Nr. 195 Dritter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberhesien)
Mittwoch, 22. August 1934
Weilflug zwischen „Zepp" und „Regenbogen".
Oer Kampf um die Südamerikalinie.
Dor einigen Tagen ging eine Notiz durch die deutschen Zeitungen, die folgendes meldete:
„Das französische Wasserflugzeug „Kreuz des Südens", das mit dem Landflugzeug „Regenbogen" den regelmäßigen Postdienst Frankreich—Südamerika versehen soll, liegt in Brasilien fest und muß überholt werden. Erst am 27. August wird es möglich sein, den Dienst wieder aufzunehmen. Weiter stellen die Kommentare der französischen Blätter fest, daß es bisher noch immer nicht gelungen ist, den Luftpostverkehr zwischen Frankreich und Südamerika nur annähernd regelmäßig, d. h. wöchentlich, durchzuführen."
Auf der anderen Seite hat Deutschland bekanntlich seit dem 21. Juli den L u f t p o st d i e n st nach Brasilien in Zusammenarbeit mit dem Luftschiffbau Friedrichshafen zu einem wöchentlichen Dienst verdichtet. Damit ist es möglich geworden, jede Woche einmal in beiden Richtungen diese für die wirtschaftlichen und politischen Beziehungen Deutschlands zu den südamerikanischen Staaten so wichtige Schnellverbindung, die sich immer stärkerer Inanspruchnahme erfreut, zu benutzen. Bis zum 25. Oktober wird der Dienst abwechselnd regelmäßig von den Flugzeugen der Deutschen Lufthansa und dem Luftschiff „G r a f Z e p p e l i n" durchgeführt werden. Mit beachtenswerter Zuverlässigkeit und Regelmäßigkeit konnte bisher der Verkehr auf dieser schwierigen Strecke abgewickelt werden. Aber
Linie nicht zufrieden waren — ewig hatten sie Notlandungen und Unglücksfälle —, versuchten sie, mit der Deutschen Lufthansa Verbindungen anzuknüpfen, um gemeinsam mit den deutschen Piloten diese Linie zu befliegen. Mttten in die Unterhandlungen platzte das neue Kabinett Doumergue hinein, und der Luftfahrtminister D 6 n a i n hatte nichts Eiligeres zu tun, als die Verbindungen mit der Lufthansa zu kündigen, da er sie mit „der Würde Frankreichs nicht vereinigen konnte". Jetzt setzte in der gesamten französischen Presse ein Feldzug zur Eroberung der Südamerikalinie ein. General D e n a i n löste die „Aeropostale" auf und gründete die sehr stark staatlich subventionierte „Aero France", die es als ihre Hauptaufgabe ansah, die französische Luftfahrt in jeder Hinsicht zu stärken. Damit setzte auch wieder der verschärfte Kampf gegen die deutsche Südamerikalinie ein. Schnell wurde mit einem ungeheuren Kostenaufwand ein dreimotoriges Spezialflugzeug, der „Regenbogen", gebaut und wohl- ausgerüstet dem schon genannten französischen Pi- loren Mermoz anoertraut.
Nun kam es zum Duell zwischen dem „Zeppelin" und dem „Regenbogen" Einen halben Tag nach dem Start des Luftschiffes flgg der Franzose von Toulouse los und tatsächlich gelang es ihm, unseren „Zepp" auf dem Ozean zu überholen und 10 Stunden eher in Brasilien zu landen. Die französische Presse triumphierte. Den
Rückflug' verzögerte Mer m o z sogar um einen ganzen Tag, der große Vorsprung sollte eingeholt werden, um den französischen Triumph noch zu vergrößern. Während „Graf Zeppelin" schon weit über dem Ozean ruhig und sicher nach der Heimat zieht, kommt der „Regenbogen" kaum beim Start hoch, sackt schließlich ab und das Fahrgestell geht in Trümmer. Seine Post wird umgeladen und erreicht mit großer Verspätung an Bord eines Dampfers Europa. Mermoz wartet auf die Ersatzteile, und „Graf Zeppelin" erledigt inzwischen dreimal seine Südamerikafahrt. Dann gelingt es dem „Regenbogen" doch nach vielen zeitraubenden Zwischenlandungen, sein Ziel zu erreichen. Die gelungenen Flüge sind sicher glänzende sportliche Leistungen des französischen Fliegers, aber die Reklame für den „Regenbogen" in der französischen Presse hinsichtlich der Zuverlässigkeit des Südamerika-Fluges dürfte wohl kaum gerechtfertigt fein.
