Ausgabe 
26.3.1916
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Lonntagsgrusz

Gemeinöeblatc sürüie evangelische Kirtbengemeinoe

Gieszew

Nr. 12.

Gießen, Sonntag Okuli, den 26. März 1916.

5. Jahrgang.

Die Erziehung zum Gehorsam.

5. Moses 5, 29 und 30. So habt nun acht, daß ihr tut, wie euch der Herr. euer Gott, geboten hat, und weichet nicht, weder zur Rechten noch zur Linken; sondern wandelt in allen wegen, die euch der Herr, euer Gott, geboten hat, auf daß ihr leben wöget und es euch wohlgehe.

Solche Sprüche, wie dieser, der vom Gehorsam gegen Gottes Gebote spricht, sind in der heiligen Schrift viele zu finden. Vas Rite wie das Neue Testament weisen unterschieds­los eindringlich auf ihn, ein Beweis, wie unzertrennlich er mit dem Glauben verbunden ist.

will man heute wissen, was Gehorsam ist, muß man zu den Soldaten gehen. Gehorsam ist die Grundlage des Heeresdienstes. Cr ist das Crste, mit dem der neu eintretende Bebrüt bekannt gemacht wird. Wan sagt ihm, daß er aufs Wort zu gehorchen hat, daß jegliches Widerreden und jede Widersetzlichkeit aufs strengste bestraft wird. Cs kommt wohl oft vor, daß er der Ansicht ist, irgend etwas, das ihm seine Vorgesetzten befehlen, besser ausführen zu können als die Art ist, wie sie es von ihm verlangen. Aber einerlei, welche An­sicht er hat, er muß es genau so machen, wie es ihm befohlen wird, und nicht anders. Ja, es wird sich vielleichtauch ereignen, daß ein Befehl ihm unsinnig oder ungerecht erscheint. Man verlangt von ihm trotzdem, daß er gehorcht. Unsere Feinde sprechen verächtlich von einem Kadavergehorsam, der in der deutschen Armee herrsche. Aber eben dieser Gehorsam ist ihr verderben, wenn unsere Soldaten nicht dieses Gehorchen ge­lernt hätten, sie hätten nicht die Siege errungen, auf die wir so stolz sind.

Cs wäre gut, wenn wir Christen den Geboten Gottes gegenüber auch diesen unbedingten Gehorsam zeigten. Aber so lieben wir es, daran herumzukritteln, wir unterscheiden Fälle, in denen sie wirksam sind, und andere, in denen sie es nicht sind, wir fragen nach den Verhältnissen, unter denen sie gegeben worden sind, und wenn solche nicht da sind, dann sehen wir sie für uns beiseite, wir grübeln über Folgen nach, die der Gehorsam gegen sie nach sich zieht, und wenn wir keine wohltätigen sehen, dann kümmern wir uns nicht um sie. wir kneten und dehnen und ziehen an ihnen herum. Cin paar werden uns wichtig, andere lassen wir ganz außer acht, wie viel können wir nicht von den Soldaten lernen!

Cs gehört weiter zu der Erziehung im militärischen Ge­horsam, daß gewisse Grundbefehle 10- oder 20- oder 50mal wiederholt werden. Vas geschieht zuweilen bis zum Ueber- drusse einzelner. Aber eben durch diesen Drill gehen sie in Fleisch und Blut über. Man gehe einmal mit einem Soldaten, der in Zivil ist, über die Straße. Alle Augenblicke, wenn ein Offizier oder Unteroffizier vorbei kommt, gerät er in Ver­suchung, die eine Hand an die Mütze zu legen und die andere an die Hosennaht. Aber wie ist es bei uns mit der Erziehung für den Gehorsam gegen Gott? wir Lehrer legen in der Schule das Hauptgewicht auf das verstehenlernen, auf das Begreifen, wir verabscheuen das Drillen der Gebote Gottes wie der Forderungen Jesu, wir begnügen uns damit, wenn sie einmal hergesagt werden, wir wiederholen sie auch gelegentlich ; aberdas Linpauken" ist nicht unsere Sache. Kein Wunder, daß es viele, viele in der Christenheit gibt, die Gottes Gebote bald vergessen,' sie versprechen und wissen sicher, daß sie nicht halten können, lügen, um zu gewinnen oder sich vor Schaden zu hüten, entheiligen den Sonntag, ohne daß ihnen was dar­über einfällt. Das wissen von den Geboten Gottes ich meine nicht das Aufzählen, ich denke nur an den Inhalt ist gering. Cs ist ein ander Ding um das verstehen und ein ander Ding um das Behalten. Ich habe schon oft mich darüber gewundert, wie treu die Alten unter den Bauern den Katechis­mus, die Gesangbuchlieder und Sprüche im Gedächtnisse be- chalten haben. Sie haben Lehrer und Pfarrer gehabt, diege­drillt" haben. Man frage einmal das heutige Geschlecht nach seinen religiösen Kenntnissen!

Ls gehört endlich zur militärischen Erziehung, daß man den Gehorsam erprobt. Unsere Offiziere überzeugen sich davon, daß die Soldaten ihn auch beweisen. Sie kontraliieren ihr Tun. Sie gehen ihnen nach. Sie geben ihnen zuweilen Aufgaben, deren Lösung Willensstärke und Selbstverleugnung voraus­setzt, und prüfen, wie sie gelöst sind. Cs scheint mir zur Er­ziehung zum Gehorsam gegen Gott auch das zu gehören, daß Eltern und Lehrer auch darauf achten, wie die Kinder ihm Ehre machen. Cs mag Lehrer und pfa 'rer geben, die denken, ihr Unterricht in der Ueligion sei mit der Stunde zu Ende. Sollte das nicht grundfalsch sein? Der Mensch ist keine Ma­schine, die, wenn Gottes heilige Gebote an ihr Ohr gedrungen sind, gleich auch geht. Auf unfern Dörfern spricht man noch

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