Nr. 201 Drittes Blatt
Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Mittwoch, 29. August 1934
Sie „Minz" kämpft bis zum Untergang..
3»r Erinnerung an den 28. August 1914.
Don Käpitänleutnant v. Tirpih (damals Wach-Offizier der „Mainz").
Das erste Seegefecht des Großen Krieges! Am 28. August 1914 stoßen deutsche Streitkräfte auf den weit überlegenen englischen Feind, Witterung und Uebermacht schenken den Engländern den Sieg. Aber auch sie bleiben nicht unbeschädigt, während wir die Kreuzer „Köln", „Mainz", „Ariadne" und das Torpedoboot V 187 verloren. — Die folgende Schilderung vom heroischen Kampf und Untergang der „Mainz" entnehmen wir mit Genehmigung des Verlages I. F. Lehmann, München, oem Erinnerungswert ,^ur See unbesiegt".
Wir fuhren mit äußerster Kraft und nördlichem Kurs, als mich der Kommandant anrief: „Wir müssen jeden Augenblick auf die Zerstörer treffen!". Mein Signalgast und ich spannten unsere Aufmersamkeit aufs äußerste. Abwechselnd mit dem bloßen Auge und mit dem Scherenfernrohr wurde die Strecke vor uns abgesucht. Da, auf einmal tauchten vor uns im Dunst des Sommermittags, der eine Sichtweite von höchstens 7000 Meter zuließ, dunkle Fahrzeuge auf; acht waren mit Sicherheit auszumachen; auf dem grünen Hintergrund sahen sie wie schwarze Käfer aus. Sofort wurde heruntergegeben: „Vier Strich an Steuerbord feindliche Zerstörer!" Die Zerstörer, die mit westlichem Kurs sich uns bis dahin genähert hatten, drehten mit einemmal bei auf nördlichen Kurs. Ich hörte durchs Schallrohr die Artilleriekommandos, sah, wie sich die Rohre parallel auf das Ziel einstellten, mit Ausnahme des Steuerbord-fünften, das offenbar das Ziel wegen zu großer Vorlichkeit nicht mehr bekommen konnte. Deutlich tönte die Salvenglocke herauf, und unmittelbar später ging die erste Salve davon. Jetzt hieß es, den richtigen Aufschlag finden. Es war unglaublich schwer, zu beobachten. Die Zerstörer waren auf äußerste Kraft gegangen. Starke Bug- und Heckseen färbten den Zwischenraum zwischen den einzelnen Booten weiß. Außerdem hatten die einzelnen Ziele infolge ihrer vorlichen Stellung gar keine Breltenausdehnung. Beim Aufschlag der ersten Salve konnte man unmöglich mit gutem Gewissen eine eindeutige Beobachtung heruntergeben; bei der zweiten Salve, bei der einige Schüsse noch rechts vom letzten Zerstörer und weit lagen, änderte sich die Situation. Ich ließ durch meinen Signalgast meine Beobachtungen heruntergeben. Gott sei Dank konnte ich jetzt auch mein Teil mittun. Der Feind schoß wieder, aber wie! Die einzigen Aufschläge, die ich in unseren Salvenpausen sah, lagen weit an Steuerbord vom Schiff weg. Nur das Zischen in der Luft lehrte, daß auch Weitschüsse dabei sein mußten. Sehr gefährlich war die ganze Geschichte bis jetzt nicht für uns. Während ich mit meinen Augen noch am Scherenfernrohr lag, stieß mich der Signalgast an: „Herr Oberleutnant, Kreuzer an Backbord!" Ich riß mich herum, sah mit dem Glas drei Kreuzer der Städteklasse, drei Strich an Backbord, auf uns zuhalten. Nun war keine Zeit mehr zu verlieren. Jeder einzelne war stärker als wir. Ich brüllte durch das Schallrohr hinunter: „Drei feindliche Kreuzer drei Strich an Backbord!" Unmittelbar darauf blitzte es drüben schon auf. Wir drehten hart Steuerbord auf Gegen- fürs. Das war ein anderer Gegner; man merkte es sofort. Die Salven lagen sehr dicht an unserem Schiff; bei den Aufschlägen zeigte sich'gelbliche Gasentwicklung. Hohe Wassersäulen wurden aufgewor
