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wältigung eines an sich notwendigen Lehrstoffes tst der körperlichen Erziehung nicht mehr günstig. Allein das lanae Stillsitzen, dazu die geschlossenen Räume mit vielen Anderen ist eigentlich nicht das, was der Natur des Kindes auch in diesem Alter entspricht. Deswegen müssen hier in gleicher Weise, wie der natürliche Entwicklungswille des Kindes nicht mehr ganz voll zur Geltung kommen kann, bewußte Gegenmaßnahmen einsetzen. Ist dies doch auch in körverlicher Hinsicht das bil- dungLfLNllste Alter, in dem der Grundstein für Verkümmerung, der Grundstein aber auch für die beite Entwicklung gelegt werden kann. Die Schule bedarf der täglichen Turnstunde und muß gleichzeitig nocy genügend Spielraum lassen für frei gewählte Leibesübungen. Wichtig wäre, daß die Schulturn-Befreiung nicht mehr so ge­handhabt wird, wie es noch oft der Fall ist. Die Zahl derjenigen, die mit Recht befreit werden müf» sen, ist nicht groß, besonders da das Schulturnen nicht auf Spitzenleistungen eingestellt ist, sondern sich auch der schwächlichen Jugendlichen annimmt. Dies ist ein großer Teil unserer Jugendlichen. Allerdings gehört dazu ein gesichertes Wissen und gesicherte Erfahrung des Lehrers für die körperliche Entwicklung und Leisturigsfähigkeit des Jugend­lichen. Der Jdeallehrer, der hierzu erforderlich ist, ist noch nicht in genügender Zahl vorhanden. Er sollte gleichzeitig. Unterricht über gesundheitsgemäße Lebensführung und Rassenpflege erteilen.

Auch ausgesprochen körperbeschädigte Jugendliche sollten nicht ohne weitgehende Förderung oerbleioen. Dies widerspricht in keiner Weise unseren Grundsätzen der Erbgesundheits- pflege. Sehr häufig sind körpergeschädigte Ju­gendliche nicht auf Grund erblicher Minderwertig­keit behindert, sondern als Folge von Krankheiten oder Unfällen. Erbgesunde körperbeschädigte Ju­gendliche können erfahrungsgemäß sehr bald, man möchte sagen, meist zu vollwertigen und voll ar­beitenden Volksgenossen ausgebildet werden, wenn sie richtig behandelt werden. Das Selbst­vertrauen und die mutige und aufrechte Einstellung des körpergeschädigten Jugendlichen selbst zu seinem Leben und zur Umwelt gibt dre Entscheidung für oder gegen seine Lebenstauglichkeit.

Um die körperliche Schulung der voll Gesunden muß sich der Staat kümmern, indem er ihnen die Möglichkeit gibt, neben der Berufsausbildung und -Ausübung Leibesübungen zu treiben. Fer­ner, indem er nicht wie in früheren Zeiten die Ueberschätzung des gelehrten Wissens maßgebend sein läßt, sondern der körperlichen Leistungsfähig­keit bei der Bewertung der einzelnen Persönlich­keit ihre Rechte zuerkennt. Der Staat wirkt posi­tiv auslesend und damit auch für die Zukunft die Gesundhrit des deutschen Volkes erhöhend, wenn die Erreichung guter Leistungen in Sport und Lei­besübungen, wie sie z. B. das Turn- und Sport­abzeichen dokumentiert, als Aktiv-Posten gewertet wird.

Häufig ist zu beobachten, daß schon im zweiten und dritten Lebensjahrzehnt, meist unter der drückenden Last der Berufsarbeit und der Anfor­derungen, die Die Familiengründung und -Führung besonders an die Frau stellt, die Erhaltung uno Entwicklung der körperlichen Gesundheit v e r nachlässig! wird. Unbeachtet zunächst, entsteht so rasch ein Zustand, aus dem dann die bewußte Rückkehr zu planmäßiger körperlicher. Betätigung schwer ist. Ist erst einmal in höherem Alter Er­schlaffung, Fettsucht, allgemeine Muskelschwäche eingetreten, so bedarf es meistens eines Anstoßes von außen, um den Entschluß zu einer Umkehr von diesem abschüssigen Wege ständiger Vermin­derung der Gesundheit und Leistungsfähigkeit her­beizuführen. Dabei werden die Möglichkeiten, auch in höherem Alter durch Einseitigkeiten im Berufs­leben und körperliche Untätigkeit hervorgerufene körperliche Fehlentwicklungen durch planmäßige Körperschulung wieder auszugleichen, meistens weit unterschätzt.