Trotz der bisherigen Mißerfolge bleibt der französische Luftfahrtminister D 6 n a i n entschlossen, die Verwirklichung seiner Pläne mit allen Mitteln zu betreiben. Einem Vertreter des französischen Blattes „Excelsior" erklärte er, daß es sich nur um eine „Materialfrage" handele. Noch in diesem Jahre werde der Flugdienst regelmäßig aufgenommen werden, und zwar monatlich einmal, dann 1935 zweimal monatlich, und schließlich werde man 1936 doch soweit sein, einen wöchentlichen Dienst aufnehmen zu können. Zur deutschen Flugverbindung erklärte der General, daß es für Deutschland auf dieser Strecke ausschließlich keinen Anspruch gebe (!). Frankreich werde die Südamerika-Strecke um feinen Preis aufgeben.
den Fingerzeig. Em < und Wissenschaftler bei
Da die Franzosen mit ihren Leistungen auf ihrer nach und baden ihre Würmer.
Die neuartige Lösung des Atlantik-Flugverkehrs bewährte sich ausgezeichnet. Die unbedingte Zuverlässigkeit und die hohe Geschwindigkeit der deutschen Maschinen trug uns die Anerkennung der ganzen Welt ein.
Die Schaufeln des Raddampfers „König Wilhelm" wühlen die Wasser des Bodensees auf. Die untergehende Sonne zaubert einen rotgoldenen Streifen über die weite Wasserfläche. In den Wellen des Dampfers flimmert das Äbendlicht, und in der Dämmerung entschwinden die Arbeitsstätten deutscher Weltgeltung, versinkt der Riesenbau der Luftschistball" der Zeppelinwerke in Friedrichs-, Hasen wo das neue Schiss feiner Vollendung entgegengeht, entschwinden die Montagehalle der Dornierwerke in Manzell, aus deren Tore schnelle Verkehrsmaschinen, rasende Postflugzeuge den Weg in die weite Welt antreten.
Romanshorn! Zoll- und Paßkontrolle. .Die Personalien unserer Boote werden festgestellt und auf dem provisorischen Zollvormerkschein eingezeichnet. 2 , Schweizer Franken und die ganzen Zollformalitäten find erledigt. Von den Wänden des Bahnhofs leuchten farbenfrohe Plakate herab. St. Moritz wirbt um Besucher, Les Aoants lockt Fremde durch den Zauber feiner Narziffenblüte an, Fribourg erinnert an feine alte Tradition aus Zähringerzeit, der Genfer See preist feine Schönheit. Als mir all das sehen, kommt echte Ferienstimmung. in uns. Die Boote liegen im Gepäckwagen, denn die schweizerische Bundesbahn befördert Faltboote als Gratisgepäck. Durch die Nacht rattert der Zug den Bergen zu, poltert bei Wein- felden über die Thur, die Niederwasser führt, und quert in Zürich die ßitnmat, deren klares Wasser sich zwischen alten Häusern dem flachen Land zu- brängt. Wir haben Aufenthalt, wandern zwischen modernen Läden durch hellerleuchtete Straßen
im Zug. Schwere elektrische Lokomotiven ziehen die schweren Wagen leicht aus der Halle in die dunkle Nacht hinaus. An der Limmat gehts ent- land. Wir erreichen die Aare, die wir im letzten Jahr befuhren. Erinnerungen werden wach. Olten! 2Iarburg!f wo uns im letzten Jahr kommunistische Lausbuben die Hoheitsabzeichen vom Boot reißen rpollten. Bern, das wundersame, alte mit seinen alten Türmen, Häusern und Brunnen. Drunten an der Aare unser Zeltplatz, wo wir mit Schweizer Jugend zusammengesessen hatten und ihnen von Deutschland erzählt hatten, wo diese Schweizer Jugend von uns ging und uns vertrauensvoll mit „Heil Hitler!" grüßte. Weiter rattert der Zug südwärts Neuland entgegen. Wir schlafen und träumen von dem, was vor uns liegt, während der Zug eilend durch warmen Sommerregen dem Genfer See entgegenfährt.
