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Dadurch stieg die Aufregung immer mehr, und der Tumult und das Schießen wurde immer ärger. HIIcs, was Helsen konnte, half beim Ausbau der Barrikade. Alle möglichen Gegenstände wurden herbeigeschleppt, und selbst Damen in Ballkleidern beteiligten sich und trugen Pflastersteine herbei, die zur Neupflasterung der Stadt am Zelterstor aufgeschichtet waren.

Unterdessen war die zweite Kompagnie der öürgerwehr, die den Wachdienst hatte, auf dem Seltersberg angekommen, und ihr hauptmann Ferber kam noch gerade zurecht, um den Kreisrat von Leuten zu befreien, die in seine Wohnung ein­gedrungen waren und ihn ernstlich bedrohten. Mit dringen­den Vorstellungen setzte es Ferber durch, daß der Kreisrat Gegenbefehl gab und die Theveauxlegers wieder in ihre Gar­nison zurückbeorderte. Alsdann beruhigte sich die Menge wieder, und die Gefangenen blieben hier.

Zu einer großen Kundgebung gestaltete sich die Gedächt­nisfeier für Nobert Blum. Diese Feier ging vom Turnverein aus, dem sich alle hiesigen Vereine und auch die Bürgerwehr anschlossen. Lin endloser Zug mit dem Bildnis Nobert Blums bewegte sich durch die Stadt nach dem Lärchenwäldchen. Dort wurde in feierlicher weise u-nter Ansprachen und Gesangs­vorträgen die sogenannte Blumlinde gepflanzt. Als das Bäumchen im darauffolgenden Frühjahr in schönem Blätter­schmuck stand, sind ihm von schnöder Hand über Nacht sämt­liche Beste abgesägt worden. Der Täter konnte ermittelt wer­den und entging der wohlverdienten Strafe nicht, die er in der Form einer gehörigen Tracht Prügel erhielt. Der Baum ging trotzdem nicht zugrunde, neue Aeste schlugen wieder aus und jetzt ist er eine Zierde in der Anlage.

Im herbst 1849 war die Strecke Marburg -Gießen der Main-Weserbahn fertig ausgebaut und konnte dem Betrieb übergeben werden. Mit dem ersten Probezug fuhr die gesamte Bürgerwehr mit nach Marburg. Dieser Besuch wurde kurz darauf von der Marburger Lürgerwehr hierher erwidert.

(Schluß folgt.)

Ein pfälzischer Musikant.

Erzählung von Heinrich Bechtokheimer.

(Fortsetzung.)

Ts gab einige unruhige Stunden, ich überlegte die Sache ganz genau, wollte mich nicht in eine große Schuldenlast stürzen, endlich wurde das Geschäft doch abgeschlossen. Der wöllsteiner Notar, ein kleiner, witziger Herr, kam herbei, und der Akt wurde gemacht. Ich erinnere mich noch genau, daß der Notar - er war aus Mainz gebürtig und hielt mit Leib und Leben zu seiner Vaterstadt während des Ge­schäftsabschlusses beständig vom Mainzer Karneval erzählte. Tr führte uns sogar, während der Schreiber den Akt zu Papier brachte, den Mainzer Narrhallamarsch vor, so daß ich die größte Angst ausstand, der Schreiber würde unsinniges Zeug schreiben. Der war jedoch so sehr an die Schnurren seines Herrn gewöhnt, daß ihn dessen musikalische Darbietungen nicht mehr störten. Als der Akt vorgelesen war und alle Be­teiligten unterschrieben hatten, empfahl sich dasUotärche", wie die Leute in der ganzen Gegend sagten, und ich war Hausbesitzer. Ts war ausgemacht worden, daß ich am 1. April mein Eigentum antreten solle.