Der Staat sollte danach streben, durch Schaffung der erforderlichen Möglichkeiten und durch Er­ziehung die Ausnutzung der Freizeiten des Erwerbslebens zweckentsprechend zu gestalten. Ohne daß ein Zwang auf die Auswahl der Art der Erholung gelegt roeroen sollte, wäre doch für viele i Berufe und viele Menschen eine Pause in der Be-1

rufsarbeit, die durch Leibesübungen ausgefüllt würde, das beste. Die persönliche Eignung, das Element der Freude und die Eigenart des Berufes im Einzelfall bedingen, daß nicht für alle die Aus­füllung der Arbeitspause mit Leibesübungen sich eignet, sondern für manche Ruhe und ein gutes Buch besser sind.

Als Hauptmittel des Staates zur körperlichen Er- ziehung des Volkes kommen heute die freiwilligen Organisationen unserer Jugend in Frage, die als weltanschauliche Schulen größten Aus­maßes die Bildung des Charakters und die Stei­gerung der körperlichen Leistungsfähigkeit z u - gleich auf ihre Fayne geschrieben haben: HI., BdM., Arbeitsdienst, SA. und SS. werden die erfolgreichste Arbeit gerade deswegen leisten, weil besonders klar die Körperschulung mit dem über­ragenden Gedanken der Arbeit für Volk und Staat verbunden worden ist. In dem Alter, das hier erfaßt wird, kommt eine besondere Bedeutung dem Sport zu. Der Kampfgedanke entspricht der natürlichen Einstellung jedes zielbewußten und

lebenskräftigen jungen Menschen. Daher ist der Sport einschließlich des sportlichen Wettkampfes durchaus zustimmend zu bewerten. In dem Wett­kampfmoment liegende Gefahren lassen sich vermei­den. Diese sind in der Möglichkeit einer lieber» anftrengung gegeben, besonders wenn Jugendliche sich in übertriebenem sportlichen Ehrgeiz über ihre noch nicht voll entwickelten Kräfte hinaus ein» setzen. Diese Gefahren liegen ferner in der lieber» schätzung der Spitzenleistungen.

Beide Gefahren lassen sich vermeiden, wenn eine zielbewußte Führung des Sportes, wie sie heute befiehl, anstelle der Spitzenleistung der Gruppenleistung den Vorzug zuerkennt und damit gleichzeitig auch schon sehr viel tut, um Ueberanftrengung Einzelner zu vermeiden. Hier hat jedoch der ärztliche Dienst in der SA., SS., im Sport und allen anderen Verbänden ein­zusetzen und dafür Sorge au tragen, daß unsere Kenntnisse über das, was den einzelnen Jugend- lichen zugemutet werden kann, noch vertieft und stärker ausgewertet werden.

Das Lingeborenen-problem in Südafrika.

Expansionspläne der südafrikanischen llnion.

Don unserem Or. L. B.-Korrespondenien.

Der Bericht unseres Johannesbur­ger Korrespondenten ist abgegangen vor dem Beschluß des Windhuker Parla­ments, auch das Mandatsland Süd-West- Afrika in die Union einAugliebern. Auf diese Ereignisse nimmt der Bericht infolgedessen keinen Bezug.

Der ungeheure Umschwung der Meinungen, die gewaltsame Umkehr der Zeit von selbstgenügsamer Beschränkung zum politischen Willen zeigt sich wohl in keinem Schritt so klar wie in der An­kündigung des General Hertzogs, daß die Unionsregieruna bereits in nächster Zeit in London die Forderung der Uebertragung der briti­schen Protektorate Beschuanaland, Swaziland und B a s u t o l a n d stellen werde.