P u i d o u x ! Es ist 4 Uhr und fängt zu dämmern an. Im Vorüberfahren erfassen wir noch den Namen auf dem Stationsschild. Wir reiben uns den Schlaf aus den Äugen, noch ein kurzer Tunnel, dann ist der Blick auf den Genfer See frei. Tief drunten spiegeln sich die Lichter im Wasser, huscht das Scheinwerferlicht eleganter Autos über den See und wirft gespenstische Schatten alter Bäume auf die weite Fläche des unbeweglichen Sees. In rascher Fahrt gehts tiefer und tiefer, kleine Dörfchen wechseln mit Hotelpalästen ab, braune Weinberge mit eleganten' Parks, dazwischen liegen freundliche Ferienhäuser mitten in blühenden Gärten. Pfeifend greifen die Bremsen auf die Räder. Lausanne! Der Zug steht. Wir haben die erste Etappe unserer Fahrt erreicht.
Tauben gurren ihr Morgenlied von den alten Türmen der Kathedrale. In ihren kraftvollen, früh- gotischen Formen wirkt sie wie eine Feste Gottes.
es wurden nicht nur auf allen Flügen die planmäßigen Zeiten eingehalten, sondern darüber hinaus noch beträchtlich unterboten, so daß die Post in Deutschland sogar einen ganzen Tag früher ein- traf, als vorgesehen war.
Auf dieser Linie spielt sich nun seit einiger Zeit ein harter Konkurrenzkampf zwischen Deutschland und Frankreich ab. Mit dem größten Aufwand an Material und Menschen kämpft die französische Luftfahrt, auf das stärkste von ihrer Regierung gestützt, um die Vorherrschaft.
Die Franzosen begannen ihre Flüge über den Atlantik von der afrikanischen Stadt Dekar, von der es dann hinüber nach Natal in Brasilien geht. Schon 1930 gelang es dem bekannten Flieger M e r- moz, der jetzt mit dem Kreuz der Ehrenlegion ausgezeichnet wurde, den Ozean in beiden Ricktungen zu überfliegen. Die französische Fluggesellschaft „Aeropostale" versprach sich von einem regelmäßigen Postdienst zwischen den südamerikanischen Staaten und Frankreich reichen materiellen und ideellen Gewinn. Kurz entschlossen nahm sie die Organisation in die Hand und begann den Bau von Spe-
unter eleganten Menschen zum See. Sterne und die Lichter der Stadt spiegeln sich. Angler gehen sogar in später Nachtstunde ihrer Beschäftigung nach und baden ihre Würmer. Wieder sitzen wir
zialmaschinen. In diese Zeit fielen auch die ersten regelmäßigen Südamerikafahrten des „Graf Z e p p e l i n". Dr. Eckener, der Vorkämpfer auf dieser Linie, betonte die große Wirtschaftlichkeit seiner Fahrten und gab damit der Deutschen Lufthansa den Fingerzeig. Ein Stab deutscher Ingenieure und Wissenschaftler begann nun die theoretischen Vorarbeiten für den Ausbau dieser Flugstrecke. Die deutsche Technik ging hier einen ganz neuartigen Weg. Da die gewaltige Strecke nicht ohne Zwischenlandung zu bewältigen ist, wurde ein Flugzeugstützpunkt, der umgebaute Dampfer „W eftfale n", in der Mitte des Atlantik ver- antert. Diesen Stützpunkt fliegen die deutschen Maschinen an, um hier sachverständig überholt zu werden und ihre Brennstoffvorräte zu ergänzen.
3tn Kajak durch die Schweiz.
