CH O Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oderhessen)Freitag, 25. Mai 1934
Die Stedinger.
Zum 27. Mai 1934
Von Walter zur Llngnad.
Zum siebenhundertsten Male jährt sich am 27. Mai der Tag von Altenesch, an dem im Jahre 1234 nach Willen und auf Geheiß des Erzbischofs von Bremen das Bauernheer der Stedinger Lande unter den Waffen der Kreuzfahrer verblutete, an dem das große Morden begann, durch das ein ganzes Volk vernichtet wurde, lediglich weil es sich weigerte, dem Landesherrn als anerkannte Freibauern Steuer und Grundzins zu leisten. Jahrhundertelang hat Bremen der Bestimmung Erzbischof Gerhards folgend, den Tag von Altenesch mit Prozessionen und feierlichem Gottesdienst jubelnd begangen als den Tag, an dem die Kirche obsiegte über widersetzliche Bauern — heute gedenkt vor versammeltem Reichsbauernrat der Reicbsbauern- führer der Männer und Frauen, die ihr Leben einsetzten, um für sich und die Ihren Ehre und F re i h e i t zu retten, die den gewissen Tod der Knechtschaft und Schande vorzogen. Dieser neue Sinn der heutigen Feier des Tages von Altenesch kennzeichnet wohl am klarsten die ungeheure Wandlung, die in der Bewertung deutscher Bauernfreiheit im Staat Adolf Hitlers eingetreten ist
Bis zum Jahre 1100 war die Flußmarsch der Weser nördlich Bremens dauernd Ueberschwemmun- gen ausgesetzt, versumpft, unfruchtbar und unbewohnbar. Im Jahre 1106 aber kamen west- friesische Bauern, denen es daheim zu eng geworden war, die sich nicht fürchteten vor Sumpf und Hochflut. Und plötzlich hatte das Unland Wert: Nur gegen Zins und Zehnten gab Erzbischof Friedrich das öde Land zur Besiedlung her. Dennoch bliehen die Bauern, zogen Vettern und Freunde nach, bald waren Deiche geschüttet, Gräben gezogen, Saaten grünten, auf fetten Weiden gedieh prächtiges Vieh. Aber mit dem Wohlstand der Ansiedler wuchs der Neid der Nachbarn: zwei oldenburgische Burgen lagen an Stedin- gens Grenze, bei Linen und auf dem Lechtenberg, und die Chronik meldet: die Burgmannen erdreisteten sich jahrelang — Frauen und Töchter der Bauern, tiie festtags zu den einsam gelegenen Kirchen gingen, zu überfallen, um Lösegeld zu erpressen. Und der Graf von Oldenburg, des bremischen Erzbischofs Dienstmann, duldete das Treiben seiner Knechte, auch der Erzbischof tat nichts — es konnte ihm nur lieb sein, wenn seine Dienstmannen die Bauern unterjochten. Aber schließlich riß den Bauern die Geduld: vor Tau und Tag e r ft i e •; gen s i e die Burgen, erschlugen das Knechtsgesindel samt den Vögten und schleiften die Befestigungen so gründliche daß niemand sie wieder herzurichten oder gar gegen die Bauern selbst zu; ziehen wagte.
