Lind nun, Men?
Vornan von Käthe Mehner.
Urheberrechtsschutz: Füns-Türme-Verlag, Halle (S.) 15. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
„Wenn du mir den Wahrheitsbeweis in dieser Angelegenheit nicht schuldig bleibst, Olaf, dann — dann kannst du auf mich rechnen. Wenn ich dich recht verstanden habe, handelt es sich bei dir um das — Leuchtgas-Entgiftungsoerfahren. Ich weiß um das Material im Tresor seines Arbeitszimmers."
Innerlich triumphierte Olsen, äußerlich aber blieb er vollkommen unberührt.
„Wirst du nicht etwa die Torheit begehen, dich mit der Frau in Verbindung zu setzen? Du verlegst dir dann den Weg zu mir — verstehst du? Man kann Scheidungsgründe nur sammeln, wenn es der Gegner nicht merkt. Der Effekt ist sonst hin. Poltere nicht voreilig heraus!"
Die Frau hörte nichts mehr. Ihre Gedanken waren schon bei dem Tresor, glitten dann ins Wesenlose und formten plötzlich Gesichter — Frauengesichter. Wer war die Frau, die Rainer von Rakenius liebte?
,^Jch werde dir die Frau nennen in dem Augenblick, Ev, in dem du mir das Material der Erfindung aushändigst."
„Pfui, Olaf!"
Er wehrte ab.
„Gut, Ev — ich vertraue dir. Zunächst dieses: Geh morgen Abend ins U.-T. Die Platzanweiserin oben in den Logen, die hellblonde — vergleiche sie mit der Reklamegöttin der Chemie-Aktiengesellschaft. Mehr dann später, wenn ich das Verfahren kenne. Ich werde die Formel kopieren. Du erhältst es ja sofort zurück. Verdacht auf dich ist also unmöglich."
Platzanweiserin — Kino — Reklamegöttin! Fieberhaft begann sie zu kombinieren. Warum hatte Rainer sich gerade an dieser Reklame so sehr begeistert? Immer überzeugter wurde sie von dem, was Olsen ihr mitgeteilt hatte.
Warum lag der Originalentwurf groß und auffallend auf seinem Schreibtisch?
Jetzt war freilich alles klar. Nun, eine Evelyn von Lödorque hinterging man nicht ungestraft. Rainer von Rakenius sollte ihre Rache fühlen.
„Wir sehen uns morgen zum Tee beim dänischen Konsul, Olaf."
Der Däne nickte nur. Gewollte und gespielte Zärtlichkeiten und Tröstungen ebbten die Erregung Evelyns allmählich ab. Wieder erstickten alle anderen Gedanken vor der berauschenden Gegenwart dieses Mannes.
Doch als sie Stunden später in ihrem Kabriolett saß, gab sie mit machtvoller Energie Gas. Der Wagen heulte und sauste stadtwärts, ließ Olsen weit zurück.
Dreizehntes Kapitel.
Evelyn von Rakenius stand vor dem Spiegel in ihrem entzückenden Boudoir. Vor Stunden erst hatte ihr Olaf Olsen das ungeahnte Geheimnis ihrer Ehe enthüllt. Jetzt war schon eine nicht mehr zurückzudämmende Flut von Rache und Gekränktsein in ihr.
Mit ausgesuchter Sorofalt hatte Frau Evelyn das lange, teefarbene Abendkleid gewählt. Rauschend umfloß ihren jugendlichen, fast knabenschlanken Körper die glänzende Seide.
Sie schob das ebenmäßige, doch ein wenig kalte Gesicht dem Spiegel näher. Noch etwas Rot auf Lippen und Wangen und einen leisen Hauch des herrlichen pfirsichfarbenen Puders.
Gewaltsam kämpfte sie ihre Erregung hinunter und trat mit einem süßlichen Lächeln in das Arbeitszimmer ihres Mannes.
Rainer von Rakenius traute seinen Augen nicht. Er wandte den Kopf aus dem Lichtkegel der weißen Marmorlampe und sah ihr voll in die Augen.
