Einzelbild herunterladen

183

wir hatten mit S., den ich mir als Kameraden ausgebeten hatte, Nr. 460 und wohnten in dem obersten der fünf Stock­werke, warm und trocken,' unten sollen entsetzliche Kammern sein, und wir hörten häufig das Wut- und Jammergeheul der drangsalierten Gefangenen. Km 21. wurde §. entlassen, da man an seiner Stelle seinen Gnkel, den Direktor eines großen Köhrenwerks, eingesteckt hatten er kam aufs neue wieder als Zivilkriegsgefangener nach Grlow. Nun saß ich weiter in Einzelhaft bis zum 28. Dezember, an welchem Tage ich mit 19 anderen Flottenvereinsmitgliedern mit einem Kuto nach dem Korrektionshaus in Sokolniki überführt wurde, in ein schmutziges, feuchtes, altes Lokal, worin bereits zwölf Mann Platz gefunden hatten, als wir ankamen.

während des Aufenthaltes im Zellengefängnis, in welchem sonst musterhafte Ordnung herrschte und wir uns auch durch Bäder und Wannen von unserem Ungeziefer reinigen konnten, bekam ich nur Gefängniskost, eine elende Fischsuppe und Grütze am Kbend, morgens Brot und heißes Wasser zum Tee. Bei längerem Kufenthalt konnte man sich für seine Rechnung auch besseres Essen verschaffen, nur ver­gehen gewöhnlich acht Tage, bis man hierzu die Erlaubnis erhält. Kuf diese weise erhielt ich das Bestellte erst am Tage meiner Uebersiedelung und nur von meinem Mitgefangenen ab und zu mal eine bessere Mahlzeit oder etwas Schinken und Weißbrot. Meine liebe Frau hatte es nach vielen ver­geblichen versuchen doch fertig gebracht, mich einmal hinter doppelten Drahtgittern zu sprechen; am 16 .Dezember sah ich sie zum zweitenmal auf zehn Minuten, wir waren beide alt und grau geworden.

Nun trafen nacheinander Transporte aus allen Gegen­den der wologdaskischen, wjatkaschen Gouvernements und Sibiriens ein, und bald waren weitere 40 Mann im oberen Stockwerke unseres Flügels untergebracht. Jeder hatte eine schmale eiserne Bettstelle mit Strohsack, auf dem wir unser eigenes Bettzeug unterbringen konnten. Vas Lokal wurde durch strammes Heizen trockener,' wir vertrieben uns die Zeit durch Lesen, Vorträge, Schach- und Dominospiel, auch Spielkarten tauchten verstohlen auf. Zu essen gab es genug für unser Geld, nur Zigarren waren verboten. Kußer der Freiheit entbehrten wir nichts; auch unsere Frauen durften wir jede Woche hinter vrahtgittern sprechen. Fast jeder hatte seine besonderen Erlebnisse, und mancher Neuankom- mende brachte auch Nachrichten über die Kriegsereignisse, die uns besonders interessierten und unseren Mut aufrecht hielten. Unsere Leidensgefährten, die uns seinerzeit in wjatka verlassen hatten, um zu Fuß nach Jelabuga befördert zu werden, hatten natürlich Furchtbares zu berichten, und nur sechs davon waren am Leben geblieben. Einer davon starb bereits auf dem Wege nach Kunpeni, 65 Kilometer von wjatka, er war Direktor einer Spinnerei. Professor S. zog sich unterwegs eine Lungenentzündung zu, erkrankte schwer, wurde zurückgebracht und starb in Moskau,' ebenso erging es dem Kaufmann Sch.; er kam zwar per Etappe wieder nach Moskau zurück, erkrankte jedoch hier aufs neue. Km 2. Januar nachts durch Soldaten ins Krankenhaus des Transportgefängnisses abgeführt, verstarb er dort am 6. Ja­nuar an Entkräftung. So waren durch die Mißhandlung der russischen Schergen von neun Mann drei ums Leben gekommen, die anderen sechs haben wohl auch einen Knacks weg für ihr ganzes Leben,' denn alle waren ganz furchtbar entkräftet und elend. Line andere Kbteilung war über Kasan, Samara eingeliefert worden und hatte durch den Transport in sogenannten Stolppinwagen Furchtbares zu leiden. Diese