Nun wußten die Bauern, daß sie von niemand Schutz zu erwarten hatten, da mochten sie wohl Zweifel haben, ob sie zu Recht Zins und Zehnten nach Bremen zahlten. Und sie hatten erkannt, daß, sie Macht hatten, wenn sie zusammen st an-, den. Und danach handelten sie. Erzbischof Hart-! wig aber, dem Ehre und Sicherheit seiner Landeskinder, dem der Kirchenfrieden seines Landes einen, Waffengang nicht wert gewesen war, führte ein Heer gegen die Bauern, um den rückständigen Zins und Zehnten einzutreiben! Da zahlten die Bauern, weil sie es nicht für wert hielten, um einer strittigen Geldsache willen, kostbares Blut zu vergießen. Nun hätte Friede werden können. — Aber im folgenden Jahr (1208) starb Erzbischof Hartwig, und es kam zu einer Doppelwahl: in Bremen saß Waldemar, in Hamburg Burkhard, und jeder wollte rechtsmäßig Erzbischof sein. Die Stedinger hielten zu Bremen, sie schützten jahrelang die Stadt, zogen für Waldemar zu Felde. Sie eroberten für Waldemar die feste Stadt Stade, sie brachen für ihn die Burgen Seehausen, Rhiensberg und Stodtel. Und damit waren
sie freie Männer, niemand zinspflichtig, weil nach damaligem Recht reisiger Waffendienst und Zinspflicht nicht zugleich bestehen konnten. Als dann aber der Papst einen dritten Erzbischof für Bremen, Gerhard, zur Macht führte, mußte auch Waldemar sich fügen — und dem neuen Herrn waren die Stedinger nicht treue Waffengefährten, sondern Rebellen.
Zunächst freilich ließ er sie in Ruhe. Als sich aber ein großer Teil der wehrfähigen Mannschaft außer Landes befand, weil die Stedinger Kaiser Friedrich II. Heeresfolge leisteten beim Kreuzzug ins gelobte Land, da schickt Erzbischof Gerhard e i n Ritterheer nach Stedingen, das den Bauern wieder seinen Willen aufzwingen, ihm die Anerkennung als Grundherrn wieder erkämpfen sollte, und zwar am Weihnachtsabend 1229 — fürwahr ein rechtes Weihnachtsgeschenk! Aber die Bauern schlugen das Ritterheer. Was nicht am Platze blieb, vergaß das Wiederkommen. Hatte das Schwert versagt, so griff Erzbischof Gerhard nun zu den Waffen der Kirche: in feierlicher Synode werden die Stedinger zu Ketzern erklärt — unbezahlte Kirchensteuer ist Ketzerei, totwürdiges Verbrechen: der Erzbischof mißbraucht sein Amt als Kirchenfürst, um sein vermeintliches Recht als Grundherr zu erzwingen, und das in demselben Jahre 1230, in dem Kaiser Friedrich II. den Ste- dingern Dank und Anerkennung beurkundet für ihre Treue und Tapferkeit im Kreuzzug! So findet denn auch des Erzbischofs Versuch, einen Kreuzzug gegen Stedingen zustande zu bringen, zunächst keinen Anklang. Aber er läßt nicht nach. Ueberall verkünden Priester und Predigermönche die Ketzerei der Stedinger — sie dienen dem Teufel, der als riesengroßer Kater bei ihnen erscheint und schließlich findet sich der Papst bereit, den Kreuzzug anzuordnen, verhängt Kaiser Friedrich die Reichsacht gegen die Stedinger.
So zieht im Winter 1232/33 ein Kreuzheer gegen Stedingen. Aber die Bauern kommen ihm zuvor, überrennen die bischöfliche Burg Schlüt- terberg, bedrohen Oldenburg und Bremen, und der Erzbischof muß froh sein, daß er sich im eigenen Hause halten kann. Allmählich aber spielt sich der kirchliche Apparat ein, die umliegenden Bischöfe
helfen nach, der Ablaß lockt viel Volk aus aller Herren Länder herbei, und im Juni 1233 fiel von zwei Seiten zugleich ein übermächtiges Heer über Oftstedingen her. Don Weststedin- gen aus war Hilfe nicht möglich, weil das Kreuzheer die Weser besetzt hielt, so unterlagen die Bauern von Oftstedingen der Uebermacht, und die Sieger verbrannten scharenweise Männer und Weiber, Greise und Kinder auf Scheiterhaufen, was das Schwert nicht fraß, faß das Feuer. Und ein Jahr darauf kam für West stedingen auch das Ende. Bei Altenesch stellen sich die Bauern zum Kampf, viele Frauen hatten sich bewaffnet den Männern angeschlossen. Aber alle Tapferkeit war vergebens gegen die Uebermacht, die Erzbischof Gerhard in aller Welt zusammengetrommelt hatte. Bis zum letzten Atemzuge wehrten sich die Bauern, kein Todesschrei kam aus ihrem Munde, aber sie nahmen zahllose Ritter und Kreuzfahrer mit in den Tod — so dicht lagen die Leichen, daß es unmöglich war, Freund und Feind zu trennen. Und dann ergoß sich das Kreuzheer sengend und mordend über das Land, diesmal errichtete man keine Scheiterhaufen, kurzerhand wurde niedergemacht, was man antraf, und der Chronist schreibt: auch der Kinder wurde nicht geschont, weil aus schlechtem Ei immer nur ein schlechtes Küken kommen kann.
