Aus der Provinzialhauptfladt.
Das neue Motorrad.
Die stille Straße hat ihre Sensation bekommen. Der Sohn vom kleinen Jnstallationsgefchäft in Nr. 12 hat sich ein Motorrad gekauft. Es ist zweifellos ein Ereignis und als solches wird es auch in den Lauben, die in den kleinen Vorgärten hinter Fliederbüschen sich verstecken möchten, ausgiebig besprochen. Mit Recht, denn es handelt sich um einen netten, vielversprechenden jungen Mann und utn ein sehr hübsches, blitzendes, geradezu appetitliches Motorrad.
Der junge Mann, bislang eine allerdings erfreuliche, aber weiter nicht viel beachtete Erscheinung, trat mit einem Schlage durch diesen im Wege der Ratenzahlung erstandenen Besitz in das Helle Licht allgemeinen Interesses. Ganz abgesehen davon, daß ein Motorrad mit 500 ccm und dementsprechenden Geräusch in einer ruhigen Gegend schlechterdings nicht einfach ignoriert werden kann, schaltete der junge Mann mit dieser seiner Apparatur aus Stahl, Del, Benzin und Gummi die stille Straße sozusagen über Nacht in das betriebsame Zeitalter der Technik ein. Wenn er mit dröhnendem Auspuff die Vorgärten entlangknattert, wandelt er für Minuten die Romantik der Stille in den modernen Rhychmus maschineller Sachlichkeit und erschließt somit die beschaulich träumende Häuserzeile einem großstädtischen Verkehr.
Darüber hinaus dient er ganz allgemein der Belebung des technischen Gedankens innerhalb der Nachbarschaft. Wenn der junge Mann abends in der offenen Torfahrt noch ein bißchen am Tank poliert oder mit kummervoller Miene eine Kerze prüfend betrachtet, bleibt wohl ab und zu Herr A. von genüber oder Herr B. von nebenan stehen und stellt beiläufig ein paar einschlägige Fragen. Der Angesprochene ist um so eher zu weitgehender Auskunft bereit, als er selbst erst kürzlich das Fragliche gelernt hat. Wenn dann am nächsten Morgen das Benzinpferd mit duftigen Abgasen und imponierendem Hupenschrei aus der Torfahrt galoppiert, wirft Herr A. beim Frühstück einer bewundernden Familie einige lässige Bemerkungen betreffs Kar- danantrieb und kopfgesteuerte Ventile über den Tisch. Und auch Herr B. erweist sich beim Morgenkaffee unvermutet als tiefer Kenner des Dergafer- problems.
-3n erster Linie aber erfährt das technische Interesse der umwohnenden Äugend einen verblüffenden Auftrieb. Wenn der junge Mann die Maschine auf den Kippständer gezogen hat und im Innern des Hauses verschwunden ist, kommen sämtliche Kinder der Straße angehüpft und beschäftigen sich eingehend mit den Einzelheiten der Konstruktion. Die dabei zutage tretende Sachkenntnis übertrifft die der aufgeklärten Familienväter noch um ein Erkleckliches. Gas- und Zündhebel werden gedreht und die Bodenzüge von Kupplung und Bremse ausprobiert. Ganz Kühne wagen es sogar mitunter, sich unter dem ehrfürchtigen Gemurmel der „Menge" auf das Rad zu hocken, bis der junge Eigentümer durch sein ebenso unvermitteltes, wie empörtes Auftauchen den reizvollen Versuchen ein Ende zu bereiten pflegt. Nur ungern gibt ja der Meister auch dem Nachwuchs eine Chance. Immerhin leisten einige muntere Knaben im einwandfreien Hupen mit anschließendem Weglaufen bereits Erfreuliches.