„Es ist bereits serviert, Rainer. Möchtest du nicht gleich herüberkommen?"
Doktor von Rakenius sah etwas überrascht in das frische Gesicht seiner Gattin. Sie schien ihm irgendwie verändert.
„Ist es so eilig, Evelyn?"
„Eilig? Nun, das wollte ich nicht sagen. Ich habe mich daran gewöhnen müssen, daß für dich der Begriff Eile nur in Bezug auf deine Arbeit existiert."
Rainer von Rakenius schwieg. Das alte Lied.
Indessen schob seine Frau auf seinem Schreibtisch mit nervösen Fingern einige mit Formeln bedeckte Blätter beiseite. Äh! Das Licht der Lampe fiel voll auf den großen Reklameentwurf.
Leise knirschte sie mit den Zähnen. Ein engelhaft schönes Gesicht, königlich schön in seiner unangetasteten Reinheit, wurde sichtbar. Es stach Evelyn wie spitze Nadeln ins Herz.
Sie hatte den Mann an ihrer Seite niemals geliebt. Eine reine Vernunftehe, wenn es hochkam, noch ein wenig Mitleid. Doch im Augenblick der Eifersucht brachte die Frau noch immer Liebe zu jedem, auch zu dem häßlichsten Manne auf. Stolz... verletzte Eitelkeit und ... nicht zuletzt das brennende Bedürfnis, über die Nebenbuhlerin siegen zu müssen... um jeden Preis.
„Das Bild scheint dich merkwürdig und mehr als gewöhnlich zu interessieren, Liebster!"
Evelyns Worte atmeten Verwirrung und Unruhe.
Rakenius war überrascht.
„Ich verstehe dich nicht, Evelyn! Eine Reklame, Phantasieprodukt eines Künstlers, eines Zeichners. Zudem kennst du doch unsere Reklamen zur Genüge." Aber fein Blick ging während dieser Worte an der Frau vorbei, die fein Gesicht nicht losließ.
Die ihm fremde Anrede „Liebster" schien er ganz überhört zu haben. Sie paßte auch nicht in die Erlebniswelt feiner Ehe.
„Ich entsinne mich nicht, auf deinem Schreibtisch schon jemals eine Reklameschönheit gesehen zu haben. Offenbar ist dir das Dämchen da... bekannt." Da war es heraus.
Rainer von Rakenius hatte sich erhoben. Was verfolgte Evelyn mit diesen hartnäckigen Fragen? Wollte sie ihn in die Enge treiben?
„Du überraschst mich mit einer Eigenschaft, die ich, offen gestanden, an dir kaum vermutet habe, Evelyn!" antwortete er, noch immer bemüht, den Worten der Frau das Herausfordernd-Spitze zu nehmen.
„Du weichst mir aus, Rainer! Ich glaube als deine Frau ein Anrecht zu dieser Frage zu haben. Du kennst diese Dame!"
„Ja, ich kenne fiel Und nun? Ich habe keinen Grund, dir diese Bekanntschaft zu verbergen."
„Sooo!" Eine ganze Welt von Eifersucht und erwachendem Haß barg dieses eine langgezogene Wort.
Rainer von Rakenius bewahrte noch immer feine vornehme Ruhe.
„Du scheinst dir diese Bekanntschaft etwas eigenartig auszulegen, Evelyn! Ich lernte diese Dame ganz zufällig kennen. Ganz zufällig. Es war vor unserer Ehe... und ist längst vorbei."
Langsam ging Doktor von Rakenius in das hell erleuchtete Speisezimmer hinüber.
Mit stolz gerecktem Kopf und kühl verächtlichem Blick folgte die Frau.
Schweigend saßen die Gatten sich gegenüber.
Evelyns Gedanken kreisten um Olsen und — um das Geheimnis, das er ihr offenbart hatte. Rakenius beschäftigte sich in Gedanken, wie immer, mit neuen Plänen im Gebiet seines Berufes. Er begriff nicht, daß Evelyn dem Ganzen eine solche Bedeutung beimaß.
