Äonntagsgrusz
Gememöeblatt süröie evangelische Kirchengememoe
Gieszew
Nr. 5
Gießen, 5. Sonntag n. Epiph. den 6. Februar 1916.
5. Jahrgang.
Deutsche Heimat.
Buch Zosua 1, 6. Set getrost und unverzagt; denn du sollst diesem Volk das Land austeilen, das ich ihren Vätern geschworen habe, daß ich es ihnen geben solle.
Kn einem Spätsommertage des vorigen Jahres ging ich im bayerischen Hochgebirge durch das berühmte Geigenmacherdorf Mittenwald. Wer aus Mitteldeutschland kommt, fühlt sich hier zunächst in eine ganz fremde Welt versetzt. Eigentümlich ist die Lauart der Häuser. Breite Giebel schauen nach der Straße, nur der Unterstock ist aus Steinen errichtet, oben ist alles Holzkonstruktion, breite Veranden laufen ringsumher. Klles ist in Hellen Farben gehalten, blau und grün überwiegen. Heiligenbilder sind fast an jedem Giebel zu sehen, auch Abbildungen aus der heiligen Schrift; so fand ich an einem Hause in grellen Farben ausgeführt, wie Judith über Holofernes das Schwert schwingt. Buch die Kirche ist in ihrem Innern sehr buntfarbig, jedenfalls ist sie ganz anders als eine hessische Dorfkirche. Ueber dem Dorfe ragt das gewaltige, schroffe Karwendelgebirge aus, unten wiesen, dann Wald, schließlich nur noch kahle Felsen, durchfurcht von Wasserrinnen. Man merkt am Dorfe und am Gebirge, daß man sich hier tief im deutschen Süden befindet, fast will es scheinen, als ob der Uebergang zu italienischer Krt von hier aus kein allzu schroffer mehr sei. Dennoch hat man den Eindruck, daß man in kerndeutschem Lande weilt. Kuf der Dorfstraße singen die Kinder: Ich hatt' einen Kameraden. . . Gloria, Viktoria, in der Heimat, in der Heimat, d^a gibts ein Wiedersehen; sie singen genau in demselben Tonfalle, wie das oberhessische Kinder tun, und vor der Kirche steht ein Kriegerdenkmal von 1870/71, das uns verkündet, daß Söhne der Gemeinde Mittenwald bei Sedan und Orleans für die deutsche Heimat gefallen sind.
Einige Jahre sind es her, da stand ich im deutschen Norden auf der Insel Sylt und sah über das Wattenmeer die Moven fliegen. Breit und klotzig ragt am Strande der Kirchturm von Keitum auf, aber unendlich malerisch fügt er sich in seine Umgebung ein, weither aus der Heide sieht man ihn auftagen. Nus roten Lacksteinen ist er erbaut, die Kirche, an die er sich anlehnt, ist weiß getüncht. Ganz anders ist auch dort die Urt, als in unserem mitteldeutschen
Lande. Friesische Laute schlagen an unser Ohr, Segel blinken im Sonnenschein, auf dem Kirchhofe haben zumeist Seeleute, die lange Jahre das Meer durchfuhren, ihre Luhe gefunden. Uber deutsch ist auch dort das Land. Die Gedenktafel in der Kirche gibt an, daß aus dem Kirchspiel Keitum bei Gravelotte mehrere Männer und Jünglinge für Deutschlands Einheit und Große ihr Leben gelassen haben, und deutsche Gotteslieder, Lieder von Luther, Gerhardt und Arndt, werden allsonntäglich in der eigenartigen Inselkirche gesungen.
Unsere Kämpfer in Ost und West haben überall, wo sie jetzt stehen, den Eindruck, daß sie in fremdem Lande sind. Luch in Frankreich, einem Lande, das der Kultur nach uns am nächsten steht, denken sie nicht anders. Die Unsauberkeit der Bewohner, die Trägheit der Männer, die Dreistigkeit und Verdorbenheit der Kinder, die leichtsinnige, großsprecherische Art, die Uückständigkeit in vielen Einrichtungen, besonders auch in der Wohnungseinrichtung, all das läßt unsere Krieger empfinden, daß sie in einem Lande sind, das ihnen äußerlich und innerlich ftemd ist und fremd bleiben wird. Sie, die draußen stehen, wissen, was sie an dem großen, gemeinsamen vaterlande haben, darum sind sie entschlossen, weiter für die Heimat zu kämpfen, daß sie ihre Eigenart behalte und daß diese Eigenart Kindern und Kindeskindern gewahrt bleibe. Sie wissen, daß es Gottes Wille ist, daß sie für dieses Land kämpfen, und wie Josua, der seinem Volke das Land der Väter zurückeroberte, sind sie getrost und unverzagt und halten aus in Pflicht und Treue, bis das Werk vollbracht ist und die Feinde mit ihrer Gewalt und Lüge zuschanden geworden sind. h. L.
»n$ zwei Jahrhunderten.
Hls Kummer 24 der von Professor D. Dr. Diehl in Friedberg herausgegebenen ,,hessischen Volksbücher" ist neulich ein Luch erschienen, das in mancher Hinsicht interessant ist. Es trägt den Titel „Ludwig Wilhelm Luck, Pfarrer und Thronist von Wolfskehlen, ein Freund Friedrich Hebbels" und hat den bekannten Verfasser des ausgezeichneten Werkes „Jesus im Urteil der Jahrhunderte" und Herausgeber des groß angelegten Werkes „Die Klassiker der Keligion" Professor und Hofbibliothekar Lic. Gustav pfannmüller in