Die anderen jungen Männer der Straße stehen ihrem Kollegen mit den 500 Kubikzentimetern nicht sehr wohlwollend gegenüber. Sie haben durch ihn bei ihren Herzensdamen einen schweren Stand bekommen. Junge Mädchen können vor blitzenden Motorrädern stehenbleiben und ,^Hach, wie entzückend muß es sein, mal so ins Grüne zu brausen" sagen, daß es dem motorlosen Begleiter ganz minderwertig unter der Weste wird. Daran ändern auch beredte Versuche, dem Reiz des Fußwanderns bewegten Ausdruck zu verleihen, nur recht wenig. Angesichts eines verchromten Tanks und einer mo- torsüchtigen Dame steht die Ueberzeugungskraft eines fußgängerifchen Verehrers auf schwachen Füßen. Immerhin weckt das Motorrad des jungen Mannes Ehrgeiz. Und da diese die Triebfedern der Schaffenskraft sind, wird der Betätigungsdrang aller umwohnenden Jünglinge hinter Pult und Werkbank beachtliche Steigerungen erfahren. So
Volk und Rasse.
Der KDAJ. (Kampfbund Deutscher Architekten und Ingenieure), Bezirksleitung Gießen, veranstaltete am Mittwoch im Caf6 Ebel einen Schulungsabend, in dessen Mittelpunkt ein Vortrag des Leiters der Abteilung Erb- gesundheits- und Rassenpfleae Pg. Dr. med. Kranz- Gießen über das Thema „Volk und Rass e" stand.
Von dem Vortragenden wurde zunächst der Rassebegriff näher erläutert, wobei betont wurde, daß Rasse mehr sei, als nur eine Gruppe von Menschen mit ähnlichen und gleichen körperlichen und seelischen vererbbaren Eigenschaften und Merkmalen, daß sie etwas Lebendiges sei, das man mit individualistischen und mechanistischen Methoden nicht erfassen kann.
Don besonderer Bedeutung ist für ein Volk, daß es, aus ganz bestimmten Rassen hervorgegangen, eine Lebenseinheit bildet und diejenige völkische Eigenart hat und von der blutsmäßig vorherrschenden Rasse bestimmt wird.
Volkgrenzen sind auch nicht gleich Rassegrenzen, denn eine Sprache kann man erlernen, einem Volkstum kann man sich anpassen, zu einer fremden Religion kann man übertreten, aber in eine Rasse kann man nur hineingeboren werden.
Die Entstehung der europäischen Rassen und die Völkerwanderung der Kelten, Germanen und Slawen wurde nur kurz gestreift. An Hand einer großen Anzahl von Lichtbildern wurden die körperlichen Merkmale der fünf europäischen Rassen erläutert. Die seelischen Eigenschaften stehen in der Rassefrage zweifelsohne im Vordergrund.
Die nordische Rasse wurde besonders eingehend behandelt. Es konnte gezeigt werden, daß sie von jeher schöpferisch die Trägerin fast aller Kulturen des Abendlandes gewesen ist. Sie ist diejenige, die hauptsächlich die völkische Wesensart und Gesittung des deutschen Volkes ausmacht, welches man als ein vorwiegend nordisches Volk ansprechen kann.
Da jeder Deutsche nordisches Vlut In den Adern führt, so ist die nordische Rasse das gemeinsame Vlutsband unseres Volkes, das alle Deutschen zu einer Schicksals- und Blutgemeinschaft ver- * bindet.
Auf die Rassen Mischung ging der Redner zum Schluß näher ein und zeigte, daß im Gegensatz zur Tier- und Pflanzenzüchtung die Rassenmischung beim Menschen un e r w ün s ch t und v erhäng n i s v o l l ist, da sie sich praktisch nicht mehr rückgängig machen läßt, besonders da beim Menschen im Gegensatz zum Tier- und Pflanzenzüchter nicht die gleiche Möglichkeit der Auslese und Aus- rnerze gegeben ist. Dann sagte der Redner weiter:
Wenn wir Nationalsozialisten einen strengen Rassenstandpunkt fordern und die R e i n e r h a l t u n g der Rassen predigen, so kommen wir keineswegs zu einer Verurteilung oder Minderbewertung anderer Rassen, sondern lediglich zu der Feststellung der vorhandenen äußeren und inneren Verschiedenheiten. Jede Rasse hat nach unserer Ansicht in ihrer reinen Ausprägung das Recht auf Leben. Sie alle haben ihre Aufgabe im Rahmen der Schöpfung zu erfüllen. Ob andersrassige Menschen besser oder schlechter sind als wir, darüber können wir niemals ein sog. „objektives" Urteil abgeben, denn wir können immer nur von unserem eigenen Rassenstand- punkt aus urteilen und daher niemals objektiv urteilen.
