Einzelbild herunterladen

54

Hoffnung, wegen dieser predigt noch bei den Enkeln wei­terzuleben, in Erfüllung gegangen ist. Der neue Saal, den er erwähnt, scheint nicht der jetzt noch vorhandene zu sein,- denn der Saal in Steins Garten (damals Büschs, später Wenzels Garten) erinnert heute doch nicht an einen Kirchenbau.

von seiner Tätigkeit als Prediger hatte Engel keine kleine Meinung, das zeigte sich bei einer besonderen Ge­legenheit. Sm Jahre 1826 hatte er gehofft, Mitglied des Kirchen- und Schulrates zu werden, der in Gießen seinen Sitz hatte. Diese Hoffnung war nicht in Erfüllung ge­gangen. Gleichzeitig war Engel auch von der Verpflich­tung, am Pädagogium (Gymnasium) zu unterrichten, be­freit worden. So wenig das ihm aus anderen Gründen un­angenehm war, so brachte diese Befreiung ihm doch einen Gehaltsverlust von 400 Gulden, hierüber klagt er in einem Briefe vom 25. Oktober >826:

Das Unangenehme von allem ist, daß ich vielleicht in Zukunft ein sehr eingeschränktes Leben führen und so manche freundschaftliche und gesellschaftliche Verbindung, die ich bei meiner bisherigen Einnahme unterhalten konnte, ausgeben muß,' denn, so viel ich jetzt schon sehe, gehen mir in diesem Augenblick gewiß 400 Gulden verloren. ... Sch gehe nun mit einem anderen plan um, der aber wahrschein­lich auch schon in seinem Entstehen den Keim des Todes in sich trägt, weil ich vor der Hand auf Gelingen nicht mehr rechne, keines, auch nicht des uneigennützigsten Wun­sches Erfüllung entgegen sehe. Darum predigte ich auch am vergangenen Sonntag mit einem vorzüglich bewegten Her­zen, aber edel, männlich und bewegt über das Thema, daß der Edle die schönsten Wünsche seines Herzens un­erfüllt mit in das Grab nehme. Die ganze Versammlung war wie elektrisiert. Mein neuer plan ist nämlich der, außerordentlicher Professor der Theologie, und zwar der praktischen, zu werden und hier ein homiletisches Seminar zu gründen, wozu mein weitläufiges Pfarramt und die wieder neu eingerichtete Hospitalkirche, in welcher ich den Gottesdienst zu dirigieren habe, die schönste Gelegenheit geben."

Glücklicherweise hat in dem einen der beiden hier er­wähnten Fälle derEdle" seinen schönsten Wunsch nicht unerfüllt mit in das Grab nehmen müssen,' denn Engel wurde später nicht nur Kirchenrat, sondern sogar Geheimer Kirchenrat. Dagegen den plan, Professor der Theologie zu werden, mußte er mit in das Grab nehmen.

Sn diesem Briefe berichtet Engel auch von seinem Amtsnachfolger am Pädagogium und schildert die Gefühle, die ihn bewegen, wenn morgens das Glöcklein zur Schule ruft. Das tut er mit den Worten:

An meine Stelle an dem Pädagog ist ein Sohn des verstorbenen Pfarrers Turtmann in Eudorf, der früher in Alsfeld war, gekommen. Wenn in Zukunft das Glöcklein läutet, das mich 16 Jahre gerufen hat, dann rauche ich eine pfeife und lasse seine Töne mit den Wölkchen des­selben verhallen." (Fortsetzung folgt.)

Gietzener Geschichten aus vergangener Zeit.

I. Samiel und sein Herr.

Schon lange ist es her drei Generationen sind inzwischen zur Buhe gegangen , daß Samiel in dem angesehenen handelshause von Gebr. W. dahier als Knecht diente. Durch seine erprobte Ehrlichkeit und seltene Ge­

wissenhaftigkeit hatte er sich das unbegrenzte vertrauen seines Herrn erworben, der an den oft recht derben aber wohl­gemeinten Aeußerungen seines treuen Dieners noch beson­deren Gefallen fand.

Samiel brauchte eine neue Schürze und kam mit diesem Anliegen zu seinem Herrn, der ihn bedeutete, sich eine solche beim Blausärber p. in der Neustadt abschneiden zu lassen. Mit verdrießlichem Gesicht kam Samiel bald dar­auf zurück, und als ihn fein Herr nach der Ursache fragte, gab er zur Antwort:Herr, der P. will uns die Schirz net gewe, ich soll erscht das Geld lange."Nun, dann nimm diesen Sack mit Geld, bringe ihn hin und mache daraus die Sache in Ordnung." p. war nicht rvenig er- staunt, als Samiel mit dem schweren Geldsack aus der Schulter in seinen Laden trat und ihn mit solcher Wucht auf den Ladentisch niedersetzte, daß der Sack aussprang und die Guldenstücke dahinrollten.Einen scheenen Gruß von meim Herrn und hier sollt Ihr Luch bezahlt mache." p. wollte anfänglich das Geld nicht annehmen, er habe es ja nicht ernst gemeint und nur einen Spaß machen wollen. Diese Entschuldigung ließ jedoch Samiel nicht gellen. So hats mein Herr gesaht, so werds gemacht und net annerscht." p. mußte das Geld nehmen, Samiel erhielt die

Schürze und zog mit dem Geldsack wieder ab.

* *

*

Beim Abschließen der Geschäftsräume bemerkte Samiel eines Abends, daß im Arbeitszimmer seines Herrn der Schlüssel zum Geldschrank stecken geblieben war. Er zog ihn rasch ab und eilte damit in den Klub, wo sein Herr all­abendlich bei einem Spielchen saß und übergab ihm den Schlüssel mit der Ermahnung:Herr, häi hunn eich de Geldschlüssel, er war stekke gebliewe, so was derf awer net nieh bassiehrn."

* * *

Samiel hatte zu einem Abendessen, welches sein Herr veranstalten wollte, die Einladungen zu überbringen, von der Besorgung zurück, ging er wieder ruhig an seine ge­wohnte Tätigkeit, ohne seinem Herrn Bericht zu erstatten. Darüber zur Bede gestellt und gefragt, ob die Herrschaften auch alle angenommen hätten, meinte er treuherzig:Herr,

da brauch mer doch kei Antwort ze bringe, wenn's zum F.

und S-gieht, dann komme fe all."

Der Theaterdirektor Friese gab alljährlich zur Spielzeit Vorstellungen im alten Zeughause. Samiel hatte Auftrag, die noch sehr jugendlichen Söhne seines Herrn dorthin zu führen und gut auf sie acht zu geben. Nachdem er die Zungen auf ihre Plätze gebracht, begab er sich auf die sogenannte Galerie, einen etwas erhöhten Stehplatz, von dem aus er die seiner Dbhut Anvertrauten hübsch im Auge hatte. Man gab denFreischütz". Für das Spiel zeigte Samiel weniger Sinn; seine ganze Aufmerksamkeit galt den Kindern seines Herrn. Doch als in der Wolfschluchtszene der KufSamiel hilf!" ertönte, wurde er stutzig. Das war ihm doch zu viel. Das leiht me awer uff, wann ich de ganze Dag geerwert Hab', brach ich Eich am Awend net zu helfe," schallte es mit lauter und vernehmlicher Stimme von der Galerie nach der Bühne zurück.

* *

*

Samiels Herr war nicht groß, aber wohlbeleibt und ging fleißig auf die Sagd. Sm Sagdanzug mit hohen Gamaschen, die Flinte aus dem Kücken und das schön gestickte Flinten-