Während im Kapstädter Parlament noch hart um die neuen Derfassungsge- setze, durch die die Union die souveräne Unabhängigkeit erhalten soll, ge­kämpft wurde, erklärte General Hertzog, nifeftes", in dem jede Gebietserweite- feftes", in dem jebe Gebietserweite­rung abgelehnt würbe, sich für bie Ein­verleibung ber Eingeborenen-Protekto- rate. Er, ber sich noch vor wenigen Jahren bagegen stemmte, baß Millionen Schwarze in bie Union ausgenommen werben, begrünbet diesen Frontwechsel damit, daß die ungünstige Wirtschafts­entwicklung in den Protektoratsgebieten nicht ohne ständige Auswirkungen auf die Wirtschaft der Union bleiben könne. Bestimmte Aktionen seien, solange diese Gebiete nicht von der Union verwaltet wür.den, gar nicht oder nur halb durch­zuführen, so z. B. die Bekämpfung der Heuschreckenplage und der Maul- und Klauenseuche. Durch diese Begründung erhält bie Forberung Hertzogs eine fast amüsante Note. Wer aber die ungeheu­ren biblischen Plagen, unter denen das Land leidet und immer wieder bekämp­fen muß, kennt, weiß, welche Rolle sie im hiesigen Wirtschaftsleben spielen.

Noch stärker als diese Beweggründe dürste aber die Verschiedenheit der Eingebore­nenpolitik in den Protektoratsgebieten und in ber Union den völligen Umschwung General Hert­zogs erklären. Denn gerade in dieser anders ge­richteten Politik der Eingeborenen-Behandlung sehen weite Kreise des Afrikanertums eine große Gefahr für die Stellung des weißen Mannes im ganzen Südafrika. Wenn General Hertzog deshalb mit feiner Forderung die Bestrebungen Smuts, des Führers ber South African Party, unterstützt, besten Wunschzettel ein größeres Südafrika ist, so wird er hierbei nicht zuletzt auch von dem Ge­

danken geleitet sein, die Eingeborenenpolitik in bissen Gebieten selbst zu bestimmen.

Der Vorstoß Hertzogs würbe von ber ßonboner Presse unb ben hiesigen englischen Zeitungen sofort in ber schärfsten Form erwioert. Die Uebertragung wirb von fast allen Blättern scharf abgelehnt; zum mmbeften wirb erklärt, baß ber Zeitpunkt ber llebergabe verfrüht sei. Betont wirb weiter, baß eine Uebertragung ber Protektorate nur bann in Frage komme, wenn von der Union Bürgschaften gegeben werben könnten, baß bie Eingeborenen so behanbelt würben, wie es britischen Untertanen zukomme. Rückfragen bei ben Häuptlingen hätten im übrigen ergeben, baß sie eine solche Uebertra­gung nicht wünschten unb in einem berartiaen Schritt einen 'Vertrauensbruch sähen, weil die bri­

tische Regierung damit bestimmte ihnen gegebene Versprechen brechen würde. Einzelne Blätter for­dern, daß den Eingeborenen die Möglichkeit ge­geben werden solle, sich selbst zur Uebergabe zu äußern. Bei ber grunbsätzlich anberen Einstellung zu ber farbigen Bevölkerung stoßen biese Kommen­tare in den Kreisen des Asrikanertums freilich auf kein Verständnis.

Das englische Parlament hat sich mit dieser Frage noch nicht beschäftigen können. Der Zeitpunkt der Auseinandersetzung ift noch ungewiß Ob General Hertzog noch in dieser Session den Antrag auf Grund eines Beschlusses des Kapstädter Parlaments

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stellen wirb, ist fraglich. Daß er aber gestellt nrtrL ist sicher.

