Nr. 9. Gieszen, Sonntag Lstomihi den 5. März 1916. 5. Jahrgang.
Wider den Pessimismus.
Evangelium des Matthäus 13, 33. Vas Himmelreich ist einem Sauer.
teig gleich, den ein Weib nahm und vermengte ihn unter drei
Scheffel Mehl, bis daß es ganz durchsäuert ward.
hat das Gottesreich noch eine Zukunft auf Erden? Oder scheint nicht die gegenwärtige eherne Zeit mit ihren ungeheuren Ereignissen die Ohnmacht des christlichen Gedankens schlagend bewiesen zu haben, das ist eine Frage, die, je länger der Krieg dauert, jeden ernsten Christen um so stärker bewegt.
Denn wie liegen die Dinge? Es sieht böse aus in der Welt. Das Bibelwort „Die Welt liegt im argen", das dem kulturseligen Menschen der Gegenwart so verhaßt war, es wird jetzt wieder in seiner tiefen Wahrheit erkannt. Die Gemeinschaft der christlichen Volker ist aufgehoben. Gewiß, Kants Traum vom ,,ewigen Frieden" schien uns immer nur ein Traum, dem die harte Wirklichkeit noch lange nicht entsprechen wird. Rber wir erhofften doch eine wachsende Verständigung unter den Völkern, wieviel Helle Begeisterung, wieviel guter und ehrlicher Wille richtete sich aus dieses Ziel! wir schämen uns heute im Volkerkriege dieser Bestrebungen nicht. Karl hases Wort, das er am Schlüsse seiner Kirchengeschichte schreibt: „Zugleich mit der steigenden Zivilisation wird das Evangelium nie aufhören, dem Ideale des Gottes- friedens als einem heiligen Bunde der Völker nachzutrachten,' das tausendjährige Reich, das von Jahrtausend zu Jahrtausend immer nur kommt", dieses Wort wird immer für Christen richtunggebend bleiben aber vorläufig, vielleicht für sehr lange, ist alle Gemeinsamkeit zerrissen. Christen stehen gegen Christen im Feld. Das uns durch Rbstammung und Glauben verwandte englische Volk häuft fort und fort die schwersten Beschimpfungen auf uns. Man nennt uns Jünger des Gottesleugners und Ehristushassers Nietzsche. Englische Geistliche preisen in predigten die Tötung von Deutschen als ein verdienstliches Werk, sehnliches ließe sich von den Franzosen anführen.
wie steht es ferner mit der Kultur? Sonst diente alle Rrfceit dem Besserwerden in der Welt und so doch irgendwie dem Kommen des Reiches Gattes, fteute dagegen dient ein großer Teil aller Rrbeit der Vernichtung von Menschen und Kulturwerten. Es muß sein! Es ist harte Notwendigkeit. Rber Jesus weint!
Und die riesigen Totenopfer! hunderttausende sterben für ihr Vaterland. Uber - Jesus geht über die Schlachtfelder und weint!
Und endlich in unserm Volk, wie steht es da? Zu Kriegsbeginn ging ein neuer Geist durch das ganze deutsche Land. Cs war ein Wunder vor unseren Rügen. Seitdem ist manches anders geworden, viel Gutes ist geblieben, aber erneut machen sich auch alle böse Geister wieder breit: Gleichgültigkeit gegen Gott und Gottes Wort, Habsucht und Lieblosigkeit, Zuchtlosigkeit und Schamlosigkeit. Uoch fehlt viel, daß unser Volk wirklich durchdrungen wäre von Christi Geist und Idealen.
Rber, wenn dem so ist, müssen wir dann nicht Pessimisten werden, müssen wir dann nicht verzweifeln an der Zukunft des christlichen Gedankens? Uein und abermals nein! Trotz allem glauben wir an seinen Sieg, wir lassen uns ermutigen durch unser Gleichnis, wie war es doch, als Jesus auftrat? Stürmer und Dränger wollten das Gottesreich mit Gewalt herbeizwingen. Jesus nicht also. Er überläßt voll Demut Gott die Zukunft. Er sieht deutlich: es wird noch lange dauern, bis das Gottesreich da sein wird. Langsam, allmählich wird es kommen, wie der Sauerteig allmählich, aber unwiderstehlich den Teig durchsäuert, so wird das Evangelium die Welt langsam, aber stetig durchdringen. So schaut er in düsterer Gegenwart getrost in die Zukunft. In düsterer Gegenwart! Denn von dem Siege des Evangeliunis sah er wenig. Die Massen wollten auf die Dauer nichts von ihm wissen. Selbst seinen Jüngern fehlte oft das rechte Verständnis für ihn. Ihr Kleinglaube, ihre Ehrfurcht, ihre Leidensscheu verbitterten Jesus manche Stunde.
Die Geschichte hat Jesus recht gegeben. Wohl sahen die 19 Jahrhunderte christlicher Geschichte, die seit ihm vergangen sind, viel unchristliches Leben. Manche Perioden der Geschichte sind so dunkel, daß man meinen könnte, das Evangelium sei völlig vergessen worden. Rber immer wieder ist Thristi Geist durchgedrungen, vergleichen wir die heutige Zeit mit der Vergangenheit, so kennen wir z. B. keine Ketzerverfolgungen mehr, die sozialen Verhältnisse sind besser geworden, wir haben religiöse Freiheit, die Innere Mission, der Samaritergeist Jesu, hat weithin gesiegt. Ist das alles nichts? wie würde denn die Welt aussehen, wenn die christliche Rrbeit