Wir Nationalsozialisten müssen die Rasfenmischung als eine Sünde gegen eines der primitivsten Naturgesetze betrachten. Gegen dieses Gesetz hak bisher noch kein Volk ungestraft gesündigt, sondern alle sind zugrunde gegangen, wenn sie das Gesetz der Rassereinheit nicht beachtet haben.
Deutschland hat durch die Machtergreifung Adolf Hitlers auf bevölkerungspolitischem und rassehygienischem Gebiet anderen Völkern gegenüber einen weiten Vorsprung gewonnen. Es hat daher dem Führer seinen Dank abzustatten, daß er m letzter Minute das deutsche Volk vom Abgrund zurückgerissen Hot. Jeder einzelne Volksgenosse aber hat die Pflicht, an der rassischen Ausartung unseres Volkes mit» zuhelfen, damit die Sendung des Führers nicht umsonst gewesen ist, damit wir wieder ein großes, mächtiges, gesundes und glückliches Volk werden und damit die Ewigkeit der Nation verbürgt ist.
An den Vortrag schloß sich eine interessante Aussprache an, die sehr viel Anregungen gab und Zweifel, die noch entstanden waren, beseitigte.
kann es leicht fein, daß im nächsten Jahr schon ein halbes Dutzend funkelnd verchromter Maschinen die stille Straße großartig beleben.
Wenn der eingangs erwähnte junge Mann Humor hat, wird er sich dann ein Auto zulegen.
H.Ö.v.M.
Wegzug des Oberbürgermeisters Dr. Keller.
Am heutigen Freitag verläßt Oberbürgermeister Dr. K e l le r unsere Stadt, um seinen Ruhestands- Wohnsitz in Darmstadt zu nehmen. Unser früheres Stadtoberhaupt, das durch seine langjährige Tätigkeit in unserer Stadt für immer mit Gießen und seiner Bevölkerung eng verbunden bleibt, begleiten bei feinem Wegzug die herzlichsten Wünsche der Bürgerschaft für seinen weiteren Lebensweg.
Graf Bernhard zu Solms-Laubach als Intendant nach Berlin berufen.
Der bisherige Intendant und Leiter des Friedrich- Theaters in Dessau Graf Bernhard zu Solrns-Laubach ist zum Intendanten und Leiter der Volksbühne am Horst-Wessel-Platz in Berlin berufen worden. Gräf Bernhard zu Solms- Laubach hat den Ruf angenommen und ist gegenwärtig damit beschäftigt, die neue Spielzeit der Volksbüne in künstlerischer Hinsicht vorzubereiten. In Oberhessen erinnert man sich bei dieser Gelegenheit gerne wieder des unermüdlichen Kämpfers der nationalsozialistischen Bewegung, der als Führer der SA.-Standarte und schlagfertiger politischer Redner in der Kampfzeit der nationalsozialistischen
Bewegung oft und mit großem Erfolg hervorgetreten ist.
Turnen und Sport in Hessen.
Das Staatspresseamt teilt mit: Die Verfügung des hessischen Staatsministers über die Turn- und Sportpflicht der Beamten und Angestellten hat verschiedenen Vereinen Anlaß gegeben, in geschmackloser Weise unter der Beamtenschaft neue Mitglieder zu werben. Es wird darauf hingewiesen, daß diese Art der Mitgliederwerbung unstatthaft ist. Das obige Ausschreiben hatte den Zweck, die Beamten und Angestellten zur Erhaltung ihrer Gesundheit zur regelmäßigen Leibesübung anzuhalten. Es ist nicht beabsichtigt, den Vereinen die Möglichkeit zu geben, in alte liberalistische Gepflogenheiten zu verfallen, anstatt sich dem einheitlichen Turn- und Sportgedanken anzuschliehen.
Eine Bitte unserer Arbeitssoldaten!
