Nr. 46. Gieszen, 25. Sonntag nach Trinitatis, 21. November 1915. 4. Jahrgang
Unsere Gefallenen.
Brief des Kpoftels Paulus an die Römer 14, 8 und 9. Leben wir, jo leben wir dem Herrn, fterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn. Venn dazu ist Christus auch gestorben und auserstanden und wieder lebendig worden, daß er über Tote und Lebendige Herr sei.
Vas ist ein Totensonntag, wie wir ihn noch nie gefeiert haben. In Gst und West, in Nord und Süd werden an diesem Tage Millionen von trostbedürftigen Menschen beim feierlichen Glockenklang in die Kirchen strömen, um ihren Schmerz und ihres Herzens tiefen Kummer vor den heiligen und barmherzigen Gott zu bringen und derer zu gedenken, die in diesen beiden großen Sterbejahren von dem Herrn über Leben und Tod abgerusen worden sind und nun in fremder Trde ruhen, dem Fluge fern, dem Herzen nahe, und wie es in einer Grabinschrift aus dem Spicherer Berg heißt, wartend einer glorreichen Ruferstehung. Unendliches Tadesleid ruht in diesem Jahre aus dem deutschen Volke, vieler Kinder Lebensweg wird eine andere Richtung einschlagen, weil der Vater, der mit klarem Geiste und fester Hand seither über den Seinen wachte, nicht mehr nach Hause zurückkehrt. Schwer betroffen sind hunderttausende deutscher Eltern, weil der Sohn, der einst als fröhliches Kind zu ihren Füßen spielte und dann strebsam und hosfnungssroh dem Leben entgegenwuchs, sein junges Leben für das Vaterland dahingegeben hat. viele Witwen und Bräute haben nun in Deutschland ein Unrecht darauf, daß man an ihrem Schmerze ehrfurchtsvoll teilnimmt. Vas Leid, das der noch andauernde Krieg erregt hat und noch erregen wird, wird noch jahrzehntelang durch die deutschen Lande schreiten und selbst dann noch die Herzen bedrücken, wenn die Bäume aus den Gräbern unserer Helden schon mächtig in die höhe geschossen sind und weithin ihre Wipfel aus- breiten. Darum klagen und trauern wir an diesem Totensonntage, und es ist sicherlich Gottes Wille, daß wir klagen und trauern sollen.
Wo aber aufrichtige Trauer ist, da verheißt der Herr auch Trost. Trost in diesem Todesleide gibt uns nur das heilige Gotteswort. Ein rechtes Trostwort ist das vorangestellte Wort. Wir sind des Herrn, ob wir leben oder sterben. Wir sind seine Kinder geworden durch die heilige Taufe, wir sind erkauft durch das Blut seines Sohnes, wir stehen mit ihm
in einer Gemeinschaft, die keine Macht der Erde zerreißen Kann. Sind wir des Herrn in diesem Leben, so sind wir auch sein, wenn der Lebensfaden bricht; denn so sagt Paulus, dazu ist Christus gestorben und auferstanden und wieder lebendig worden, daß er über Tote und Lebendige Herr sei. Ruch wenn dieses Leben wie Staub und Rauch dahinschwindet, an Thristi Reich werden wir teilhaben in alle Ewigkeit, von vielen unserer Gefallenen haben wir die Gewißheit, daß sie im Glauben an den Heiland gestorben sind. Tausende von Feld- briesen, in unwirtlichem Esuartier oder aus dem Marsche und im Schützengraben geschrieben, stellen sich uns, die wir uns in der Heimat befinden, als ebenso viele Bekenntnisse zu dem lebendigen Gott dar. Die verwundet zurückkommen, sagen, daß sie durch die Gnade Gottes bewahrt geblieben sind. Sie leben dem Herrn, diese unsere Kämpfer, die Heimgegangenen unter ihnen sind dem Herrn gestorben, sie trugen Gottesgedanken im Herzen, als sie von hinnen schieden. Wer so stirbt, der stirbt wohl.
Unter den Trauernden gibt es freilich mehr als einen, der sich heute mit Selbstanklagen quält. Er sagt sich: Ich hätte dem Entschlafenen viel treuer in der Liebe dienen können, ich habe ihm manchmal wehe getan, ihn nicht geschont, wo ich es gekonnt hätte, ich habe ihn oft in seinen heiligsten Empfindungen verletzt, hätte ich gewußt, daß für ihn so früh schon die Erdensonne untergehen würde, ich hätte alles ganz anders gemacht. Rllen, die so sprechen, sei tröstend zugerufen: Irrungen und Wirrungen kommen überall vor, auch da, wo Menschen in heiliger Liebe einander ergeben sind. So lange wir dieses pilgerkleid tragen, so lange sündigen und fehlen wir auch. Größer aber als unsere Sünde ist das Erbarmen unseres Gottes und die Liebe Jesu Thristi. Diese Liebe deckt der Sünden Menge, sie gibt Frieden in das Herz, das sich selber richtet.
Uns alle tröstet mitten unter den Gefahren und unter der Unruhe des Weltkrieges der Gedanke : Unsere Helden sind einen guten, einen edlen Tod gestorben. Wer jemals an einem Kriegergrabe gestanden hat, den hat ein heiliger Schauer durchweht, es war ihm, als ob aus dem Grabe leise Stimmen flüsterten: Nicht umsonst floß unser Herzblut,' denn es trug euch schönen Preis. Rlle die lebenskräftigen Männer und Iünglinge, die in diesem heißen und blutigen Völkerringen


