So ist es im Kriege bei unseren Gegnern geblieben. (Ein Glied unserer Gemeinde sendet mir aus valenciennes eine Nummer der „£iller Kriegszeitung", in der Kanonier weiglin einen Artikel „Das Volk ohne Weihnachten" veröffentlicht. wir lesen darin: „wir haben auch in diesem Jahre das hohe Fest in heimatlicher weise begangen. Jeder hat das Veste, was er sein eigen nennt: Frau und Kinder, Eltern und Braut, den ganzen Umkreis seines bürgerlichen Lebens, schmerzlich vermißt. Uber die frohe Botschaft der heiligen Uacht ist jedem erschollen. Zeichen der Liebe haben jeden erreicht. Gute Kameradschaft hat jeden erquickt, und wo es irgend angängig war, da leuchteten wenigstens ein paar Kerzen auf und durchstrahlten das dürftigste Obdach. Die Franzosen haben kein Weihnachten. Es ist selbstverständlich, daß ihnen die heilige Geschichte aus dem zweiten Kapitel des Lukasevangeliums in den Kirchen mit höchster Feierlichkeit verlesen und gedeutet wird. Uber trotz der Krippen und Ehristbäumchen in ihren Schaufenstern, trotz ihrer bunten Karten mit dem Weihnachtswnnsch „joyeux Noöl" ist der Geburtstag des Herrn kein Fest des Volkes und der Kinder geworden. Niemals ist uns die Stabt Lille mit ihren Bewohnern so fremd gewesen wie am ersten weihnachtstag. hier ist keine Spur von Feiertagsstimmung. Das mißtönende Konzert der Straße wickelt sich wie an jedem Ulltag ab. Die Laden sind offen. Die Leute tragen Ulltags- kleider. wir haben das langst gewußt, aber wie arm die Franzosen sind, ist uns erst hier klar geworden. Erst hier haben wir erkannt, daß es sich nicht um eine abweichende Sitte, sondern um eine Kluft zwischen Weltanschauungen handelt."
Uehnliches berichtet ein Mann aus unserer Gemeinde, ber als Lokomotivführer in Belgien steht, aus diesem Lande. Uuf die Zusendung unseres Gemeindeblattes hat er folgende Untwort gegeben: „Sonntagsgruß! wie ein Heimatsgruß ließ er mich Gefühle der Freude und des Dankes empfinden. schnell bestieg ich meine Maschine (hatte Bereitschaftsdienst) und las mit sehnendem verlangen: Udvents- hoffnung, heiliger Übend 1915 und Neujahr 1916, diese Betrachtungen, denen Worte der heiligen Schrift zugrunde gelegt waren, Worte des Trostes, der Gnade und der Hoffnung. Ich las mit Interesse Erlebnisse, Erinnerungen und Erzählungen. Darnach betrachtete ich mit Freude und dankbarem Herzen nochmals den Kopf des Sonntagsgrußes, sah unser liebes Gotteshaus, und denke nach, höre im Geiste die weihnachtsklänge, höre die Silvesterglocken in ihrem vollen Klange, als rufe jede einzelne: Komm doch, komm doch! hier bei der Bevölkerung wie auch in Frankreich hat man im ersten halben Jahr überhaupt nicht gemerkt, daß es Sonntag war. Oder auch doch, denn mir wie auch meinen Kollegen machte es den Eindruck, baß an Sonntagen, be- sonbers in Frankreich, bie Felbarbeit viel reger betrieben wurde als am Wochentag, hier sah ich im vorigen Sommer einen Mann täglich vor seinem Hause sitzen und rauchen. Am Sonntagmorgen kam ich uorbei, da zerkleinerte er Holz, als ich abends wieder vorüberkam, war er immer noch damit beschäftigt, obwohl das Holz schon tagelang dort lag. Am Neujahrstag fuhr mein Ouartierwirt mit einem Karren Dung hinaus in das Feld. Rn Weihnachten war auch nicht eine Spur von dem Feste wahrzunehmen. O, du mein liebes deutsches Vaterland, niemals darfst du zugrunde gehen!"
was der alte Vetter erzählte.