„Ich hielt dich für einen Menschen, der neben seiner Arbeit noch nicht einmal für feine Frau Zeit findet. Nun wird mir allerdings manches klar", meinte sie schließlich spitz, nachdem der Diener abserviert hatte.
Aus den Augen ihres Mannes traf sie ein Blick ehrlichster Verwunderung und Nichtverstehens.
„Du unterstellst mir wirklich Absichten, die mir nicht einfallen. Ich begreife deine Gereiztheit nicht. Was soll das alles nur?"
„Nichts anderes, als daß ich rücksichtslos Rechenschaft fordere!"
Die Frau hatte Olsens sämtliche Warnungen zur Vorsicht vergessen. Jetzt war sie eifersüchtig. Nur eifersüchtig.
Alles war ihr in btefem Augenblick gleichgültig. Auch Olsens Meinung. Gewiß — sie liebte ihn. Doch jetzt — war ihr Stolz verletzt? Das hatte hart getroffen.
„Rechenschaft kann man nicht fordern, wenn nichts geschehen ist, worüber Rechenschaft abzulegen wäre. Ich sagte dir, ich kenne diese Dame; durch einen seltsamen Zufall lernte ich sie kennen, und
stehe noch heute in ihrer Schuld." Rakenius sagkj das alles ganz ruhig, ohne jede Schärfe.
„Schuld?" Ein hohnvolles Lachen flog zu Raks» nius hin. „Ha! — ein Rainer, von Rakenius steht in der Schuld irgend eines Mädchens und hilft ihr zum Ausgleich dafür, seine Schönheit weltbekannt zu machen. Allerdings interessant. Früher glaubte ich, dazu würde eigentlich die Schönheit deiner Frau genügen, die andere so loben."
Ein falscher Trumpf an falscher Stelle. Doch der Haß und die Eifersucht machen blind für die Wir« hing der Handlung.
„Andere loben deine Schönheit, und du hältst dich für würdig, als Reklamekopf eines kosmetischen Produkts durch die Welt zu wandern? Seltsam allerdings von der Frau eines Wissenschaftlers."
.„Damit sprichst du eindeutig aus, daß diese Per- son nicht Rücksicht auf Rang und Stand zu nehmen hat, weil sie keinen hat."
Messerscharf fiel die Erwiderung.
In Rakenius loderte der Zorn auf.
Wie konnte feine Frau es wagen, dieses reine Mädchen so verächtlich zu machen?
Jetzt sie verteidigen können, jetzt für sie eintreten können — aber er war ohnmächtig, war gebunden. Darum mußte er schweigen. Doch sein Gesicht drückte höchsten. Widerwillen aus.
„Gute Nacht,' Evelyn! Vielleicht überlegst du, wie unrecht du mir getan hast mit deinen Worten. Geh, leg dich schlafen, du scheinst ein wenig überreizt heute." Noch einmal versuchte er in Güte, etwas bei Evelyn zu erreichen. „Ich will versuchen, noch zu arbeiten."
„Ja... ja... arbeite nur! Bis jetzt habe ich an diese Mätzchen geglaubt, habe mich von dir belügen lassen — von nun an nicht mehr." Mit hastigen Schritten verließ Frau von Rakenius das Zimmer, ehe ihr Mann noch zu einer Erwiderung kam.
Oben in ihrem Salon warf sie sich erregt in einen Sessel. Eine Zigarette nach der anderen rauchte sie in hastigen, gierigen Zügen. In ihr war alles hellster Aufruhr.
Was Olsen von ihr verlangte? Das Material?
Vorhin noch hatte sie es gequält. Sie hatte sich Gewissensbisse gemacht, zu schnell ihre Zusage ge» geben zu haben.
Doch jetzt?
Ihre großen, glutvollen Augen sprühten Rache. Energiegespannt waren die gepflegten Züge der verwöhnten Frau.
Es war ja nur ein Ausgleich. Ein winzig kleiner Ausgleich — gegen die verletzende Behandlung ihres Mannes.
Richt einmal in diesen Augenblicken dachte sie über ihr eigenes Leben nach. Nicht einmal suchte sie die Schuld bei sich.
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