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(Engeren genau wieder, was ich draußen in der Welt gesehen und erlebt hatte. Kuch hier war alles Bestehende in Frage gestellt. Die Dorfschast hatte sich in zwei Parteien geteilt, eine schwarze, zu der wohl zumeist die Besitzer der besten Kecker und Weinberge sich bekannten und mit dem seitherigen einigermaßen zufrieden waren, und eine rote, zu der alle andern, insbesondere aber die Enterbten zählten, die ohne Kar und Halm, in den vorherrschend Weinbau treibenden Orten in den 20er bis 40er Jahren hauptsächlich infolge gesetzgeberischer Fehlgriffe aus dem Dorfinnern hinausgedrängt, vor den Toren recht klägliche Knsiedelungen gegründet hatten. Doch gehörten auch einzelne Vessergestellte zu ihnen, meist Heißsporne, die nach mehr Ellbogenfreiheit sich sehnten. Lin Hauptredner war der ,,scheel' Balser" von den eigenen Genossen so genannt, weil er, wie man zu sagen pflegt, mit einem Kuge übers Gerstenfeld sah, d. h. schielte.
Der belehrte denn seine eifrigen Zuhörer: Die ganze jetzige Krmseligkeit mit dem vielen Bezahlen und den ewigen Steuern rühre allein von dem viel zu kostspieligen Kegie- rungswesen her. Da hätten sie in Darmstadt eine teure Kaserne für die ,,Schwoleschee" gebaut, wo doch jetzt kein Mensch mehr an Kriegführen denke. Kllein für das Futter, das die müßigen Gäule da verzehrten, was könnte man damit für Kühe halten und Schweine fett machen! So sehr war damals aller Kespekt aus der Welt verschwunden, daß der ,,scheel' Balser" sich eines Tags zu der Behauptung ver- stieg, das viele Geld, das der Großherzog allein für sein bißchen Begieren bekäme, wäre Verschwendung. Er selbst (Balfer) getraue sich, das alles für 20 000 Gulden zu leisten.
Kuch an der engeren Heimat übte man strenge Kritik. So fand man, wie es nicht länger angängig sei, daß man dem Pfarrer im Grt, der selbst nur ein Bauernsohn aus dem Nachbarort sei, fernerhin für ein wenig Sonntagsarbeit mit die schönsten Kecker und Wiesen zur Nutznießung überlasse, wo es ohnehin bei dem starken Weinbau an Kckerfeld fehle. Da jetzt jeder von Staatswegen lesen lerne, so könne er seinen meisten Bedarf aus Gesangbuch und Katechismus sich selbst schöpfen. Es wurde ein richtiges Komitee gewählt, das in der Landeshauptstadt für diese Verbesserungen wirken sollte. Kls es aber zur Kusreise kam, waren einigen über Nacht Bedenken aufgestiegen, den andern kamen solche in der ersten Viertelstunde Weges, und die zwei letzten kehrten an der Elsheimer Steige um, weil sie nicht glaubten, es allein fertig zu bringen. Merkwürdigerweise war ein Hauptbetreiber des ganzen Unternehmens ein wohlangesehener jüdischer Grtsein- wohner, der Salme, der sogar bis zuletzt die Geschäfte des Hofjuden in der Pfarr-Gekonomie ausübte, ohne welchen ja solche nicht hätte bestehen können. Sch war später manchmal Zeuge, wenn er, als reuiger Sünder wieder ausgenommen, Neckereien über seine verunglückte politische Tätigkeit ein- sacken mußte.
Weiter entdeckte man bei Prüfung des Gemeindehaushalts einen Posten von 2 oder 3 Talern, die der langjährige Lehrer Seebrich aus der Gemeindekasse als Sondervergütung erhielt. Dafür hatte er u. a. die sämtlichen Tintenfässer der Schulbänke gefüllt zu erhalten und für zwei Schreibübungen in der Woche für sämtliche Schüler die Federn, jede mit Namen des Eigentümers versehen, zu verwahren und aufs sparsamste im Schnitt zu erhalten, was nicht ganz leicht war, weil manche statt gezogener Kiele nur die Produkte des heimischen Gänsestalls benützten. Wirklich erinnere ich mich aus meiner goldenen K-B-E-Schühenzeit, daß auf einem Fach Über dem Pult des Herrn Lehrers neben einigen Büchern und
einer Neihe weithalsiger Flaschen, in denen er seinen Niesenbedarf an Schnupftabak, mit allerlei Surrogaten angelängt,
,Destillierte", auch eine Flasche mit Tinte stand, die er nach eigenem, bewährten Nezept herstellte. Solche außerordentliche Belastung des Gemeindesäckels konnte natürlich nicht länger geduldet werden. Zumal ja auch jeder Schüler die wenigen Tropfen, deren er für seine Bildungszwecke bedurfte, von zu Hause mitbringen konnte. Es wurde also in wiederholt stürmischen Gemeinderatzsitzungen mit landesüblichem ,,Gekrisch" demgemäß beschlossen.
