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haltenen Karabinern in unsere Stabt sprengte, um festzu- stellen, ob sich keine feindlichen Truppen hier aufhielten. Balb darauf begann der Durchmarsch einer preußischen ' Armee. (Es folgte Regiment auf Regiment, Infanterie, Kavallerie und Artillerie, und es wurde ein Uhr, bis alle Muni- tions- und Bagagemagen, zuletzt unter strömendem Regen, die Stadt passiert hatten. Der Durchmarsch vollzog sich in größter Ordnung, auch nicht die geringste Störung oder Belästigung der Einwohner kam vor. Man sah vielmehr, daß Bekannte sich begrüßten, oder daß Erfrischungen an die Soldaten verabreicht wurden. Im ganzen bot der Durchmarsch ein kriegerisches Bild von imposanter Größe, wie es in Gießen wohl nie zuvor und auch nachher nicht wieder gesehen wurde.
Nachdem diese Armee unter General von Beyer in Kurhessen eingerückt war und das Land besetzt hatte, blieb es in unserer Stadt etwa l4 Tage ganz ruhig. Da jeder Bahnverkehr und jeder postoerkehr gänzlich eingestellt war, hörte man vorerst von allen weiteren Ereignissen nur höchst wenig Zuverlässiges, und alles Leben in der Stadt schien erstorben. Nur kleinere Trupps kurhessischer Militärpflichtiger, die vor den Preußen geflohen und sich nach Süddeutschland Zu ihren Regimentern begeben wollten, zogen zuweilen hier durch.
Diese Stille wurde wieder unterbrochen, als in den letzten Funitagen süddeutsche Truppen bei uns einrückten. Es waren einige Tausend Mann, badische Infanterie und Pioniere, EDürttemberger Jäger, Reiterei und Artillerie, die hier ein- guartiert wurden. Die EDürttemberger Jäger besetzten den Bahnhof und nahmen das noch hier befindliche Beamtenpersonal der preußischen Deuz Gießener Bahn in Gewahrsam. Die badischen Pioniere fuhren nach Wetzlar und Lollar und zerstörten die Weichen und Derbindungsgeleise auf den Bahnhöfen. Auch hessische Thevauxlegers sprengten einmal in vollem Galopp durch die Stadt, wobei einige Pferde auf dem glatten Pflaster hinstürzten. Nur wußte niemand, wohin sie ritten, und man hat auch nie gehört, was der eilige Ritt zu bedeuten hatte.
In den Morgenstunden des Z. Juli es war gerade Kirschenmarkt gab es plötzlich Alarm. Die Truppen rückten aus, die Stadttore wurden besetzt, und niemand wurde mehr ein- noch ausgelassen, hierdurch entstand eine große Aufregung in der Stadt, zumal auch alle Marktleute und Händler miteingeschlossen waren, die nun mitsamt ihrem Vieh und unter lautem Angstgeschrei in den Straßen auf- und abliefen. Alles drängte, jeder fragte, bis es endlich hieß, es sei eine preußische Patrouille hinter dem Hardtberg gesehen worden und daß es dort wohl zu einer Schlacht käme.
Alle weiteren Vorbereitungen, die jetzt zum Empfang des Feindes getroffen wurden, das verbarrikadieren der Lahnbrücke, das Auffahren von Kanonen auf dieser und das Besetzen aller umliegenden Punkte und Häuser mit Militär, 'waren jedoch vergebens. Da sich bis zum Abend keine Preußen mehr gezeigt hatten, rückten die Truppen wieder in ihre (Quartiere, und die Stadtsperre wurde wieder aufgehoben.
Schon am andern Tage traf die Nachricht von dem entscheidenden Siege der Preußen über die Gesterreicher bei Königgrätz hier ein, die zur Folge hatte, daß der weitere Vormarsch der hier lagernden Truppen, die zum achten deutschen Bundes-Armeekorps unter dem Befehl des Prinzen Alexander von Hessen gehörten, wieder eingestellt wurde. Diese Truppen zogen sich nun in südlicher Richtung wieder zurück.
