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Nr. 49. Gießen, Sonntag 3. Advent, 12. Dezember 1915. 4. Jahrgang

kreuz und Weltkrieg.

1. Brief an die Korinther 1, 18. Vas Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden, uns aber, die wir jelig werden, ist es eine Gotteskraft.

Darf man in der Kdventszeit vom Kreuze Lhristi reden? Klingt nicht etwas wie Hoffnungslosigkeit für ein schmerz­gebeugtes Herz durch, als wäre das Ende aller Kdvents- freude doch nur das bittere Kreuz? So mag der Kleinmut sprechen, aber in wessen Seele Gott und der, den er, uns zu erlösen, sandte, Kaum gefunden hat, der empfindet anders. In ihm kann über allem Kreuz und Herzeleid der Erde dennoch der milde Schimmer einer bleibenden Kdventshoffnung nicht auslöschen,- ja, ihm strahlt vom Kreuz von Golgatha recht eigentlich das Licht eines Trostes und einer Zuversicht, das im Leben und im Sterben seinen wunderbaren Schimmer nie ver­lieren kann. Freilich, wir glauben, man kann das alles, was in dem MorteGekreuziget" sich einst vor den Toren Jeru­salems abspielte, erst ganz verstehen, wenn die sieben Worte des Heilands am Kreuz die eigene Seele im schmerzlichsten Erleben selbst durchzittert haben: Jenes Kbschiednehmen, der letzte Gruß eines Sterbenden an Eltern und Geschwister, jenes körperliche, zu Durstqualen gesteigerte Leiden, jene, wenn auch vorübergehende Seelenangst der Gottverlassenheil. Kber auch jene Milde, welche alles Herzeleid, das Menschen über uns bringen können, jetzt im Kriege vielleicht auch die todbringende Kugel eines Feindes, im Lichte der Gewißheit eines Paradieses, eines Keiches seliger Geister, verzeiht, wo kein Geschrei und keine Sünde mehr ist, um dann, eingebettet in den Frieden Gottes, das irdische Tagewerk, und wäre es noch kürzer als die kurze Lebensspanne Jesu, im Bewußtsein treu erfüllter Pflicht zu beschließen: Es ist vollbracht! . . . Das ist das Kreuz Jesu, in dem sich das Kreuz jedes voll durchgeprüften Menschenherzens widerspiegelt. Es gibt Leute, von denen man sagt: Ls geht ihnen alles leicht auf der Erde. Ls gelingt ihnen alles,' sie mögen anfassen, was sie wollen. Sie werden vor unendlich viel Schwerem ihr Lebenlang bewahrt, das andere niederzudrücken droht! Und doch, wir beneiden sie nicht. Wie wir Eltern nicht beneiden können, die kinderlos durchs Leben gingen, so Menschen nicht, die das Leid der Erde nicht reich ausgekostet haben. Denn es gehört nun einmal zum Sinn des Seins. Bei diesen

Schmerzträgern ist Gott in ganz besonderer weise am Werke,- wir glauben, er hat sie besonders lieb. Er konnte niemanden lieber haben, als den Heiland, und er hat niemanden weniger geschont, als diesen seinen eigentlichen Sohn in des Wortes größter und heiligster Bedeutung. Da liegt ein Geheimnis, aber eines gottseliger Krt. Dadurch, daß Gott im Heiland, wie wir ihn bisher schon kennen lernten, selbst das Kreuz des Leidens bis zum bitteren Tode auf sich genommen hat, ist aller Schmerz veredelt, ja vergöttlicht. Dieses Kreuz kann nun kein Zufall, kein blindes Schicksal, wie es die Ulten sich dachten, mehr sein. In ihm muß ein wunderbarer, höchster Zweck sich darstellen und auswirken. Und wir meinen, er läßt sich hier schon ahnen, für reife Geister sogar schon vor­erleben. Tr liegt in der begreiflichen Tatsache, daß man alle Dinge erst am Maß des Gegensatzes erfassen und erkennen kann. Wer Freude empfinden will, muß Leid kennen lernen. Venn wie sollte sonst die Wonne der Freude überhaupt von uns erlebt werden können? Und so gilt es von Frieden und Krieg, von Leben und Tod, von Ewigkeit und Zeit, von Gott und Welt! Kber das himmelaufjauchzende wird immer bleiben, daß dasHerz Gottes" selbst nicht verschmähte, dieses geheimnisvolle Kuf und ab der Gegensätze durchzukosten. Vas lehrt uns das Kreuz Jesu: nun wissen wir, Gott trägt mit uns allen Jammer, auch den des Weltkriegs! Kuch der ist ein Kreuz von Golgatha, dem ein Ostern folgen muß, wenn wir nur selbst nicht bis dahin den milden Kdventsschein der Hoffnung, weit, weit über alles Herzeleid und Grab hinaus, in unserer Seele auslöschen. Der Hoffnung, die da weiß, daß die Liebe nimmer stirbt, erst recht nicht die Liebe Gottes!

Ein wort an die Zrauen unserer Nrieger.

Es gibt Menschen, die stets die Neigung bekunden, hartes und Bitteres, das sie oder andere erleben, durch un­sinniges Klagen aufzubauschen und als viel schlimmer hinzu­stellen, als es in Wirklichkeit ist. Leider ist das die Krt mancher Frauen. Wer hätte noch nicht das widerwärtige Schauspiel erlebt, daß Frauen bei Beerdigungen, sobald der Geistliche zu reden anfängt, ihrem angeblichen Schmerze in wilden Schreien Luft machen und so die ganze Handlung,