Einzelbild herunterladen

59

Den landwirtschaftlichen Charakter der Stabt erkennt man auch aus anderen Anzeigen. Man findet dieselben An­zeigen im damaligenDieser Anzeigungs-Blättchen", wie jetzt in Blättern, die in einem großen ländlichen Bezirke ge­lesen werden. 3m März 1816 versteigerte die Witwe des Branntweinbrenners Johannes Zorb ein Pferd, eine Kuh, ein Kind, einenKarn", einen Pflug, eine Egge, sowie Weiß­zeug,Weibskleidung", Zinn, holzwerk und allerhand Haus­gerät gegen sofortige Bezahlung. Der landwirtschaftliche Cha­rakter der Stadt geht auch daraus hervor, daß oft Dung zum verkauf angeboten wurde.

Aus den Versteigerungsanzeigen sieht man, daß die Gießener Geschäftsinhaber, vielfach auch die Beamten, Grund­besitzer waren. Versteigerungsanzeigen erließen die Witwe des Bürgers und Krämers Balthasar Spruck, die Witwe des Spenglers Karl Linck, Frau Assessor Eckstein, die Erben des Militärchirurgen Sommerlad, der Laternenwärter Daniel weil, der Hirschwirt Johann Balthasar Müller, der Kot­gerber Daniel Balthasar vetzberger, der Hofuhrmacher Fel­sing, die Erben des Schneidermeisters Konrad Stühler, der Kaufmann Mettenheimer in Frankfurt.

Immerhin war das geschäftliche Leben in der Stadt rege. Ueber die damals bestehenden Bäckereien sind wir genau unterrichtet, weil dasFrischbacken" in jeder Woche in der Zeitung angezeigt wurde. Ls gab damals hier folgende Bäckergeschäfte: Kathschöfs Jughardt in der Neustadt, Jakob Wallenfels auf dem Neuenweg, Kempf auf demSelzers- berg", Ebel in der Kühgasse hetzt Wettergasse», Magnus auf demSelzersweg", Ehristian Wallenfels und Moritz Wallen­fels, beide in der wallthorstraße, Valentin Lober in der Neustadt, Konrad Nollgegen der Kühgaß", Lober in der wallthorstraße, Nollim Stern" auf der Mäusburg, Müller in den drei Kronen" in der Neustadt, Keil in der Kaplans­gasse, Kirchensenior Koch Wittib, Johann Georg Noll in der Neustadt, Ufer am Lindenplatz, Schäfer in der Löwengasse, Walter am Asterweg, MagnusHegen die Kühgaß", Hering in der Neustadt, Kämmerer am Markt, Schwan auf dem Selzersweg", Seip an der Stadtpforte (stand da, wo Markt­straße und Neustadt zusammenstoßen). Das waren bei einer Bevölkerung von vielleicht 5000 Seelen recht viele Bäcker­geschäfte. Interessant ist, daß damals außer den Wirtshäusern auch andere Häuser besondere Bezeichnungen hatten, wiein den drei Kronen" undim Stern".

Die Geschäftsanzeigen sind oft in einem Stile verfaßt, der für unsere Zeit ungewöhnlich ist. Am 2. Oktober 1818 veröffentlicht dieSchneidermeisters Helmes Witwe, wohn­haft im Schieferschen Hause aus dem Neuenwegfolgende An­zeige:Da ich gegenwärtig einen sehr geschickten Menschen bekommen habe, der als Tafelschneider bei mir eingetreten ist, der in mehreren großen Städten, besonders in Frankfurt, gearbeitet hat, so mache ich dies dem hiesigen respect. Publi­kum mit dem Ansügen hierdurch bekannt, daß alle diejenigen, welche mich mit Arbeit beehren wollen, sich moderner Frauen­zimmer-Arbeit und prompter Bedienung, mit Billigkeit ver­bunden, zu versprechen haben".Tafelschneider" ist eine origi­nelle Bezeichnung, hoffentlich hat dergeschickte Mensch' zur Zufriedenheit der Gießener Damen gearbeitet.