Die Arbeitsdienstabteilung 222/5 P hi- losophenwald beabsichtigt eine Bibliothek für ihre Abteilungsangehörigen zu eröffnen. Zu diesem Zweck richtet die Abteilung an alle Volksgenossen in Gießen die herzliche Bitte, Bücher, wie Kriegsbücher, Romane und Zeitschriften aller Art, auch wissenschaftliche Werke, zur Verfügung zu stellen und die Abteilung mittels Postkarte, oder unter 3655 telefonisch, zu benachrichtigen, wann die Spenden abgeholt werden können.
Volksgenossen denkt an Eure Arbeitssoldaten!
Heil Hitler!
Der Abteilungsführer: gez L o e s ch, Oberfeldmeister.
NS.-Gemeinschast„KrastdurchFreude-
Die Wander- und Reifezeit ift gekommen. Jeder hat ein paar Urlaubstage, die er fo verbringen will, daß ihm aus der Zeit, die er in Gottes freier Na- tur verlebt, Kraft für das nächste Jahr zuströmt. Die NS.-Gemeinschöft „Kraft durch Freude" veran- stattet eine so große Zahl von Urlaubsfahrten, daß es jedem möglich ist, für sich das herauszusuchen, was ihm voraussichtlich am meisten Freude macht.
Da sind zuerst die großen Urlauberfährten in die verschiedenen Gaue. Um Mißverständnissen vorzubeugen, fei hier schon gleich gesagt, daß die Preise sich einschließlich Verpflegung verstehen. Es braucht also jeder nur noch etwas Taschengeld mitzunehmen. Das ist doch gewiß billig, wenn es z. B. vom 9. bis 17. Juni, also volle acht Tage lang, nach Thüringen geht und die Gesamt-
SA.-Spendetag am 26. und 27. Mai! Oie Not der braunen Kampfer ist groß! Gebt freudig und reichlich.
kosten, also einschl. Verpflegung, nur etwa 25 Mart betragen! Letzter Anmeldetermin 26. Mai.
Weitere Fahrten: Vom 16. Juni bis 24. Juni in den Harz; Fahrtkosten etwa 25 Mark. Letzter Anmeldetag: 4. Juni.
Vom 23. Juni bis 1. Juli an die Pommerfche Seeküste (Ostsee); Fahrtkosten etwa 30 bis 35 Mark. Letzter Anmeldetag: 11. Juni.
Des weiteren veranstalten wir kleinere Fahrten in die nähere und weitere Umgebung Gießens. Vorbedingung bei diesen Fahrten ist eine Mindestteilnehmerzahl von 40 Personen.
So führen wir am Sonntag, 10. Juni, eine Burgen-Rundsahrt über Hohensolms—Greifenstein —Braunfels—Gießen durch. Der Fahrpreis ein« schließlich Mittagessen in Braunfels beträgt pro Person 3 Mark. Meldungen nehmen wir jetzt schon entgegen; letzter Meldetermin 6. Juni.
Eine weitere Fahrt im Monat Juni geht am Sonntag, 24.Juni, nach Ziegenberg—Usingen—Saalburg—Bad - H omb urg—Tr-ieberg—Bad - Nauheim- Gießen. Der Preis für diese Fahrt beträgt 3 Mark, jedoch ohne Mittagessen. Meldungen für diese Fahrt erbitten wir bis allerspätestens 19. Juni.
Die Anmeldungen für alle diese Fahrten können mündlich oder schriftlich geschehen auf unserer Geschäftsstelle, Gießen, Haus der Deutschen Arbeitsfront, Schanzenstraße 18, Zimmer 10. Hier können auch nähere Auskünfte eingeholt werden.
Gez.: C h rist, Kreiswartder NS.--Gemeinschaft„Kraftdurch Freude".
Deutscher Sängerbund und Reichsmusikkammer.
