wurden. Ich brachte manche Stunde bei meinem Freunde zu. Der Uraber sprach seine Verwunderung darüber aus, daß wir gar keinen Gottesdienst hätten und scheinbar auch keinen Glauben. Solange als wir an diesem Orte seien, habe er noch nicht gesehen, daß wir Gottesdienst gehabt hätten, das gehöre doch zum Leben, wir seien ein ungläubiges Volk, ein solches Volk werde untergehen. Ich fand das doch sehr merkwürdig, und es gab mir zu denken, daß die (Eingeborenen der Unsicht waren, daß die Franzosen ein ungläubiges Volk seien. Leider war unsere Unterhaltung sehr mühsam,' denn der Uraber sprach nur wenig Französisch.
Ich mußte nun von dieser Stätte scheiden, obwohl ich noch sehr schwach war. Entlassen wollten die Franzosen mich noch nicht, wie so viele andere, die ebenso heruntergekommen oder zum Krüppel geschossen waren. Um 21. Oktober 1886 wurde ich mit der Bahn wieder nach Sidi-Dell-Ubbes gebracht. hier verblieb ich zehn Tage und wurde in dieser Zeit neu eingekleidet und ausgerüstet, wenn man bedenkt, daß ich elf Monate lang krank gewesen war, in dieser Zeit keine Waffen in den Händen gehabt und keinerlei Uebungen mitgemacht hatte, so versteht man, daß mir nun der Dienst außerordentlich schwer fiel. Uber die Franzosen schonen die Fremdenlegionäre nicht, sie brauchen auch keine Verantwortung hinsichtlich der Dehandlung dieser Leute zu tragen. Stirbt ein Mann auf dem Marsche, so wird er im besten Falle etwas verscharrt. Das tut die nachfolgende arabische Polizei, nachdem sie ihm die Wertsachen, wenn er welche hat, abgenommen hat. Waffen und Uusrüstungsgegenstände werden ihm selbstverständlich auch abgenommen. Der Kompagnie wird dann kurz mitgeteilt: der Mann mit der Nummer ? ist gestorben, und die Sache ist erledigt, wie viele sind auf solche weise mit Vorsatz in den Tod getrieben worden, nur damit sie der französischen Nepublik nicht zur Last fallen,' denn die meisten derer, die große Strapazen nicht mehr vertragen können, sieht man nur als lästige Mitesser an. Da muß man sehen, daß man solche Leute auf die billigste Urt und weise los wird.
wer weiß, ob mich nicht auch ein solches Schicksal getroffen hätte, wenn sich nicht wieder ein Mann gefunden hätte, der es gut mit mir meinte. Um Morgen des 31. Oktober marschierten wir von Sidi-Dell-Ubbes ab und kamen abends in Etappe aux Fontaines an. Es war für mich ein schrecklicher Marsch,' ich habe geglaubt, das nicht auszuhalten, hätte es auch nicht ausgehalten, wenn nicht ein aus der Schweiz stammender Sergeant meinen Tornister auf ein Maultier geladen hätte. Mitmarschieren mußte ich freilich, es half alles nichts. Um 1. November kamen wir durch eine mit Ulfa bewachsene Gegend. Dort war nichts zu sehen, kein Daum oder sonst etwas, nur Himmel, Sand und Ulfa. Mitunter begegneten wir Schaf- und Ziegenherden, die ihre Weideplätze wechselten. Es waren oft Herden von Tausenden von Tieren, von mehreren Hunderten von Urabern geleitet, wenn es an einem Punkt nichts mehr zu weiden gibt, so sind sie gezwungen, weiterzuziehen, wenn Fremdenlegionäre ihnen begegnen, gibt es immer ein Geschäft für die Uraber,' denn Nachfrage nach Milch ist sehr groß. Natürlich kann nur der Milch kaufen, der Geld chat, aber die meisten haben keins. Diese schließen dann Tauschgeschäfte ab.
