Nr. 6. Metzen, Sonntag Estomihi, 14. Februar 1915. 4. Jahrgang.
Var Vaterunser im Kriege.
Evangelium des Matthias 6, 9. Unser Vater in dem Himmel.
Oie sechs Monate Weltkrieg, die nun hinter uns liegen, haben uns, auch wenn wir die Erlebnisse und Ergebnisse auf den Schlachtfeldern ganz ausschalten, schon eine überwältigende Erkenntnis gebracht: Der Krieg macht hellsehend, er zeigt uns die Menschen und die Verhältnisse, wie sie sind, nicht wie sie scheinen. Wie w-ir dies in unserer persönlichen Stellung zu unserer ganzen Umgebung, unseren Lieben im Felde und den Zurückgebliebenen daheim, in unserer ganzen äußeren Lebenshaltung bei den großen wirtschaftlichen und den kleinen täglichen Unterhaltungsfragen spüren, so erleben wir diese Umwertung aller werte auch in allen Fragen unseres innersten Seins. Und hier steht unsere Stellung zu Gott obenan. Seit dem Kriege bemerken vielleicht die meisten von uns zu ihrem Schrecken, wieviel Oberflächlichkeit, wieviel gedankenlos Mitgemachtes wir doch in dem bewiesen, was wir bis dahin als unser Verhältnis zu Gott bezeichnet hatten! Seit dem Kriege geht ihnen aber vielleicht auch zu ihrer Freude recht eigentlich einmal der Sinn und das wahrhaftige Empfinden für das auf, was es heißt: mit Gott in Gemeinschaft zu stehen. Und nun zittert mit der Majestät und Weihe eines Glockenklangs, wie wir ihn bis dahin vielleicht noch nie in solcher Tiefe und Fülle haben klingen hören, auch der Unfang des Herrn-Gebets durch ihre Seele: „Vater unser im Himmel". Gott unser Vater! vielleicht hat wirklich erst das ungeheuere Erlebnis des jetzigen Weltkrieges manchem von uns die entscheidende Klarheit darüber gebracht, daß in der Einleitung dieses erhabensten Gebetes überhaupt der innerste Kern des Ehristentums gegenüber allen anderen Religionen der Menschheit sich offenbart. Venn die Menschheit in diese Kindesstellung zu Gott zu rücken, das war das, was Thristus mit seiner Sendung auf Erden bezweckte. Uber kann uns nicht gerade der Krieg, wenn wir recht beten, nun bei dem „Vater unser" in ganz neue Erschütterungen bringen? Dies „unser", schließt es nicht alle ein, die es beten? Uuch unsere Todfeinde im Weltkrieg? Und wenn sie es recht beten, muß Gott sich ihnen nicht auch genau so als Vater erweisen wie uns? Und wenn er unser aller Vater ist, warum ließ er diesen Weltkrieg über uns kommen? Ls ist gut, daß der
Krieg uns einmal alle ausgerüttelt hat, gerade auch über diese tiefsten Fragen nachzudenken. Run werden wir auch endlich verstehen lernen, was es heißt, wenn Jesus sagte: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt", nun auch die Wichtigkeit des Zusatzes „Vater im Himmel" wirklich zu ermessen beginnen. Und damit werden wir auch die beseligende Gewißheit zu erleben vermögen, daß selbst die furchtbarsten Schrecknisse und Röte eines Weltkrieges niemanden, er mag welchen Volkes und Standes immer sein, aus der innersten Herzensstellung zu Gott verdrängen können. Daß wir, ob Krieg, ob Frieden, eingebettet sind in die Liebe eines Vaters, dessen letzte Ziele für unfern Frieden und unsere Seligkeit weit hinausgehen über alles, was diese arme Erde und unser kurzes Leben darauf je bieten kann.
Englands Schande.
Wir in Gießen und Umgebung haben besonderes Interesse an der Urbeit der Rasier Mission im vualagebiete (Kamerun). Wirkte doch dort seither einer unserer Landsleute, RUssionar Heinrich Walther aus Reuern, ein geschätzter Mitarbeiter unseres Gemeindeblattes. Nun haben die Engländer, die wir seither als das erste Missionsvolk der Welt ansahen, dort die Mißionsarbeit völlig lahmgelegt, von der Urt, wie sie dort gehaust haben, entwirft folgende an den,.Schwäbischen Merkur" gerichtete Zuschrift eine ergreifende Schilderung.
Lin württembergischer Missionar, der in Kamerun seine Station hatte und in letzter Woche aus englischer Gefangenschaft zurückgekehrt ist, machte uns, so schreibt des genannte Blatt, folgende Mitteilungen, vie Missionsstation Vuala wurde bald nach der Kriegserklärung von einem englischen Kanonenboot beschossen,' es fuhr aber bald wieder ab, ohne großen Schaden angerichtet zu haben. Um 26. September sei sodann eine größere feindliche Flotte erschienen und habe die Küste beschossen. Un einen Widerstand sei nicht zu denken gewesen, der Befehlshaber der Schuhtruppe habe sich deshalb mit seinen Leuten in das Innere des Landes zurückgezogen, vie zurückgebliebenen Deutschen haben eine Zeitlang mit zwei alten Kanonen und einigen Gewehren den Feind beschossen, seien aber einer Landung gegenüber machtlos gewesen. Unglücklicherweise seien die vualaneger damals den