Durch die Einverleibung der drei Protektorats« gebiete würde bie Union einen Flächenzuwachs von 765 396 Quabratkilometer erhalten. (Deutschland hak bekanntlich nur einen Flächeninhalt von 470 665 Quabratkilometer). Das Vetschuanalanb« Protektorat, bas im ©üben unb Osten an bie Pro­vinzen ber Union, im Westen an bas Mandats» gebiet Deutsch-Südwestafrika unb im Narben an Rhodesien grenzt, hat einen Flächeninhalt von 712 435 Quabratkilometer unb nach ber letzten Volkszählung im Jahre 1921 nur eine Bevölkerung von 1743 Europäern, 150185 Bantu-Negern unb 1055 anberen Farbigen. Der Flächeninhalt be, Basutolandes, bas mitten im Unionsgebiet eine Enklave hübet, beträgt 26 666 Quabratkilometer. Seine Bevölkerung betrug im Jahre 1921 1603 Europäer, 495 937 Basuto (Bantu) unb 1241 an- bere Farbige. Das Lanb ber Swazi, bas im Narben, Westen unb Süben an Transvaal unb im Osten an Partugiesisch-Ostafrika grenzt, hat einen Flächeninhalt van 17 295 Quabratkilometer unb hatte 1921 eine Bevölkerung von 2205 Europäern, 110 295 Eingeborenen unb 451 anberen Farbigen.

Der Handel dieser noch fast rein agrarischen Ge­biete ist gering. Die Mineralvorkommen werden kaum ausgebeutet. Im Tatidistrikt (Betschuanaland- Protektorat) wird Gold gewonnen; unbedeutend ist gegenwärtig noch die bergbauliche Tätigkeit im Swaziland (Gold und Zinn). Einfuhrprodukte sind in der Hauptsache Decken, Kleidungsstücke, landwirt­schaftliche Geräte, Haushaltungsgegenstände und Ko­lonialwaren. Ausgeführt werden vor allem Lebend­vieh, Rinder, Schafe, Ziegen, Schweine, Häute unb Felle, Butter, Käse, Tabak, Baumwolle unb Holz.

Die Organisierung

der Eierverwertungsverbände.

In ben nächsten Tagen werben in Gesetzesform ober in Dienstanweisungen weitere Ausführungs­bestimmungen zur Neuordnung der Eierbewirt­schaftung ergehen.

Wie der Zeitungsbienst des Reichsnährstandes mitteilt, sollen bie Bezirksbeauftragten für die Eier- wirtschaft die Organisation der Eierverwertungsver- bände in sämtlichen 14 Bezirken spätestens a m 15. Brachmond (Juni) vollendet haben. Zu diesem Zwecke müssen die Landeshauptabteilungen IV den Bezirksbeauftragten (unb zwar so lange keine Neuernennung erfolgt ben bisherigen Be» Airksbeanftragten für die Elerwirtfchaft) fertige Vor­schläge zur Besetzung des Verwaltungsrates unb ber Vertreteroersammlung einreichen. Ferner muß im Einvernehmen mit dem Bezirksbeauftragten so­fort ejn Aufruf zur Erfassung der Mit- glieber ber neuen Eierverwertungs- oerbänbe erfolgen.

Mitglieder der Eierverwertungsverbände werben alle Betriebe, die in ber Eiererfassung unb Eierver­teilung tätig finb (Wortlaut des Gesetzes: Betriebe, in denen nicht selb sierg eug te Eier an andere ab» gesetzt werden). Ausgenommen finb: 1. Erzeu­ger, 2. Kleinverkaufsläden, die nicht unmittelbar aufkaufen (Wortlaut bes Gesetzes: Be­triebe, bie Eier von einem anberen als dem Erzeu­gerbetrieb erwerben unb unmittelbar an die Ver­braucher absetzen). Mitglieder ber (Her- verwertungsverbändewerden mithin alle Eieraufkäufer, alle Mittelhänd­ler, alle Großhändler.

Um eine Uebersetzung im Eierhandel zu vermei­den, wurde als Stichtag der 1. Februar 1 9 3 4 fest gelegt. Wer bis zu diesem Tage sich regel- mäßig in ber Eiererfassung, Eierverteilung ober, in beiden betätigt hat, wirb als Mitglied der Eier- verwertungsverbände ausgenommen.

In gleicher Weise wie die Landeshauptabteilung IV durch diesen Aufruf die in der Eiererfassung und Eierverteilung tätigen Händler listenmäßig auf­stellen, erläßt auch die Hauptabteilung ftl einen ähnlichen Aufruf für die genossenschaftlichen Be­triede.

