Verona, die dritte mit mehrstündigem Aufenthalt in Mailand bis Genua. Dort verblieben wir in der glasgedeckten, für damalige Zeit sehr großen Bahnhofshalle, wo wir durch starken Sturm sehr beunruhigt wurden, der den Wagen hin und her schob, so daß wir keinen Schlaf fanden.
Der vierte Neisetag endlich brach mit leuchtend blauem Himmel an, Land und Meer zeigten sich nach deni nächtlichen Sturm in ihrer ganzen großen Schönheit. Man fährt, wie jedermann weiß, am Strande entlang, der, unterbrochen von zahllosen Tunnels, bei jeder Bucht sich in immer neuer Schönheit zeigt und uns entzückte, die wir aus sonnenarmer, schon recht winterlicher Heimat kamen.
Wie stach das leuchtende Grün der Zitronenhaine mit ihren lachenden Früchten so wunderbar ab gegen die vielen Glivenbäume ! Zwischen einzelnen Pinien und Palmen sahen Landhäuser und Villen hervor mit Grangengärten und Terrassen, alles überflutet von Sonnenschein. Dann wieder die kleinen hafenstädtchen mit ihrem nie rastenden Leben und den vielen an langen Ketten befestigten Booten, die sich fast rhythmisch in dem bewegten Wasser schaukelten, dabei halb zerfallene Häuser, darüber altersgraue Kirchtürme neben Mauern, die mit Tfeu und Zitronen bewachsen waren. Zn dem flutenden Sonnenschein die fröhlich lärmenden Menschen, und immer zur Leite das von dem Sturm noch aufgewühlte, rauschende Meer mit seinen weißen Wellenkronen, alles er
füllte unsere Herzen mit freudiger Hoffnung. Kur unsere arme Kranke, die erst vor anderthalb Jahren zur Heimat zurückgekehrt war, vermochte nicht dieses Wiedersehens der Wunder südlicher Natur sich gleich uns zu freuen, wenngleich der Sonnenschein ihr wohltat.
Nachdem wir frühzeitig Genua verlassen hatten, langten wir mittags auf der sonnendurchglühten kleinen Station San Nemo an, wo unser Wagen abgehängt wurde. Baronin N.
(Fortsetzung folgt.)
vom Vau der Stadtkirche.
Zn der letzten Nummer unseres Gemeindeblattes hatten wir ein von dem damaligen Kastenmeister Becker angefertigtes Verzeichnis der besonderen Ständen und Personen vorbehaltenen Plätze in der alten, 1809 abgebrochenen Stadtkirche mitgeteilt. Uls man an den Neubau der Stadtkirche ging, der sich übrigens sehr verzögerte - man hat nach Abbruch der alten Kirche länger als ein ganzes Jahrzehnt, nämlich von 1809 bis 1821 gar nichts zur Förderung des Baues getan da wurde die Frage aufgeworfen, in welcher Weise man in der neuen Kirche die ,,Stühle" anordnen solle. Am 12. Januar 1809 teilte der Großherzoglich hessische Kirchen- und Schulrat zu Gießen dem Lrbauer der Stadtkirche, dem Major (Zngenieurmajor) und Landbaumeister Sonnemann mit, es „sey der billige Bedacht darauf zu nehmen, daß bey der demnächstigen Austheilung der Stände man auch so vielen bisher in beyden Kirchen mit eigenthümlichen entweder den Häusern oder den Familien zugehörigen Ständen versehenen Einwohnern dergleichen Stände wieder anweisen könne, widrigenfalls man selbst auch bey der dermaligen Lauigkeit im Besuche des öffentlichen Gottesdienstes doch gewiß reclama- tiones genug zu erwarten haben würde, deren Unmöglichkeit zur Abhilfe alsdann Murren und Unzufriedenheit erregen müßte."
hierauf hat Sonnemann am 18. Januar desselben Jahres berichtet: ,,Zn den Kirchen sind wir alle gleich. Der Minister und der Taglöhner, der Neiche und der Arme, ja der Fremdling wie der Lingeborene, haben gleiche Ansprüche auf jeden Stand einer Kirche. Denn warum sollte man, wie doch geschehen würde, den Honoratioren die besseren Plätze zunächst und der Kanzel gegenüber bestimmen, und die Bürger auf die von der Kanzel entfernteren und dieser nicht gegenüber liegenden Stände verweisen? Müßte dieses nicht den größten Unwillen bey dem Bürger erregen? Jeder geht hin wo er will, und die, welche früh kommen, erhalten die besten Plätze,' so bey den Katholiken, warum nicht auch bey den Protestanten? Daß die Weiber ihre besonderen Stände haben, ist schon in der Erklärung des neuen Kirchenrisses gesagt worden. Mein sehnlichster Wunsch geht daher bey der neuen Kircheneinrichtung dahin, daß die übrige vertheilung der Stände ganz eingehen möchte. Die meisten Menschen kleben freylich sehr am Ulten, indessen sollte ich denken, daß dieser Gegenstand durchzusetzen wäre, wenn mit Lrnst Hand an das Werk gelegt wird. Wie viele Gegenstände sind nicht verbessert worden, wie viele alte Nechte und Freiheiten nicht aufgehoben worden, warum sollte es nicht auch in dem vorliegenden Fall geschehen können. Findet keine Absonderung der Stände mehr statt, so fallen viele Bemerkungen und Zänkereyen weg, die bey der bisherigen Einrichtung statt gefunden haben, und wodurch die Andacht und der Eifer, in die Kirche zu gehen, gestört worden ist, der Bürger kann z. B. alsdann nicht beobachten, ob der Nath oder der Professor Stuhl leer ist, oder ob er von einem oder dem anderen


