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„Natürlich, Mutter, gebe ich es zurück!" Mit. so großen, Hellen, arglosen Rügen sah der Junge seine Mutter an, keine 5pur von Falschheit lag in diesem reinen Rinderblick. Da stieg es der Frau glühend in das Gesicht. Sie schämte sich vor ihrem Jungen.
„Gewiß!" wiederholte sie erst mechanisch. Und „natürlich !" rief sie dann allzu hastig. „Ich meinte nur, du würdest besser erst mit deinem Prinzipal Nücksprache nehmen," redete sie sich heraus. Ihr lag nun so viel daran, daß Rarl nicht merkte, wo hinaus sie gewollt hatte.
Der Lohn blieb in seiner Unschuld und in seinem vertrauen zu der Mutter auch völlig arglos.
„Rch was, Mutter," rief er, „mein Prinzipal würde mich schön jagen, käme ich mit dem Gelde an! Ich könnte den Weg noch einmal machen."
Damit hatte er seine Mütze aufgesetzt und war bereits an der Türe. Tin unnatürliches Lächeln hatte seine Mutter auf den Lippen, als er noch rief: „Ruf Wiedersehen, Mütterchen! Roche etwas Gutes zu Mittag, ich bringe Hunger mit, denn um mein Frühstück bin ich heute gekommen.
Uls sich die Türe der Rüche geschlossen hatte und das Gepolter des Jungen die Treppe hinab verschallt war, sank die Frau auf einem Schemel zusammen, schlug die Hände vor das Gesicht und brach in ein verzweifeltes weinen aus.
hundert Mark! Der Junge trug sie so sorglos fort, und es hätte doch niemand gewußt darum niemand! Sie hätte soviel dafür Kausen können: Brot, Rartoffeln und Rohlen; es war so bitter kalt und sie fror, fror bis in das Innerste.
Warum bin ich so schwach gewesen und habe dem Jungen das Geld nicht einfach abverlangt? So klagte sie sich ,an. war sie denn nicht die Mutter und konnte ihrem Rinde befehlen, und es müßte gehorchen. Doch da sah sie die Hellen, reinen Rügen ihres Rarl wieder vor sich, wie er sie angesehen ohne alles Rrg, und sie malte sich aus, wie er sie angesehen haben würde, wenn sie ausgeredet, was sie auf dem Herzen gehabt. Wenn sie gesagt hätte: Rarl, gieb mir das Geld! wir beide leiden Not, und die Dank merkt den, Fehlbetrag kaum, die ist reich und kann solch einen kleinen Verlust verschmerzen. Da sah sie im Geiste, wie die Rügen sich weiteten vor Entsetzen. Entsetzen? nein Rbscheu! Rbscheu vor der Mutter, die so Rbscheuliches verlangte.
Die einsame Frau barg noch tiefer das Gesicht in die Hände. Das hätte sie nicht ertragen können, daß ihr Junge, ihr Einziges auf der Welt, an ihr gezweifelt oder sie gar verachtet hätte. Nein, nur das nicht! Lieber alles ertragen, lieber hungern und frieren. Darauf zog wieder Mut in ihr verzweifeltes Herz ein und sie richtete sich auf. war denn schon alles verloren? Lebte denn kein Gott mehr, der helfen konnte? Im Notfall mußte sie bitten gehen für sich und ihren Jungen, so sauer ihr das auch ankommen sollte. Rn den Pfarrer wollte sie sich wenden, der Rarl konfirmiert hatte. So überlegte sie. Ihm wollte sie ihre Not Klagen, und er würde helfen, soviel er konnte. Rber erst wollte sie sich heute mittag nochmals um ein paar ausgeschriebene Rrbeits- stellen bemühen. Sie seufzte und zitterte. Ls würde sich ja wohl noch ein Nusweg finden lassen aus dieser Not, und es war doch gewiß gut, daß ihr Rarl ein ehrlicher Junge war. hatte sie ihn denn nicht selber so erzogen? hatte sie ihm nicht die zehn Gebote Gottes so tief in das Rinderherz gepflanzt, daß er sie niemals mehr ganz vergessen konnte. Darüber empfand sie nun doch ein Gefühl tiefster, innerster Freude.