Ts war mein plan in diesem Jahre wir schrieben nun 1887, mit meiner Kapelle wieder nach Holland zu gehen, weil ich im Jahre zuvor dort so gute Geschäfte ge­macht hatte. Diesmal konnte ich nicht so zeitig im Jahre ab- reisen,' denn ich wurde für Anfang April zu einer mili­

tärischen Uebung nach Worms einberufen. Ts war mir lieb, daß diese Uebung nicht in den Sommer fiel,' denn sonst hätte ich meine Reife unterbrechen müssen, was für mich mit großem Nachteil verbunden gewesen wäre, hauptsächlich gestattete es aber die Uebernahme des neuen Anwesens nicht, daß ich schon im März abreiste. Ich hatte mich mit meiner Frau entschlossen, daß wir ein Spezereigeschäft betreiben wollten, wie es seither schon in dem Hause geführt worden war. Leicht hatte ich mich allerdings hierzu nicht entschlossen. Ts war doch eine große Last, die ich damit meiner Frau aufbürdete. Sie mußte mindestens sieben Monate im Jahre das Geschäft allein führen, hatte ein kleines Kind zu pflegen und sollte den Garten, der zum Anwesen gehörte, bestellen. Aber Lina fürchtete sich vor keiner Arbeit. Sie erklärte:Jetzt sind wir jung, jetzt können wir, wenn wir tätig sind, etwas er­obern,' wenn wir uns aber auf die faule haut legen, so kommen wir in den Rückgang." Zudem versprachen die Eltern meiner Frau und ihr lediger Bruder, daß sie während meiner Abwesenheit nach dem Rechten sehen und in meinem Anwesen nach Möglichkeit helfen wollten. So bestellte ich denn getrost in Kreuznach, Worms und Mannheim die er­forderlichen Waren und hatte auch insofern Glück, als die Geschäfte, die sich jedenfalls nach mir erkundigt hatten, erst im herbste Zahlung verlangten.

Alles ging glatt und gut. Am 1. April bezogen wir unser Haus und richteten alles ein. Kurz darauf kamen die Waren­sendungen an, die Zuckerhüte, die Kaffeeballen, die Fässer mit Essig und Gel, die Kisten mit Seife und anderen Gegenständen. Ich dachte in dieser Zeit daran, daß ich früher davon geträumt hatte, in meinem Geburtsorte die Tochter des Krämers Lip- pert zu heiraten und dessen Geschäft zu übernehmen. Jetzt war ich doch ein Krämer geworden, obgleich meine damaligen Hoff­nungen zerronnen waren. Ich dankte Gott, daß diese Hoff­nungen sich nicht verwirklicht hatten,' denn von Rupperts­ecken kam die Kunde, daß der Krämer Lippert so mit Schulden überlastet sei, daß er alles versteigern lassen mußte. Nicht das geringste war ihm geblieben, er mietete sich ein Zimmerchen bei der Altpeter-Lene, in dem er fortan mit seiner Frau wohnte. Seinen kärglichen Lebensunterhalt ge­wann er, indem er Maklergeschäfte trieb. Wenn fremde Ge­schäftsleute, Metzger, Kartoffel- oder Getreidehändler in das Dorf kamen, ging er mit ihnen von einer hofreite zur andern und spielte den Mittelsmann. Und Gottfried Keiper zog mit seiner Frau nach Ludwigshafen, wo er Fabrikarbeiter wurde. Die Musik gab er von diesem Tag an auf, weil er sonst seine Stelle in der Fabrik verloren hätte, wenn er mehrere Monate im Jahre gefehlt hätte. Ich habe später von ihm und seiner Frau nichts mehr gehört, beide scheinen im Stadtleben aufgegangen und nicht mehr nach der Heimat gekommen zu sein.

Als ich meine Uebung hinter mir hatte, schrieb ich meinen Musikanten, daß sie sich reisefertig machen sollten. An Stelle des Gottfried Keiper hatte ich einen Musikanten aus Alten­glan, der schon in Schweden und Nordamerika gespielt hatte, eingestellt. So schwer wie in diesem Jahre ist es mir nie­mals geworden, wenn ich von der Heimat auf die Reise gehen sollte. Das machte, daß ich jetzt Haus und Hof, Weib und Kind hatte. Unser kleiner Wilhelm machte mir viele Freude. Wenn er in seiner Wiege lag, sich mit seinen blauen Augen umsah, und ich dann zu ihm trat und ihm zurief:Wo ist denn mein kleiner Bub?" so ging ein Lachen über sein Ge­sicht, und vor Vergnügen fing er an zu krähen. Tr hatte aber auch Stunden, in denen er weniger froh war und mit kräftiger