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das ersetzen, was ihnen die Gegenwart und die Vergangenheit schuldig geblieben sind.

Vas rechte Verständnis des Lebens hat erst der, der den Ernst des Lebens begriffen hat. In wessen Blicken dieser sich erst einmal Achtung verschafft hat, der muß erkennen, daß er sich nichts abhandeln und auch weder durch die vollen Schüsseln, vor denen einer sitzt, noch auch durch die vollen Taschen, mit denen er herumgehen mag, bestechen läßt. Er kann die Seele begreifen lehren, daß auch das Leben im Reichtum und im Genuß, mag sich seine Außenseite noch so lustig ansehen, doch noch kein wahres Leben, sondern vielmehr nur das gerade Gegenteil ist. Wer noch auf dem Standpunkt steht, daß Reichtum und Ueppigkeit das einzige Leben sind, der geht nur mit geschlossenen Rügen dahin, muß aber ge­wärtig sein, daß sie ihm jeden Rugenblick zu seiner großen Enttäuschung geöffnet werden können. Manchem werden die Rügen dann in einer Weise geöffnet, daß er sie am liebsten für immer schließen möchte. So grausam stellt sich ihm der Ernst des Lebens, dem er immer gemieden hat, ins Rüge zu sehen, dar. Not und Elend der Zünde greifen an seinen Lebensbaum und bringen seine Rlätter zum Welken.

Diese Einsicht macht sich auch unter uns vereinzelt immer wieder geltend. Einst aber hat es ein Volk gegeben, das war von ihr so mächtig ergriffen, daß es seinen ganzen Wandel da.'auf einzustellen suchte, indem es die Lebensart mit einem Zündopfer abzuwischen suchte und sagte: wenn wir unserer Zünde ledig sind, dann hat alle Rot ein Ende. Das war ein richtiger Gedanke. Das wahre Leben aber haben sie damit doch nicht erreicht, weil die Mittel nicht taugten, die nur von äußerer Rrt waren. Das rechte Mittel zur Erfassung des wahren Lebens ist die innere Umwandlung, die sich Gottes Leben zum Muster und Vorbild nimmt.

wenn dieses Leben in einem Menschen Wirklichkeit ge­worden ist, wenn er sagen darf: Lebst du in mir, o wahres Leben, dann muß er auch fortfahren: Zo sterbe nur, was du nicht bist. Das heißt, er muß sein Herz in die jenem Leben allein entsprechende Verfassung bringen. In erster Linie muß er es vermeiden, auf die niederen Ztufen der Lebensführung herabzusinken. In ihm darf nicht mehr die schrankenlose Lust und Begierde, wie es bei dem Tiere der Fall ist, die Herrschaft führen. Er muß wissen, daß er den klaren und reinen Zpiegel des wahren Lebens, zu dessen Verständnis und in dessen Besitz er gelangt ist, nicht mehr durch die Dünste der Fleischeslust trüben darf, wenn wir daran die zweite Lebensstufe, diejenige des Rindes, sich anschließen lassen, dann scheint uns hier das Wort des Heilands in den weg zu treten. Es sei denn, daß ihr umkehret und werdet wie die Rinder, so könnt ihr das Reich Gottes nicht ererben. Rber es ist ein Unterschied zwischen Rindesart und Rindesart. von der einen haben wir schon geredet, derjenigen des ungefestigten, dem Ernst des Lebens unzugänglichen Herzens. Die andere ist die, welche in der Liebe die rechte Lebenskraft gefunden hat und mit deren Hilfe emporschreitet auf die Ztufe des in dkut gefestigten, in Selbstbeherrschung und Selbstvervollkomm- nung unermüdlich tätigen Mannessinnes. R. G.

Gietzen vor hundert Zähren.

(Fortsetzung.)

