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Nr. 11. Gießen, Sonntag Iudica, 21. März 1915. 4. Jahrgang.

Unser Gottvertrauen.

Psalm 125, 2. Der Herr ist um sein Volk her von nun an bis in Ewigkeit. .

Wir haben einen Stamm von Glaubensliedern, die mit dem Geiste des evangelischen Volkes vollständig verwachsen sind, deren Gedanken sich ihm zu Zeiten fast unbewußt in die Seele drängen und in denen sich sein ganzes Fühlen und venken kundgibt. In einem dieser Lieder kommt die Strophe vor:ver Herr ist noch und nimmer nicht von seinem Volk geschieden. Gr bleibet ihre Zuversicht, ihr Segen, heil und Frieden. Mit Mutterhänden leitet er die Seinen stetig hin und her." Man kann sagen, in diesem einen Vers steckt mehr geistige Kraft als in hundert Predigtbänden. Wie groß mag die Zahl der Christen sein, deren Herzen er in bedrängter Lage aufrecht erhalten hat, besser, als die Zusprache der besten Freunde, der wohlmeinendsten Tröster.

Wenn das nun ein bewährter Trost ist, der schon vielen zurechtgeholsen hat, die Gewißheit, daß der Herr nicht von seinem Volk geschieden ist, so ist es anderseits ein Zeichen von der geistigen Gesundheit eines Volkes, wenn in ihm dieser Trost noch etwas gilt. Ts war das eine der erfreulichsten Ueberraschungen, die uns dieser Krieg beschert hat. In der Zeit vorher schien unser Volk bei seinem anhaltenden Streben nach den zeitlichen Gütern des Lebens die Verbindung mit Gott fast gänzlich verloren zu haben. Uber die furchtbare Kot brachte es mit einem Schlage wieder zurück auf den Weg der Glaubenszuversicht, die die Väter gepflanzt haben. Ver Herr ist noch und nimmer nicht von seinem Volk geschieden. Wahrlich, ein Vätererbe, wie es kein kostbareres geben kann, an dessen Erhaltung und Mehrung zu arbeiten, wieder unsere höchsteFreude sein darf, hinwiederum sehen wir an unfern west­lichen Feinden, wie ein Volk, das sich in seinem großen Teile von Gott bewußt geschieden hat, auch in der Zeit der Heim­suchung nicht mehr die Kraft hat, bei ihm seinen Rückhalt zu suchen. Ls wird durch Trübsale nicht zu Gott hingeführt, sondern entzweit sich mit ihm erst recht und richtet eine un- übersteigliche Schiedwand zwischen sich und Gott auf.

Was unser Gottvertrauen aber noch mehr hebt, das ist die Erfahrung, daß sich Gott nicht bloß zu jedem einzelnen bekennt, der sich ihm mit aufrichtigem vertrauen ergibt, sondern auch einem ganzen Volk die Treue hält, das ihm in der gleichen Weise begegnet. Wir dürfen das Wort vollbuch­

stäblich nehmen: ver Herr ist noch und nimmer nicht von seinem Volk geschieden. Lei einem Volk hat das ja viel größere Schwierigkeiten. Mag sein Wille auch noch so ernst gerichtet sein, es find immer einzelne da, die in Zeiten wie der gegenwärtigen mit ihrem Unglauben zurückhalten, um ihn dann, wenn sie ihre Zeit für gekommen erachten, um so offener wieder hervortreten zu lassen, ver Unglaube weiß im großen ganzen vorzüglich seine Zeit wahrzunehmen. Mit welcher geschickten Taktik er vorgeht, dafür könnte man manches belehrende Leispiel gerade aus der gegenwärtigen Zeit anführen. Man kommt fast aus dem Staunen nicht heraus, namentlich wenn man sieht, wie das Kriegsfeuer manchen zu Bemerkungen und Bekenntnissen hinreißt, die er noch vor einem halben Jahre bei sich selbst nicht für möglich gehalten hätte und deren er sich vielleicht in späteren Friedens­zeiten als Schwächeanwandlungen schämen wird.

Uber das dürfen wir hoffen, daß in der einen Hinsicht die Umwandlung zum Lesseren eingeleitet sein wird, daß sich unser Volk in Zukunft nicht alles kritiklos vorsetzen läßt, was denen, die sich einbilden, sie hätten die Uufgabe, die öffentliche Meinung zu machen, gerade einsällt. Uls z. L. vor l 5 Jahren die Wirren in Thina ausbrachen, waren viele in veutschland der Unsicht, die evangelischen Missionen seien an dem ganzen Unheil schuld, während doch von jeher das Streben der deutschen Missionsgesellschaften dahin gegangen ist, sich von jedem politischen Treiben fernzuhalten. Trotz seiner Unsinnigkeit wurde aber der Vorwurf immer wieder erhoben, auch von solchen, die gar nicht daran glaubten. Es war so bequem, einen Unschuldigen verantwortlich zu machen, vennoch wäre es damals ein oberflächliches Urteil gewesen, wenn man hätte sagen wollen, das deutsche Volk wäre missionsfeindlich gesinnt oder gar religionslos, bloß des­halb, weil er solche Ueußerungen sich widerspruchslos gefallen ließ. Es ist aber zu hoffen, daß sich der Fortschritt, zu dem ihm dieser Krieg hinsichtlich der Selbständigkeit des eigenen Ur­teils nach den verschiedensten Richtungen verhilft, auch darin zeigen wird, daß die Zeiten, in denen es sich seinen Glauben teilnahmlos verunstalten ließ, vorüber sind und nicht mehr wiederkehren werden. Wenn sich diese Hoffnung als trügerisch Herausstellen sollte, dann läge darin der Beweis, daß unser Volk die Lehren dieses Krieges leider ungenützt an sich hat vorübergehen lassen. K. G.