Sie wäre dieser Versuchung heute unterlegen, und nur der Segen dieser Erziehung, die sie ihrem Jungen gegeben hatte, hatte sie davor bewahrt. Ihr fiel das wort der heiligen, Schrift ein: „was der Mensch säet, das wird er ernten."
Indem sie dann ihrer Arbeit nachging, kamen ja immer noch einmal abschüssige Gedanken. Eben als sie das Feuer in dem kleinen Herde entfachen wollte und nichts mehr fand, als ein paar Tannäpfel und etwas dürres Reisig, und dann, als sie den Fettopf hervorholte und sah, daß er fast leer war, da dachte sie doch immer und immer wieder mit Bedauern, an die hundert Mark. Rber sie ließ die Gedanken nun nicht mehr Herr über sich werden. Ehrlich wollte sie bleiben und sollte Rarl bleiben, immer sollte er sie mit solch reinen, treuen Rügen ansehen können wie heute.
Rls es 12 Uhr geläutet, kam Rarl nach Hause und zwar, wie er bereits verkündet hatte, tüchtig hungrig. Eine würzige Zwiebelsauce hatte die Mutter zu den Salzkartoffeln gemacht, das schmeckte ihm nun vortrefflich. Ahnungslos aß der Junge das Letzte, das die Mutter im Hause hatte. Zwischendurch erzählte er, wie er stets tat, vom Geschäft, wie es gewesen war und was er alles gearbeitet hatte.
(Fortsetzung folgt.)
Kleine Mitteilungen.
Aus der Statistik der evangelischen Rirchengemeinde Gießen für das Jahr 1915 teilen wir folgendes mit. In der Stadtkirche und in der Johanneskirche wurden 278 Gottesdienste abgehalten, die insgesamt von 170 598 Personen besucht waren. Die Zahl der Teilnehmer wird jedesmal von den Rirchendienern fejtgestellt. Unsere Gottesdienste wurden mithin durchschnittlich von 614 Personen besucht, wenn diese Zähl geringer erscheint, als neulich im „Gießener Anzeiger" angegeben war, so ist zu berücksichtigen, daß die Frühgottesdienste im Sommerhalbjahre, die mit der Thristenlehre verbunden sind, geringer besucht sind, aber selbstverständlich in unserer statistischen Zusammenstellung eingerechnet sind. 98 Rindergottesdienste wurden insgesamt von 27 336 Rindern besucht, die Durchschnittszahl ist also 279. Um heiligen Abendmahl nahmen insgesamt 4520 Personen teil, davon aus der Matthäusgemeinde 968, aus der Markusgemeinde 976, aus der Lukasgemeinde 1536, aus der Johannesgemeinde 1040. Getraut wurden im ganzen 62 paare, aus der Matthäusgemeinde 12, aus der Markusgemeinde 9, aus der Lukasgemeinde 22, aus der Johannesgemeinde 19. Die Zahl der Taufen betrug für die Matthäusgemei.rde 94, für die Markusgemeinde 76, für die Lukasgemeinde 96, für die Johannesgemeinde 85, also zusammen 351. Ronfirmiert wurden in der Matthäusgemeinde 113, in der Markusgemeinde 92, in der Lukasgemeinde 164, in der Johannesgemeinde 103, zusammen 454 Rinder. Beerdigt wurden in der Matthäusgemeinde 72, in der Markusgemeinde 69, in der Lukasgemeinde 80, in der Johannesgemeinde 68, insgesamt 289 Personen.
Das sind nun alles ja trockene Zahlen, aber hinter ihnen steht das flutende Leben. Diese Zahlen lassen zunächst einen Rückschluß auf die Größe der Gemeinden zu. Addieren wir die Rmtshandlungen, die in den einzelnen Gemeinden vorgenommen wurden und fügen wir die Zahlen der konfirmierten Rinder zu, so entsteht die Reihenfolge Lukas-, gemeinde 526, Matthäusgemeinde 404, Johannesgemeinde 378, Markusgemeinde 338. Ein sicheres Bild kann man natürlich hieraus nicht gewinnen.