Das hat aber unerwartete Folgen gezeitigt. Nur wenige, vom Glück begünstigte, waren im Besitz der üblichen Tintengläser mit trichterförmig eingebogenem Band. Die meisten brachten ihren Bedarf an Schwärze in den verschiedenartigsten Gefäßen mit: schon lange erblich in der Familie aufbewahrte Krzneigläser, Salben- und Wichstöpfe u. dgl. mußten dazu dienen. Sie alle teilten ihr gebrechliches Dasein mit den anderen Schätzen, die sich für gewöhnlich in den Hosentaschen eines Zungen ansammeln. Dazu kam noch die angeborene Kauflust, und das führte nur zu bald zu empfindlichen Vermögensverlusten mit nachfolgenden, oft unverdienten prügeln. Km schmerzlichsten empfunden wurden aber die unheilbaren Tintenflecke an den Kleidern und besonders an den Schnupftüchern, die jedes Schulkind nach unwandelbarem Beschluß vorzeigen mußte als Ersatz für die sonst zu solchen Zwecken benützten Wamsärmel. Da gab es erst ein dumpfes Gemurr bei den Hausfrauen beider Parteien, das sich bald zum Sturm und zuletzt zum Orkan steigerte, dem auch der freisinnigste Fortschritt auf die Dauer nicht gewachsen war, und so wurde dann, nach abermaligen, stürmischen Sitzungen, allen Krischern zum Trotz, der alte Leiter der Schule in seine vorigen Nechte wieder eingesetzt.
Solches war nun gerade kurz vor meiner Heimkehr geschehen und die Wogen der Debatten dafür und dawider gingen noch hoch. Dabei hörte ich immer das vorher nie vernommene Wort vom Tintenkriege. Erst viel später las ich in einer geschichtlichen Kbhandlung, daß es so etwas wirklich schon früher gegeben, und zwar in öen 70er Zähren des 18. Jahrhunderts. Bei den vielen Erbverteilungen des linksrheinischen, nassau-oranischen Länderbesitzes gab es auch einmal in der zweiten Hälfte genannten Jahrhunderts eine Herrschaft Kirchheimbolanden, zu welcher auch einige Nachbardörfer, wie Dintesheim und Eppelsheim gehörten. Bei dem damals beliebten Experimentieren mit Verbesserung des Schulwesens hatte man solches auch dort geplant, was an sich vielleicht ganz löblich gewesen wäre, wobei die Gemeinden für die Kosten auskommen sollten. Die Bauern aber, durch üble Erfahrungen gewarnt, widerstrebten der Einführung jeglicher neuen Steuer und drohten selbst mit Gewalt. Das betagte herrscherpaar, das bis dahin ein behagliches Dasein in seinem Kirchheimbolander Schloß mit dem weitberühmten park geführt, hatte zu größerer Bequemlichkeit mit dem mächtigeren Pfälzer Nachbar eine Krt Erbvertrag geschlossen, wonach dieser ihre Beitragspflicht zum Neichsheer mit übernahm. Wegen kleiner gegenseitiger Häkeleien weigerte aber vorerst dieser Kontrahent den bewaffneten Beistand. Erst als die Kufrüher mit Gewalt vor das Schloß ziehen wollten, wurde eingeschritten und oie Frevler zu paaren getrieben, wobei dann, wie üblich, die Bauern haare lassen mußten. Die Hauptmissetäter wurden an Leib und habe bestraft, andere suchten, wie das ja damals dort zu Lande die Kegel war, ihr heil in Kmerika. Galten doch damals in den nordischen Häfen die Worte Pfälzer und Kuswanderer für gleichbedeutend.