Die Reichsmusikkammer hat mit dem Deutschen Sängerbund, vertreten durch seinen Bundesführer, folgende Vereinbarung getroffen:
Die Arbeitslosenziffern der deutschen Berufsmusiker sind — im Gegensatz zu anderen Berufen — bis jetzt noch nicht zurückgegangen. Die Not in diesen Kreisen ist nach wie vor sehr groß. Der Deutsche Sängerbund ordnet deshalb in Ueberein« stirnmung mit der Reichsmusikkammer für seine Untergliederungen folgendes an:
Sämtliche Vereine, welche von Lehrern, Beamten usw. nebenberuflich dirigiert werden, prüfen sofort gemeinsam mit dem zuständigen Leiter der Landesöder Ortsmusikerschaft und dem zuständigen Kreis- walter des betreffenden Sängerkreises, ob am Orte oder im Umkreis arbeitslose, geeignete Berufs-Chor- Dirigenten vorhanden sind, um die nebenberuflich tätigen Dirigenten zu ersetzen.
Sollte eine örtliche Einigung nicht zustande kommen, so ist von beiden Seiten gemeinschaftlich an das „Amt für Chorwesen und Volksmusik innerhalb der Reichsmusikkammer", Berlin - Charlottenburg, Hardenbergstraße 25, zu berichten, welches gemeinsam
Dienstag dOUIjr beim König.
Von Charlotte Cge-Ruhmetsch.
Stockholm, im Mai.
„Bist du schon beim König gewesen?" fragt mich mein schwedischer Freund. — „Ich beim König?", antwortete ich verwundert. „Ja, wie soll ich wohl zu eurem König kommen?" — „Weißt du denn nicht, daß Seine Majestät jeden Dienstag allgemeinen Empfang hat und daß bei diesen Audienzen jedermann Zutritt, hat und den König unter vier Augen sprechen kann? Wirklich mit ihm ganz allein im Zimmer ist, ohne jedwede Bewachung!"
Na, das ist eine Gelegenheit, die ich mir nicht entgehen lassen darf. Also mache ich mich an einem sonnigen Dienstagvormittag auf den Weg, um dem König von Schweden die Hand zu schütteln. Das ,^onungahuset" liegt im ursprünglichen Stadtkern, in „staden mellan broarnar“, der Stadt zwischen den Brücken. Genießerisch schlendere ich über die Nordbrücke und lasse die Atmosphäre der Mälarkönigin, wie der Schwede seine schöne Hauptstadt nennt, auf mich einwirken. Vor mir liegt das mächtige Schloßgebäude im italienischen Renaissancestil, erbaut nach den Zeichnungen des berühm- ten schwedischen Architekten deutscher Abstammung Nicodemus Tessin des Jüngeren.
In meinem neuesten Frühlingscomplet marschiere ich also die bewußten zwei Treppen im östlichen Flügel des Schlosses aufwärts. Man fühlt sich vielleicht ein wenig beklommen, wenn man zum erstenmal hier heraufgeht. Aber in Wirklichkeit gibt es nichts, worüber man sich, beunruhigen müßte. Gewiß wirkt die Umgebung pompös, und die Her- ren vom Hofstaat des Königs, die einem überall begegnen, schüchtern vielleicht ein wenig ein. Aber dein schwedischen Hofleben und allem, was damit zusammenhängt, fehlt absolut jeder Zug zum Hoch- mut, und man braucht sich nicht verloren vorzu- kommen, weil man nur ein unbedeutender kleiner Mensch ist.
Die Empfänge beim König sind allgemein im wcchrsten Sinne des Wortes. Jeder — und es wird kaum eine Ausnahme gemacht — hat das Recht, bei dieser Gelegenheit Vortritt beim König zu suchen. Die Empfänge — gewöhnlich finden sie von Mitte November bis Anfang Mai statt — sind stark besucht und daher sicher sehr anstrengend für den König. Die Besucherzahl beträgt zuweilen 60 bis 80 Personen.