Von Ferdinand Staelin-Äaienfuri, Führer des Hochschulrings Deutscher Kajakfahrer.
Alte Milchfuhrwerke fahren über die Straßen. In den alten malerischen Vierteln bei der Kathedrale und dem wuchtigen Bau des Schlosses, das jetzt Sitz der Kantonsregierung ist, wird es lebendig. Von der westlichen Terrasse schweift der Blick über das Pailas de Rumine, das die Universität beherbergt. Am Kursaal und in den großen Hotel- vierteln ist ös noch still. Hie und da klingt der harte Schritt von Bergstiefeln über das regennasse Pflaster. Bergsteiger ziehen zum ^Bahnhof.
Wieder trägt uns die Bahn weiter. Am Seeufer entlang fahren wir nach Montreux. Dillen tehen neben Hotelpaläften, droben auf den Höhen tehen viele Mädchenpensionate, wo deutsche und nordische Mädels Üch französische Sprachkenntnisse aneignen sollen. Wieder prangen auf allen Bahnhöfen, an allen Zäunen und Plakatsäulen die Plakate für den „Grand Prix de Montreux", das große Autorennen das Anfang Juni in den Straßen von Montreux ausgefahren wird. In Montreux blüht es in allen Farben. Die Nofen entfalten ihre erste Pracht. Ihr Duft vermischt sich mit dem Duften allerlei Pflanzen dieses gesegneten Stückchen Lands. Vom See her weht ein feuchtwarmer Morgenwind und spielt in den Trauerweiden und Palmen am Seeufer, lieber dem Wasser liegt leichter Dunst, darüber erheben sich in der klaren Mor- aensonne die schneebedeckten Gipfel des Piz de Vernanz. lieber dem Rhonetal steht massig der Dent de Midi. Draußen am alten Schlößchen Chillon schaukeln Schifferbarken mit ihren eigenartigen Segeln im Wind.
Weiter, weiter trägt uns die Bahn. In vielen Kehren erklimmt sie die fruchtbaren Höhen über Montreux, lieber dem See liegt leichter Dunst, tief drunten ragt das Schlößchen Chillon in den See hinaus' Mit Narzissen übersäte Wiesen ziehen sich an den Hängen hinauf. Les Avants, der Mittelpunkt der Narziffenfelder, ist erreicht. Drüben über dem Tal erhebt sich zackig der Dent de Jaman. In feinen Rinnen liegt noch Schnee. Schnurgerade durchfahren wir in einem langen Tunnel den Col de Jaman, überschreiten die Wasserscheide zwischen Rhein und Rhone und eilen in fünfer Fahrt dem Ausgangspunkt unserer Flußfahrt, Montbovon entgegen.
Erstaunte Gesichter! Hier oben Faltboote? Zwischen Sandbänken rinnt wenig Wasser zu Tal. Am Kraftwerk von Montbovon, das die Montreux- Berner Oberlandbahn mit Strom versorgt, fließt auch nicht allzuviel Wasser zu. Zur Befahrung der großartigen Felsschlucht unterhalb Sciernes reicht das Wasser nicht aus. Wir find etwas enttäuscht. Auf staubiger Landstraße knattern Motorräder, saufen Autos an uns und unseren Bootswägen vorüber.
An der Straßenbrücke von L e f f o c entstehen in kurzer Zeit aus einem Gewirr von Stäben zwei schnittige Kajaks, 65 Zentimeter breit, die Boote des verwöhnten Kajakfahrers. Am Vorschiff flattern die Wimpel des Hochschulrings Deutscher Kajakfahrer im Wind. Frohen Mutes geht's hinaus in das klare blaue Wasser. Wir möchten dauernd jauchzen vor Freude. Die Berge des Creierzer Landes stehen klar rechts und links neben dem Fluß, schmucke Dörfer beleben die blumenüberfäten Hänge. In den Nord- und Ostwänden liegt noch Schnee und über die Gipfel hin ziehen weiße Wolken in die Ferne. Es heißt aufpaffen. Felsen liegen im Fluß und die Strömung rennt mit mörderischer Geschwindigkeit an den Geröllbänken hinab auf Uferfelsen und Uferoerbauungen zu. Schwölle wechseln mit ruhigeren Stellen, in denen wir den Blick rückwärts wenden können. Majestätisch baut sich der Dent de Corjon als gewaltiger Talabschluß auf. Bei Grandvillard weitet sich das Tal. Eine alte Steinbrücke spannt sich dort über den Fluß, dahinter stehen die spitzen Zacken des Dent de Broc. Wieder gehts hinein in schwere Schwölle und Wogen, die Mann und Boot überdecken. Er-
M, Mik MM
Nachdruck verboten!