Am 15. Juni werden die Listen ber aufgenommenen Betriebe abgeschlos- fen; später eingehende Anträge sind nicht zu gelassen.

Mckebusch wird sreigesprochen.

Don Hans Riebau.

Dr. Fedor ist ein glänzender Verteidiger. Die schwierigsten Sachen macht er, und komplizierte Strafprozesse find geradezu seine Spezialität.

Neulich hatte er Johann Mackebusch zu verteidi­gen. Johann Mackebusch, ein Mann von siebzig Jahren, fast zwei Meter groß, mit schneeweißen Haaren und unwahrscheinlicy leuchtenden schwarzen Augen, war angeklagt, einen schweren Einbruch be­gangen zu haben. Es stand nicht gut mit ihm, als bie Verhandlung begann. Denn wenn er auch den Versuch gemacht hatte, ein Alibi beizubringen, so gab es doch einen angesehenen intelligenten Bürger, der kurzerhand beschworen hatte, den alten Macke- dusch bei dem Einbruch beobachtet zu haben; und als es sich nun noch herausstellte, daß Mackebusch schon vorbestraft war, gab es niemand mehr unter ben Richtern, den Justizwachtmeistern und den Zu­schauern, der noch einen Sechser für einen Frei­spruch gewettet hätte.

Nur Fedor, der Rechtsanwalt, gab den Kampf nicht auf.Herr Präsident", sagte er, als er endlich mit dem Plädoyer losschießen konnte,wir befin- den uns vor einer denkbar einfachen Situation. Der Angeklagte hat ein Alibi. Ader gegen dieses Alibi steht ein Zeugeneid. Lediglich mit diesem Eid haben wir uns zu beschäftigen. Für mich persön- lich, nicht etwa nur als Anwalt, sondern auch als Mensch, gibt es keinen Zweifel, daß der Zeuge ein hochachtbarer Bürger selbstverständlich sich geirrt hat. Es gibt viele Menschen mit weißen Haa- ren und mit schwarzen Augen, und unter meinen Bekannten befinden sich nicht weniger als neun, bie das Gardemaß überschreiten. Der Angeklagte, meine Herren, macht zudem einen über den Durch, schnitt guten Eindruck, so daß man ihm die Tat mit bem besten Willen nicht zutrauen kann. Ich bin im übrigen überzeugt, daß das Gericht sich nicht den Erfahrungen verschließen wird, die in den letzten Jahren mit der systematischen Nachprüfung der Zeugenaussagen gemacht wurden. Professor Ball hat in seinem aufsehenerregenden Werk sestgestellt, daß noch nicht einmal zwei Prozent ber von ihm untersuchten Aussagen seiner Kontrolle standhalten konnten. Achtundneunzig Prozent der eidlichen Be- kund»ngen durchaus ehrenwerter Männer und Frauen haben sich also in mehr ober weniger gro­ßem Maße als objektiv falsch und unrichtig heraus- gestellt. Würden alle diese fehlerhaften Aussagen von Amtswegen verfolgt werden, meine Herren so sähen mehr als bie Hälfte unserer gesamten Be­

völkerung wegen bewußten oder fahrlässigen Falsch- eides im Gefängnis."

Eine leichte Bewegung ging durch den Gerichts­saal.

Jawohl, Herr Präsident", fuhr Fedor fort, ,Jo ist es. Auch Sie, verehrte Anwesende, würden sich, wenn ich ben Herren Vorsitzenden aus Gründen der Derhandlungsautorität ausnehmen darf sehr wohl unter denjenigen befinden können, die auf Grund ihres nicht mit hundertprozentiger Sicher­heit funktionierenden Gedächtnisses hinter schwedi­schen Gardinen sitzen müßten. Auch ich, Herr Staatsanwalt, denken Sie mal an! würde mich unter eben diesen vom Schicksal Geschlagenen be­finden. Noch vor fünf Minuten zum Beispiel hätte ich jeden Eid geschworen, daß ich meine Aktentasche, in der sich meine gesamte Bürokasse befindet, mit aufs Gericht genommen habe. Und jetzt eben, wäh­rend ich mich ausschließlich mit den Gedankengängen meines Plädoyers zu beschäftigen vermeine, fällt mir ein, daß ich sie zu Hause im linken oberen Fach meines Schreibtisches habe liegen lassen. Und ich werde mich entschließen müssen, trotz ber mißdilli- genden Blicke, bie mir ber Herr Staatsanwalt ob ber unjuristischen Form meiner Ausführungen zu­wirft, eben ben Herrn Staatsanwalt zu bitten, mir Zwanzig Pfennig für bie Straßenbahn auszu­borgen."