Eisenbahnwagen sind in Käfigform gebaut, sechs Käsige für je neun Mann, in welchen die Insassen weder zu liegen noch zu sitzen noch zu stehen vermögen. Im ganzen hielt alle ihre gute Natur, deutsche Kusdauer und Zähigkeit aufrecht, und als am 23. Januar Nevision durch den Gbergefängnis- inspektor erfolgte, hatte keiner zu Klagen; wir taten den Leuten nicht den Gefallen, uns verzagt zu zeigen,' wir hoff­ten auf unjere gute Sache und unsere Knwälte im Feld. Doch glaubten wir nicht, daß unsere Befreiung schon so nahe wäre. Km 12. Februar 1915, 12 Uhr mittags erschien plötz­lich der Untersuchungsrichter voltanowskp mit dem Ge­hilfen des Prokurators und brachte die Nachricht in Form einer Depesche des Zaren an den Justizminister, er befehle, uns zu befreien. Unsere Sache habe sich als nichtig erwiesen, die Untersuchung sei niederzuschlagen, und wir wären frei. Eisiges Schweigen folgte dieser Mit­teilung. Der Untersuchungsrichter notierte vorsichtshalber noch unsere künftige Kdresse, wir packten unsere Sachen und ver­ließen den ungastlichen Grt, jedoch erst nachdem ein jeder noch seine Gefängnisrechnung beglichen und den Gefangenen- paß in der Tasche hatte.

Ich kam nach langem fierumstehen im Gefängnishof und im Bureau endlich auf die Straße, wohin ich auch meine verschiedenen Bündel schleppte, viele Mitglieder der deutschen Kolonie, Kutos und Schlitten, warteten schon vor dem Ge- sängnistor auf die freigelassenen Flottenvereinsmitglieder. Meine Ungehörigen wußten noch nichts von meiner Be­freiung, da sie außerhalb Moskaus wohnten. Ich legte mein Gepäck in den Schnee und machte mich auf die Suche nach einem Schlitten. Bald hatte ich das Gewünschte, und nach herzlichem Kbschied von allen, die sich gerade zum Empfang ihrer Lieben eingefunden hatten, ging es in flottem Tempo durch den verschneiten Forst, meinem fiause zu. Ls dämmerte bereits, als ich in das Zimmer trat. Meinend flog mir meine Gattin an den fials, Sohn und Tochter desgleichen.

(Fortsetzung folgt.)

Meine Mitteilungen.

Km Totensonntage finden außer den üblichen Gottes­diensten noch Gottesdienste in den beiden Friedhofskapellen statt und zwar um Vz3 Uhr in der alten, um Vs4 Uhr in der neuen Friedhosskapelle. Es wird gebeten, auch zu diesen Gottesdiensten die Gesangbücher mitzubringen.

* * *

In diesem Jahre ist gerade ein Jahrhundert verflossen, seitdem man den Totensonntag zum erstenmal gefeiert hat. Diese Feier ist in der Zeit des Krieges entstanden. Im Kn- schluß an die Gedächtnisfeier für die in den Befreiungskriegen Gefallenen wurde sie für Preußen dur^) Kabinettsorder vom 17. November 1815 angeordnet. In der preußischen Kgende vom Jahre 1829 ist bestimmt worden, daß diese Feier am letzten Trinitatissonntag zu begehen sei. In fiessen gelangte

das Fest im Jahre 1855 zur Einführung.

*

*

In diesen Tagen, da Gedanken an den Tod und die Toten die Seele eines jeden nachdenklichen Menschen er­füllen, dürste wohl die folgende Bitte in Gießen Beachtung finden. Ls ist die Bitte, zu den Bestattungsfeiern in den Fried­hofskapellen doch nicht zu spät zu kommen. Die Gießener Geistlichen sind gezwungen, mit der Feier ganz pünktlich zu beginnen,' denn oft sind im Kbstande von je einer halben Stunde mehrere Beerdigungen hintereinander, inzwischen muß