Kr.M Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Mittwoch, 23. Rai 193$
Die Miiyer Saarkundgebung der AS.-Hago.
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Ein Blick auf die Ehrentribüne auf dem Kleinen Sand bei Mainz, wo sich am Pfingstmontag mehr als hunderttausend Gewerbetreibende, Kaufleute und Handwerker aus allen Gauen des deutschen Vaterlandes versammelt hatten, um ihrer unlöslichen Verbundenheit mit dem deutschen Saarland Ausdruck zu geben.
Oberhessische Kulturwoche des Gießener Gtadttheaters.
Rückblick und Ausblick.
Mit der „Tosca"-Aufführung des Stadttheaters am Pfingstsonntag ist die in dieser Spielzeit zum ersten Male veranstaltete „Oberhessische Kulturwoche" beendet worden. Inzwischen sind uns aus dem dramaturgischen Büro einige Informationen zugegangen, die für die Oeffentlichkeit nicht ohne Interesse sein dürften und etliche grundsätzliche Randbemerkungen gestatten.
Die Veranstaltung hatte, wie Intendant König in seinem Aufruf zur „Oberhessischen Kulturwoche" ausführte, folgende Aufgaben zu erfüllen: ein Sonderspielplan sollte auswärtigen Kunstfreunden „künstlerische Abwechslung in kultureller Hinsicht zeigen und mit besonders wertvollen Erscheinungen deutscher Theaterkunst bekannt machen". Der künstlerisch gute Ruf des Gießener Theaters als der einzigen bodenständigen Bühne Oberhessens sollte erneut gefestigt und verbreitet werden. Besonders auswärtige Theaterfreunde sollten herangezogen werden. Der Theaterbesuch sollte für die kommende Spielzeit 1934/35 angeregt werden. Diese vier Punkte wurden zusammengefaßt unter dem Motto: „Wer das Stadttheater Gießen nicht kennt, kennt seine Heimat Oberhessen nicht!"
Die Kulturwoche wurde am Muttertag mit einer Aufführung der Operette „Die Försterchristel" eröffnet: zu dieser Vorstellung hatte die Intendanz Freikarten für hundert der besten Plätze an kinderreiche Mütter durch die Kreisleitung der RS.-Volkswohlfahrt verteilen lassen. Burtes friderizianisches Drama „Katte" wurde in einer überfüllten Schülervorstellung gegeben. Als Klassiker stand der „Fiesko" von Schiller auf dem Programm. Ferner
veranstaltete das Stadttheater-Orchester ein Symphonie-Konzert mit einem anspruchsvollen Beethoven-Programm. Die bayerische Moritat „Die Pfingstorgel" ergänzte den Spielplan von der volkstümlich-heiteren Seite her. Die wohlgelungene und erfolgreiche „Tosca"-Aufführung, die wir bereits erwähnt haben, bildete den festlichen Abschluß der Sonderveranstaltung. Um der propagandistischen Wirkung willen mögen auch die beiden Platzkonzerte des Stadttheater-Orchesters unter Leitung von Konzertmeister K e r z i s n i k in diesem Zusammenhang nicht unerwähnt bleiben.
Hierzu teilt die Intendanz mit, daß der Besuch der Veranstaltungen, abgesehen vom Symphoniekonzert, den Verhältnissen entsprechend wider Erwarten gut gewesen sei. Insbesondere war der Besuck von auswärts erfreulich rege, so daß gerade in dieser Hinsicht das Ziel der Kulturwoche erreicht worden zu sein scheint. Die Behörden haben die Veranstaltung mit dankenswertem Entgegenkommen nach Kräften unterstützt. Die Urteile der auswärtigen Gäste über das vom Gießener Theater Gebotene waren, wie man uns mitteilt, des Lobes voll. So hat die jetzt zum ersten Male eingeführte Veranstaltung, wie die Theaterleitung abschließend bemerkt, die aufgewandte Mühe und Arbeit reichlich gelohnt. Da ferner die Kulturwoche starkem Interesse und lebhafter Beteiligung beim Publikum begegnet sei, dürfte der Gedanke an eine Wiederholung in der kommenden Spielzeit zu einem günstigeren Termin naheliegen und aussichtsreich sein. Wir selbst sind der Ansicht, daß eine Kulturwoche dieser Art von noch stärkerem Erfolg begleitet und von breiterer Auswirkung ge
wesen wäre, wenn man sie nicht gerade ans Ende der Spielzeit und in die schon sehr dem Sommer zuneigende Saison gelegt haben würde. Rur im Hinblick auf die oben erwähnte Werbung für die kommende Spielzeit war der Termin vielleicht verhältnismäßig günstig gewählt. Wie weit sich das praktisch fühlbar machen wird, muß die Erfahrung lehren.
