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Nr. 43.
Bietzen, 22. Sonntag nach Trinitatis, 31. Oktober 1915. 4. Jahrgang
Reformationsfest.
von Generalsuperintendent E>. Klingemann- Toblenz. Evangelium der Dohannes 8. 36. 5o euch nun der Lohn frei machet,
so seid ihr recht frei.
Ls gehört zu unseres Volkes schwerer geschichtlicher Führung, daß es seiner größten Geistestat, der Deformation, nie rückhaltlos sich hat freuen dürfen, daß bis heute das Bild seines großen Sohnes Martin Luther, von der Parteien Gunst und haß verwirrt, nicht allen Kindern unseres Volkes in seiner Kraft und Schönheit leuchtet. Schon der schroffe Gegensatz zwischen Luther und Zwingli vertiefte unseres Volkes Zerklüftung, und nach dem Scheitern von Zwinglis oberdeutschen Bundesplänen gingen die Deutschen in der Schweiz entschlossener als zuvor ihren eigenen, gesonderten weg. Für die Erkenntnis, daß die notwendige trennende Gewalt einer geistigen Bewegung die Einheit eines Volkes nicht auszuheben brauche, war das Geschlecht jener Tage noch nicht reis, und als der Augenblick, die von einheitlichem, großem Gedanken erfaßte Kraft unseres Volkes zu einem Ziel zusammen zu schmieden, ungenützt vorübergegangen war, vollendete sich die Trennung in zwei geschiedene Lager, und die unglückliche politische Gestaltung des alten Kelches entwickelte sich dem Zerfall, dem großen Unglück des dreißigjährigen Krieges entgegen.
Mag man dafür hier die Keformation, dort die Bekämpfung der Keformation verantwortlich machen, so steht das eine fest: Unser Volk hat für die Errungenschaften der aus seinem Gewissen geborenen großen Bewegung einen hohen Preis gezahlt. Um so mehr ist es Pflicht, diese Errungenschaften in ihrem Wert zu erkennen und in Treue sestzuhalten.
von den großen Gedanken, die aus dem Mittelpunkt der Gewißheit von des Sünders Kechtfertigung vor Gott aus Gnaden durch den Glauben Luther zuflossen, hat kaum einer so tief in des Volkes Seele gezündet als der von der Freiheit des Thristenmenschen. Sn eine gärende, wogende Zeit kam Luthers unvergängliche Volksschrift: „Von der Freiheit eines Thristenmenschen", die eine Sprache redete, wie sie vorher aus deutschem Boden noch nicht vernommen worden war. Kein wunder, daß die gewaltigen neuen Gedanken auch mißdeutet und mißverstanden wurden, daß die innere Frei
heit in Thristus, die Luther verkündigte, ohne weiteres auf das Freiheitssehnen der Geknechteten in trüber Zeit übertragen wurde, von den beiden großen Sätzen jener Schrift: „Ein Thrist durch den Glauben ein freier Herr aller Dinge und niemandem untertan" und „Ein Thrist durch die Liebe ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan" ist der zweite bis heute für viele eine unbequeme Forderung geblieben, und daran leidet auch die Anwendung des ersten Satzes.
Klle wahre Freiheit wurzelt für Luther in dem Glauben an Thristus, und darum ist sie völlig unabhängig von des Menschen Stand und Lage. So wenig wie Paulus hat Luther daran gedacht, mit seiner predigt der Freiheit in des Lebens, des Volkes äußere Verhältnisse hineinzugreifen. Und doch mußte schließlich die innerlich frei gewordene Persönlichkeit den weg zur äußeren Freiheit suchen, doch mußte die Befreiung des Glaubens von Menschenwerk und Menschensatzung den weg auch zu äußerem Fortschritt bahnen, ein neues Wertmaß schaffen für die Verhältnisse dieses Lebens, für all das veraltete, knechtische Wesen, das mit innerer Freiheit im Widerspruch zu stehen schien.
Die soziale Umwälzung jener Tage, der Kufstand der Bauern, kam über unser Volk, kam auch über die geistliche Bewegung der Zeit als ein großes Unglück. Ein unreifes Geschlecht, seit mehr als einem Menschenalter in immer neuen versuchen des Kufftandes an seinen Ketten rüttelnd, mußte den Gedanken der Freiheit mit eigner Kot und eignem Sehnen verquicken. Es vernahm den lockenden Klang Freiheit und wollte nichts wissen von Zucht. Manch tapferes deutsches Wort vom Kecht der Waffen, vom Kecht des Krieges und der Notwehr hat Luther gesprochen, wo aber Aufruhr und Gewalt wider die Gbrigkeit sich erhebt, da will er allezeit auf seiten derer erfunden werden, die Unrecht leiden, nicht bei denen, die Unrecht tun. Und mit einer Klarheit, die für alle Zeiten wegweisend geblieben ist, verwahrt er sich dagegen, daß geistliche Fragen gelöst werden mit der Gewalt des Schwertes, daß die Grenzen zwischen geistlichen und weltlichen Fragen verwischt werden. So ruft er vor Aus- bruch des Bauernkrieges den Lauern, die das Wort von evangelischer Freiheit für ihre Sache sich anmaßen wollten, die zürnenden Worte zu: „Uber den christlichen Kamen, sage