21. Fortsetzung.
Roman von Gert Rothberg.
Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Verlag, Halle (S.)
Kreloff stand ruhig da. Unbeweglich!
Das hatte er ja gewußt! Man sollte doch nicht denken, daß die Vergangenheit einen losließ. Niemals ließ sie einen los!
Jessen!
Der hatte aüsspioniert, wo er sich befand! Und vielleicht war es auch ganz gleich. Denn der alte Lord — wie hieß er doch gleich? Ach so, dieser Lord Lymor würde auch nicht schweigen. Er hatte den Mann sofort wiedererkannt. Sofort! Wenn dieser damals aus irgendeinem Grunde sich auch anders genannt hatte. Der hatte ihn erkannt, genau fo gut wie er. Kreloff wußte sofort, daß dieser Mann ihm an der Tafel im „Grande de Jeanne in Paris gegenüber gesessen hatte. Und der mochte feinen Grund haben, ihn, den Hoteldieb, zu schonen. Der wartete doch nur auf den geeigneten Augenblick, um loszuschlagen.
Also vorbei! .
Es hatte ihm die ganzen letzten Tage tn Den Gliedern gelegen, das Unheil!
Kurt Jessen mit Geld befriedigen! Das konnte er nicht mehr. Doris war nicht fo reich, wie er gedacht hatte. Und sie hatten auf Reifen Diel Geld verbraucht. Und das Haus in Berlin mit der noch vollzähligen Dienerschaft fraß ein Heidengeld. Wenn er doch nur wenigstens diese Sache eher in die Hand genommen hätte! Wozu brauchten sie dieses Haus in Berlin! Sie hätten da noch lange existieren können.
Aber — Jessen? B .
Der würde doch immer wieder kommen und seinen Teil verlangen. Niemals würde dieser Erpresser von der Bildfläche verschwinden. Immer würde er da fein.
Jessen! Warum immer nur er? Lord Lymor war auch ein Feind! Schlimmer wie jener andere, den man doch immer wieder mit Geld begütigen konnte, sofern man welches hatte.
Aber den stolzen Engländer, den konnte nichts weich machen. Unbeirrbar würde der seinen Weg gehen. Und dieser Weg würde zu Lord Farone lieber Kreloff, so in Gedanken? Schlechte Post erhalten?"
Durchaus nicht! Ein Freund mochte mich sprechen. Wir haben noch gemeinsame geschäftliche Interessen, und da tut eine mündliche Aussprache eben doch immer wieder einmal not."
ßorb Lymor sah den schönen Bulgaren ernst und lange an. Dann sagte er:
„Kreloff, wir kennen uns von früher her! Kennen uns aus dem Hotel ,Grande de Jeanne* in Paris! Ich habe geschwiegen, weil ich weiß, daß nur die Not Sie einmal auf die schiefe Bahn geworfen hat. Trotzdem, auslöschen kann man fo etwas nicht — nicht wahr? Sie werden jetzt wissen, was Sie zu tun haben, Kreloff! Farone wird es von mir erst erfahren, wenn Sie weit fort sind!"
Starr sah ihn Kreloff an, dann verbeugte er sich tief.
Ein dringendes Telegramm; ich muß noch heute nacht abreifen."
„Warum so eilig? Reisen Sie binnen drei Tagen", sagte der Lord liebenswürdig und brannte sich eine seiner langen, dünnen Zigarren an.