So opferte Erzbischof Gerhard von Bremen e i n ganzes Volk fleißiger, treuer, in Krieg und Frieden erprobter Bauern, weil er lieber Knechte als freie Männer in seinem Lande haben wollte, so dankte der Erzbischof den Bauern, die das Stedinger Land aus Sumpf zu blühender Flur gemacht hatten, denn dem Grundherrn waren Land und Leute nichts wert, wenn er nicht Zins und Zehnten von ihnen ohne Gegenleistung einheimsen konnte. Wir aber erkennen aus diesem Beispiel: Wenn die Bauern nicht untereinander und mit ihresgleichen von Landschaft zu Landschaft fest und treu z u - sammenstehen, dann sind sie immer verloren, sind die Bauern aber einig, dann gibt es nichts, was sie zu fürchten brauchten; denn der Bauer ist immer und Überall die Kraft und die Zukunft seines Landes
Oer Glaube au bas Reich.
Das volksdeutsche Bekenntnis zur gesamtdeutschen Erneuerung.
Mit einer historischen Kundgebung auf den Ruinen von Mont Royal bei Traben-Trarbach hat das volksdeutsche Pfingstfest des VDA. an Rhein und Mosel seinen Abschluß gefunden. Durch mehr als ein Jahrhundert war diese Festungsruine vergessen. Einst die Zwingburg des größenwahnsinnigen Sonnenkönigs über der Mosel, 'war sie geschleift, als das Münster Erwins von Straßburg von dem seiner Macht und seiner Selbstachtung entkleideten Römischen Reich Deutscher Nation der französischen Gier überantwortet wurde. Gras und Bäume sind auf dem Schutt gewachsen. Die Enkel schon wußten nichts mehr davon, welchen Sinn dieser Berg einmal für das deutsche Moselland gehabt hatte. Heute ist der Königliche Berg wieder freigelegt, aus der Zwingfeste ist ein Heimatbollwerk geworden. Es ist uns ein Zeichen dafür, um wieviel beständiger Volkstum ist gegenüber der menschlichen Willkür. Wer sich so gegen das gottgewollte Volkstum versündigt, wie es Ludwig XIV. getan hat, hinterläßt allenfalls Ruinen als Denkmäler und bestätigt damit nur die ewige Kraft lebendig pulsenden Blutes.
Das Erlebnis dieser Tatsache ist der Hauptinhalt der ganzen VDA.-Tagung gewesen. Mag es sich um die sachlichen Vorträge und die Lageberichte der verschiedenen deutschen Volksgruppen auf der Arbeitstagung in Mainz gehandelt haben, mögen es die Aussprachen der Jugend aus allen Ecken und Enden des deutschen Siedlungsgebietes in den Lagern und auf den Festwiesen um Trier gewesen sein, mag es
sich um festliche Schauspiele, um Aufmärsche, um ernste Feierstunden und um rauschenden Freudentaumel im Fackelglanz und in den Heilrufen eines unübersehbaren Festzuges von 50 000 Buden und Mädels gehandelt haben, überall war das doch der Inhalt, der Sinn und das Ziel.
