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Gemeinüeblatt für öie evangelische Kilchenaemeinöe Glkszeir
Nr. 39. Gieren, 18. Sonntag nach Trinitatis, 3. Oktober 1915. 4. Jahrgang.
wir zu Hause.
2. Moje 17, 9 u. 11. Und Moje sprach zu Iojua: Erwähle uns Männer, zieh aus und streite wider Kinalek; morgen will ich auf des kjiigels Spitze jtehen und den Stab Gottes in meiner kjand haben. Und wenn Moje seine Hand emporhielt, siegte Israel.
Zu der Stunde, da wir dieses schreiben, werden heftige Kämpfe aus dem Westen gemeldet. Man hatte sich schon der Ansicht zugeneigt, daß dort mindestens den Winter hindurch keine Veränderung eintreten und der Schützen- grabenkrieg andauern werde, nun ist dort eine Schlacht entbrannt, eine Kiesenschlacht von der Nordsee bis zu den Ar- gonnen, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat. Zu dieser Offensive scheinen hauptsächlich die Engländer getrieben zu haben. Sie sehen ein, daß sie durch das Abschneiden der Zufuhr, durch ihre Aushungerungspolitik uns nicht über- lwinden können, und der Erfolg der dritten deutschen Kriegsanleihe hat ihnen bewiesen, daß uns wahrlich niemand zwingen kann, aus Mangel an Geldmitteln kleinmütig von einer Fortsetzung unseres Verteidigungskrieges abzusehen. Nun sind sie mit den Franzosen zum Angriff geschritten, und ihre Divisionen stürmen gegen die deutschen Linien. Ueber- all haben seither unsere wackeren Truppen standgehalten, sie bilden ein festes Vollwerk, das uns vor dem Einbruch der Feinde schützt. Wir haben die Zuversicht, daß sie den Feind nicht hereinlassen in das deutsche Land, nicht einmal in das seither von uns besetzte feindliche Gebiet.
Mit ganz besonderem Stolze erfüllt es uns, daß in dem Tagesbericht vom 26 . September über die Kämpfe westlich der Argonnen zu lesen ist: „Norddeutsche und hessische Landwehr schlug sich hervorragend". Unsere Wehrmänner wissen ganz genau, wofür sie kämpfen. Sie singen nicht allzu häufig, wie das die jungen Kriegsfreiwilligen tun, sic rufen selten Hurra, aber sie gehen in den Kampf mit der größten Erbitterung gegen den Feind, der uns seit Fahren diesen Krieg zugedacht hat, und mit der zähesten Entschlossenheit, nicht zurückzuweichen. Sie wollen ihr Land, ihre Heimat, ihre Lieben in der Heimat nicht der Willkür fremder Negierungen ausliefern.
Für uns wird da draußen heftig gekämpft. Es liegt etwas wie Druck und leise Beschämung auf uns, wenn wir daran denken, daß wir in guter Nuhe zu Hause rveilen,
während unsere Brüder im Westen und auch im Osten das Feld behaupten. Können wir denn gar nichts dabei mithelfen? Eins können und eins sollen wir tun, wir sollen es machen wie Moses, der, als das Volk unter Fosuas Führung gegen Amalek stritt, ohne Unterlaß betete und die Kämpfenden dem Schutze Gottes befahl. Des Gerechten, oder wie wir besser in der Sprache unserer Zeit sagen, des Frommen Gebet vermag viel, wenn es ernstlich ist. Zum Gebet treibt uns ohnedies diese harte Zeit. Selbstverständlich wird in den Tagen, da so heiß um die Entscheidung gekämpft wird, der Ehrist und vaterlandsfreund allem fern bleiben, das dem Ernste der Zeit nicht angemessen ist. Tatsächlich ist unser Volk nun im zweiten Kriegsjahre viel ernster geworden als im ersten Kriegsjahre, mancherlei, das die draußen Stehenden verletzen mußte, ist jetzt nicht mehr wahrzunehmen. Alle haben einsehen gelernt, daß wir einen Kampf um Sein oder Nichtsein führen und daß in diesem Kampfe unendliches Menschenleid, Untergang edlen Lebens und reichen Familienglückes der teuere Preis ist, der gezahlt werden muß. Gott stärke uns zu Hause und die streitenden Brüder im Felde, er schenke uns bald den heiß ersehnten, ehrenvollen Frieden!
h. S.
Die vurgkirche zu Gießen.
(Schluß.)
Landgraf Georg II. hatte von dem Ballhause gesagt, „es solle dieses Gebäude aus göttlicher Hilfe eine Kirche werden und hinkünftig bleiben". So ging man denn daran, einen gründlichen Umbau vorzunehmen. Dem Fürstlichen Baumeister Georg helferich Müller wurde aufgetragen, die Pläne anzufertigen, der Generalwachtmeister Hans Günther von und zu Brennhausen überwachte die Ausführung des Projektes, er erhielt die Ermächtigung, zum Umbau des Gebäudes so viel als angängig aus den Festungsbaumitteln zu entnehmen, da ja eine neue Kirche der Festung Gießen nützlich sei. Das an das Ballhaus anschließende, damals verwüstete Wohnhaus und das angrenzende Gelände sollte gleichfalls dem gedachten Zwecke dienen. Der Landgraf und die Gießener Bürgerschaft brachten gemeinsam die Mittel zum Umbau aus. Allmählich fand sich auch eine würdige


