Nr. 33. Bietzen, 12. Sonntag nach Trinitatis, 22. August 1915. 4. Jahrgang.
Der Krieg und die Alten.
3 Luch ITCoje 19, 32. vor einem grauen Haupte sollst du aufstehen und die Alten ehren
vor Uusbruch des Krieges hat man in Deutschland etwas viel Wesen mit der Jugend gemacht. Das geschah im gewissen Sinne mit gutem Grunde. Wenn wir die, die nach uns kommen, im rechten Geiste heranbilden, wenn wir die Jungen zu charakterfesten, ernsten Menschen erziehen, so haben wir für die Zukunft unserer Nation die herrlichste Saat aus- gestreut. Uber man darf auch der Jugend nicht eine Bedeutung beimessen, die sie nicht hat. Die Jugend mit ihren Bestrebungen und angeblichen Leistungen darf nicht zu oft in der Gesfentlichkeit genannt werden, sonst zieht man unerträglich eitle Menschen groß, mit denen niemand später etwas an- fangen kann und die nie etwas gutes leisten. Ehe der Mensch noch Gelegenheit gefunden hat, sich im Leben zu bewähren, darf man nicht zu viel von ihm reden, sonst handelt man gegen die Wahrheit und gegen die Gerechtigkeit.
Mit dieser Ueberschätzung der Jugend ging Hand in Hand eine Unterschätzung der Ulten, sogar eine Unterschätzung derer, die noch auf der hohe des Lebens stehen. Kurzerhand wurden die, die über 40 Jahre alt waren, wie man zu sagen pflegt, zu dem alten Eisen geworfen. Es war wirklich höchst betrübend, zu hören, daß ein Kaufmann, der die genannte Ultersstufe überschritten hatte, kaum noch Uussicht hatte, eine neue Stelle zu finden und daß er für geringere Entlohnung arbeiten mußte als etwa zehn Jahre früher. Sn Fabriken Dramen nur die noch an, die zwischen dem 18. und 35. Lebensjahre standen; man wollte nur noch Leute mit gelenkigen Gliedmaßen, ganz scharfen Uugen und unbeeinträchtigter Gesundheit. Es gab auch Städte, die keinen Lehrer mehr anstellen wollten, wenn er über 30 Jahre alt war, und in Frankfurt stellt man das ist echt kaufmännisch gedacht — nur noch ausnahmsweise einen evangelischen Pfarrer an, der das 40. Lebensjahr hinter sich hat. Man kann aber mit Sicherheit sagen, daß gerade ein Lehrer oder ein Pfarrer erst nach dem 40. Lebensjahre auf dem Gipfelpunkte seiner beruflichen Leistungen steht, weil er erst zu diesem Zeitpunkte über das höchste Maß von Erfahrung und Keife verfügt und somit auf aitdere Menschen einwirken kann.
Der Krieg hat die Ulten wieder zu Ehren gebracht. Unsere genialen Heerführer, die uns in der Stunde höchster Gefahr Kettung gebracht haben, sind alte Männer, hinden- burg, der große Feldherr des Ostens, ist 68 Jahre alt, Mackensen 65 Jahre, auch Prinz Leopold von Bayern und Below gehören zu den Ulten. Tirpitz, der unsere Flotte, besonders unsere Unterseeboote geschaffen hat, ist 66 Jahre alt, unter den kommandierenden Generalen wird kaum einer sein, der noch nicht 60 Jahre alt ist. Ulle diese Männer stehen, was keiner bezweifeln wird, jetzt auf dem Gipfelpunkt ihrer geistigen Kraft. Dazu kommen die vielen alten Männer, die jetzt in der Heimat wieder Stellen versehen, deren Inhaber im Felde stehen, viele Väter, die sich schon auf das Ultenteil zurückgezogen hatten, haben jetzt wieder die Urbeit ihrer für das Vaterland kämpfenden Söhne übernommen. Ulle diese Ulten leisten höchst Ersprießliches, füllen ihre Posten völlig aus, arbeiten mit Hingebung und mit Treue.
So wird auch das ein großer Gewinn des Krieges sein, daß man wieder das Gotteswort achtet: vor einem grauen Haupte sollst du aufstehen und die Ulten ehren. Gewiß, es gibt auch unbelehrbare, eigensinnige, tyrannische Ulte, die ihrer Umwelt eine schwere Last sind, aber sie sind doch die Uus- nahme. Man wird die Lehre dieses Krieges nicht vergessen, und wenn durch Gottes Schickung der Friede gekommen ist, so wird man auf jedem Gebiete menschlicher Tätigkeit für die Urbeit der Ulten, der alten Männer und der alten Frauen, wieder dankbar sein, und wird jeden arbeiten lassen, solange es für ihn Tag ist, bis die Kacht kommt, da niemand wirken kann. h. B.
Zur Geschichte der Giehener Gerberzunft.
(Fortsetzung.)
Sm einzelnen waren die Gebühren, die ein Fremder zahlen mußte, im Jahre 1677 in folgender Spezifikation festgesetzt worden:
„Wenn ein Frembder Meister werden will und seine Zeit erwandert hat, was er erlegen muß:
1 lieh Zwölf Gulden halb Shro hochfürstl. Durchlaucht und halb dem Handwerk
2tens Zwey viertel Wein dem Handwerk