Was die spielplanmäßige Auswahl und Zusammensetzung der Darbietungen während der „Oberhessischen Kulturwoche" angeht, so fanden wir sie recht glücklich insofern, als die Programmgestaltung den in dem erwähnten Aufruf geltend gemachten Gesichtspunkten entsprach und einen Einblick in die künstlerische Leistungsfähigkeit wie in die für unsere Verhältnisse sehr vielseitigen spielplanmäßigen Möglichkeiten des Stadttheaters gestattete. Aufführungen wie ,Katte" und „Tosca" gehörten zum Besten, was das Theater in der laufenden Spielzeit herausgebracht hat. Und ein Spiel- plan, der klassisches und modernes Drama, Oper und Operette, heiteres Volksstück und seriöses Konzert innerhalb einer so knapp bemessenen Frist in sich vereinigt, darf wohl Anspruch .darauf erheben, vielseitig und abwechslungsreich genannt zu werden: dies war ein Programm, das in der Tat im Rahmen des für unser Theater Erreichbaren allen Geschmacksrichtungen etwas zu bieten bemüht war.
Das Programm einer Veranstaltung, wie sie mit der „Oberhessischen Kulturwoche" jetzt zum ersten Male ins Leben gerufen worden ist, muß allerdings auch unserer Auffassung nach, wenn es seinen Zweck erfüllen soll, so zusammengestellt sein, daß es gleichsam als Spiegel und Richtschnur für die Spielplangestaltung und das künstlerische Niveau der ganzen Spielzeit angesehen werden kann, sozusagen als Zusammenfassung und Extrakt dessen, was man im Laufe eines Theaterwinters zu leijten gewillt ist. So könnte, wie wir glauben, das Pro- aramm dieser Woche richtunggebend sein für die Arbeit in der kommenden Spielzeit, wenn man das, was hier in acht Tagen geboten wurde, im ungefähr gleichen Verhältnis auf die Theaterarbeit eines ganzen Winters übertragen würde. Wir glauben, daß von dieser Grundlage aus die nichtige Mischung erzielt würde, die wir brauchen. Es
könnte sich auch vielleicht die Erwägung daraus ergeben, ob man nicht der für unser Gefühl in der nun zu Ende gehenden Spielzeit reichlich bevorzugten Operette im kommenden Winter zugunsten des Schauspiels (des klassischen und des gegenwärtigen, des ernsten und des leichteren) etwas weniger Raum zugestehen sollte. Wir sind jedenfalls der Ansicht, daß eine leichte Umgruppierung im angedeuteten Sinne den Beifall einer nicht unbeträchtlichen Zahl von Besuchern finden würde: und wir hoffen, daß die soeben abgelaufene „Oberhessische Kulturwoche" praktisch die von ihr erhoffte Wirkung zeitigen und künstlerisch wegweisend und anregend für eine fruchtbare Arbeit im nächsten Theaterwinter werden wird.
Künstler-Förderung durch den Arbeitsdienst.
Der Gauobmann des „Arbeitsdank" in Wiesbaden hat sich in hochherziger Weise bereit erklärt, 15 bildende Künstler als Gäste in die Lager des Gaues aufzunehmen, um ihnen das Studium der Arbeit zu ermöglichen. In der im Herbst in Breslau stattfindenden Ausstellung des Arbeitsdienstes sollen auch die Ergebnisse dieses Aufenthalts der Oeffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Eine Anzahl Künstler ist bereits mit Begeisterung diesem vorbildlichen Anerbieten gefolgt, das vorzüglich geeignet ist, Arbeiter und Künstler einander näherzubringen. Für weitere Interessenten Anmeldung bei der „Landesstelle Hessen-Nassau der Reichskammer der bildenden Künste", Frankfurt a. M., Buchgasse 11a.