fen. Das tiefe Brummen in der Luft ließ keinen Zweifel an dem Kaliber — es waren 15-Zentimeter- Gefchütze, denen wir nur 10,5-Zentimeter entgegenzusetzen hatten. Jetzt waren die Engländer recht achteraus. In Staffel folgten sie uns. Der e r st e Treffer trat ein: die Dampfzuleitung zur Sirene war getroffen, und der Dampf entströmte mit zischendem Geräusch. Donnerwetter, jetzt durften wir aber nicht lahm geschossen werden, sonst war es faul. Die Entfernung nach achtern hielt sich nach meiner Schätzung. Weder gelang es uns, einen sichtbaren Vorsprung zu gewinnen, noch kamen die Engländer schnell auf. Die Entfernung war aber so gering, daß wir uns ein weiteres Sacken auch nicht leisten konnten. Unsere zwei achteren Geschütze nahmen tapfer das Heckgefecht auf. Hierbei war es vollkommen unmöglich, auch nur einen Aufschlag von uns auszumachen. Unterdessen mehrten sich bei uns an Deck die Treffer. Man sah viele Leute umfallen, weggetragen werden; — alles vollzog sich aber in mustergültiger Ordnung. Wieder wär es mein treuer Nachbar, der brave Keese, der mich mit einemmal heftig anstieß: „Herr Oberleutnant, voraus ist wieder was? Ein Glas war nicht nötig; der neue Gegner war dicht genug, um ihn klar auszumachen: Es war ein neuer Kreuzer der Städteklasse; außerdem wimmelte es von Zerstörern. Sofort mel
dete ich das Sichten des Kreuzers nach unten. Man hatte das unangenehme Gefühl: (5 5 i ft nur w e- n i g noch zu machen. Nur noch ein Wunder konnte uns retten. Wir drehten, anscheinend auf meine Meldung hin, nach Steuerbord. Ich nahm an, der Komandant wollte dem alten und dem neuen Gegner etwa in der Diagonale weglaufen. Während des Drehens folgte an Bord Treffer auf Treffer. Doch wir sollten gar nicht mehr auf einen geraden Kurs zu Hegen kommen. Aus mir gänzlich unverständlichem Grunde drehten wir weiter nach Steuerbord (später erfuhr ich, daß wir einen Rudertreffer bekommen hatten). Dieses Manöver brachte uns unseren alten verfolgenden Kreuzern wieder näher. Als wir weiter drehten, Jo daß wir die neuerschienenen Kreuzer etwa rechts voraus hatten, nahm ich an, der Kommandant wollte jetzt einen Torpedoanlauf fahren. Es durchdrang mich wie ein Gefühl der Begeisterung. „Der da unten wollte vor unserem Abmarsch in die Tiefe noch einen mitnehmen." Aber zu einem Torpedoanlauf sollte es nicht kommen. Ein furchtbarer Stoß erschütterte das ganze Schiff; man flog im Krähennest hoch; das ganze Schiff bebte innerlich. Das war ein Torpedotreffer. Wo und wie er gekommen war, hatte ich nicht beobachtet; vorher hatte ich verschiedene Laufbahnen gesehen, die jedoch alle vorbeigegangen waren. Als die Riesenwassersäule des Torpedotreffers, die fast bis zur Höhe des Krähennestes gestiegen war, niederfiel, fühlte ich deutlich, daß die Maschinen stillstanden. Ein Blick nach unten zeigte, daß wir nur noch verschwindend geringe Fahrt machten. Die Feinde hatten uns so ziemlich eingekreist; an Backbord waren die meisten Gegner. Unsere Geschützbedienungen schossen nach allen Sei-
Das Beispiel -es Führers.
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Der Führer und Reichskanzler spendet für die Saar-Sammlung, ein Bild, das vor dem Neubau des Braunen Hauses in München ausgenommen wurde. — Rechts: Reichsjugendführer Baldur von Schirach; links: der Adjutant des Führers, Obergruppenführer Brückner.
