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Palmer und Lutz, die in diesem Briefe erwähnt werden, waren die beiden älteren Geistlichen, die damals in Gießen amtierten. Um diesen Brief recht zu verstehen, muß man sich vor Bugen halten, daß er vor beinahe 100 Jahren geschrieben worden ist. Damals ließen sich die Menschen leichtrühren", wie überhaupt die vernunftreligioch die in Engel einen ihrer Vertreter hatte, stets von Uührung überfloß. Immerhin muß man verstehen, daß man unter dem Busdruckgerührt" da­mals so viel verstand als heute etwa unter dem Busdruck innerlich gepackt" oderinnerlich angepaßt", von einer gewissen Eitelkeit ist Engel nicht sreizusprechen, sehr gern erzählt er in seinen Briefen von den Scharen der Zuhörer, die unter seiner Kanzel saßen, und von dem Beifall, den seine Predigten gesunden haben. (Fortsetzung folgt.)

- Mathilde Strack f

Bm 10. März d. 3s. verschied im Blter von beinahe 73 Jahren Fräulein Mathilde Strack, die Vorsitzende des Frauenvereins der Lukasgemeinde. Durch ihr hinscheiden ist in unserem Gemeindeleben ein sehr fühlbarer Verlust ent­standen. Mit großer Treue, Geduld und Tatkraft hat sich die Entschlafene vor allem solcher Familien angenommen, die des Bnsporns bedurften, hier hat sie mit Bat und Tat, in uner­müdlicher Liebe und in edler Selbstverleugnung eingegriffen und manchen schönen Erfolg erzielt. Den Brmen war ihr Herz zugewandt, aber sie hat nicht kritiklos gegeben, sie wußte, daß man dem Brmen am wirksamsten hilft, indem man ihn zur Tätigkeit anspornt. Bührend war die Bufopserung, mit der sie in ihrem Blter oft noch am späten Bbend weite Wege ging, um Bedrängten oder Gefährdeten zu helfen. Die Strick­schule der Lukasgemeinde ist ihre Schöpfung, von Bnbeginn des Krieges an hat sie sich in sehr reger Weise der Kriegs­fürsorge gewidmet. Die letzte Brbeit, die sie leitete, galt der Busstattung des zweiten hessischen Lazarettzuges mit Wäsche. Noch auf dem Sterbebette beschäftigte sie sich mit den Plänen für ihre Brbeit im Gemeindeleben. Ihre ganze Wirksamkeit war musterhaft für das, was eine Frau im evangelisch-kirch­lichen Gemeindeleben leisten kann. Blle ihre ersprießliche Br­beit wuchs aus schlichter, tiefer Herzensfrömmigkeit hervor, so daß sich an ihr das Bibelwort (1. Tim. 1, 5) erfüllte, das ihr Leichentext war:Die hauptsumme des Gebotes ist Liebe von reinem Herzen und von gutem Gewissen und von ungefärbtem Glauben." h. B.

Ein pfälzischer Musikant.

Erzählung von Heinrich Bechtolsheimer.

(Fortsetzung.)

Es kostete mich ziemlich viel Geld, den Leuten wieder zu anständiger Kleidung zu verhelfen, aber ich hatte auch die Freude, daß ich alle meine Musikanten nun überallhin schicken konnte, ohne fürchten zu müssen, daß man an ihrem Bussehen Bnstoß nähme. Sehr viel spielten wir am Hafen, wenn die Buswanderer abfuhren. Es waren viele Deutsche unter ihnen, die nach Bmerika ziehen wollten. Ihnen spielten wir zum Bbschied schöne deutsche Lieder, ohne dabei Geld ein­zusammeln. Mehr und mehr hatte ich meine Leute Ehoräle einüben lassen, und ich habe gesehen, daß manches Buge von Tränen feucht wurde, wenn wir das LiedBefiehl du deine Wege" oderBch, bleib mit deiner Gnade" hinaus zu dem Schiff erklingen ließen, das zur Bbfahrt fertig war. Gerade mit dem Spielen der Ehoräle habe ich viel Dank geerntet.