Heil Hitler!
gez. Müller-Scheld, Gaupropagandaleiter und Leiter der Landesstellei Hessen-Nassau des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda.
IMelegranim von der Irandkatastrophe in Wkago.
Luftaufnahme des brennenden Schlachthofviertels.
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Schlüter und Schadow.
von Dr. O. Bloch.
Vor 270 Jahren wurde Andreas Schlüter und vor 170 Jahren wurde Gottfried Schadow ge- Iboren. Trennt auch das Kunstempfinden der verschiedenen Generationen — Schlüter war der Meister des deutschen Barock und Schadow der Bildner des deutschen Klassizismus — die beiden Künstler, Jo eint sie doch wiederum der gleiche Geist, in dem jie schufen; beide waren Hofbildhauer preußischer .Könige, beide trugen dazu bei, in ihren Werken einen deutschen Stil zu schaffen.
Wer Warschau kennt, kennt auch das Palais :Krasinfky, ein großartiges Bauwerk. Es ist ,ein deutscher Gelehrter, Marperger, der die 'Nachricht verzeichnet hat, daß Andreas Schlüter in Marschau Paläste gebaut hat. Man weiß heule, ldaß Marperger Schlüter persönlich gekannt Ihat. Der Mittelbau mit seinen fünf Achsen Hn einer Architektur mutet verwandt an der ^Architektur des Berliner Schlosses, soweit es von »Schlüter entworfen wurde. Da sind die großen ^Flachreliefs an der Stadtseite des Warschauer Pa- Nastes: in malerischer Anordnung ist der Kampf des Marcus Valerius Corvus mit einem Gallier dar- mestellt Und da ist auch die Schauseite des Schlosses lderen Entwurf der Arbeit Schlüters für das Char- llottenburger Schloß so ähnlich ist. Der Plan für XLHarlottenburg war eine der ersten Arbeiten »Schlüters in brandenburgischen Diensten, heute be- jsindet sich im Besitz der Technischen Hochschule m -Cdarlottenbug das Skizzenbuch des Architekten Witzler der den Entwurf in etwas verzerrter Aufmachung zeigt. Die großen Flachreliefs an der -Stadtseite des Warschauer Palastes zeigen noch. keineswegs das Pathos des deutschen Barockmeisters. Man wird es erst ganz empfinden wenn man in Berlin das Zeughaus besucht und die Masken sterbender Krieger sieht, die den Höhepunkt im Schaf- ffcn Schlüters bilden. In seiner Stellung als Bau- nneister gab er der etwas nüchternen Architektur Johann Arnold N e r i n g s durch .Hinzufugen faustischen Schmuckes erst die künstleryche Weihe. Ein Lies veranlagter, ernster Künstler schuf das Rust- chaus für den Krieg, die glänzende Schauseite des militärischen Lebens, weithin sichtbar die Trophäen, Lie Ehrengaben, die Personifikationen der Kriegs- missenschaften und der Kriegskünste, lieber dem Hauptportal des Berliner Zeughauses .das vergoß Lete Bronzerelief des Kurfürsten König Friedrich inls des obersten Kriegsherrn. Und dann der Ge- menfatz im Hof, wo Andreas Schlüter würdige und sernste Bausormen gewählt. Außen herrscht das
Dekorative, innen die Kehrseite des kriegerischen Lebens, des kriegerischen Ruhmes, die stillen Opfer des Kampfes. Äa, wo am Aeußeren des Erdgeschosses die kostbaren Helme winken, blicken im Hof 22 Köpfe sterbender Krieger auf uns herab, in verschiedner Auffassung, von der vollen Vorderansicht bis zum Profil, alle in Hochrelief maskenartig sich von je einem Schilde abhebend. Ihre Wahrheit wirkt erschütternd, doch er vermeidet den Eindruck des Grausigen. Nie zeigt Schlüters Künstlerschaft das brechende Auge des Sterbenden oder das starre des Toten, sondern in schöner Selbstbeschränkung bildet der Meister die Augen geschlossen — in dieser Einzelheit zeigt sich das höchste künstlerische Empfinden. Allen Sterbenden und Verstorbenen dieser Reihe ist der schlaff herabhängende Unterkiefer eigen: im Kampfgewühl oder am einsamen Schmerzenslager des Krieges fehlt die liebende Hand, die im Tode den Mund schlösse, kraftlos sinkt er herab.