Neuer Weltrekord einer deutschen Bergsteigerin.
Frau Dyhrenfurth, die Gattin des Leiters de« Internationalen Himalaja-Expedition, hat, wie be« reite gemeldet, mit der Ersteigung des Queen-Mary- Berges im Karakorumgebirge eine Höhe von 7400 Meter bewältigt.
ten. Die Geschütze waren wohl, zum Teil wenigstens, selbständig. Ich machte mich daran, unsere Gegner zu zählen, zwanzig mochten es, die Zerstörer eingerechnet, gut sein. Es war ein wundervolles Scheibenschießen für sie. Sehr gefährlich konnten wir ihnen nicht mehr werden. Da sagte plötzlich mein Nachbar: „Sehen mal, Herr Oberleutnant, o, die Engländer! Er hatte auf seinem Schoß, halb in der Hand, feine blutigen Eingeweide. Der arme Kerl hatte einen Splitterschuß abgekriegt. Obgleich ich in Tuchfühlung mit ihm gesessen hatte, hatte ich nichts abbekommen. Schnell schwanden meinem guten Keese feine Kräfte; langsam fiel er vornüber, und mit dem Blutverlust schwand seine Farbe.
Da flammte es plötzlich auf dem Zerstörer rechte voraus auf! Er mußte einen Treffer in seine Munition an Deck bekommen haben. Freudig gab ich meine letzte Trefferbeobachtung herunter. Ob sie von irgend jemand gehört wurde, — wer konnte es sagen? Drei Kreuzer der Städteklasse passierten uns in langsamer Fahrt auf etwa 6000 Meter an Backbord. Allerdings hielten sie sich so weit vorlich, daß sie von einem Torpedotreffer nichts zu fürchten hatten. Da gab es noch einen kurzen Ruck im Schiff. Aha, an Backbord schäumt es auf, und deutlich war die Laufbahn eines abgehenden Torpedos zu beobachten. Der Torpedooffizier versuchte zu guter Letzt noch sein Heil. Doch ein Erfolg war nicht zu hoffen. Unterdessen hatten sich die feindlichen Kreuzer auf uns eingeschossen. Jede Salve brachte einen förmlichen Kladderadatsch von Treffern mit sich. Die letzte Salve hatte den achteren Mast mitgenommen. Da blitzte es wieder drüben auf. Deutlich konnte man die Reihenfolge der Schüsse von vorn nach achtern, zuerst das vordere, dann das achtere Schiff, ausmachen. Ich zähle immer bei jeder Salve, die ich drüben aufblitzen sah: Eine, zweie, dreie, viere — bis fünfe kam ich nur, dann war die Salve bei uns angekommen und brachte Tod und Verderben. Jeder Salveneinschlag erschütterte das ganze Schiff. Jetzt waren die beiden achteren Schornsteine auch mitgenommen.
Da trat mit einemmal Ruhe ein. An Deck sah es
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Vornan von Anny von panhuys.
Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Verlag, Halle (S.) 3. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Er dachte, was für schöne, haselnußbraune Augen Donata Olden hatte, und wie dicht und glänzend lagen die Sicheln der Brauen darüber. Fast vergaß er den Taler über fein bewunderndes Schauen.
Sie nahm einen Schluck von dem süßen Apfelwein, der um diese Jal>reszeit in Frankfurt am Main wie flüssiger Bernstein in unzähligen Krügen und Gläsern zum Genuß lockte. Dann plauderte sie:
„Wir wissen nichts mit der Inschrift anzufangen. Vaters Großvater hat die Taler hinterlassen. Es waren sechs Stück, aber einer ist meinem Vater abhanden gekommen. Auf jedem steht etwas oder ist etwas gezeichnet. Vater meint, es wäre alles dummer Schmuck, sinnlose Verschandelung der Münzen von einem alten, verrückten Manne. Ich aber denke manchmal, irgend etwas muß die Inschrift doch bedeuten. Urgroßvater soll allerdings sehr sonderbar gewesen sein und immer Sachen getan haben, die kein vernünftiger Mensch begriff. Viel ' in der Welt wäre er herumgereift, heißt es, und - sehr spät soll er erst geheiratet haben, und gegen seine Frau ein rauher Herr gewesen sein. Er war krank und alt; seine Frau jedoch noch jung und schön, und deshalb war er eifersüchtig zum Gotterbarmen. Keine Freude hat er der Armen gegönnt, und sie hat sich oft ausgemeint bei ihrem jungen Sohn. Eines Tages hat er getobt, die Frau wolle ihn vergiften und einen anderen heiraten, und von da an hat er keiner Speise mehr getraut. Eine alte Nachbarin hat eigens für ihn kochen müssen.
