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Den landwirtschaftlichen Charakter der Stabt erkennt man auch aus anderen Anzeigen. Man findet dieselben Anzeigen im damaligen „Dieser Anzeigungs-Blättchen", wie jetzt in Blättern, die in einem großen ländlichen Bezirke gelesen werden. 3m März 1816 versteigerte die Witwe des Branntweinbrenners Johannes Zorb ein Pferd, eine Kuh, ein Kind, einen „Karn", einen Pflug, eine Egge, sowie Weißzeug, „Weibskleidung", Zinn, holzwerk und allerhand Hausgerät gegen sofortige Bezahlung. Der landwirtschaftliche Charakter der Stadt geht auch daraus hervor, daß oft Dung zum verkauf angeboten wurde.
Aus den Versteigerungsanzeigen sieht man, daß die Gießener Geschäftsinhaber, vielfach auch die Beamten, Grundbesitzer waren. Versteigerungsanzeigen erließen die Witwe des Bürgers und Krämers Balthasar Spruck, die Witwe des Spenglers Karl Linck, Frau Assessor Eckstein, die Erben des Militärchirurgen Sommerlad, der Laternenwärter Daniel weil, der Hirschwirt Johann Balthasar Müller, der Kotgerber Daniel Balthasar vetzberger, der Hofuhrmacher Felsing, die Erben des Schneidermeisters Konrad Stühler, der Kaufmann Mettenheimer in Frankfurt.
Immerhin war das geschäftliche Leben in der Stadt rege. Ueber die damals bestehenden Bäckereien sind wir genau unterrichtet, weil das „Frischbacken" in jeder Woche in der Zeitung angezeigt wurde. Ls gab damals hier folgende Bäckergeschäfte: Kathschöfs Jughardt in der Neustadt, Jakob Wallenfels auf dem Neuenweg, Kempf auf dem „Selzers- berg", Ebel in der Kühgasse hetzt Wettergasse», Magnus auf dem „Selzersweg", Ehristian Wallenfels und Moritz Wallenfels, beide in der wallthorstraße, Valentin Lober in der Neustadt, Konrad Noll „gegen der Kühgaß", Lober in der wallthorstraße, Noll „im Stern" auf der Mäusburg, Müller „in den drei Kronen" in der Neustadt, Keil in der Kaplansgasse, Kirchensenior Koch Wittib, Johann Georg Noll in der Neustadt, Ufer am Lindenplatz, Schäfer in der Löwengasse, Walter am Asterweg, Magnus „Hegen die Kühgaß", Hering in der Neustadt, Kämmerer am Markt, Schwan auf dem „Selzersweg", Seip an der Stadtpforte (stand da, wo Marktstraße und Neustadt zusammenstoßen). Das waren bei einer Bevölkerung von vielleicht 5000 Seelen recht viele Bäckergeschäfte. Interessant ist, daß damals außer den Wirtshäusern auch andere Häuser besondere Bezeichnungen hatten, wie „in den drei Kronen" und „im Stern".
Die Geschäftsanzeigen sind oft in einem Stile verfaßt, der für unsere Zeit ungewöhnlich ist. Am 2. Oktober 1818 veröffentlicht die „Schneidermeisters Helmes Witwe, wohnhaft im Schieferschen Hause aus dem Neuenweg „folgende Anzeige: „Da ich gegenwärtig einen sehr geschickten Menschen bekommen habe, der als Tafelschneider bei mir eingetreten ist, der in mehreren großen Städten, besonders in Frankfurt, gearbeitet hat, so mache ich dies dem hiesigen respect. Publikum mit dem Ansügen hierdurch bekannt, daß alle diejenigen, welche mich mit Arbeit beehren wollen, sich moderner Frauenzimmer-Arbeit und prompter Bedienung, mit Billigkeit verbunden, zu versprechen haben". „Tafelschneider" ist eine originelle Bezeichnung, hoffentlich hat der „geschickte Mensch' zur Zufriedenheit der Gießener Damen gearbeitet.
