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Gemeinüeblatt fülöik evangelische Kircbengemtinüe Giefzeer
Nr. 52. (Biefeen, Freitag, Silvester, den 31. Dezember 1915. 4. Jahrgang.
Neujahr IM.
von Generalsuperintendent v. K l i n g e ma n n - Koblenz.
Evangelium des Johannes 9, 4. Ich muß wirken die Werke des, der mich gesandt hat, so lange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann.
Gegen das Ende des Dreißigjährigen Krieges sang einst Paul Gerhardt im Neujahrsliede:
Schleuß zu die Jammerpforten Und laß an allen Grten Nuf so viel Blutvergießen Die Friedensströme fließen.
Es war ein müdes Geschlecht, das damals, um seine vaterländische Hoffnung betrogen, also sang und um den Frieden betete. Und als am Ende des furchtbaren Erschöpfungskrieges der Friede kam, brachte er deutschem Volk und Sand schweren Verlust, besiegelte er jene Machtlosigkeit, die immer neuer Kämpfe und immer neuen Elends Keim in sich trug.
Buch unser hoffendes Gebet zum Neuen Fahre ist auf Frieden gerichtet; eher aber wollen wir neue Gpfer bringen, als in einen Frieden willigen, der nicht die Bürgschaft der Dauer darin erweist, daß er unverkürzten Siegespreis unserem Volke sicherte, Kaum zu neuer Entfaltung seiner gesunden Kraft, Macht als Bedingung seines Gedeihens nach innen und nach außen. Und über der Sorge, der Trauer, mit der wir des vergangenen Jahres und seines Blut- und Tränenopfers gedenken, vergessen wir nicht den Dank. Siege von wunderbarer Herrlichkeit sind erstritten worden, weithin nach Vst und Süden in Feindes Sand, bis in das Herz der Balkanlande sind unsere Streiter oorgedrungen, nicht um einen Schritt hat die Mehr im Westen gewankt. Ein Fahr des Nuhmes liegt hinter uns, das zu den entscheidenden Fahren in der Geschichte der Völker gerechnet bleiben wird. Mir hatten's freilich anders gcbacfjt; wir meinten wohl, als wir über des Fahres Schwelle traten, es sollte uns bald den Frieden bringen, die frohe Heimkehr unserer ruhmgekrönten Söhne und Brüder. Und dann hatte es ein Fubeljahr uns werden sollen, reich an großen vaterländischen Erinnerungen. Den Fahrhunderttag der Geburt unseres Bismarck hatten wir fröhlich feiern wollen, die Erinnerung an den Tag von Belle-Nliance, die Fünfjahrhundert-Feier ruhmvoller hohenzollernherrschaft wollten wir jubelnd begehen. Ueber das alles hat sich heiliger Ernst gebreitet, es war uns wohl,
als sei das selbst Erlebte schier größer als alle Erinnerungen.
Nun tragen wir die Hoffnung auf den endgültigen Sieg, den Frieden, in ein neues Iahr hinüber und grüßen noch einmal das scheidende Fahr in seiner erschütternden Größe, in seinem heiligen Ernst. Ls ist der Ernst der Zeit, der uns auch den ganzen Wert der Zeit ermessen lehrt. Die Größe unseres Erlebens muß uns auch den tiefen Sinn, den wert des Lebens erschließen. Näher als sonst ist uns in all den ergreifenden Bildern der Vergänglichkeit, in all der Zerstörung und Vernichtung die Ewigkeit mit ihrem Trost getreten ; wir wüßten ohne Ewigkeit die Schwere unseres Verlustes, unserer Entbehrung nicht zu deuten und nicht zu tragen. Uber des Glaubens Trost weist uns immer wieder in die Pflicht, in das Leben zurück.
Bus Fesu Munde haben wir ein wort von wunderbar tiefer Diesseitigkeit: „Ich muß wirken die werke des, der mich gesandt hat, so lange es Tag ist' es kommt die Nacht, da niemand wirken kann." So wollen auch wir den Lrdentag mit seiner Pflicht verstehen, dankbar sein für das unserem Erdentag und seinem verordneten werk neu geschenkte Fahr. Das Uecht der Hoffnung auf unseres Volkes Zukunft ruht in dem Maß von pflichttreue, von sittlicher Kraft, das wir unserem Volke Zutrauen, und das ein jeder in sich selbst gestalten muß. Für das Gemeinwohl wissen wir uns haftbar, verantwortlich, und unseres Lebens köstlichen Inhalt weist uns die Urbeit, die Pflicht. Für schweren Verlust und hartes Entbehren muß innerer Keichtum uns entschädigen, der großen Zeit muß unser Leben sich wert erweisen, indem es großen Zielen sich hingibt, vielleicht, daß des Lebens Pflicht für manche in unseren Tagen kein geringeres Gpfer bedeutet als die Pflicht des Sterbens.
Zum Jahreswechsel.
Durch aller Iahre leisen Flug Uinnt hier schon ew'ges Leben,
Den Seinen will davon genug Oer treue Heiland geben;
Denn gehst du gläubig durch die Zeit, Lebst hier schon für die Ewigkeit,
Und wanderst nach dem Himmel.
wir stehen wieder an der Jahreswende, zum zweiten Male nach Entfesselung von Kümpfen, Stürmen und wirren, wie sie die Welt noch nicht sah. Wohl dachten wir vor einem