Sein Juwelenhandel hatte ihn reich gemacht. Er hat geschworen, bettelarm würde er seine Frau zurücklassen." Donata schüttelte sich. „Ein gräßliches Leden muß das für die Bedauernswerte gewesen fein. Er starb bann plötzlich, aber von seinem Reichtum war nach seinem Tode nichts mehr da Die Juwelen, mit denen er gehandelt, waren verschwunden wie Hexengold. Nur sechs Taler mit den sonderbaren Inschriften fanden sich, und die so-; wie das Häuschen in Bornheim, das jetzt meinen Eltern gehört, blieb der Witwe und ihrem Sohn. Nur knapp schlug sie sich durch und starb früh. Ihr Sohn wurde Handwerker, arbeitete bann als Meister in irgenbeiner Fabrik. Sein Sohn, mein Vater, würbe Musiker, unb ber meint manchmal, irgenbroo müsse boch Urgroßvaters Reichtum, ber aus Ebelsteinen beftanb, geblieben fein "
Sie lachte jung unb froh:
„Das Leben ist auch ohne Reichtum schön — gelle?"
Da lachte auch er jung unb froh:
„Unb ob bas Leben schön ist!"
Sein Blick trank sich satt an bem reinen Antlitz bes schlanken Mäbels, unb sie stießen mit ihren Gläsern an, die mit Süßem angefüllt k^grenj
„Auf gute Freunbschaft!" sagte bäs Mäbel warm.
Er ermiberte leise: „Auf bie Liebe, Donata Olden!"
Da senkte sie bie Liber, unb eine Blutwelle zog über ihr seines Gesicht, färbte es mit sanftem Rot.
Sie hob langsam ben Kopf, ihre Augen leuchteten, unb sie fragte nun, um von bem heiklen Thema abzulenken:
„Was halten Sie von ber merfroürbigen Rückseite bes Talers?"
Er mußte sich einen förmlichen Ruck geben, um ihr jetzt nicht roieber von feiner Liebe zu sprechen, von bieser Liebe, bie ihn so ganz unb gar erfüllte.
Erst nach einem Weilchen antwortete er:
„Es läßt sich zunächst wirklich nichts weiter sagen, als baß bie Rückseite bes Talers sehr rätselhaft ist. Vielleicht barf ich einmal gelegentlich auch bie anberen Taler sehen."
Sie nickte:
„Natürlich! Aber Sie werben auch nicht klug baraus werben. Es haben sich schon verschiebene Leute ben Kopf barüber zerbrochen."
Er gab bie Brosche zurück, unb sie rebeten von anberen Dingen. Sie erzählte von Marielena Har- nischfeger, bie im Nachbarhause gewohnt, unb mit ber sie gut bekannt gewesen. -
„Ein einfaches, golbtreues Ding war sie, aber immer kränklich unb zart. Ich habe sie sehr gern gehabt. Wir sahen uns ja fast täglich. Ihre Mutter erzählt: in ber Nacht, in ber Marielena gestorben wäre — Herr Harnischfeger befanb sich gerabe in Mainz — hätte sie ein verbächtiges Geräusch gehört, wäre aufgeftanben unb hätte Licht gemacht.