Hat man also unter Herzklopfen das zweite Stockwerk erreicht, tritt man durch eine Tür, die
sich unmittelbar rechts >der Treppe befindet, und anstatt in eine Art Vorraum zu kommen, wie man vielleicht gedacht hat, kommt man in ein großes Zimmer, den sogenannten Billardraum. Hier pflegt der König sich zuweilen nach dem Essen eine Stunde mit den Bällen zu vergnügen. Mein Blick fällt auf die schweren antiken Möbel. Zahlreiche Fauteuils und Stühle laden zum Sitzen ein. Es gibt so viel zu sehen, daß man fast vergißt, weshalb man hier ist. Die Wände sind vom Fußboden bis zur Decke mit den wunderbarsten Jagdtrophäen bedeckt. Alles Erinnerungen an die eigenen Jagdfahrten des Königs. Besonders zahlreiche Geweihe von Hirschen und Elchen sind vorhanden, auch einen Wildschweinskopf und ein Krokodil gibt es. Bestimmt eine Sammlung, die auch einem Nichtjäger imponieren kann. Und erst in dieser Umgebung versteht man richtig, was die Jagd für den König bedeutet. Auf dem einen riefenlangen Tisch steht ein nahezu phantastischer Rauchaufsatz mit den ausgesuchtesten Rauchutensilien, und besonders interessant ist ein gigantischer Aschenbecher auf einem echten Elefantenfuß, desgleichen eine Riesenstreichholzschachtel.
Die meisten Herren befinden sich im Frack und sind geschmückt mit den Orden, deren Verleihung der Anlaß zur Danksagungsvisite war. Man kann fast sicher sein, daß von zehn Zivilpersonen acht hier sind, um sich für irgend eine Auszeichnung oder einen Orden persönlich zu bedanken. Das gleiche trifft bei den Militärs zu. Unmittelbar nach den jeweiligen Beförderungen wimmeln daher die Empfänge des Königs von Paradeuniformen. Dazwischen sieht man auch zwei ober drei Menschen im einfachen Straßenanzug. Denn die Audienz scheitert nicht daran, daß einer keinen Frack besitzt. Nein, jeder Anzug ist hier willkommen. Ost findet sich auch ein einfacher Bauer in feinem sauber gedürsteten Werktagsanzug ein, wenn er keinen Sonntagsanzug besitzt, oder in der Tracht seines Heimatortes.
Fast beneidet man die Herren vom Hofstaat, die sich fo sicher und zu Hause in dieser Umgebung fühlen. Sie haben kein Lampenfieber und sprechen ungeniert miteinander, wenn sie die Stimme auch etwas dämpfen. Endlich wird die Tür zum nächsten Raum geöffnet, und unfreiwillig zuckt man zusammen. Jetzt? — Keinesfalls. In diesem Gemach, genannt der Rote Salon — es ist alles rot oder rotgetönt, von den Teppichen dis zu den Gardinen und allem anderen — wartet der wachthabende Kammerherr, dessen Aufgabe es ist, die Besucher nach dem Anlaß ihres Audienzwunsches zu fragen. In den meisten Fällen wird die Audienz bewilligt.
Es sind natürlich unzählige, die sich an den König wenden, um Hilfe für ihre schwere wirtschaftliche Lage zu erbitten. Diese Besucher werden allerdings nicht vorgelassen, sondern an den Privatsekretär des Königs verwiesen, der auch die schriftlichen Gesuche bearbeitet. Daß der König kaum die Möglichkeit hat, in allen Fällen zu helfen, ist selbstverständlich.
Der Kabinettsherr bestimmt, in roefäjer Reihenfolge die Besucher vorgelassen werden. In der Regel wird es so gehandhabt, daß die Besucher in der Folge, wie sie anlangen, Vortritt erhalten. Den Vorzug vor dem Zivil haben jedoch Militärs und Deputationen; und von den Zivilpersonen wieder hochgestellte Persönlichkeiten aus dem Staatsdienst vor dem einfachen Mann.
Gesichter, wie man sie im Wartezimmer des Zahnarztes sieht, sindet man auch hier. Ueberhaupt ist der Unterschied zwischen beiden Wartezimmern nicht sehr groß. Dieselbe zugeschnürte Kehle, das Herz im Halse und der heiße Wunsch: Oh, wäre doch alles vorbei!