Stürmische Heiterkeit. Der Vorsitzende schwingt die Glocke.Ich muß aber sehr bitten, Herr Rechts­anwalt", sagt er,zur Sache!"

Aber bie Stimmung ist umgeschlagen. Johann Mackebusch fängt an aufzuatmen. Und als Fedor nad) einer halben Stunde fein Plädoyer beendet hat unb mit laut hallender Stimme erklärt, bie r. t.^nung der Anträge des Herrn Staatsanwalt sei für ihn eine glatte Selbstverständlichkeit, geschieht das Wunder, und Johann Mackebusch wird aus inangel an Beweisen freigesprochen.

u^r<J?crid^5^lal ^ert sich tfebor schüttelt dem alten Mackebusch, ber eilig hinaus auf bie Straße in bie Freiheit kommen will, die Hand. Der Staats­anwalt pumpt ihm, mit süßsaurem Gesicht und unter bem Gefeixe ber Justizwachtmeister, zwanzig Psen- mg für bie Straßenbahn. Auf der Kanzlei unter- jei^net Fedor noch ein paar Schriftsätze. Auf bem tynrnmeg wird er hier noch ein wenig aufgeiyalien unb dort noch von einem Berichterstatter ausge­prägt, und nachmittags um fünf endlich ist er zu Hause.

Der Zufall", sagt er zu seiner Frau,spielt doch oft eine entscheidende Rolle. Stell' dir vor, heute habe ich einen Klienten nur dadurch frei bet am- men, daß ich heute früh meine Aktentasche mit ber Bürokasse vergessen habe. Hast du sie übrigens ge- funden?"

Die Aktentasche?" flüsterte Frau Fedor,aber du hast doch einen Boten geschickt, der sie holen sollte."

,Hch? Einen Boten?" erschrak Fedor,bu haft ihm doch nicht etwa bie Tasche gegeben?"

Aber natürlich", sagte Frau Fedor,er wußte doch genau, daß sie in dem oberen linken Fach deines Schreibtisches lag."

Fedor saß einen Augenblick wie erstarrt. Dann sprang er auf,wie sah der Bote aus?" rief er.

Es war ein alter, weißhaariger, sehr großer Mann", sagte Frau Fedor.Er hatte ungewöhnlich schwarze leuchtende Augen und machte einen über den Durchschnitt guten Eindruck."

Es gibt seltsame Menschen.

Von H. Hansen.

Coats, John; reicher Privatmann aus West- indien. Kam nach London, um sich als Schauspieler zu produzieren, obwohl er noch nie im Leben ein Theater gesehen hatte. Mietete Theater unb trat dort als Romeo auf, wobei er ganz nach der phan­tastischen Vorstellung spielte, die er in feiner Ein­samkeit von einem Schauspieler sich gemacht hatte. Tänzelte und stolzierte in diamantengeschmückten Anzügen über Die Bretter, sprach in pathetischem Singsang unb wiederholte diese Produktion viele hundert Male, obzwar das Publikum brüllte unb raste, unb die Rettungswache im Publikum unb auf ber Bühne eingreifen mußte. Seine Partnerinnen wurden immer ohnmächtig, er mußte sie während der Vorstellung immer auswechseln. Trotzdem ließ er von feiner fixen Idee, die ihn nebenbei ein Vermögen kostete, nicht ab.

Eagerston, Lord. Gab täglich um sechs Uhr seinen zwölf Lieblingshunden ein Diner. Saß im Jagdfrack an der Spitze der Tafel und blies den Hunden auf einem Waldhorn Melodien vor. Die Hunde mußten für diese Mahlzeit mit blauen Paletots und kleinen Stiefeln aus rotem Juchten­leder bekleidet werden.

