Nr. 25. Bietzen, Sonntag 1. nach Trinitatis, den 25. Juni 1916. 5. Jahrgang.
Martin Luther über das tägliche 6rot.
Evangelium des Matthäus 6, l l. Unser täglich Brot gib uns heute.
wie Martin Luther in seinem kleinen Katechismus, der hauptsächlich für Schule und Haus bestimmt ist, eine Reihe tief religiöser Gedanken entwickelt und sie unvergeßlich in das Herz des deutschen Volkes eingeprägt hat, so ist auch sein Großer Katechismus, der in erster Linie sich an die Theologen wendet, ein Zeugnis der religiösen Genialität unseres Reformators. Eine Fülle von Gedanken wird uns hier in anschaulicher Form und mit praktischer Kußanwendung gegeben. Luther schreibt: „hier denken wir nun an den armen Brotkorb, unseres Leibes und zeitlichen Lebens Notdurft.... Darum mußt du deine Gedanken recht auftun und ausbreiten, nicht nur in den Backofen oder den Mehlkasten, sondern ins weite Feld und ins ganze Land, welches das tägliche Brot und allerlei Nahrung trägt und uns bringt. Denn wenn es Gott nicht wachsen ließe, segnete und auf dem Lande erhielte, so würden wir nimmer Brot aus
dem Backofen nehmen noch auf den Tisch zu legen haben-
Nun gehört nicht nur das zum Leben, daß unser Leib seine Nahrung und Decke und andere Notdurft habe, sondern auch das, daß wir unter den Leuten, mit denen wir leben und im täglichen Handel und Wandel und in allerlei Wesen umgehen, in Nuhe und Frieden auskommen.... Venn wenn wir auch von Gott die Fülle aller Güter bekommen haben, so können wir doch nichts davon behalten, noch es sicher und fröhlich brauchen, wenn er uns nicht ein beständiges friedliches Regiment gäbe. Denn wo Unfriede, Hader und Krieg ist, da ist das tägliche Brot schon genommen oder ihm doch gewehrt. Darum möchte man billig in eines jeglichen frommen Fürsten Schild statt eines Löwen oder eines Rauten-> Kranzes ein Brot setzen oder es statt des Gepräges auf dis Münze schlagen, um beide, den Fürsten und die Untertanen, daran zu erinnern, daß wir durch das Fürstenamt Schuh und Friede haben und ohne es das liebe Brot nicht essen »noch behalten können.... Ruch soll man für sie bitten, daß Gott uns durch sie um so mehr Segen und Gutes gebe ... weiter auch, daß er uns behüte vor allerlei Schaden des Leibes und der Nahrung, vor Ungewitter, Hagel, Feuer, Wasser, Gift, Pestilenz, viehsterben, Krieg und Blutvergießen, vor teurer Zeit,
schädlichen Tieren, bösen Leuten usw. Ts ijt gut, den Einfältigen einzuprägen, daß dies alles und dergleichen von Gott gegeben und von uns erbeten sein muß."
Ulan meint beinahe, wenn man diese Worte liest, Luther habe unsere gegenwärtige Lage gekannt und eigens für sie seine Rusführungen über die vierte Bitte geschrieben, wahrlich nicht nur an den Backofen und Mehlkasten oder, wie es für Stadtbewohner heute besser heißen muß, an den Bäckerladen müssen wir jetzt denken, sondern wir müssen weiter schauen in das ganze Land, in dem jetzt Brot und Lebensmittel durch eine weitausschauende Organisation richtig verteilt werden. Ruch dafür haben die Menschen jetzt wieder ein Rüge bekommen, daß es Gottes Güte allein ist, wenn, wir unsere Nahrung haben. Durch unsere hochentwickelte Technik, eine Technik, die auch die furchtbaren Waffen dieses Krieges geschaffen hat, sind wir nicht imstande, auch nur ein einziges Getreidekorn herzustellen, wenn Gott es nicht wachsen läßt, so würden wir nimmermehr Brot aus dem Backofen nehmen. Zn diesen beiden Kriegsjahren haben wir auch kennen gelernt, daß das Vorhandensein des Brotes noch nicht vor Mangel und Teuerung schützt, wir haben 1914 lund 1915 keine Mißernten gehabt, aber der Krieg, insonderheit das Nb schneiden der Zufuhr durch unsere Gegner, hindert uns, daß Brotkorn in ausreichender Menge nach Deutschland eingeführt wird, wie hat Luther in so genialer weise gesagt: „Venn wo Unfriede, Hader und Krieg ist, da ist das tägliche Brot schon genommen oder ihm doch gewehrt."
Sehr zeitgemäß ist auch das, was er über die Fürsten, die Obrigkeit und ihre Bemühungen um das Volkswohl sagt. Man hat in diesen Tagen allerlei Vorwürfe gegen die Behörden gerichtet, sie hätten die Organisation der Nahrungsmittelverteilung zu spät in die Hand genommen und manches in verkehrter weise angeordnet. Man soll doch nicht vergessen, daß unsere Behörden in dieser Beziehung vor eine ganz neue Rufgabe gestellt worden sind und vorher keinerlei Erfahrungen sammeln konnten. Daß auch bei gutem willen, an dem niemand zweifelt, vereinzelt Mißgriffe geschehen, ist begreiflich. Ist es, anstatt den Behörden Vorwürfe zu machen, nicht richtiger, es nach Luthers Rat zu halten: „Ruch soll man für sie bitten, daß Gott uns durch sie um so mehr Segen unb Gutes gebe."? —