(Fortsetzung folgt.)
vilder aus Alt-Gichen.
(Fortsetzung.)
6. Engel wird Stadtpfarrer.
Ende des Jahres 1823 wurde Engel, der seither Lehrer am Gießener Pädagogium und Mitprediger gewesen war, zum zweiten Stadtpfarrer ernannt. Sein Amtsantritt wurde in einer Weise gefeiert, die wir heute nicht mehr kennen. Ueber seine Ernennung schrieb er am 6. Dezember des genannten Jahres an Pfarrer Gäbe!:
,,Der vergangene Mittwoch war für mich ein Tag hoher Freude. Stellen Sie sich vor, an diesem Tag erhielt ich auf einmal ganz unerwartet mein Deeret als definitiv angestell- ter zweyter Stadtpfarrer und Stockhausprediger mit Behal- tung meines bisherigen Lehramtes. Das Deeret kostet 17 Fl. 5 Kr., die ich sehr gerne und mit Vergnügen gegeben habe. Fetzt erst hat die Sache eine wahre Form und ich kann ein ganz anderes Wort mitreden, als bet) der provisorischen Anstellung. Wie ich höre, hat der Stadtrath im Sinne, dieses Ereignis auf irgend eine feyerliche Weise zu cetebrieren."
Engel sollte sich in dieser Vermutung nicht täuschen, am 20. Dezember kann er seinem „lieben Herrn Gnele" folgendes berichten:
„Am vergangenen Sonntage habe ich denn meine förmliche Antrittspredigt als definitiv angestellter Stadtpfarrer gehalten. Ich hatte erst im Sinne, dieselbe bis nach dem Fest zu verschieben, um mancherlei) Vorrichtungen zu treffen. Da man indessen darauf bestand, so entschloß ich mich noch in der Mitte der Woche dazu. Dieser Sonntag wird mir ewig unvergeßlich seyn. Den Samstag Abend hatte sich der Gemeinderath auf dem Rathhause versammelt und schickte mir eine Deputation mit dem Ersuchen, mich den Sonntag früh ich hielt den Vormittagsgottesdienst abholen zu dürfen. Den Sonntag Morgen erschien daher eine Deputation, mit welcher ich auf das Rathhaus ging, hier fand ich den Gemeinderath versammelt, welcher mich mit Achtung und Rührung empfing, hierauf zogen wir in feierlichem Zuge unter dem Geläute aller Glocken, die auf Veranstaltung des Gemeinderathes an diesem Tage herrlich klangen, und unter dem Zuströmen der Volksmenge in die Kirche. Als wir an dem Hauptthor derselben ankamen, empfing uns eine herrliche Musik, die unsere Ankunft verkündigte. Ich zog mit der Gemeinde durch die Kirche bis vor den Altar, wo sämtliche Glieder an mir vorbei) gingen und ihre Plätze im Thor auf Stühlen, die dorthin gebracht worden waren, einnahmen. Ich ging unter pauken und Trompeten in die Saeristey. hierauf wurde ein Lied gesungen, nach welchem ich vor den Altar trat und aus der Fülle meines Herzens betete, hierauf wurde das Lied ,,KD Gott, du frommer Gott" gesungen und ich bestieg gegen das Ende desselben die Kanzel. Tief gerührt habe ich gepredigt und alles war ergriffen, zuletzt redete ich Palmer und Buß von der Kanzel herab an, was einen tiefen Eindruck machte. Die predigt wird gedruckt auf einstimmiges verlangen. Nach der predigt stellte ich mich selbst der Gemeinde als ihren Pfarrer vor und die einzelnen Glieder des Gemeinderaths näherten sich unter einer herrlichen Musik glückwünschend dem Altar. Zuletzt begleitete mich die Deputation wieder nach Haus. Alles ist enthusiasmirt und der Gemeinderath läßt mir zum Thristkindchen einen kostbaren Thorrock nebst einem Barret machen, den ich auf Weihnachten zum erstenmal tragen werde. Sehr verbindliche Briefe habe ich erhalten . . ."


