Gemeinöeblatt sUröie evangelische Kirchengemeinae
Gieszew
Nr. 24.
Gießen, Sonntag Trinitatis, den 18. Juni 1916.
5. Jahrgang.
Lebensgemeinschaft.
Evangelium des Johannes 15, 5. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibet und ich in ihm, der bringet viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.
Huf Gemeinschaft ist das Ganze des Zeins aufgebaut. Hllc geheimen Lebenskräfte in Natur und Menschenleben zielen darauf ab. Schwerkraft wie Zentrifugalkraft bewirken den wunderbar harmonischen Zusammenhang des Kosmos, diesen großartigen Gemeinschaftsorganismus aller Welten und Gestirne des Universums, das in Trümmer ginge, sobald ein Glied sich aus dem Ganzen lösen wollte. Im organischen Leben unseres Erdballs ist es nicht anders. Lines hängt vom andern ab, könnte ohne das andere nicht bestehen. Das Tierreich nicht ohne das Pflanzenreich' und dieses ist schon wiederum durch tausend geheimste Beziehungen mit dem Mineralreich verknüpft. In jedem Einzelorganismus wiederholt sich derselbe Vorgang. ,,Der Bebe kann keine Frucht bringen von ihm selber, er bleibe denn am weinstock", der Einzelne nicht ohne Familie, der Staat nicht ohne deren Gesamtzusammenschluß. Das ist das große Gesetz, daß das HII durchzieht. Ulles vergängliche aber, sagt Goethe, ist nur ein Gleichnis, von einem Größeren ist ihm diese Erkenntnis geworden, von Iesus. In seinen einzig dastehenden Gleichnissen hat diese er uns recht eigentlich das Sein und die Gesetze des Gottesreichs enthüllt, das Ewige für unsern irdischen Sinn erschlossen. Däfür ist bas eben angezogene Gleichnis vom weinstock einer der köstlichsten Belege. ,,Bleibt in mir und ich in euch... Ich bin der weinstock, ihr seid die Beben, wer in mir bleibet, und ich in ihm, der bringet viel Frucht, denn ohne mich könnt ihr nichts tun!" Da ist es voll enthüllt, das große Gesetz der Lebensgemeinschaft im höchsten Sinne des Wortes. wir haben seit den Bugusttagen 1914 in unserm volksganzen wieder ein vorher ungeahntes Verständnis für das heilige der Lebensgemeinschaft schon hier auf Erden gewonnen. ,,Einer für alle, alle für einen", das ist die große Losung, draußen an der Front wie daheim, wir erleben, daß alles, des Vaterlandes heil und Bettung, einzig von diesem innersten, inwendigsten Zusammenschluß abhängt, wenn so alles Sein und Geschehen im weiten Weltenraum auf dieses eine Grundgesetz eingestimmt ist, könnte es da in unseren Beziehungen zum Ewigen, zu Gott, und dem, den er
sandte, anders sein? Das Trinitatisfest feiern wir in diesen Tagen. Der heiligen Dreieinigkeit oder Dreifaltigkeit zu Ehren sind in alter Zeit viele Kirchen errichtet worden, im Namen des dreieinigen Gottes beginnen wir heute noch unsere Gottesdienste und kirchlichen Handlungen. Unser Fest weist uns auf die engste, erhabenste und geheimnisvollste Lebensgemeinschaft hin, die es nur gibt, auf die Gemeinschaft, die zwischen dem Vater, dem Sohne und dem heiligen Geiste besteht. Das Geheimnis dieser Lebensgemeinschaft werden wir nie ergründen, aber gerade in dieser Kriegszeit ist es uns ein reicher Trost, daß wir den Vater haben, der uns ge- schaften hat und allezeit noch schützt und versorgt, der Sohn, der uns durch sein Leiden und Sterben erlöst hat, und den heiligen Geist, der uns in alle Wahrheit leitet.
Vas ttreuz im gelöe.
vernichtend dröhnt des Krieges ehrner Schritt,
Sein weg führt über Trümmer nur und Leichen. Bm Bbhang eines Schlachtfelds, blutgetränkt, wo so viel frisches Leben mußt erbleichen,
Steht hoch auf Felsgestein ein Kruzifix,
Bingsum die feindlichen Granaten mähen, Zertrümmernd endlich auch das morsche Kreuz, Doch die Gestalt des Heilands, sie bleibt stehen.
Lin Wunder scheint's! nun ragt ins Kampfgewühl Ein Denkstein seltner Brt in diesen Tagen.
Mit stummem und doch so beredtem Mund hat jenes Bild ein heilig Wort zu sagen:
„wenn alles bricht, wenn ihr, fürs Vaterland verblutend, euer Leben gebt im Kriege,
Ich bleibe, — der für euch sein Leben gab,
Und bring euch ewgen Trost von meinem Siege!"
Nun blicken sie auf ihn in letzter Bot Und sehen ihn, mit ausgestreckten Brmen, wie er sie alle, alle fest umfaßt In seiner Liebe göttlichem Erbarmen.