Eine Erzählung aus der Franzosenzeit von Eugen Mayer.
(Fortsetzung.)
Ein solches vertrauen genoß unser Herr Pfarrer aber bei allen Leuten der Gemeinde, mit der er die schweren Kriegsjahre der Franzosenzeit hindurch alle Trübsale wacker geteilt hatte. Auch seine predigten hörten die Leute gern. Er predigte ganz anders als heute gepredigt wird. Er belehrte uns über das, was nützlich ist für das tägliche Leben, und das war ganz gut so,' benn die meisten Leute hatten damals keine ordentliche Schule besucht und steckten voller Aberglauben. Da wäre es ganz vergeblich gewesen, wenn er von hohen Dingen zu den Leuten geredet hätte,- das wäre ihnen über die Köpfe hinweggegangen. So aber machte er ihnen klar, wie man eine ordentliche Haushaltung führt, wie man sparsam sein soll und kann, wie man die Kecker und das Vieh behandeln muß, wenn sie einen Nutzen abwerfen sollen. Auch über die Nohheit der Leute und ihre Laster wußte er recht verständlich und deutlich zu reden; denn er hatte einen guten Auswurf und die Leute wußten immer, was er mit seinen Worten sagen wollte. Dabei kam aber Gott nicht zu kurz - es wurde uns gezeigt, wie der liebe Gott alles recht vernünftig eingerichtet hat und daß wir nur unsere Vernunft anzuwenden brauchten, um das einzusehen und zu begreifen, daß Gott ordentliche Menschen haben will und nur die selig werden läßt, die ein ordentliches, frommes Leben
Es war eine wahre Freude, dem „alten Vetter" so zuzuhören, wenn er so ganz aus seinem Herzen heraus seine Meinung sagte. Da war nichts von der süßlichen Frömmelei zu merken, mit der man sonst die Leute in „gläubige" und „ungläubige" einzuteilen sucht, je nachdem sie ein frommes Gesicht und fromme Nedensarten machen oder nicht. Das war noch ein Mann vom alten Schrot und Korn, der das Herz auf dem rechten Fleck hatte und nicht anders redete, als er dachte, der auch die Leute nach ihren Taten und nicht nach ihren Worten oder Gebärden beurteilte.
So waren nun also der Hannes und die Gret Mann und Frau, erzählte der „Vetter" nach dieser Abschweifung weiter. Sie wohnten vorerst bei den Eltern der Gret, die ein eigenes Häuschen am Wald hatten. Später wann ruhigere Zeiten gekommen wären, wollten sie an die Errichtung eines eigenen Herdes denken, vorerst war man allerseits zufrieden, weil ja nun nach dem bestehenden Brauch Hannes vor der Einziehung zum Militär bewahrt blieb. So sahen sie alle der kommenden Aushebungsmusterung entgegen. Den Winter über lebten sie wie der Vogel im Hanfsamen und machten sich keine „Schagrillen".
Im Frühjahr kam die Musterung. Leichten Herzens, im Gefühl seiner Unantastbarkeit, stieg Hannes zur Stadt hinunter. Auf der Mairie mitten in der Stadt fand die Musterung statt. Als der Hannes austrat, ging ein Murmeln der Bewunderung durch die Kommission,- denn er war ein prächtig gebauter, starker Mensch, der Hannes. „Das gäb’ einen Kürassier!" sagte ein Offizier, der am Tisch saß. Der Hannes sah ihm lachend ins Gesicht, so daß der ihn barsch nach dem Grund seiner Fröhlichkeit fragte. Hannes erklärte offen, daß es bei ihm mit dem Kürassierwerden nichts sei, da er verheiratet und Vater eines Kindes sei. Da schauten die Mitglieder der Kommission einander bedeutungsvoll an und der kaiserliche Präfekt meinte trocken: „Das wird dich wenig nützen, mein Sohn,- denn wir wissen längst, daß ihr euch damit dem Militärdienst entziehen wollt, und wir sind es


