Nr. 42. Gietzen, 21. Sonntag nach Trinitatis, 24. Oktober 1915. 4. Jahrgang
vrüderlichkeil.
Brief des Apostels Paulus an die Galater 6. 2. (Einer trage des andern
Last, jo werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.
Die Welt wundert sich, welch eine Menge Lasten unser Volk nach den verschiedensten Leiten anscheinend mühelos bewältigt. 5luch uns selbst ist es ein Rätsel, wo die Kraftquellen alle Herkommen, die gleichsam aus dem Nichts Hervorbrechen, sobald sich nur nach einer Leite hin ein Bedürfnis zeigt. „Unser Volk hat Nerven", lautet die Rntwort, wenn man seiner Verwunderung durch eine Frage Rusdruck gibt. Zum Beweis dafür wird auf die oft übermenschlichen Leistungen hingewiesen, die draußen vollbracht werden. Es ist vorgekommen, daß Verpflegungskolonnen bei entsetzlichen Wegen tagelang Märsche von 90—95 Kilometern zurückgelegt haben, während unter gewöhnlichen Verhältnissen schon 40 Kilometer als achtbare Leistung gelten, allerdings hing von der rechtzeitigen ankunft der beförderten Nahrungsmittel das Schick- sal von Urmeen ab, und darum wurde das unmöglich Scheinende möglich und wirklich. Rher zu so etwas reicht die Nervenkraft allein nicht hin. In den adern, die derartiges vollbringen sollen, muß noch ein anderes Feuer lodern. Es ist dasselbe urdeutsche Empfinden, das Blücher bei der Schlacht von Waterloo zu seinen ermatteten Soldaten sagen ließ: „Ich habe es meinem Bruder Wellington versprochen." Es ist die Brüderlichkeit. Dabei verschlügt es nicht, ob derjenige, dem solches Gefühl entgegengebracht wird, dessen auch wirklich wert ist oder nicht.
Daß unser Volk einen solchen Reichtum von Brüderlichkeit besitze, haben wir, die wir seine Lebensgewohnheiten in den letzten Jahren und Jahrzehnten beobachtet haben, am wenigsten geglaubt. Wir daheim können uns immer noch keine Vorstellung davon machen, wie dieses Gefühl draußen Wunder wirkt, wie es in den Unterständen haust, unter dem Krachen der Granaten umgeht, auf Märschen voranfliegt und nach gewaltigen Werken tut, als wäre nichts vorgefallen. Leider ist es ein viel zu seiner Stoff, als daß er aufgespeichert und als Lebenselixier denen verabreicht werden könnte, die es bei allen Rnstrengungen nicht fertig bringen, es aus ihrem eigenen Innern heraus hervorzubringen. Vas Herstellungsverfahren ist vorläufig noch nicht gesetzlich geschützt.
Rber eine kleine Untersuchung darüber, wie auch jetzt wieder das glückhafte Gefühl der Brüderlichkeit unserem Heere eingeimpst worden ist, um dieses zu so unvergleichlichen Taten zu entflammen, wollen wir doch nicht unversucht lassen. Rls der Kaiser, unter dessen Rügen unser Volk jetzt um sein Dasein kämpft, vor 27 Jahren zur Regierung kam, wurde ihm alsbald von den fremden Nationen der Name „Soldatenkaiser" beigelegt. Neugierde im Verein mit halb gutmütigem, halb bösartigem Spott prägten diese Bezeichnung. Die Kunde von seiner Betätigung auf den Exerzierplätzen als Kronprinz war an die Geffentlichkeit gedrungen, und so fühlte diese sich verpflichtet, in ihm alsbald einen Rbleger von dem Geiste, der schon einmal an dem hohenzollernstamme in Gestalt des „Soldatenkönigs" Blüten getrieben hatte, zu wittern. Mit den Ueberraschungen, die aus dieser Vorliebe für den „Drill" möglicherweise hervorspringen könnten, hoffte die Rußenwelt schon fertig zu werden. Die Rußenwelt ist nicht aus ihre Rechnung gekommen. Rnstatt des erwarteten „Rmüsements" ist blutiger Ernst auf die Bühne der Weltgeschichte getreten. Der „Soldatenkaiser" steht dabei ganz im Hintergrund. Rn seiner Stelle aber steht ein Fürst, der mit seinen Soldaten alle Leiden und Röte des Krieges teilt und von dem sie alle wissen, daß er, wenn es nötig werden sollte, auch bereit ist, in ihrer Mitte zu sterben. Rls kürzlich ein konservativer Berichterstatter von dem Kaiser zu einem Besuch in seinem Hauptquartier eingeladen wurde, trat ihm dieser mit der Frage entgegen, was die Soldaten, die zu des Kaisers Sicherheit als Posten aufgestellt waren, alle wären. Rls der Besucher überrascht antwortete, das könne er unmöglich wissen, erwiderte der Kaiser: Das sind alles Sozialdemokraten. Er wollte damit sagen, daß er seine persönliche Sicherheit ruhig auch solchen anvertraue, die eine von der seinen völlig verschiedene politische Ueberzeugung haben. Ruch wenn sie später in ihrem Zivilverhältnis wieder ihren roten Zettel abgeben sollten, wird er sie darum in nicht weniger guter Erinnerung als Soldaten haben, die unter allen Umständen ihre Schuldigkeit taten.
Was unserem Volke von diesem herrlichen Erleben als Erbgut dauernd bleiben wird, steht dahin. Sieht man auf den Rusfall der Kriegsanleihe, so könnte einen die frohe Hoffnung beschleichen, es wäre auch in seinen an dem Kriege