„Aus welchem Grunde wünschen Sie eine Audienz bei Seiner Majestät?" fragt mich der Kammerherr. — „Ich mochte ihm sagen, wie sehr ich sein Land liebe und wie mich die grandiose Landschaft immer wieder packt, sooft es mir vergönnt ist, hier oben zu weilen" — „Sie sind Deutscher, wie ich an Ihrem Akzent höre? Da darf ich Sie leider nicht vorlassen. Der Empfang beim König ist nur für feine Untertanen bestimmt." — Das war natürlich ein Strich durch meine Rechnung. — „Bester Herr Hofmarschall, können Sie nicht einmal eine einzige Ausnahme machen? Sehen Sie, ich habe mich so sehr auf diese Audienz gefreut." — Aber alles Bitten war vergeblich. Das einzige, was er mir zugestand, war, daß ich, wenn der nächste Besucher zum König hereingelassen wurde, einen Blick durch den Türspalt werfen durfte. G
Und da sah ich den ranken, schlanken König von Schweden mit einem, stillen, freundlichen Gesicht am Schreibtisch sitzen. Doch ehe ich Zeit hatte, einmal Atem zu holen, schloß sich die Tür zum Aller- heiligsten vor meiner Nase.
Das Früchtchen Franziska.
Die junge ungarische Schauspielerin Franzisko Gaal, die in Deutschland überraschend schnell Karriere gemacht hat — hier sah man sie in „Gruß und Kuß, Veronika" und „Skandal in Budapest" — fand in ihrem jüngsten Lustspiel eine Paraderolle vor, die ihrem angeborenen Temperament, ihrem
Scharm und ihrem darstellerischen Naturtalent jegliche Entfaltung bot: sie spielt eine berühmte Sängerin, die sich eines Tages in ein ganz kleines Mädchen im kurzem Kleidchen und in Wadenstrümpfen verwandelt, um ihrer ebenfalls noch jugendlichen Mama aus einer peinlichen Verlegenheit zu helfen. Es würde zu weit führen, das genauer zu erläutern; die Tatsache genügt, um dem Zuschauer und Zuhörer eine lustige und unterhaltsame Stunde zu bereiten. Franziska Gaal hat sich nicht auf eine schwankhafte Auswertung der Situation beschränkt, sondern sich dem komödiantischen Reiz der Verwandlungsrolle mit einer Mischung von Naivität, Humor und weiblicher Ueberlegenheit hingegeben, die den von Richard E i ch b e r g geleiteten Film zu einer amüsanten Angelegenheit macht. Sehr reizend: Leopoldine K o n st a n t i n , die man leider nur selten sieht, als junge Mama. Hermann Thimig ist für die ihm zugedachte Rolle des guten Onkels wie geschaffen. Von den übrigen zeichnen sich vor allem E d t h o f e r, Theo Lingen, der diesmal wirklich komisch ist, Margarete Kupfer, Tibor v. Hal- may und der freche Filmknabe Hans Richter aus. — Im Beiprogramm zeigt das Lichtspielhaus einen Konzertfilm (das Berliner Stadtopernorchester unter Stiedry spielt die Ouvertüre zu den „Lustigen Weibern") und die Wochenschau mit aktuellen Bildern.
Zeitschriften.
— Friedrich Loy stellt im Maiheft der „Zeitwende" (Verlag C. H. Beck, München-Berlin) die Frage: „Warum braucht die Kirche ein Bekenntnis?" Loy beantwortet sie klar, lebendig und oer- ständlich, jenfeäts alles kirchenpolitifchen Streits, nur aus der Sache heraus. Gerade dadurch zeigt er um fo deutlicher, daß der Kampf um das Bekenntnis nicht ein höchst überflüssiges Theologengezänk ist, sondern daß „dabei nicht mehr und nicht weniger als Auftrag und Wesen der Kirche auf dem Spiel" steht. Deshalb «ist biefer Kampf — trotz manchen schmerzlichen und beschämenden Begleiterscheinungen — nicht zu beklagen. „Kämpferische Zeiten sind nicht nur für ein Volk, sie sind auch für Kirche zuletzt immer ein Segen gewesen. Aengstllche und unsichere Gemüter mögen darüber jammern, die tapferen und getrosten Herzen grüßen sie- Zeiten unbedrohter Sicherheit und unbewegter Ruy sind immer Zeiten kirchlicher Lähmung. Kirchlich Kämpfe um die christliche Wahrheit, wenn sie m geistigen Waffen geführt werden, zeugen voni*De und dienen dem Leben."


