Einzelbild herunterladen

103

8 .

(Eine unserer Hauptzierden ist der hier blühende reine Lehrbegriff und bisher unverfälscht gebliebene Gottesdienst. Diese Wohltat hat die Stadt den treuesten Seelsorgern und berühmtesten Männern die ihr schon lange Jahre durch Lehre und Wandel vorgestanden, zu danken. Unter diese gehören vorzüglich Henrich Grth, der hernach profejsor der Theologie zu Marburg ward, Georg Nigrinus, der Superintendent der Grafschaft Nidda, sonderlich wegen seiner berühmten Schrif­ten, und zu unserer Zeit Jeremias Vietor, der heiligen Gottes­gelahrtheit Doctor und Superintendent, an dessen Stelle nach seinem Tod Johann winckelmann, der heiligen Schrift Doc­tor, erster Professor der Theologie und Superintendent gekom­men, der noch gegenwärtig durch reine Lehre und einen gott­seligen und strengen Wandel seinem Rmt eifrig vorstehet. Rllein das fürtreffliche Kleinod, das andere Schätze weit über­trift, ist dieses, daß bei) entstandener und überhandnehmen­der verderbniß der reinen Religion in Hessen, im Jahr 1605 durch Gottes Beistand unser gnädigster Nutritor Landgraf Ludwig der Treue, eine hohe Schule hier angelegt, die Kaiser Rudolph II. im Jahr 1607 mit akademischen Privilegien be­gnadigt. Diese Rkademie ist nun die vollkommenste und be­rühmteste Schule der wahren und reinen Religion, die sonst aus Hessen zu entweichen anfing, wie auch aller Facultäten, Wissenschaften, schonen Künste, Tugend und Gottseligkeit, aus welcher, wie aus jenem trojanischen Pferd die griechischen Helden, so aus dieser die fürtrefflichsten Männer in allen Wissenschaften, die nicht nur dem Vaterland, sondern auch auswärtigen Nationen sehr nützlich sind, täglich ausgehen.

9.

Zuletzt würde ich auch noch von den berühmten Taten der Gießer Bürger reven. weil sie aber diesen Ruhm mit den übrigen Hessen gemein haben, so will ich nichts davon sagen. Daß sie sich indessen allzeit um ihre Fürsten höchst verdient gemacht, beweisen viele Fürstliche und auch Kaiser­liche Frepbriese, die sie erhalten haben, wenigstens entzog Maximilian I. den Butzbachern die Freiheit, acht gantzer Tage, in der Woche von dem Sonntag Rogate einen öffent­lichen Jahrmarckt oder Messe zu halten, und schenckte sie allergnädigst den Gießern, worüber er ihnen ein gratiöses Diplom mit kaiserlichem Siegel bekräftiget und, von dem Erzbischof von Mapnz mit eigner Hand unterschrieben, im Jahr 1497 am 8 ten Juli ausfertigen lassen. Die Fürst­lichen Privilegien des Landgrafen Otto von 1325, Henrichs von 1367, Hermanns von 1400, Wilhelms von 1498 und andre übergehe ich, weil sie spezieller sind.

(Fortsetzung folgt.)

Nriegsstimmung eines Sechsundachtzigjährigen.^

Unsere todesmutigenJünglinge und unsere waffentüchtigen Männer stehen seit langer Zeit im Felde und halten den Feind von den Grenzen unseres Heimatlandes zurück. Über auch die Ulten, die nicht mehr kämpfen können, sind von deutschem Geiste und deutscher Standhaftigkeit erfüllt. Das zeigt uns ein Brief, in dem unser verehrter Mitarbeiter Herr Ge­neralarzt a. D. Dr. Kappesser in Darmstadt ein Glückwunsch­schreiben zu seinem 86. Geburtstage erwidert hat. Der Mann, der schon 1866 und 1870/71 im F?lde stand und als Rrzt, helfend und heilend, seine Schuldigkeit getan hat, nimmt an den großen Ereignissen der Weltgeschichte, die sich in diesen Tagen zutragen, noch lebendigen Rnteil. So schreibt er am 19. Juni:Tot geärgert hätte ich mich, wenn ich nicht

wenigstens noch den herrlichen 31. Mai und Himmelfahrts­tag miterlebt hätte, da die schürfeScheer" des tapferen Hanauer Lehrerssohnes unseren Vettern ,,drib der Bach" so schön die Ohren gestutzt und sie so gründlich verskagerakt hat, daß sie noch lange daran denken sollen. Sodann aber, daß der Schlächter von Gmdurman auf seiner letzten Tinkrei- sungsfahrt das verdiente, unselige Ende gefunden hat, gleich der Maus, die ins Butterfaß gefallen ist. Das diesmalige Fest der Freude (Pfingsten) habe ich frierend und hustend «neben dem geheizten Ofen verbracht. Doch habe ich in einer fast schlaflosen Nacht versucht, unseres Luthers herrliches Kampflied mit einigen Versen der Gegenwart anzupassen und, wenn es Sie interessiert, hier mitzuteilen:

Rlldeutsche Pfingsten, weise: Ein' feste Burg ist unser Gott, wir Deutsche fürchten Gott allein Und sonst nichts auf der Erde,

Der wird uns Schild und Helfer sein Bis daß uns Friede werde.

Mag der Feinde Heer Bedroh'n uns ringsumher,

Daß Lüg' und Hinterlist Sein einzig Rüstzeug ist,

Der Sieg muß uns doch bleiben.

Ob auch manch herz im Tod noch bricht Ruf ferner, blut'ger Erde,'

Du Häuflein klein, verzage nicht, vertraue deinem Schwerte, wer auf Gott vertraut Und brav um sich haut,

Slieg höher auch die Not,

Die Hilfe steht bei Gott,

Der läßt uns nicht verderben. -

Wo deutsches Herz und deutscher Mut Bei deutschen Fahnen stehen,

Sn wassersflut, in Feuersglut Soll'n nimmer sie vergehen.

Daß deutscher Mut und Treu Erblühen immer neu Ruf unsrer deutschen Erde Und nie es anders werde,

Soll heut' uns deutsche Pfingsten sein.

Kleine Mitteilungen.

Für den kommenden Frieden fordert die Evang.-luthe­rische Hausvätervereinigung in Dresden-Kaditz zur Mitunter­zeichnung einer Eingabe an das Kgl. Sächsische Ministerium des Innern auf. Dasselbe wolle eine Verordnung erlassen: 1. daß nach Beendigung des Krieges und aus Rnlaß des er­hofften Sieges und der Friedensfeier oder der zurückkehrenden tapferen Krieger keinerlei öffentliche oder gesellschaftliche oder Vereinsfestlichkeiten mit Tanzmusik verbunden werden,' 2. daß die Erlaubnis an die Saalinhaber in Stadt und Land, öffentliche Tanzmusik zu halten, desgleichen gesellschaftliche Bälle und Tanzereien zu veranstalten, mindestens erst nach drei Monaten oder innerhalb einer andern angemessenen Frist erteilt werde,' 3. daß in Zukunft überhaupt öffentliche Ball- und Tanzgelegenheiten auf die Hälfte des bisherigen Um­fanges beschränkt werden und zugleich für öffentliche wie gesellschaftliche Tanzereien ein strenges polezeiverbot gegen alle sogenannten Schiebetänze Onestepp, Twostepp,