Nr. 47. Giehen, Sonntag 1. Advent, 28. November 1915. 4. Jahrgang
Die Zehnsucht nach Zrieden und ihre Erfüllung.
Evangelium des Matthäus 11, 2 und 3. Ms Zohannes im Gefängnis
die Werke Christi hörte, sandte er zwei seiner Zünger und ließ
ihn fragen: bist du, der da kommen soll, oder sollen wir eines
anderen warten?
Die Bdventszeit ist von alters her für uns Christen eine Zeit der Sehnsucht und Erwartung, der Sehnsucht nach etwas höherem, Größerem, nach Erlösung von so mancher Lust und Leidenschaft dieses Erdenlebens. Seit langen, langen Jahren, vielleicht seit einem Jahrhundert, ist keine solche Sehnsucht durch das deutsche Volk und die Völker Europas hindurchgegangen als in dieser Bdventszeit. Es ist dies die Sehnsucht nach Frieden, nach Erlösung von all den schweren und zum Teil unbeschreiblich harten Sorgen, welche dieser furchtbare Weltkrieg über unser ganzes deutsches Volk und insbesondere über so manche Familie in unserem Vaterland gebracht hat.
Wir können es getrost und der Wahrheit entsprechend sagen: Unser Volk ist nicht beherrscht von einer Sehnsucht nach Frieden um jeden Preis, wie es unsere Feinde immer wieder behaupten und wie sie es gar zu gerne sähen. Wir wissen und fühlen alle: wir Kämpfen um einen ehrenvollen und dauernden Frieden, um einen Frieden, welcher die Opfer auch wert ist, die die deutsche Jugend so zahlreich und so gern gebracht hat, in treuer Pflichterfüllung und freudiger Begeisterung. Jeder andere Friede, ein Friede, den wir übereilt von unseren Feinden erlangen würden, wäre wie ein schöner Bpfel, den man vorzeitig vom Baume nimmt. Er hält sich nicht, er schrumpft und welkt, er bereitet beim Genuß kein Behagen und stärkt den Börper nicht. Gin voreiliger Friede würde unser deutsches Volk schon nach wenigen Jahren vor die Notwendigkeit eines neuen Krieges stellen, eines neuen Existenzkampfes, bei welchem die Aussichten auf Sieg nicht so günstig und vielversprechend wären wie heute.
Bber ein ehrenvoller und dauernder Friede, wie er unserm Baiser und vielen wackeren deutschen Herzen vorschwebt, dürfen wir uns nach ihm sehnen, um ihn beten, von ihm sprechen? Gewiß! Der Friede ist die Grundlage und Grundbedingung für alles Gute und Edle, für viele Güter, nicht allein des Leibes, sondern auch ber Seele. Luther rechnet ihn ja in der Auslegung zur vierten Bitte des Vaterunsers sogar zum täglichen Brot, ver Brieg, das hat schon mancher
gesagt, der ganz gewiß ein warmes Herz hat für das Wohl des deutschen Volkes, bringt mit der Länge der Zeit eine gewisse Verwilderung der Gesinnung und der Handlungsweise der Menschen mit sich. Bus allen diesen Gründen dürfen wir um Frieden bitten, uns herzlich nach ihm sehnen.
Bber wer soll ihn uns schenken? Der, so sagen wir, auf welchen die Ehristenheit in der Bdventszeit wartet. Der Heiland und Helfer, an welchen sich auch Johannes der Täufer wendet in seiner Bedrängnis im Gefängnis, in den Zweifeln und Anfechtungen seiner Seele. „Bist du, der da kommen soll, oder sollen wir eines andern warten ?" Wer an der genannten Stelle bei Matthäus Nachlesen will, wird finden, wie der Heiland dem Johannes die Botschaft bringen läßt, daß er der erwartete Messias sei, er möge auf ihn hoffen und an ihn sich halten. Gottlob, auf den Heiland dürfen wir noch heute hoffen. Lr ist noch immer der, der helfen kann, der uns den Frieden geben kann. In Jesus verkörpert sich die Erfüllung aller guten, reinen, gottgefälligen Sehnsucht.
Wie unser Heiland uns den Frieden geben kann, einen dauernden und ehrenvollen Frieden, darüber brauchen wir uns zunächst keine Sorgen zu machen, vielmehr sollen wir das glauben. Wenn man etwas bis ins Einzelste und Bleinste vor sich liegen und kommen sieht, dann gehört dazu kein „Glaube" mehr. Glauben heißt, seinem Gott, seinem Heiland etrvas Zutrauen, etwas, was unserer Menschenweisheit unmöglich erscheint. Unser Glaube ist vielfach so schwach, so hängend am Sichtbaren, so ohne jeden Wagemut. Buch auf uns trifft die Bnklage zu, welche ein Dichter unseres Gesangbuches gegen seine glaubensarme Zeit erhoben hat: „Du sollst glauben, o du Brmer, und du zweifelst, zweifle nicht!"
Darum lasset es uns einmal kindlich glauben und hoffen: Unser Heiland, der Friedefürst, der Bönig des Himmelreiches, kann uns einen guten Frieden schenken. Glauben, auch wenn wir in unserer menschlichen Burzsichtigkeit noch gar keinen Weg sehen, auf dem ein solcher Friede kommen kann. Es gilt hier das schöne Wort von Paul Gerhardt: „Sprich nicht, ich sehe keine Mittel, wo ich such', ist nichts zum besten, denn das ist Gottes Ehrentitel: helfen, wenn die Uot am größten!"
Außerdem kann man auch beim Nachdenken über die Briegslage manchen Weg finden, wie unser Gott uns einen guten Frieden bescheren kann. Nur auf eins sei kurz hingewiesen. Man hat den jetzigen Brieg schon öfters mit dem


