Nr. 11. Gießen, Sonntag Reminiscere, den 19. März 1916. 5. Jahrgang.
„Lelbileigne Pein".
Psalm 139, 16. Deine 5lugen sahen mich, da ich noch unbereitel war.
und waren alle Tage auf dein Buch geschrieben, die noch werden
sollten und derselben keiner da war.
Lz ist jetzt viel Leid im deutschen vaterlande, besonders auch in unserer Gemeinde. Der Sturm auf Verdun hat viele Opfer gefordert, und täglich gelangen neue Trauerbotschaften aus dem Felde in die Heimat. Nun bann man aber häufig beobachten, daß die schwer geprüften Menschen sich einem fruchtlosen Grübeln hingeben und nach den Worten Paul Gerhardts „mit Sorgen und mit Grämen und mit selbsteigner Pein" sich das Leben noch schwerer machen. Zu der Trauer gesellen sich die Vorwürfe, die die Leidtragenden sich selbst machen, hätte ich doch meinem Sohn nicht erlaubt, als Kriegsfreiwilliger mit hinauszuziehen! hätte ich ihn doch einem anderen Negimente zugeführt! hätte ich ihm doch von seinen Vorgesetzten einen längeren Urlaub erwirkt! hätte ich ihn doch ermahnt, nicht zu waghalsig zu sein! So lauten die Fragen, mit denen die Trauernden Tag und Nacht umhergehen. wenn der Sohn oder der Ehegatte einer Krankheit erlegen ist, werfen sie sich vor: hätte ich doch besser für ihn gesorgt, ihm wärmende Unterkleider und Medikamente geschickt! hätte ich doch veranlaßt, daß er, da seine Gesundheit vorher schon angegriffen war, hinter die Front und in ein Lazarett oder in ein Erholungsheim gekommen wäre!
Es ist nicht nur der Krieg, der solche Fragen hervorruft, wenn im Frieden jemand stirbt, der seinen Ungehörigen Steuer war, so heißt es: hätte ich doch noch einen zweiten Urzt hinzugezogen! hätte ich doch veranlaßt, daß der Kranke sich früher zu Bett gelegt und nicht weiter gearbeitet hätte, bis er umsank! hätte ich doch dafür gesorgt, daß er sich mehr geschont hätte! Und wenn jemand durch einen Unglücksfall um das Leben gekommen ist, so sagt man: hätte ich ihn doch vor der Gefahr gewarnt, ihn an dem verhängnisvollen Tage nicht Weggehen lassen, ihm größere Vorsicht eingeschärft! Buch wo man sich nicht eigentlich Vorwürfe macht, zermartert sich doch mancher Geprüfte die Seele mit unruhigen Fragen. Man denkt an die letzten Stunden eines auf dem Schlachtfelde Gefallenen, fragt sich, ob er wohl gleich Hilfe gefunden habe, ob er sachgemäß behandelt worden sei, ob ihm jemand noch vor seinem hinscheiden einen Liebesdienst erwiesen habe.
Ulle, die so reden und fragen, machen sich selbsteigne^ Pein, und sie begehen damit ein Unrecht an sich selbst. Es steht nicht in der Macht des Menschen, die Zukunft Zug für Zug genau vorauszusehen und darnach seine Handlungsweise einzurichten, wir können uns nur für Fälle rüsten, die wir ganz genau voraussehen, derer sind aber nur wenige. Bllzu häufig treten in diesem armen menschlichen Leben Fälle ein, die niemand voraussehen konnte, was kommen wird in der iZukunft, weiß nur der große, allwissende Gott. Seine Bugen sähen uns und unsere Ungehörigen, ehe wir geboren waren, alle unsere Tage, alle die Wechselfälle unseres Schicksales sind in sein Buch geschrieben, er ordnet den Gang unseres Lebens, er sendet Lust und Leid, wir können nichts tun, als was wir im Augenblicke als unsere Pflicht erkannt haben, wenn wir die aber getan haben, wenn wir für die, die uns Gott zur Seite gestellt hat, nach besten Kräften und in reiner Liebe gesorgt haben, so wollen wir stille sein, wenn schweres Schicksal sich auf uns herabgesenkt hat, und wollen uns das Leben nicht noch durch „selbeigne Pein" verbittern. h. B.
Vas Reformationsfest zu Siesten in den Jahren mi und \T\T.
Hm 31. Oktober 1917 werden wir, so Gott will und wir leben und Frieden haben, im deutschen vaterlande festlich den Tag begehen, da Martin Luther vor 400 Jahren durch den Anschlag seiner 95 Thesen an die Tür der Schloßkirche zu Wittenberg das Werk der deutschen Neformation eröffnet hat. wer noch den 10. November des Jahres 1883 in seiner Erinnerung hat, den 400. Geburtstag Luthers, der weiß, wie dieser Tag in ganz Deutschland großen Jubel erregt hat. Es ist nun von Interesse, darauf zu achten, wie man in Gießen in den früheren Jahrhunderten das Neformationsjubelfest gefeiert hat. Sowohl 1617 als auch 1717 ist das geschehen, und bestimmte Nachrichten liegen uns noch darüber vor.
Das Jubiläum der Neformation wurde 1617 in ganz Deutschland von den Evangelischen gefeiert. Mehrere sächsische Fürsten, vornehmlich auch die Neichsstädte, die einst in den Tagen Luthers die Neformation angenommen hatten, ließen für diesen Tag Denkmünzen prägen, von denen die meisten die Inschrift trugen: Verbum äomini manet in aeternum (Gottes Wort bleibet in Ewigkeit) oder die ähnlich lautende:


