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Nr. 41. Gießen, 20. Sonntag nach Trinitatis, 17. Oktober 1915. 4. Jahrgang

Erntedankfest 1915.

1. Brief des Petrus 5, 7 : Alle eure Sorgen werfet auf ihn, denn er

forget für euch.

Dieses Wort ist Kein Wort des Dankes, des Lobes, der Freude, wie man es sonst beim Erntedankfest hört. Ls ist im Gegenteil ein wort, wie es zu betrübten, sorgenvollen, niedergedrückten Menschen gesprochen wird. Dennoch hat es für diesen Tag sein besonderes Uecht. Ts ist mir, als ob die Ernte dieses Jahres mit eindringlicher Stimme gerade dieses Wort uns in das Herz prägen sollte, als ob sie uns zuriefe: habt ihr es gesehen, was all euer Sorgen geholfen hat? Gott ging Wege, über die ihr oft den Kopf schütteltet, und doch machte er zuletzt alles gut.

Mit was für schweren Sorgen sind wir nicht in den Frühling dieses Jahres eingetreten! Sch rede hier nicht von den besonderen Sorgen, die wir uns um unsere Soldaten machten, nein, von denen der Ernte, wir wußten, was auf dem Spiele stand. England wollte uns aushungern, wir waren verloren, wenn die Ernte mißriet, Als der Frühling begann, sah alles wunderbar gut im Felde aus. wir jubel­ten : Es ist sicher, Gott ist mit uns, er hilft. Über dann kam die lange Zeit der Trockenheit, was für Schollen lagen auf den Aeckern, als es galt, die Kartoffeläcker durchzuackern, daß die Frucht an das Licht kommen konnte, was war das gegen sonst für eine mühselige Arbeit! Und wie die Dürre anhielt und der Uegen für das Setzen der Pflanzen aus­blieb, wie die Pflanzen auf den Aeckern eingegossen werden mußten, eine Arbeit, die seit vielen, vielen Jahren nicht mehr nötig gewesen war! Und wie der Hafer und die Gerste so klein blieb! Es ist nicht oberhessische Art, viel zu klagen und zu jammern, wir graben unsere Sorgen in unsere Seele, wir suchen sie in uns selbst zu verarbeiten. Es lag wie ein Alp auf den Seelen, man glaubte es förmlich zu sehen, wie die Sorge in die Stirnen sich einprägte, wie die Menschen so gedrückt und traurig einhergingen. Die Arbeit mehrte sich, und doch waren der Hände wenig und wurden noch weniger durch die Einberufungen. Dann fiel die Heu- Ernte nicht gut aus. was wird es geben? was wird es geben? wer hat nicht so gesorgt und gedacht? Nicht bloß unter den Dorfleuten. Auch viele Stadtbewohner, die sonst wenig nach den Aeckern schauen und nach der Frucht

fragen, hatten mit einem Male Teilnahme für die bäuerlichen Arbeiten und Erfolge.

Und heute bekennen wir laut: Gott hat es alles wohl gemacht und alles, alles recht bedacht, gebt unserm Gott die Ehre! wie war doch all unser Sorgen unnütz, wir haben Korn und Weizen in einer Güte und Fülle wie selten. Die Gerste ist befriedigend ausgefallen, und wenn auch der Hafer klein geblieben ist und auf manchen Aeckern wenig ergeben hat, es ist doch mehr geerntet, als man dachte. Das Grummet hat sein gut Teil ergeben, und wer sparsam ist, wird sein Vieh auch durch den Winter bringen können. Die Kartoffelernte, wie die Ernte an Aepfeln und Dirnen ist ausgefallen wie noch nie. wie beschämt stehen wir doch heute mit unserm Sorgen vor unserm Gott? wie hatten wir so wenig Glauben und vertrauen zu ihm! wir müssen bitten: Herr, vergib uns unser Sorgen und Zagen, wir haben es noch immer nicht gelernt, dich über unsere Sorge zu stellen und dem wort nachzutun: All euere Sorge werfet auf ihn- denn er sorget für euch.

Aber wir wollen es lernen. Für unser häusliches Leben und unseres Volkes Leben. Es hat der Krieg so manches schwere Gpfer von uns gefordert. Es sitzt so manche Witwe mit ihren Kindern daheim in den Häusern und sorgt und sinnt: wie soll ich durchkommen? wie wird es mir gehen? wie ist es möglich, daß meine Kinder ohne den Vater zu tüchtigen Menschen heranwachsen? In tiefer Traurigkeit versunken klagen so manche Eltern: die Stütze unseres Alters, unsere Freude ist hin, gefallen, begraben in fremder Erde. Ach, wie wird unser Alter so trostlos, so kalt, so trüb sein! werfet den Glauben nicht weg, der eine große Belohnung hat! Es lebt noch unser Gott, und er vergißt nie­manden. So wenig er die Saat auf den Feldern vergessen hat, als wir meinten,als hätt in seinem Sein er deiner sich begeben", wir haben einen Herrn, Herrn, der da hilft. Wahrheit ist das Wort des psalmes: Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn, er wird's wohl machen. Und wenn mir jemand dabei sagt: Ja, aber meine Liebe ist dahin, ich habe niemand mehr, auf den ich stolz sein, an dem ich mich freuen kann, dann will ich ihm sagen: Gott will künftig deine Freude und deine Liebe und dein Stolz sein, Gott, in dessen Ueich der Glaube die wieder zu finden hofft, die der Krieg genommen hat.