Ennismore, Viscount; Sohn des reichen Lord Listowell. Verschenkte sein ganzes Vermögen an Bauern, Arbeiter und Matrosen, behielt für sich nichts und lebte weiter, indem er sich nach der Reihe bei den Beschenkten einlud. Behauptete, es sei viel amüsanter als Gast, denn als Gastgeber zu leben.

H»r ft, Jimmy; Gerber aus Rawcliffe. Ritt bei seinen Jagden auf keinem Pferd, sondern auf einem riesigen Stier. Führte eine kleine Meute von Schweinen stets mit sich, deren jedes auf einen be- stimmten Namen hörte und wie ein Hund dressiert war. Wünschte sich jein Lebtag lang, dereinst von

acht Witwen zu Grabe geleitet zu werden. Setzte den Wunsch auch durch.

K a 11 e r f e 11 o, Oberst. Ging ausschließlich mit einem Riesenfernrohr herum, gefolgt von einem Rudel schwarzer Katzen, deren jede ihm irgend eine wichtige lltenfilie, wie Brille, Tabaksbeutel, Pfeife, Feder usw. nachtragen mußte.

M y 11 o n, Esquire. Ritt im Winter mit Seidenstrümp­fen. Pantoffeln und einem dünnen Leinenpyjama auf die Jagd. Rastete er in einem Bauernhaus, so mußte sein Pferd mit hinein. Zündete einmal die Kleider, die er trug, lichterloh an, um fein Glie­derreißen zu vertreiben. Hielt dies, trotz feiner lebensgefährlichen Brandwunden, weiterhin für ein probates Mittel.

Queen sbury, Marquis be. Wettete 10 000 Pfund, daß er zwischen zwei weit von einander ge­legenen Klubs zur Mittagsstunde unbekleidet den Weg über die belebte Straße nehmen würde. Ge­wann die Wette. Half sich allerdings damit, daß er von einem geschlossenen Wagen ein viereckiges Stück Boden aussägen ließ, sich in die Oeffnung hinein und auf den Boden stellte. So ging er, ohne daß man von ihm mehr als die nackten Füße sah. "^petersham, Lord. Schneiderte sich feine Klei­der, schusterte sich seine Stiefel selber. Konnte jedoch nicht leben, wenn er nicht täglich feinen Klubkame« raben aus einer neuen Schnupftabakdose die Prise bot. Brachte es auf über 700 Dosen, edelsteinver­ziert, mit Minaturen bedeutender Maler geschmückt. Trug aber von seinem achtzehnten Lebensjahr bis zu feinem Tode denselben Zylinder.

Wendel, Ella; Erbin ber Wendel-Millionen» Duldet in ihrem Hause keine Erfindung des 20. Jahrhunderts. Saß in der Fifth Avenue bei Petro­leumlicht und stieg zu Fuß die Treppen hinauf, da es auch keinen Lift gab. Lehnte ben Verkaufspreis von 40 000 Dollar für ein von ihr nicht gebrauchtes Grundstück ab, weil dieses der gewohnte Spielplatz ihres kleinen Pudels Tobby war. Tobby besaß einen Leibarzt, der jeden Tag zur Untersuchung kam unb niemand anders behandeln durfte; ferner ein von seiner Herrin gestiftetes Bankkonto von 80 000 Dol­lar, das unter dem Titel:Pudel Tobby" bei einer Neuyorker Großbank geführt wurde.

Wolf, Eduard; Astronom. Würfelte an einem Wirtshaustisch mehr als 300 000 mal hintereinander um die Gesetze des Zufalls zu erforschen Wochen­lang mußte der Wirt Tag unb Nacht für ihn osten halten, damit die Serie nicht unterbrochen würde. Setzte er feine Experimente dann in ähnlichem Aus­maß mit in die Lust geworfenen Münzen, mit Kar­tenspielen und mit einem Krug voll schwarzer un weißer Bohnen, aus bem er eine nach der anbcrn herauszog, bis zum heutigen Tage fort- .