Um 5. November kamen wir nach Saida und am 21. erreichten wir unseren Bestimmungsort Gerville. wir kamen auf diesem Marsche höchstens an zwei oder drei eigentlichen Unsiedlungen vorbei, sonst fanden wir nur Wasserlöcher ober Brunnen.
Nach dieser Marschperiode war ich so erschöpft, daß ich mich sofort krank meldete. Uuch hier war es wie überall, man mußte selbst sehen, daß man durchkam. Ich wurde von einem Kommando zum andern geschickt.
Ls war damals die Zeit, da der General Doulanger eine große Nolle in Frankreich spielte. Ts war bei uns das Gerücht verbreitet, daß alle, die nicht mehr felddienstfähig seien, entlassen werden würden, aber drei Monate vergingen, und es wurde uns nichts über unser Schicksal mitgeteilt. Eines Tages kam ein Neskript, das besagte, der Kriegsminister Noulanger habe angeordnet, daß alle, die die Expedition nach Thina und Tonkin mitgemacht hätten und nicht mehr felddienstfähig seien, entlassen werden sollten. Uber jetzt kommt das wunderbare: Nur die sollten entlassen werden, die imstande wären, das Neisegeld zu hinterlegen' denn die Fahrt von Marseille bis zur Grenze müsse bezahlt werden, wir sollten nur bis Marseille frei befördert werden, alle anderen Kosten müßten wir tragen. Das war wieder bezeichnend für die Urt, wie man in Frankreich die Fremdenlegionäre behandelt und wie man es ihnen dankt, daß sie ihre Gesundheit für die französische Nation geopfert haben.
(Fortsetzung folgt.)
war der alte Vetter erzählte.
Eine Erzählung aus der Franzosenzeit von L u g e n M a x) e r.
(Fortsetzung.)
Uls der Sommer den Leuten die Sense in die Hand gab, damit sie das Gras der wiesen und die Frucht des Feldes heimtäten, zogen hin und wieder ein paar ,,Nußländer", wie die Soldaten der großen Urmee genannt wurden, durch die Stadt. Sie erzählten den horchenden Städtern von dem Furchtbaren, das sie auf den Schneefeldern des kalten Landes durchgemacht hätten,' sie zeigten ihre erfrorenen oder verstümmelten Glieder und berichteten von den vielen, die in Kußland der Kälte oder den Wölfen oder den Lanzen der Kosaken zum Opfer gefallen waren. Die Leute aus dem Dorfe eilten zur Stadt, wie alles aus der ganzen Umgegend. Uber wie sie auch fragten und forschten und manchen guten Dissen in die gierigen Hände der heimkehrenden wandern liehen: von Hannes konnten sie nichts erfahren. Einer meinte sich zu erinnern, daß beim Uebergang über einen Fluß Beresina nannte er ihn die Drücke unter den fliehenden Truppen zusammengebrochen sei und daß in dem Gedränge der sich quetschenden oder in das eiskalte Wasser hinabstürzenden Soldaten auch Leute von dem Kürassierregiment gewesen seien, zu dem Hannes gehörte, von Hannes selbst aber wußte keiner etwas zu sagen.
Und der herbst kam und ein neuer Winter stellte sich ein. Man wußte jetzt auch in der Pfalz, daß der Kaiser in einer großen Schlacht besiegt sei und froh sein dürfe, wenn ihm das Land bis zum Uhein erhalten blieb, wieder fanden große Truppendurchzüge auf der Kaiserstraße statt, aber jetzt nicht mehr nach Uorden und Osten, sondern von dort kamen sie her und fluteten rückwärts nach Westen. Ts hieß, daß ihnen die Preußen und Küssen auf den Fersen folgten, wiederum scheuten die Leute aus dem Dorfe keine Mühe im Fragen nach den vor bald zwei Iahren Uusgezogenen. Unter den französischen Truppen befanden sich auch Leute vom Kürassier- Kegiment, in dem Hannes gestanden hatte. Uber es waren meist junge Leute, die erst im vergangenen Frühjahr ausgehoben worden und nur in Deutschland vor den Feind gekommen waren. Die paar alten Soldaten, die darunter waren,