Mit der Darstellung des Tod-es hat sich wohl jeder Künstler beschäftigt. Auch von Gottfried Schadow kennen wir Grabmäler in eindrucksvollster Art, von hohem künstlerischem Wert. Aber eine der hervorstechendsten Seiten seiner Kunst ist doch das Liebenswürdige und Anmutige, ja man hat Schadow geradezu als den Bildner der Anmut bezeichnet. Nirgends wird dies Wort mehr zur Wahrheit als in dem Meisterwerk der Prinzessinnengruppe des Berliner Schlosses. Diesen preußischen Bildhauer verband enge Freundschaft mit den Mitgliedern des damaligen Hofes, König Friedrich Wilhelm II., König Friedrich Wilhelm III., der Kronprinzessin und späteren Königin Luise, der Prinzessin Louis von Preußen, der dereinstigen Königin von Hannover, sie alle hat Gottfried Schadow in Meisterwerken festgehalten. Die Gruppe der beiden Prinzessinnen aber war der Ausgangspunkt zu manchem großen fürstlichen Auftrag geworden, und betrachtet man dieses Marmorwerk etwas eingehender, so wird man verstehen, daß es den großen Zauber, den es bereits zur Zeit der Entstehung ausübte, auch jetzt noch weiter ausüben kann. „Himmlische Erscheinungen" nennt kein Geringerer als Goethe 1793 in seiner „Belagerung von Mainz" die beiden Prinzessinnen, die Schadow 1794 in Berlin kennenlernte, als sie als Gemahlinnen der Söhne Friedrich Wilhelm II. die Residenzstadt besuchten. Die prinzlichen Herrschaften bewohnten das von Dietrichs erbaute Palais in der Oberwallstraße, das das Prinzefsinnenpalais heißt nach den Töchtern Friedrich Wilhem II., denen es bis zu ihrer Verheiratung als Wohnung diente. Staatsminister von Heinitz erbat für seinen Schützling Schadow eine Sitzung. Der Meister fertigte Tonbüsten an, die auch in Gips gegossen wurden; nach Fertigstellung des Gipsmodells ging
Schadow an die Ausführung der Prinzefsinnen- gruppe in Marmor heran. Heinitz hatte feinen Schützling zu der Komposition ermuntert, indem er ihm die Aussicht gestellt, daß sie, wenn sie gelinge, wahrscheinlich in Marmor ausgeführt werden würde.
Im Sinne der Zeit, die sich die beiden Schwestern gern als ein unzertrennliches Paar dachte, in Anlehnung an die Antike, doch ohne ein bestimmtes Vorbild im Auge zu haben, hat Schadow die beiden Prinzessinnen dargestellt. Meisterhaft ist der ganz verschiedene Charakter der Schwestern im Marmor zum Ausdruck gebracht. Die Kronprinzessin trägt ein hochgegürtetes Gewand, das in langen, meist vertikalen Falten bis zu den Füßen herabfließt. Sicherheit und Würde verleiht ihr Schadow als der künftigen Königin von Preußen. Wissen mir doch auch, daß Prinzessin Friederike ein jugendlich stürmendes Temperament besaß im Gegensatz zu der um zwei Jahre älteren Schwester! Der Künstler brachte in dem ünruhvoll wirkenden Gefall des Gewandes das anders geartete Temperament zum Ausdruck. Doch Vorderansicht und Rückseite der Marmorgruppe zeigen denselben plastischen Reichtum, den wir immer wieder bewundern müssen. Mit Recht kommen uns bei der Betrachtung der Prinzessinnengruppe die Worte Wilhelm v. B o d e s in den Sinn: „Eine auf die Natur zurückgehende und aus dem Leben schöpfende Kunst" — das ist der Sinn Schadowschen Schaffens.