Der Nationalsozialismus will nicht nur jeden Menschen im Reich erfassen, er will auch jeden deutschen Menschen voll in Besitz nehmen. Er ist nach dem geschichtlichen Wachsen der Bewegung und nach den gerade wieder in Mainz und Trier erneuerten Willenserklärungen im Sinne seines Ursprungs aus dem Volk der Hüter des volksdeutschen Gewissens. Aber die Staatsmacht des Dritten Reiches endet an den Grenzen dieses aus dem Zusammenbruch übernommenen Reiches. Außerhalb des Reiches steht aber noch ein ganzesDritt e l des deutschen Volkes. Gerade angesichts der heraufdämmernden Entscheidungen für die Saar sind die Erfahrungen und die Schlußfolgerungen, die sich daraus ergeben, von schicksalhafter Bedeutung. Für die Saar handelt es sich darum, das Recht zu erftreiten, das selbst der Vertrag von Versailles diesen 800 000 Deutschen gegeben hat, das Recht der Rückkehr unter die uneingeschränkte Staatshoheit des Reiches, allen Intrigen und Verdrehungen zum Trotz.
Aber 30 Millionen Deutsche bleiben immer noch draußen. Es ist nicht Aufgabe des Staates, hier mit seinen Mitteln einzugreifen. Wenn aber die Organisation des Volkstums im VDA. für die Erfüllung
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Nie kehrst du wieder, goldue Zeit...
Von Michael Kohlhaas
zd wenn wir auch m unseren schrlftluy maren f^roardz und er hat es wiederholt gesagt, Haus- und Schulaufgaben der Jugendzeit all s eIeflante Welt sich nur schwarz kleide. Sem
ordentliche Gute und Schone nachgeruhmt haben, jv n)ar unö magerz bas Haupthaar lehr
aufgeschnappte Spruche, daiwn unser । ' 7 ^scheitelt; auch hat es einen hohen Wohlge-
fete. Das hat ja nur die Tage auf ' ^brei et Nachdem er uns das Dorstellen von n "E? . Grund aus erklärt hatte, ist er zum „praktischen
geben" übergegangen, wie er es nannte, indem er zum Dernauer Alois von Obing gesagt hat, daß er eine distinguierte Dame, und zum Steffinger Joses von Endorf, daß er ein feiner Herr lern müsse, der auf der Promenade hinter der Dame dreingeht. Die Dame verliert etwas, der feine Herr klaubt den Gegenstand auf, bringt ihn der Dame, stellt sich ihr dabei vor und verwickelt sie in vornehmes Gespräch.
In der Mitte des Postsaales ließ demgemäß Dernauer Alois sein Sacktüchl fallen, das aber Fächer fein sollte; denn als Sacktüchl wäre es für eine Dame schon zu sehr strapaziert gewesen, weil es der Dernauer schon feit dem Sonntag tn Gebrauch gehabt hat und an jenem Abend bereits Samstag war. Der feine Herr hob es auf, lief dem Dernauer Alois nach und sagte: „Hochgeehrtes Fräuleun!" Man sage „gnädigstes Fräulein!" korrigierte der Anstandslehrer. „Gnädigstes Fräuleun! fuhr also der feine Herr fort, „mein Name ist Josef Steffinger aus Endorf." Der Dernauer Alois von Obing verneigte sich tief. „Sie haben, gnädigstes Fräuleun, soeben Jhner Schneuztüchl ober vielmehr Jhneren Fächer verloren." — „A so!" sagte der Dernauer Alois, nahm den Fächer und steckte ihn ein. Er müsse sich bedanken, sagte der Anstandslehrer. „Ich danke Ihnen ferrr," sagte der Dernauer. „Heut macht's wieder warm/ begann nun der Steffinger Josef das vornehme Gespräch, „mir rinnt der Schweiß grab so hinunter. „Mir auch," versetzte bie bistinguierte Dame. Der Anstandslehrer aber sagte, baß man vom Wetter unb vom Schweiß nie reben bürfe; sie foßen em anberes Thema wählen. Da begann ber Steffinger wieber: „Qnäbigftes Fräuleun! Sie finb ge- wih eine große Freunbin ber Natur, weil Sie Die Bäume da so anschaugen", unb er meinte bie zwei Fichtenftämmchen am Saaleingang. „Jawoll! sprach die Dame mit Nachbruck. ,Hch bin ja auf