Jedenfalls waren die Gießener Geschäftsinhaber damals sehr höflich. Sie bringen ihre waren einemverehrungs­würdigen", einemgeehrten", einemhochverehrten" Publi­kum in Erinnerung. Georg Melchior pistor empfiehlt hollän­dische Häringe, das Stück zu 8 und l0 kr., sowie Sardellen und Zitronen. Jakob pistor macht auf pariser Studierlampen

aufmerksam, von denen er das Stück zu 3 fl. 50 kr. abgibr. häfnermeister Johannes Faber teilt mit, daß er einige Tausend Stück Kinderspielzeug, zu Weihnachtsgeschenken be­stimmt, verfertigt habe. Aaron Ziegelstein gibt die holländi­schen Häringe schon zu 6 und 8 kr. her. Ein regsamer Ge­schäftsmann ist Heinrich Lüdeking gewesen. Er war aus Hannover eingewandert und s prach die s pitze Mundart seiner Heimat. Das erregte bei seinen nunmehrigen Gießener Mitbürgern, die einen derberen Dialekt sprachen, unbändige Heiterkeit, und sie trieben mit dem Manne, der sie an Fein­heit der Manieren und Ausdrucksformen übertraf, ihren Spott. Lüdeking verkaufte das Brustbild des regierenden Großherzogs, bot alle Sorten von Spielkarten und von Schreib- und Zeichenutensilien an. Auch waren bei ihm so­genannte Kaleidoskope zu haben, wie man sie noch vor dreißig Jahren den Kindern geschenkt hat. Aus einer Anzeige, die Lüdeking kurz vor Weihnachten 1818 veröffentlicht, sehen wir, was für Sachen man damals als Weihnachtsgeschenke gab. Es heißt in dieser Anzeige:Unterzeichneter empfiehlt sich einem geehrten Publikum ergebenst mit einer großen und schonen Auswahl zu weihnachts- und Neujahrsgeschenken geeigneter Sachen, als: extra feinen Toiletten, mit und ohne Schloß, von 2 fl. bis zu 10 fl., allen Sorten feinen und ordi­nären Kästchen, allen Sorten runden und eckigten Dosen, mit und ohne Spiegel, Strick- und Nährollen, mit und ohne Füße, Arbeitskofferchen, allerhand Saffian-Arbeiten, feinen eng­lischen Brieftaschen, mit und ohne Instrumente, Tabaksdosen, Damen-Täschchen, Souvenier-Täschchen mit Schreibzeug, transparenten Lichtschirmen mit blechernen Füßen und Federn, Keißzeugen, Kaleidoskopen, das Stück zu 24 kr. bis zu 3 fl., allerlei Sorten Gartenhäusern, lakirten Aufstell-Soldaten, Spielkästchen mit und ohne Marquen, ächtern Tollnischern Wasser und noch vielen anderen Kleinigkeiten, welche hier nicht alle angegeben werden können, ferner allen Sorten Schreib- und Zeichenmaterialien, Spielkarten, Stick- und Strickmustern." Buchbinder Kühn machte auf Kinderschriften, Almanachs und Taschenbücher, die bei ihm zu haben seien, aufmerksam. Universitätsbuchbinder Baiser empfahl Taschen­bücher mit Kupfern, Kontorkalender für das Jahr 1819, sowie Kupferstiche, die die heuchelheimer Mühle, die Baden­burg, die Städte Gießen, Wetzlar, Marburg und weilburg darstellten. Hofuhrmacher Felsing trieb nebenher einen wein­handel ; denn er bot Kheinweine an, die er maßweise über die Straße verkaufte. Martin Bückingauf'm Kreutz" verkaufte Tapeten und ersuchte, da er kein Lager hatte, sondern die Ware jedesmal aus der Fabrik kommen ließ, die Käufer, ihm nach Empfang der Tapeten die Zahlung sofort zu leisten.

(Fortsetzung folgt.)

Kleine Mitteilungen.

Der Brauch, in Hessen einen allgemeinen Buß- und Bettag, der jährlich auf denselben Tag fällt, zu feiern, ist noch nicht allzu alt. In früheren Jahrhunderten hat man, wie eine alte Kirchenordnung besagt, außer den regelmäßigen monatlichen Bettagen in besonderen Fällen,wann eine ge­meine Straf oder Ungemach als Pestilenz, Krieg, Theurung vorhanden", außerordentliche Bettage gefeiert. Solche Fälle traten im Dreißigjährigen Kriege ein. Als 1629 in Darmstadt die Pest ausbrach und die Kriegsgefahr immer drohender wurde, wurden in Hessen 6 allgemeine Buß-, Fast- und Bei­lage angeordnet, auch wurde jedesmal von dieser Zeit an um 10, um 11 und um 5 Uhr zum Gebet geläutet. Erst die Feier­tagsordnung vom 19. Januar 1771 bestimmt den palmsonn-