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Nr. 51. Gießen, Sonntag Stephanus, 26. Dezember 1915. 4. Jahrgang

heiliger Abend M5.

Iesaia 54, 10. (Es sollen wohl Berge weichen und Hügel t)infallen ; aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der Herr, dein (Erbarmer.

Das ist in diesem Jahre ein Weihnachtsabend, wie wir ihn noch nie, auch nicht im ersten Kriegsjahre, erlebt haben. Wenn sonst nach dem kurzen, trüben Tage die frühe Dämme­rung hereinbrach, so zog es wie ein Gottesfrieden durch das Land. Die Straßen wurden menschenleer, das Arbeitsgeräusch verstummte, aus dem Innern der Häuser drang der Gesang von Weihnachtsliedern in das Freie, hier und da blitzte das Licht des Thristbaums durch die Fensterscheiben. Fröhlich waren Alt und Jung unter dem Tannenbaum versammelt, die Kinder freuten sich der Gaben, die die Liebe der Titern ihnen darreichte, und die Erwachsenen oergassen für kurze Zeit die Sorgen, die sie sonst bedrückten, auch die Alltags­pflicht, die sonst auf ihnen lastete. Droben am Firmamente gingen die Sterne still ihre Dahn, dieselben Sterne, die schon in der Geburtsnacht des Heilandes auf die Weidetrift Ju­däas herabgeleuchtet haben.

heute ist alles ganz anders. Zwar die Sterne schreiten noch weiter in ihren uralten Geleisen, aber ernste Sorge und schwere Not liegen, einer dunklen Wolke vergleichbar, auf dem deutschen Volke. Trotz der herrlichen Erfolge unserer Feldheere, trotz der Eingebung unserer Krieger merken wir jetzt nach siebzehn Monaten de^Krieges doch sehr, daß wir Krieg haben. Am 4. Adventssonntage, dem Tage, an dem die Epistel uns zuruft: Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich euch: freuet euch, erhielten wir die Trauerkunde, daß wackere deutsche Seeleute auf dem kleinen KreuzerBremen" in den eisigen Fluten der Ostsee ihr Leben für das Vaterland gelassen haben und daß französische Flieger in der lothringischen Hauptstadt ein schönes Werk deutscher Kultur zerstört haben. Wohl will das WortFrie­den" jetzt nicht mehr aus unseren Zeitungen verschwinden, allenthalben regt sich der Wunsch, daß Friedensverhand­lungen angebahnt werden, unsere Negierung will gern die Hand dazu bieten, wenn für die Würde und die Sicherheit des Deutschen Neiches ausreichende Garantien geboten wer­den, aber noch herrschen bei unseren Gegnern Blindheit und

Unvernunft, sonst würden sie nicht immer wieder von der Zertrümmerung des deutschen Militarismus als von ihrem Endziel reden. Wie schwer sind jetzt hunderttausend« unserer Familien getroffen, hunderttausende deutscher Frauen feiern Weihnachten allein mit ihren Kindern, der Vater steht in Flandern, Nordfrankreich, Serbien, in Grodno oder vor Dünaburg. Wie sehnsuchtsvoll werden die Gedanken unserer Kämpfenden am heiligen Abend aus dem Schützengraben, aus dem Unterstand und aus dem elenden Ouartier nach der lieben Heimat, nach dem trauten heim gehen. Sn der Ehrist- nacht werden unsere Tapferen scharf wie immer hinaus­spähen nach der Uichtung, von der der Feind möglicherweise erwartet werden kann, aber manche Träne wird dabei über das bärtige Gesicht und die wettergebräunte Wange rollen. Aus der Heimat, aus dem Zimmer, in dem kein Thristbaum leuchtet, gehen traurige Gedanken hinaus in die Fremde an die Gräber der Lieben, die für ihr Volkstum gestorben sind und nun Weihnachten im Himmel feiern.

Es wäre diesmal ein trostloser Weihnachtsabend, wenn wir seine Feier nur im Geben und Nehmen von Geschenken, in dem Singen von Weihnachtsliedern, in stillem Ausruhen und im Schwelgen in Kindheitserinnungen begehen würden. Das alles ist uns diesmal verleidet. Aber gottlob unsere Weih­nachtsfreude >und unsere Weihnachtsfeier haben tieferen Grund. Deshalb freuen wir uns, daß wir einen Heiland haben, der alle Not zu Ende bringt, der Sünde vergibt, traurige Herzen tröstet. Schwer ist der Druck, der jetzt auf uns lastet, aber Thrist, der Netter, ist da. Mögen die Ka­nonen donnern in der heiligen Nacht, mag der Feind unsere Stellungen mit Handgranaten bewerfen und auf Häuser, in denen kleine Kinder schlafen, Bomben schleudern, mag der weltbrand noch weiter durch Europa lodern, mögen Berge weichen und Hügel hinfallen, meine Gnade, so sagt der Herr durch den Mund seines Propheten, soll nicht von dir weichen und der Bund meines Fried.ms soll nicht hinfallen. Einst, nach der Sintflut hat Gott zum Zeichen seiner Barmherzigkeit seinen Ncgenbogen in die Wolken gesetzt, er wird auch der Sintflut dieses Krieges seinen Friedensbogen wied. am Him­mel erscheinen -lassen,' denn der Herr ist ein König in Ewig­keit, der Herr wird seinem Volke Kraft geben, er wird sein Volk segnen mit Frieden. h. B.