Fast gleichzeitig sei bie Tür von Marielenas Stube gegangen, unb kurz baraus hätte Marielena gerufen: .Einbrecher!' unb laut geschrien. Als Frau Harnischfeger ba ihre Zimmertür aufgeriffen, sah sie eine Gestalt burch bas offene, auf ben Hof hinausgehende Flurfenfter verschwinden, ihre Tochter aber lag bewegungslos auf ber Schwelle. Daß sie tot war, hat ihr bahn der Arzt gesagt, den sie gleich rief, und der ganz nahe wohnte. Bei Marielenas Herzleiden bedeutete ein großer Schreck Lebensgefahr."
Detlef Westkamp sagte ernst:
,^Jch erzählte Ihnen ja, ich selbst hörte den Schrei unb glaubte, eiy Traum irgenbeiner jjrau in ber Spillingsgasse trage baran bie Schuld."
Sie blickten sich an und tiefer Ernst lag auf ihren Gesichtern. Wenn das feierliche Lied von jähem Tod aufflinat, erschauern auch junge Menschen.
Donata fügte noch hinzu:
„Von einem Einbruch hat man aber keine Spur gefunden, trotzdem unzweifelhaft festgestellt werden konnte, daß um Mitternacht ein fremder Mensch im Hause gewesen war. Es war natürlich sehr leichtsinnig, daß man das Parterrefenster nach dem Hose zu nachts offen gelassen. Aber wir in unserem Gäßchen haben vor Einbrechern eben keine Angst."
Sie saßen noch bis halb neun Uhr zusammen; bann begleitete er Donata heim. Doch nicht bis vor ihr Haus, Das wollte sie nicht.
Er küßte ihr beim Abschieb bie Hanb. Da lachte sie ein wenig ärgerlich:
„Dees könne Se bei bene gnäbige Fräuleins mache — unseraans hat an so Posse kaan Spaß."
Es war ein bunkles Plätzchen, wo bie beiben stauben, unb Detlef Weftkamp flüsterte, ihren Dialekt nachahmenb:
„Also lasse mer bie Posse un betrage uns annerschfer."
Schon zog er ihren Kops zu sich heran unb küßte den jungen Mund. Da riß sie sich los unb stürmte davon. Wenn er nicht auffallen wollte, mußte er zurückbleiben, so flink waren iHre Füße.
Er schalt mit sich selbst. Wie hatte er sich so gehen lassen dürfen! Nun hatte er es mit ihr verdorben, und es war gar kein Wiedersehen verabredet worden.
Verstimmt machte er sich auf den Heimweg, aber seine Lippen spürten noch die jungen frischen Lippen unter dem Druck ber seinen.
Fünftes Kapitel.
Erich Merten war eine bekannte Erscheinung in der Altstadt. In den Wirtschaften der Gassen und Gäßchen fühlte er sich wohl, und es war eine Art Doppelleben, das er führte.
Er besaß im Bahnhofsviertel eine kleine Leihbücherei, bie sehr gut ging, unb bie ihm ein ganz nettes Einkommen brachte.
In allen möglichen Berufen hatte er sich schon versucht, ehe er ben Hasen gefunben. Auch seine kurze Ehe hatte er als Beruf aufgefaßt, hatte geheiratet, um zu Gelb zu kommen, und als bie Frau gestorben, war bas gebiegene Vermögen, bas sie ihm mitgebracht, zu Enbe. Die schönen Gelbscheine waren nach uno nach in bas Parabies Erich Mertens, bie Altstabt, geroanbert unb hatten sich bort aufgelöst in ein Nichts.
Es war schon später Abenb, unb Erich Merten ging langsam am Mainkai entlang. Die Silhouetten ber Bauten bes Sachsenhäuser Ufers schoben sich, matt Umrissen, aus bem Dunkel brüben, von Zeit zu Zeit burch Laternen in Helle getaucht.
Er war tief in Gebauten versunken unb achtete gar nicht auf Vorübergehenbe. Eine Frau befanb sich plötzlich an feiner Seite.
„Na, Erich, spinnst bu mal roieber? Ich habe bich angerufen, aber bu hörst unb siehst nix. Spinnst roieber an ber verdrehten Geschichte vorn verborgenen Schatz — nicht wahr? Bist'n Dummkopf. Mach mir mit bem Blöbsinn nicht ben Kopf burch- einanber. Kannst boch ganz gut leben. Mein Liebchen, roas willst bu noch mehr? Noch dazu heutzutage, wo mancher froh ist, wenn er kärglich fein Leben fristen kann."
