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Nr. 48. Gießen, Sonntag 2. Advent, 5. Dezember 1915. 4. Jahrgang

Ehrfurcht.

Psalm 33, 8. alle Welt fürchte de» Herr» und vor ihm scheue sich alles, was auf dem Erdboden wohnet.

Unser Kaiser hat in dem herrlichen Erlaß an das deutsche Volk am Jahrestage des Weltkrieges nach einem Rückblick auf die großen Ereignisse gesagt:Großes er­leben macht ehrfürchtig!" Wir Deutsche kennen keine Furcht, aber Ehrfurcht haben wir. Ganz außerordentliches hat unser kämpfendes Volk geleistet. Es fehlen die Worte, um es zu sagen: Der kurze Tagesbericht der obersten Heeresleitung deutet nur an, aber wer selbst hinausgeschaut hat und weiß, was in dem knappen Heeresbericht zwischen den Zeilen zu lesen ist, der liest einen solchen bericht mit Ehrfurcht vor der Größe menschlicher Kraft und menschlichen Wollens.

Ehrfurcht äußert sich niemals laut in Siegesfeiern, sondern ist still, wie man still ist in einem Heiligtum. Und sieht man im Lazarett die zerschossenen Gestalten, armlos, beinlos, blind, dann wird man ganz still in ehrfurchtsvoller Scheu.

Ls mag mancher draußen seine Seele verloren haben, jenen sonnigen Glauben, daß die Welt eine Welt Gottes ist und daß überall die Spuren vom Siege des Guten zu sehen sind. Kein Wunder! Der Krieg und das Erleben des Furchtbaren macht hart und zerdrückt vielfach die Seele. Um so mehr staunt man, wenn man Menschen findet, über die das Schreckliche des Krieges hinweggegangen ist, ohne ihre Seele zu töten. Menschen, die noch freundlich und mild, kindlich und gläubig sind und ihr Herz noch offen haben für jene Klänge aus der ewigen, schönen Gotteswelt, die in ruhigenFriedenszeiten manchmal vergeblich an dieSeele klopften.

Daß der deutsche Soldat, der 15 Monate Krieg kämpfend mitgemacht hat, noch beten kann, das ist für mich das große Wunderbare, vor dem ich allemal mit tiefster Ehr­furcht stehe. Was ist des Menschen Herz doch für ein wunder­sames Ding!

Wer da meint, an keinen Gott glauben zu können, weil vieles in der Welt sosinnlos" ist, der mag sich nur einmal in solch ein kampferprobtes und doch so zartes Soldatenherz Hineinoersenken, dann umweht ihn der Schauer der Ehr­furcht vor dem Geheimnisvollen, Ewigen, das im Herzen Kaum hat. Und unter der Führung solch eines Menschen­herzens kann sich mancher zum Glauben zurückfinden.

)m Advent.

Kürzlich las ich ein Weihnachtslied, welches mir so ganz besonders die schlichte weihnachtliche Stimmung vergangener Zeiten in Erinnerung brachte, der Zeiten, wo wir mit Un- dacht dem frommen Kindersinn uns Hingaben, der uns dies liebe Fest verstehen machte, so wie es wohl ursprünglich gefeiert worden ist. Uicht mit wochenlangem bewundern der zum Kauf ausgelegten Herrlichkeiten und dem quälenden Uachdenken darüber, was man davon kaufen könne, um wirklich eine Freude zu bereiten und dabei nicht zu ge­wärtigen, daß der gewählte Gegenstand gleich nach dem Fest umgetauscht würde. Nein, in dieser Weise bereitete man sich vor sechzig Iahren nicht auf dieses schönste und sinnigste aller Feste vor.

Zum Verständnis solcher Seelenstimmung führe ich einige Strophen aus dem oben erwähnten Gedichte hier an, indem ich hoffe, einigen meiner lieben Leser damit eine Freude zu bereiten.

.... Uls hätten wir selber gesehen Des Sternes leuchtendes Licht lieber der Hütte stehen,

Und Mariens reines Gesicht,

Und die Strahlen, welche flirrten Um des Kindes blondlockiges haar,

Und die Könige und die Hirten Und der Engel jauchzende Schar.

Wem könnte beim Lesen dieser Zeilen nicht die Sehn­sucht ankommen, diese weihevolle Uacht mit zu erleben, wie es den schlichten Hirten auf dem Felde, ebenso wie den weisen, für ihre Zeit hochgebildeten Königen des Morgen­landes vergönnt war, sie zu erleben, um dann auch selbst an der Krippe des Kindes in Undacht zu knien? Ich meine, daß gerade in der jetzigen Z it, in der so ungezählte Söhne unseres Vaterlandes die Wciq-Uacht droben im Lichte feiern, auch wir unser Uugenmerk, unsere Wünsche, unsere Sehn­sucht nach dem Licht des stillen Jordantales rich'.'l sollen, um innerlich Teil zu haben an einer Weihnachtsfeier, die uns nicht durch Unruhe und Ueußerlichkeiten von dem Kern­punkt zu entfernen vermag.