unb beshalb soll man sich beim Vorstellen ungeheuer zusammennehmen. Er hat es nun sehr ausführlich beschrieben, wie bie Sache am besten gemacht wirb, unb hat sich unter sehr feinen Verbeugungen halb bem unb halb jenem von uns vorgestellt. Wir haben ihn aber schon gekannt. Er hat Ebuarb Pracek geheißen unb hat gesagt, baß er nach Prag zustänbig ist. Es kann bies schon sein, sagten wir, aber gewiß wisse man es nicht. Seine Hose ist unten ausgefranst gewesen unb sein Gehrock hat einen Spiegel gehabt. Hose unb Rock
Herz nichts rauf, bie Ferien hin gezahlt unb in s- . -
an den angeblichen Schönheiten ber griechischen unb lateinischen Klassiker zu allerhanb Bockbe.nig- feiten gegenüber ben Professoren angetrieben. Viel- leicht war aber gerade dieses unholde Benehmen der Grund warum der Rektor unseres Gymna.lums eines Tages einen Herumreisenden Anstandsleyrer, ber sich bei ihm vorstellig machte, zugelassen hat.
Auf einmal war nämlich auf ber Bekannt- mnrhimastafel ein gebrückter Zettel angeschlagen, Ä"mein frember Anstanbslehrer bie Herren Gtubierenben" einlub, im Saal bes Gasthofes „Zur Post" von ihm in vier Unterrichtsstunben den ge- tarnten Anstand zu erlernen. Weil der An.tands- Kr uns auf dem Zettel so ehrenvoll anredete und für die Stunde von einem jeden nur fünfzig ^ennia verlangte, was in Anbetracht des Gebote- enui6 9 Diel war, so fanden sich sehr ^eVuni/miAem besten Willen zum l-stg-Ietzten ^^Die""erste^Stunde verging mit Einsammeln des m.mes wobei einige erklären, daß ste es nachb.m- K'merben Diese schrieb der Anstandslehrer m gen werbe . » i ' nicht hatte anruhren
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3. S
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Aber — und das ist schon gleich der erste Zipfel jener Tragik, die auf Schritt und Tritt ins Leben hereinhängt, — wir haben sie nicht als golden erkannt. Blechern ist sie gewesen ja, und papieren und wenn wir auch in unseren schriftlichen
dem Lande aufzogn morn. Aber ich liebe auch serr die Stadt. Wo sind Sie her?" — „Von Endorf", antwortete der feine Herr; „ich lebe jedoch schon seit sechs Jahren in dieser freundlichen Stadt, weil ich in derselben meine Studien betreibe." Und daraufhin hat der Steffinger Josef dem Bernauer Alois, während sie im Postsaal auf und ab promenierten, genau erzählt, was für Klassiker sie heute lesen im Griechischen und Lateinischen und wo sie jetzt im Französischen stehen und wo in der Mathematik. Der Bernauer Alois hat das aber ohnehin schon alles gewußt, weil sie miteinander in der gleichen Klasse gewesen sind. Endlich hat dann der Anstandslehrer in die Hände geklatscht, und es ist eine neue Nummer gekommen. Der Bernauer Alois und der Steffinger Josef aber haben ihre Studien in dieser freundlichen Stadt nicht bis zum Ende betrieben. Sie sind auf Hindernisse gestoßen und sind alle zwei Kapuziner geworden. In diesem Stande werden sie mit Fächern nicht mehr viel zu tun gehabt haben; was aber das Schnupftüchl anlangt, so ist das eine andere Sache.