Moritz Damian höpfnerund Heinrich Stein boteu in einer gemeinsamen Rnzeige meerschaumene Pseifenköpfe an. Lud­wig Reil am Markte verkaufte Leipziger Pantoffeln und Winterschuhe fürFrauenzimmer und Mannspersonen". Ein

unternehmender Geschäftsmann scheint der schon erwähnte Raron Ziegelstein gewesen zu sein, vom Großherzoglichen Rriegskommissariat hatte er Ende 1815 44 Transportwagen gekauft, die man beim Rückmarsch der Russen aus Frankreich verwendet hatte, diese gab er nun nach seiner Rnzeige einzeln und zu billigen Preisen ab.Bei Tonrad Frechen Wittib an der Ztadtkirche", so lautete eine andere Rnzeige, war guter Essig, die Maß zu 8 kr. zu haben. Joseph Markus Flett bot dieso beliebten Ziegenhainer Ztöcke" an, seine Rbnehmer werden vorzugsweise Studenten gewesen sein,' denn die zogen damals, mit diesen derben Stöcken bewaffnet, durch das Land.

wie die Redeweise eines Volkes sich im verlaufe von 100 Jahren wandelt, ist aus einigen Rnzeigen zu sehen. Zo wünscht im Jahre 1816eine Weibsperson von gesetzten Jahren, die Rochen, Nähen und Stricken kann, auch alle übrigen Hausarbeiten verstehet, und in mehreren grosen Ztädten conditioniret, weshalb sie Zeugnisse ihres Wohlver­haltens vorzuzeigen im Ztande ist, als Röchin in einen Dienst zu treten." Ein andermal wird einZubject" gesucht, das einem Rnaben Stunden geben kann, heute ist wenigstens in den Ztädten der gute deutsche RusdruckMagd" verpönt, man sagt lieberZimmermädchen" oderStütze" oder gar Fräulein", damals fanden es junge Mädchen noch nicht unter ihrer würde, sich alsHausmagd" oderRindermagd" an­zubieten.

Den Rusdruck^,Zimmer" kannte man vor 100 Jahren in Gießen noch nicht, bei Wohnungsanzeigen wurden nur Ztuben und Rammern angeboten, in der Regel wurde auch darauf hingewiesen, daß zur Wohnung ein Holzstall gehöre. Die Häuser in der Stadt waren nicht nach Straßen numeriert, sondern die Nummern liefen durch die ganze Stadt hindurch. So hieß es beispielsweiseNr. 245 am Ranzleiberg" oder auch kurz nurNr. 269".

viele Rnzeigen befassen sich mit Kleinigkeiten. So wünschte jemand im Jahre 1818 einengut conditionirten Raffer" zu kaufen. Eine große schöne Feuerherdplatte stand in Nr. 21 zu verkaufen. EinWägelchen, um darin Rinder fahren zu können", wurde gesucht. Im Jahre 1813 hatte man auch in Hessen die Landwehr organisiert, es war dies bei uns eine Rrt Bürgergarde, wie sie vor diesem Kriege in Belgien bestand. Zwei Jahre später, als Napoleon endgültig nieder­geworfen war, wurde die hessische Landwehr wieder auf­gelöst. Die Offiziere hatten sich Uniformen angeschafft, die sie nun wieder zu verkaufen wünschten, was sie in Zeitungs­anzeigen zum Rusdruck brachten. Oft forderten Gießener Ein­wohner zur Rückgabe der Bücher auf, die sie anderen geliehen hatten. Pfarrer Schäffer macht bekannt:wer von meinen Freunden noch ein von mir gelehntes Buch in Händen hat, ist höflichst ersucht, dasselbe meinem Vater, den Ehirurgus Schäffer, baldigst abzugeben. Namentlich vermisse ich noch: Freimund Raimars deutsche Gedichte, Dassels Reisen der Gutm. Familie, einige Teile von Snells Handbuch der Philo­sophie, Tampes Sammlung von Rcisebeschreibungen." Gießen muß doch damals ein rechtes Rleinstädtchen gewesen sein, da man sich von solchen Rnzeigen Erfolg versprach. Im Sep­tember 1817 ha! jemand auf dem Wege vom Trieb bis zum Schießhauseine Rappe von grünem Tuch mit einer braunen pelzbräme und oberhalb mit einer aus Gold- und Silber­fäden verfertigten Ouaste versehen" verloren, er ersucht in der Zeitung um Rückgabe. Ruch Pfeifenköpfe und goldene Uhrschlüssel werden als verloren angezeigt.

Ganz im Gegensatz zur Gegenwart kamen damals oft auswärtige Raufleute zu mehrtägigem Rufenthalt nach