Kreloff ging davon. Und der Lord wandte sich lächelnd um. Für Uneingeweihte war es ein harmloses Gespräch, nach dem jeder seiner Tagesordnung nachging. Die Lady Lymor aber preßte die Handflächen ineinander.
Es ist schade um ihn! Schade ist es um ihn!, dachte sie und sah Kreloff noch lange nach.
Kreloff trat bei seiner Frau ein, die sich auf die Chaiselongue gelegt hatte und in einem englischen Roman las.
„Assen?"
Sie legte das Buch sofort beiseite und bückte zärtlich zu ihm auf. Aber entgegen seiner sonstigen Gewohnheit setzte er sich nicht zu ihr. Er blieb, steif aufgerichtet, stehen und sagte:
„Doris, wir müssen abreisen! Ich erhielt ein Telegramm, das mich zwingtz noch heute — bas Geißt, binnen brei Tagen--abzui^isen. Ich halte den
morgigen Tag für ben besten, llnb so muß ich bich bitten, deine Sachen packen zu lassen.
Sie sprang in die Höhe. v
„Abreisen? Wieso? Wir bleiben doch den Winter über hier? Gerade darauf habe ich mich gefreut, wenn wir gemütlich hier unJe.r uns. je*n werden, wenn auch die jetzige Geselligkeit mir sehr gut gefällt. Sage doch nur, du hast dir einen Scherz gemacht?" , .
„Cs ist kein Scherz. Wir reifen morgen abend bestimmt." c _
Da stampfte sie mit dem Fuße auf
„Ich will nicht. Ich fühle mich wohl hier. Du mußt auf mich Rücksicht nehmen.
Nichts würde ich lieber tun als bas, Doris - du weißt es! Aber es geht nicht. Wir müssen fort.
„Dann verbirgst du mir etwas, Assen!" sagte sie mit bleichen Lippen.
Da stürzte der Mann zu ihr pm.
Doris wenn ich dir doch alles sagen könntet ",Du kannst es!" sagte sie und strich mit der zitternden Hand über sein Haar.
Da schrie er es sich vom Herzen. Beichtete alles. Uni) sagte-ihr auch, daß. man ihn hier erkannt hatte.
Doris sah ihn an. Längst war ihre Hand von seinem Kopfe herabgesunken. Ihr Bück wurde starr, kalt. War ohne Mitleid.
„Steh auf!" sagte sie und ging zum Fenster. Er erhob sich. Folgte ihr. Aber da klang wieder ihre kalte, mitleidlose Stimme an sein Ohr:
„Das also! Das bist du in Wirklichkeit! Dem setzt du mich aus, daß man uns hier mit Schimpf und Schande aus dem Hause jagen wird. Oh, ich hasse dich! Wie ich dich hasse!"
Der Mann sah sie an. Minutenlang. Senkte den Kopf. Sagte leise:
„Du hast recht, Doris! Ich durfte niemals so sinken. Ehrliche Arbeit aber gab es nirgends. Oder gab es für mich doch welche, wenn ich den Mut oefeffen hätte, meinen Freunden, vielleicht gar Lord Farone damals meine Armut einzugeftehen? Vielleicht hätte er mir großmütig geholfen? Doch es hat keinen Zweck mehr, darüber nachzugrübeln, was man hätte tun und nicht tun sollen. Du weißt nun alles. Und das letzte Endchen Glück ist vorbei."
„Gott sei Dank kann ich leben, wie es mir gefällt. Ich
Ein Bück in fein Gesicht, dann schrie Doris auf: „Mein Geld, es ist auch fort?"
„Du warst nicht so reich, wie du vielleicht dachtest. Ich habe nur das von deinem Geld mit vertan, was du wußtest. Ich Halle nichts für mich verbraucht. Allerdings hatte ich nichts mehr, als ich dich kennenlernte. Wir haben leider nur von deinem Gelde gelebt. Als ich dich heiratete, wollte ich aus all dem Wirrwarr eines selbstverschuldeten schrecklichen Lebens heraus. Aber dann lernte ich dich lieben. Aber ich habe heute kein Recht, dir das zu sagen. Bestimme, Doris, was nun werden soll!"