In der letzten Stunde, hat der Anstandslehrer getagt, werde er uns das Schwierigste des ganzen Anstandes vormachen: wie man nämlich ein Huhn ißt. Wir waren sehr gespannt darauf. Als wir dann in die letzte Unterrichtsstunde kamen, stand in der Mitte des Saales ein zierlich gedecktes Tischchen, und darauf war eine Flasche Wein zu sehen, ein Teller mit spitzig aufgerichteter Serviette, ein grünes Weinglas, Pfeffer und Salz sowie eine Semmel. Das sei wenig, meinte mehrere von uns, eine einzige Semmel; der Merkle Franz aber sagte, daß er gar keine brauchte, wenn er ein Huhn hätte. Wir haben uns um den Tisch herumgestellt, und ein jeder hat vorndran sein wollen. Nach einer Weile kam der Anstandslehrer, setzte sich sogleich an das Tischchen und entfaltete die Serviette. Gesagt hat er kein Wort, während er sonst immer vor dem praktischen Leben einen kleinen Vortrag hielt. Er hat nur schnell die Serviette in den Hals hineingesteckt, und dabei ist ihm der Hemdkragen ausgerissen, indem es ein sogenannter Papierkragen war. Das ausgerissene Kragenende ist über die Serviette herausgestanden, was ihn aber nicht geniert hat. Er prüfte nunmehr mit dem Daumen die Schneide des Messers, und sie war ihm schon recht. Dann brachte die Kellnerin auf einer geschmückten Platte das Huhn herein. Es war gebraten, wunderschön braun, und in zwei Hälften geteilt und ein sehr feiner Duft ist davon ausgegangen. Wir sogen ihn ein. Ich habe den Kurz Philipp leise gefragt, was ihm lieber wäre: der Wein oder das Huhn, und er hat gesagt, er könne es noch nicht sagen, und hat sich auf die I Zehen gestellt und den Hals in die Höhe gestreckt, I
Ein Pionier der deutschen Lustfahrt.
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Geheimrat Professor Hugo H e r g e s e 11, der her« vorragende deutsche Meteorologe, feiert am 29. Mai seinen 7 5. Geburtstag. Als Mitarbeiter des Grafen Zeppelin und als langjähriger Direktor des Aeronautischen Observatoriums in Lindenberg hat er Hervorragendes für die Förderung der Luftschiffahrt geleistet. Namentlich die Konstruktion von Beobachtungsinstrumenten und die Verbesserung von Beobachtungsverfahren ist ihm zu verdanken. So kann er an seinem Lebensabend mit Stolz auf die Arbeit zurückblicken, die zu der heutigen Vervollkommnung der deutschen Luftschiffahrt wesentlich beigetragen hat.
dieser volksdeutschen Aufgabe arbeitet, so hat das eben tatsächlich nichts mit der Staatspolitik zu tun. Wie die Reichsführung um die staatliche Gerechtigkeit im Konzert der Staaten kämpft, weil allein Gerechtigkeit den Frieden der Völker gewährleistet, so hat die volksdeutsche Kulturarbeit auch nichts mit einem Angriff auf fremdes Volkstum zu tun. Gerade im Verhältnis zwischen den verschiedenen Völkern, die im Siedlungsgemisch Europas ihren Lebensraum haben, wird es eine innere Befriedung und eine wirkliche gerechte Anerkennung jedes Volks- tums erst geben, wenn aus der anerkannten Selbstachtung und rücksichtslosen Selbstverteidigung des eigenen Volkstums auch die Achtung vor dem fremden Volkstum erwachsen ist.
