Nr. 50. Gießen, Sonntag 4. Advent, 19. Dezember 1915. 4. Jahrgang
A-ventshosfnmig.
Icsaia 40, l,9u. 10. Tröstet, tröstet mein Volk! spricht euer Gvtt. Saget den verzagten Kerzen: Seid getrost, fürchtet euch nicht! Sehet, euer Gott, der kommt zur Rache. Gott, der da vergilt, kommt und wird euch helfen.
Die Dezembernebel wallen morgens und abends durch dasIlahntal und verbergen uns die Aussicht. Und an wie manchem Tag läßt der trübe Himmel das liebe Sonnenlicht nicht durch. Doch wir wissen es ja:
Und ob die Wolke sie verhülle,
Die Sonne bleibt am Himmelszelt.
Wenn nur erst einmal Weihnachten da ist, dann wird die Sonne schon wieder Uraft gewinnen, die Uebel zu verscheuchen, und dann wird sie auch da, wo eben Blatt um Blatt von Baum und Strauch fällt, und bald der Tod sein weißes Leichentuch über alles Leben decken wird, neues Leben aus dem Erstorbenen erblühen lassen. Es wird, denn es muß auch wieder Frühling werden.
So hoffen wir, wo die Hoffnung dem Unschein nach immer weniger Berechtigung hat, nur um so mehr auf die Zukunft. Uch, wenn die Hoffnung nicht wäre, wie könnten wir es überhaupt auf Erden aushalten?
Etwas wünschen und -verlangen,
Etwas hoffen muß das Herz,
singt unser Dichter Bückert. Gott Lob! in uns allen lebt etwas Udventsstimmung. Die Sehnsucht nach einer besseren Zukunft hat der liebe Gott als ein unveräußerliches Stück der Menschennatur in uns hineingelegt, wie unsere Binder auf den strahlenden Ehristbaum in der Weihnacht, so warten wir Menschen aus das Glück. Der ausziehende Brieger hofft auf Sieg und ein frohes Wiedersehen in der Heimat, und noch am Grabe pflanzt der Mensch die Hoffnung auf. wir leben von der Hoffnung- und sie gründet sich auf den lebendigen Gott.
Die Juden warteten auf den Messias. Beiner der großen Propheten hat dieser Hoffnung zuversichtlicher Busdruck verliehen, als der gewaltigste jener alttestamentlichen Gottesmänner, Jesaia. „Tröstet, tröstet mein Volk! spricht euer Gott", so ruft er seinen Zeitgenossen in der Zeit tiefster Erniedrigung zu. „Saget den verzagten Herzen: Seid getrost, fürchtet euch nicht! Sehet, euer Gott, der kommt zur Bache.
Gott, der da vergilt, kommt und wird euch Helsen." von dieser Hoffnung lebte das Volk Israel. Bber Jesaia und sie alle, die seine Wsorte tranken als Labsal ihrer Seele, sie durften die Erfüllung nicht erleben. wir leben im Lichte der frohen Botschaft des Evangeliums. Wir wissen: Gott hat Jesus von Nazareth zum Herrn und Ehrist gemacht. Wir haben den Heiland. Sollten wir nicht um so zuversichtlicher in der schweren Zeit, die über uns gekommen ist, in die Zukunft schauen, zumal wir es nunmehr fast Ist» Jahre haben erfahren dürfen, wie kräftig uns Gott geholfen hat! Unsere Gpser sind schwer, aber nicht vergeblich. Die Blutsaat dieses Weltringens wird reiche Frucht bringen, wenn es einmal wieder heißen wird: Friede auf Erden, hoffen wir auf den lebendigen Gott!
Buch du, bangende Seele, die sich ängstet um den Lieben draußen vor dem Feind. Ja, auch du, bekümmertes Herz, dem alle Hoffnung in Scherben liegt, weil du dein Blies dahingegeben, auf dem Bltar des Vaterlandes geopfert hast. Er kommt und wird auch dir helfen - wenn nur einmal das Thristfest da ist, und du gläubig mit der Gemeinde an der Brippe kniest und mitsingst: Thrist, der Better ist da, freue, freue dich, 0 Ehristenheit! Dann wirst du es erleben und selbst erfahren, wie recht Jesaia hat, wenn er Gott nennt einen „Meister im helfen". D.
Sin Brand in Gießen im Jahre J 822 .
In Nr. 9 dieses Jahrgangs des „Sonntagsgrußes" haben wir einen Brief des Geh. Birchenrates v. Engel veröffentlicht, der seinem Gnkel, dem Pfarrer Göbel in Langenhain, von einem Brande berichtet, der am 9. Bugust 1822 zu Gießen in der Hintergasse, der heutigen Wetzsteinstraße, gewütet hat. Im Jahrgang 1822 der „varmstädter Zeitung" (damals „Großherzogliche hessische Zeitung" genannt) finden wir folgenden Bericht von dieser Feuersbrunst:
„Bm verwichenen Freitag, Nachmittags gegen 2 Uhr, zog ein starkes Gewitter über die hiesige Stadt- der Blitz schlug in eine Scheuer, die mit Heu und Stroh angefüllt war,- in wenigen Ulinuten stand der Bau in Heller Flamme und in einem Bugenblicke ergriff das Feuer noch zwei andere daran anstoßende Gebäude. Durch die angestrengteste hülfe der Einwohner, der Studierenden und vieler herbeigeeilten