Jedenfalls waren die Gießener Geschäftsinhaber damals sehr höflich. Sie bringen ihre waren einem „verehrungswürdigen", einem „geehrten", einem „hochverehrten" Publikum in Erinnerung. Georg Melchior pistor empfiehlt holländische Häringe, das Stück zu 8 und l0 kr., sowie Sardellen und Zitronen. Jakob pistor macht auf pariser Studierlampen
aufmerksam, von denen er das Stück zu 3 fl. 50 kr. abgibr. häfnermeister Johannes Faber teilt mit, daß er einige Tausend Stück Kinderspielzeug, zu Weihnachtsgeschenken bestimmt, verfertigt habe. Aaron Ziegelstein gibt die holländischen Häringe schon zu 6 und 8 kr. her. Ein regsamer Geschäftsmann ist Heinrich Lüdeking gewesen. Er war aus Hannover eingewandert und s prach die s pitze Mundart seiner Heimat. Das erregte bei seinen nunmehrigen Gießener Mitbürgern, die einen derberen Dialekt sprachen, unbändige Heiterkeit, und sie trieben mit dem Manne, der sie an Feinheit der Manieren und Ausdrucksformen übertraf, ihren Spott. Lüdeking verkaufte das Brustbild des regierenden Großherzogs, bot alle Sorten von Spielkarten und von Schreib- und Zeichenutensilien an. Auch waren bei ihm sogenannte Kaleidoskope zu haben, wie man sie noch vor dreißig Jahren den Kindern geschenkt hat. Aus einer Anzeige, die Lüdeking kurz vor Weihnachten 1818 veröffentlicht, sehen wir, was für Sachen man damals als Weihnachtsgeschenke gab. Es heißt in dieser Anzeige: „Unterzeichneter empfiehlt sich einem geehrten Publikum ergebenst mit einer großen und schonen Auswahl zu weihnachts- und Neujahrsgeschenken geeigneter Sachen, als: extra feinen Toiletten, mit und ohne Schloß, von 2 fl. bis zu 10 fl., allen Sorten feinen und ordinären Kästchen, allen Sorten runden und eckigten Dosen, mit und ohne Spiegel, Strick- und Nährollen, mit und ohne Füße, Arbeitskofferchen, allerhand Saffian-Arbeiten, feinen englischen Brieftaschen, mit und ohne Instrumente, Tabaksdosen, Damen-Täschchen, Souvenier-Täschchen mit Schreibzeug, transparenten Lichtschirmen mit blechernen Füßen und Federn, Keißzeugen, Kaleidoskopen, das Stück zu 24 kr. bis zu 3 fl., allerlei Sorten Gartenhäusern, lakirten Aufstell-Soldaten, Spielkästchen mit und ohne Marquen, ächtern Tollnischern Wasser und noch vielen anderen Kleinigkeiten, welche hier nicht alle angegeben werden können, ferner allen Sorten Schreib- und Zeichenmaterialien, Spielkarten, Stick- und Strickmustern." Buchbinder Kühn machte auf Kinderschriften, Almanachs und Taschenbücher, die bei ihm zu haben seien, aufmerksam. Universitätsbuchbinder Baiser empfahl Taschenbücher mit Kupfern, Kontorkalender für das Jahr 1819, sowie Kupferstiche, die die heuchelheimer Mühle, die Badenburg, die Städte Gießen, Wetzlar, Marburg und weilburg darstellten. Hofuhrmacher Felsing trieb nebenher einen weinhandel ; denn er bot Kheinweine an, die er maßweise über die Straße verkaufte. Martin Bücking „auf'm Kreutz" verkaufte Tapeten und ersuchte, da er kein Lager hatte, sondern die Ware jedesmal aus der Fabrik kommen ließ, die Käufer, ihm nach Empfang der Tapeten die Zahlung sofort zu leisten.
(Fortsetzung folgt.)
Kleine Mitteilungen.
Der Brauch, in Hessen einen allgemeinen Buß- und Bettag, der jährlich auf denselben Tag fällt, zu feiern, ist noch nicht allzu alt. In früheren Jahrhunderten hat man, wie eine alte Kirchenordnung besagt, außer den regelmäßigen monatlichen Bettagen in besonderen Fällen, „wann eine gemeine Straf oder Ungemach als Pestilenz, Krieg, Theurung vorhanden", außerordentliche Bettage gefeiert. Solche Fälle traten im Dreißigjährigen Kriege ein. Als 1629 in Darmstadt die Pest ausbrach und die Kriegsgefahr immer drohender wurde, wurden in Hessen 6 allgemeine Buß-, Fast- und Beilage angeordnet, auch wurde jedesmal von dieser Zeit an um 10, um 11 und um 5 Uhr zum Gebet geläutet. Erst die Feiertagsordnung vom 19. Januar 1771 bestimmt den palmsonn-