Sind wir uns dieser Unterschiede und Zusammenhänge bewußt, so wissen wir auch, daß die 30 Millionen Deutsche außerhalb der Grenzen in den vierzehn Jahren deutscher Schmach ihren verzweifelten Selbsterhaltungskampf um deutsche Ehre für uns geführt haben. Für unsere Zukunft haben sie gelitten. Im Vertrauen auf unsere Bewährung nehmen sie auch heute die Last auf sich, die sich für die deutschen Volksgruppen draußen als Reaktion der Neider aus der reichsdeutschen Erneuerung ergeben hat. Sie haben in den Zeiten der tiefsten Schmach an uns geglaubt, an bas Reich geglaubt. Ihnen dämmert heute die Gewißheit, daß der Glaube an bas Reich gerechtfertigt war. Für biese 30 Millionen, für biefes Drittel bes beutschen Volkskörpers, hat bie Pfingsttagung bes VDA. bie freudige Bestätigung bafür gebracht, baß bas volksbeutsche Bekenntnis zur gesamtdeutschen Erneuerung nun auch bas Echo im Reich gefunben hat, unb baß mit bem Fortschreiten ber Erneuerung im Reich in allen Schichten bes Binnenvolkes unb in erster Linie bei allen Formationen ber heranwachsenben Jugeni) das Wissen um bie Gesamtverantwortung für jebes einzelne Glieb bes beutschen Dolkskörpers in ber weiten Welt machtvoll wächst.
Sprechstunden der Redaktion.
11.30 bis 12.30 W)t, *16 bis 17 Uhr. Samstag nachmittag geschloffen.
weil vor ihm ber Neumaier geftanben ist unb ihm bie Aussicht oerborben hat mit seinem bicken Kopf. Der Wimmer von ber fünften Klasse flüsterte bem Kurz zu, baß ein Huhn gar nichts sei; an seinem Firmungstag habe er zwei unb ein halbes gegessen. „Sprecher!" sagte ber Kurz Philipp. Dann aber ist alles still geworben, unb man hat nur noch ben Anstanbslehrer gehört, heißt bas: sein Messer unb seine Gabel unb manchmal, wenn er sich einen Wein eingeschenkt hat, so ein angenehmes Glucksen in ber Flasche. Es finb uns biese Geräusche burch Mark und Bein gegangen, vor allem jedoch den Seminaristen, die nie genug zu essen bekommen haben. Nur einmal während dieses Unterrichts hat der Anstandslehrer etwas gesagt. „Man darf", hat er gesagt, „das Huhn nicht mit den Fingern anrühren, immer nur mit dem Besteck, — es geht so auch." Es ist auch gegangen, unb in einer Viertelstunde war alles weg: ber Wein, bas Huhn, bie Semmel, ja sogar ber grüne Schmuck auf ber Platte, alles, unb ber Anstanbslehrer hat sich erhoben unb hat gesagt: „So ißt man ein Huhn." Darauf ist er aus bem Saal hinaus.
Wir haben noch eine Zeitlang gewartet, weil wir meinten, er würbe wieber hereinkommen unb noch einen Schlußvortrag halten. Aber er ist nicht mehr gekommen. Wir finb bann auch fort, und im Hinuntergehen über bie Stiege hat ber Merkle Franz gesagt, er wollt', er hält' fein Gelb wieber. Der Kurz Philipp bagegen, ber mir auch heute noch bisweilen begegnet unb mich bann immer fragt: „Wie geht's, wie fteht's?", ber sagt auf meine nicht allzu überschwenglich klingenbe Antwort regelmäßig: „Gebulb, mein Lieber! Wir haben vor ben meisten anberen Menschen immerhin eines voraus: — wir wissen, wie man ein Huhn ißt." So verschiebenartig wirkt bann und wann ein und dieselbe Unterrichtsmethode auf verschiedene Schüler.
Das Zauberwort.
Als Johannes Müller, der später hochberühmte Physiologe, als junger Gelehrter in Paris studierte, wollte er dem Zoologen Dumeril seine Aufwartung machen. Dieser war sehr schwer zugänglich und ließ sich nur selten sprechen. Als Müller sich nun anmeldete, erhielt er die Antwort, der Professor habe keine Zeit. Da steckte der junge Gelehrte, dem an der Bekanntschaft sehr viel lag, keck seinen Kopf durch die Tür und rief hinein: „Die Coelien haben in Der Jugend Kiemenlöcher am Halse!" Auf diese Bemerkung hin, die ein schwieriges zoologisches Problem enthüllte, sprang Du- möril wie elektrisiert auf, zog den eben Abgewiese- nen interessiert ins Zimmer, und rasch war eine angeregte Unterhaltung im Gange ...
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