Nr. 45. Bietzen, 24. Sonntag nach Trinitatis, 14. November 1915. 4. Jahrgang
Jedem dar Zeine.
Evangelium des Markus 12, 17. Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.
Es war eine gärende Zeit, in der Jesus lebte. Revolutionäre Gedanken gingen unter den Juden um. Cs gab Fanatiker genug, die dem römischen Regiment gegenüber nur haß und glühende Feindschaft kannten. Me stellte sich Jesus zu diesen Gesinnungen? Gewiß, es trennte ihn eine Welt von dem römischen Kaiser, sein Glaube, seine Ideale. Dennoch forderte er zur Staatstreue auf: Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist! Rber freilich erschöpft sind damit nach ihm die Pflichten des Menschen nicht. Ls herrschte damals eine merkwürdige Kaiserverehrung im Römerreich. Wie ein Gott, wie ein Heiland wurde der Imperator verehrt. Demgegenüber ruft Jesus aus und betont es nachdrücklich: Gebt auch Gott, dem allmächtigen Gott, was Gottes ist. Rlso: jedem das Seine! Ein guter Grundsatz! Er gilt auch für uns.
Der erste Teil dieses Wortes fällt uns wohl leichter wie Jesus. Das hohenzollernjubiläum hat uns ja wieder deutlich gezeigt, was wir an unserem Kaiser haben, nämlich:, einen Fürsten, der mit christlichem Gewissen seine hohe Mission erfüllt. Einem solchen Fürsten gegenüber ist es nicht schwer, zu sprechen: Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist! Und so hat denn auch unser Volk ihm und damit dem Vaterland gegeben, was nötig war. Wir denken zurück an die Tage vor dem Krieg. Da lebten die Menschen mehr oder weniger alle vom Nehmen. Jeder suchte zu gewinnen, was es auch sei: Geld oder Macht oder Einfluß. Da kam der Krieg. Nun hieß es geben und wieder geben: Gatten und Lrüder und Söhne. Opfer auf dem Rltar des Vaterlandes! Geben hieß es insbesondere für die Mütter in der Gesinnung des Dichters:
„Der Kaiser braucht dich! Geh mit Gott, mein Kind,
Und halt dich brav, weil so viel Feinde sind.
Ruch uns, den Müttern, gilt des Feindes Neid
Um solche Söhne . . . Das wird Trost im Leid.
So steh' auch du nun deinen Mann im Heer,
List einer mehr!"
Und wie oft hat seit diesen ersten Rbschiedstagen wieder und wieder die Rbschiedsstunde geschlagen. Wie oft erklang seitdem wieder und wieder das wehmütige Lied der Schei
denden: Heimat, o Heimat, ich muß dich verlassen . . . Me oft ging es seitdem durch abschiedsbange Herzen wie eine Vorahnung: Ts ist bestimmt in Gottes Rat, daß man vom Liebsten, was man hat, muß scheiden. . .
Geben hieß es aber auch in anderer Leziehung. Für Zwecke der Kriegshilfe, für das Rote Kreuz, für Elsaß- Lothringen, für Ostpreußen. . . Und man darf wohl sagen: die große Zeit fand keine kleinen Menschen. Ein Strom der Liebe ergoß sich aus dem deutschen Herzen.
Rber jetzt nach 15 Monaten ist die Stimmung begreiflicherweise doch nicht mehr wie am Rnfang. Line müde Verdrossenheit schleicht da und dort im Finstern: Ist es denn noch immer nicht genug? Wozu das alles?
Laßt uns nicht müde werden, so schwer es auch falle! haltet aus, diese Mahnung gilt uns, je länger der Krieg dauert, um so stärker, haltet aus in der Gesinnung des Rnfangs, die dem Kaiser, dem Vaterland gibt, ohne Murren, gehorsam, in der Erkenntnis heiliger Notwendigkeit.
Indem wir so dem Vaterland geben, was es braucht, erfüllen wir gewiß Gottes Willen und geben ihm, was sein ist,' denn Treue gegenüber dem irdischen Vaterland ist auch Gottesdienst. Rber ist es der ganze Gottesdienst? Manche denken so. Wir nicht also. Uns Thristen leite das Wort Jesu. Jedem das Seine! Laßt uns über Deutschland nicht Gott im Himmel vergessen! Wohl schulden wir dem Kaiser als dem Führer der Nation, Ehrfurcht und nicht minder dem deutschen Vaterland, dem die Rrbeit, das Herzblut, die Todesnot vieler Geschlechter galt. Rber die höchste Ehrfurcht schulden wir doch dem, der über allen Fürsten und Völkern steht, dem König aller Könige. Ihm allein sei die Ehre! Gewiß sehen wir auf den Kaiser und das Volk in Waffen voll froher Hoffnung. Rber setzen wir unser vertrauen nicht auf Menschen! Wie sangen doch unsere Väter? Sie sangen: Wen suchen wir, der Hilfe tu? Das bist du Gott alleine. So auch wir. heben wir in aller Rot die Rügen auf zu den Lergen der Hilfe, dann geben wir Gott, was Gottes ist.
Und endlich: Wir lieben Kaiser und Vaterland: Was ich bin und was ich habe, dank' ich dir mein Vaterland. Rber kennen wir nur die Vaterlandsliebe? Ruch das Vaterland ist von der Erde, von der es einmal zu scheiden gilt. Die höchste Liebe aber gilt dem Ewigen. Gewiß sie, die Liebe,