Die frommen Holländer lobten uns jedesmal, wenn wir die langsame, getragene Weise eines deutschen Kirchenliedes spiel­ten, und reicher Lohn ward uns zuteil.

Wie im Jahre zuvor in Bmsterdam, so bekam ich auch hier viele Bufträge von Privatleuten. Wir spielten bei Hoch­zeiten, Tanzgesellschaften, Gartenfesten, wurden sogar einige Male beauftragt, bei Begräbnissen die Trauermusik zu machen. Bei solcher Gelegenheit sorgte ich dafür, daß meine Musikanten einen Trauerflor um den Brm trugen. Bus dem Wege zum Friedhofe spielten wir einen Trauermarsch, am Grabe einige passende Ehoräle wieJesus, meine Zuversicht" oderWie sie so sanft ruhen".

Ich bin mein Lebtage gern in ruhigen Stunden auf Friedhöfen umhergegangen, habe mir die Bäume betrachtet, die aus den Hügeln gepflanzt sind, und die Grabinschriften gelesen. Eines Tages fand ich auf einem Botterdamer Kirch­hofe die Grabinschrift eines alten Schiffers, die mich tief ergriff. Sie lautete:

Einst fuhr ich in der Tat von morgens früh bis abends spat,

Nun mag da fahren, wer da will, hier liege ich vor Bntzer still."

Dieser Vers gab mir viel zu denken. Ich stellte mir den Lebenslauf des Mannes vor, der vor mir im Grabe ruhte. Er war weit umhergekommen, er war gewiß in Batavia, in Indien, in Bmerika gewesen, die ganze Welt hatte er bereist und viele fremdartige Menschen hatte er gesehen. Seinen Lebensabend hatte er wohl in einem der in Holland vielfach zu findenden kleinen gelblich-weiß gestrichenen, mit blank geputzten Türklinken versehenen Häuschen zugebracht, fried­lich die Tonpfeife rauchend, im Gärtchen Tulpen ziehend und seinen Enkelkindern von seinen Beisen erzählend. Nun aber ruhte er schon seit Jahren still im Grabe,.sein Schifflein stand in der Tat still vor Bnker. Während ich mir das alles ver­gegenwärtigte, durchfuhr mich der Gedanke, daß ich ja auch einem Schiffe gleich von früh bis spät durch die Welt ziehe, schließlich aber auch still vor Bnker liegen werde. Nur um Haaresbreite hatte es sich gehandelt, und ich wäre in her- zogenbusch meiner Krankheit erlegen. In diesen Gedanken ging ich aus dem Friedhofe auf und ab. Da fiel mein Buge auf die Bibelsprüche, die aus vielen Grabsteinen standen. Ich las sie, und je mehr ich über sie nachdachte, um mehr Trost floß mir zu, so daß ich mit einem Male den Entschluß faßte, dieser Trostquelle nachzugehen und mir eine Bibel zu ver­schaffen. Wohl hatte Pfarrer Weber in der Konfirmanden­stunde uns gesagt, daß wir das Libellesen nicht vergessen soll­ten, aber wie es so oft in der Welt mit jungen Leuten geht, die gar nicht gottlos sind, so ging es auch mit mir, ich hatte die Mahnung meines Seelsorgers nicht befolgt.

Meine Musikanten hatten draußen vor der Friedhofs­pforte auf mich gewartet. Sir saßen auf einer Steinbank unter dicht belaubten Linden, hatten ihre kurzen pfeifen angezündet und erzählten sich lustige Geschichten.

Meister, wo seid Ihr so lange geblieben?" ries mir Georg vackermann zu.

Ehe ich antworten konnte, sagte Fritz Baldner:Man meint, der Meister sei mit einem guten Freund zur Leiche gegangen, um flennen zu helfen, so ein betrübt Gesicht macht er."

Ich verwies dem vorwitzigen Burschen seine ungebühr­liche Bede und sprach in ernstem Tone von der Grabinschrift des alten Schiffers und den Bibelsprüchen, die ich gelesen