Oer Honig und die Ameisen.
Von Georg Mühlen-Gchulte.
Fedor, der Junggeselle, trägt aus unbekannten Gründen einen fanatischen Haß gegen Insekten im Herzen. Er fand eine Ameise in seinem Arbeitszimmer draußen in der Grunewaldvilla, rief den Diener und begann in seiner lehrhaften Art:
„Ist dir genugsam bekannt, Josef, was Ameisen in der Wohnung bedeuten? Sie bedeuten den Untergang des häuslichen Wohlstandes. Durch dicke Wände bohren sie ihre Schächte. Wie Tiger fallen sie über alles her, was sie auf ihrem Wege finden. Sie fressen Teppiche und Möbel, Hosenträger, Brieftaschen, seidene Damenstrümpfe, Antiquitäten und moderne Kunst. Ein Tintoretto ist ihnen so wenig heilig wie ein Rubens oder Rembrandt. Ein Fall ist mir bekannt, da haben die Ameisen eine ganze Bibliothek aufgefressen. Nur das Bürgerliche Gesetzbuch ließen sie übrig, was man verstehen kann. Zum Glück weiß ich ein zuverlässiges Mittel gegen Ameisen. Man muß auf
einen Teller flüssigen Honig tun. Danach sind die Ameisen schlimm; sie stürzen sich voll Gier auf.den Honig und bleiben darin stecken wie die Römer in den Sümpfen des Teutoburger Waldes. Wir werden den Honig sofort aufstellen."
Fedor stellte persönlich den Honig auf. Zwei Ameisen gab es in seinem Zimmer. Zwei ganze Ameisen, die er an seinen Kleidern hereingeschleppt hatte. Die eine kniete sich unverzüglich in den Honig hinein und fand den Tod dabei. Die andere rannte, was sie die Beine trugen, hinaus in den Garten; sie setzte über eine zwei Meter hohe Mauer, gelangte auf die benachbarte Waldparzelle, hielt mit keuchender Brust vor einem Ameisenhaufen, rief: „Opopoi! Nebenan bei Fedor gibt's Honig!" und fiel tot um. Welch ein Tier!
A tempo machten sich zahlreiche Ameisen auf den Weg nach dem gelobten Land. Ihnen folgten die schwarzen Mengen der übrigen. Sie fanden den Teller mit dem Honig und setzten sich daran, ohne Zeit zu verlieren. Die meisten fraßen sich eine bösartige Magenverstimmung und kamen um. Wenige rissen sich los und gelangten wieder nach Hause; sie hatten gerundete Formen, und in ihrem Blick wohnte die süße Freude des gehabten Genusses.
Zu allen Ameisenhaufen der Gegend drang die Kunde von den Ereignissen. Und weiter, über die Kolonie Grünewald hinaus, zu den Ameisenstämmen des Waldes. Von allen Seiten zogen Ameisen nach Fedors Grundstück. Begeisterung lohte aus ihren Gesichtern; sie waren beseelt von dem frommen Fanatismus derer, bw bereit sind, für eine Idee zu sterben. Diese Idee hieß Honig.
Fedor hatte längst die erste Tellerfüllung wegschütten müssen. Mit ihr begrub er Tausende van Ameisenleichen. Er dachte mit Herzklopfen daran, was wohl aus ihm geworden wäre, wenn alle diese Ameisen noch lebten, und füllte zwei Teller neu voll Honig. Später stellte er den Ameisen ein Service für zwölf Personen hin; danach nahm er noch die Waschschüssel und die Badewanne dazu. Er schloß einen Lieferungsvertrag mit dem Verein der Bienenzüchter ab und steckte den größten Teil seines Vermögens in Honig. Nach einem halben Jahr war er mit seinen Nerven fertig und mußte in ein Sanatorium.
Als er herauskam, fragte er feinen Diener:
„Jofef, haben wir noch Honig?"
„Nein, ich habe den ganzen Vorrat dem Portier von Kommerzienrat Schulze gegenüber geschenkt."
„Bist du verrückt? Die Ameisen werden uns auf- fressen!"
„Nein, die sind jetzt alle bei Schulzes!"