Er hatte feine fo plötzlich aufgetauchte Begleiterin ruhig reden lassen. Jetzt nahm er ihren Arm, klemmte ihn fest unter den seinen und schalt halblaut:
„Sollst den Mund halten von der Sache, von der kein Mensch, außer dir- ein Sterbenswörtchen weiß. Dir habe ich sie leider mal im Suff anvertraut, aber bu hast mir geschworen, nie davon zu
reden, aber nun fängst du auf offener Straße davon an. Es könnte einer was davon aufschnappen, und es handelt sich doch um ein großes Geheimnis."
Das letzte klang sehr leise, und in dem Ton verwies er sie weiter:
„Maul halten, Suse, sonst vermasselst du mir alles. Wenn der alte Vvrstadtmusiker auch nur die leiseste Ahnung bekommt von dem, was ich weiß und vorhabe, kann ich mein Leben lang in ber muffigen Bücherbube hocken unb bleichsüchtigen Backfischen ober bicken Hausfrauen zerlesens Liebesromane in bie Pfoten stecken. Willst boch auch, daß ich zu Gelb komme, Suse. Also nur bann von ber Sache reben, wenn wir ungestört finb unb idj davon reden will."
Er blieb stehen und ließ sie los.
„Ich kann nicht lange laufen, ab und zu tut mir der verflixte rechte Knöchel noch weh, den ich mir verstaucht habe."
Sie kicherte:
„Als du Einbrecher gespielt hast und aus dem Flurfenster springen mußtest!" Sie gab ihm einen freundschaftlichen Klaps: „Auch das Einbrechen will gelernt sein. Vor allem muß man sich aber dann das richtige Haus aussuchen und darf nicht ins Nachbarhaus busseln, wo nischt zu holen ist. Und noch dazu so früh. Wer bricht denn um zwölf Uhr ein? Um zwei oder halb drei Uhr morgens ist's richtiger."
Er stieß sie zurück, daß sie taumelte.
„Scheinst gut Bescheid zu wissen mit der Gewohnheit der Einbrecher. Aber ich bin feiner, und jetzt nicht eine Silbe mehr von dem allem!"
Sie schlug ihn auf den Arm.
„Untersteh dich, mich noch einmal so zu schupfen, dann gehe ich gleich zu dem Vorstadtmusiker unb erzähle ihm, roas für eine Beroanbtnis es wahrscheinlich mit ben Talern hat, bie sein Großvater hinterlassen. Dann lüfte ich bas Geheimnis, hinter das du ganz zufällig gekommen bist. Wenn's stimmt, was man ja auch noch nicht weiß, wirb er sich, wie ich annehmen barf, gegen mich sicher bankbar erweisen."
Er atmete schwer. Am liebsten hätte er seinem Zorn bie Zügel schießen lassen, aber er hatte Suse Beßler zu viel anoertraut, unb er bürste es1 nicht mit ihr Derberben. Er wagte es nicht.
So zwang er sich zur ßiebensroürbigfeit.
„Suse! Mach boch keinen Quatsch! Komm mit, wollen was essen unb eine gute Flasche auf bas Gelingen ber ziemlich schweren Sache leeren. Weißt boch, wenn ich erst orbentlich bei Kasse sein werde, kriegst du allerlei, was dir mächtigen Spaß machen wird."
Da lachte sie, die eben noch gedroht hatte:
„Endlich bist du vernünftig, Erich!"
Sie tänzelte leichtfüßig neben ihr her, die trotz ihrer etwas vollen Gestalt sehr Graziöse und Be- wegliche, die einmal eine bekannte Tänzerin gewesen sein sollte, die aber jetzt nur noch in Lokalen letzten Ranges auftrat feit .sie als Erpresserin mit bem Strafgesetzbuch Bekanntschaft gemacht hatte.
(Fortsetzung folgt)