Doris lachte grell auf.
„Aus den Augen sollst du mir gehen — weiter habe ich dir nichts mehr zu fagenr
Da wandte sich Assen Kreloff still ab. Ging hinaus. Und Doris sank in einen Sessel und meinte wild. Dann aber sprang sie auf. Tränen? Wie unvorsichtig von ihr! Tränen schadeten ihrem Teint! Und sie mußte schön bleiben. Jetzt mußte sie schön sein, weil sie noch einmal für ihre Zukunft zu sorgen hatte.
Der Lord!
Lord Farone!
Alt, häßlich, aber reich. Ihn nahm sie jetzt. Er würde sie bestimmt heiraten. Und dann war das vielleicht die höchste Sprosse der Leiter, die sie noch erklimmen konnte.
Freilich!
Lvrd Farone und Assen Kreloff! Welch ein Unterschied! Der eine noch jung und kraftvoll und schön, der andere verbraucht, alt, häßlich. Aber reich! Unendlich reich und mit Namen und Titel! Und vor diesem letzteren schwand alles andere.
Aber —. noch mar sie Assen Kreloffs Frau! Doch die -Trennung würde nicht schwer fein. Sie bekam
sofort recht, wenn sie angab, daß sie keine Ahnung von der Verbrecherlaufbahn Kreloffs gehabt habe.
Alle Liebe für diesen Mann bäumte sich noch einmal auf.
„Ich liebe ihn ja noch. Ich liebe ihn. Ich — kann ihn nicht fo gehen lassen. Was aber soll ich tun?"
Nach einer Weile ging sie in sein Zimmer.
Es war leer.
Da erfaßte sie Angst. Angst um ihn. Und sie lief in den Garten hinunter. Wußte gar nicht, daß ihre fo viel bewunderte Frisur nicht in Ordnung war. Sie lief bis zu dem Gebüsch, wo noch eine ganze Menge Vögel zwitscherten.
„Assen?"
Keine Antwort.
Da ging sie langsam wieder dem Schloß zu. Sie wußte, daß die Würfel über fein ferneres Geschick bereits gefallen waren.
• Am Abend brachten ihn zwei Jäger.
„Der Herr ist verunglückt. Aus dem Anstand. Er ist gefallen. Die ganze Lage spricht für einen Unglücksfall."
Lord Farone stand bei dem Toten, als Doris neben der Leiche niederstürzte. Aller Haß, alle Vorwürfe, alles war fort, als sie stöhnte:
„Das durfte nicht fein. Das nicht Assen, lieber Assen!"
Da legte sich schwer eine Hand auf ihre Schulter. Ernst, feindlich bückte der Lord Farone sie an. Und ernst, feindlich waren feine Worte.
„Ich habe alles gemußt. Und ich habe dem internationalen Kriminaldezernat eine Million zur Verfügung gestellt, damit alle Schäden gutgemacht werden konnten. Das macht einiges gut. Alles noch lange nicht. Aber Assen Kreloff hat sich in feiner Hochstaplerrolle nie wohlgefühlt. Und als ich sah, daß Sie ihm ein Glück gaben, daß er schon um Ihretwillen nicht mehr auf den unrechten Weg zurückgehen würde, habe ich ihm nun einen Posten geben wollen. In Kanada! Auf meinen Besitzungen. Aber nur Sie hätten ihn halten können. Niemand sonst. Und — ja, vielleicht hätte ich es ihm djer sagen müssen, daß ich um alles wußte. Dann märe wahrscheinlich dieses Gräßliche nicht geschehen. Also trage auch ich einen Teil der Schuld an allem. Denn es ist kein Unfall. Die anderen mögen daran glauben, und es ist gut fo. Aber mir beide wissen, daß er selbst es mit vollster Absicht tat. Hat er Ihnen gebeichtet?"
„Ja! Und ich jagte ihn van mir. Ich fürchtete den Skandal. Ich wußte nicht, was ich eigentlich fürchtete. Aber dann bereute ich es. Ich suchte ihn in feinem Zimmer. Aber ich fand ihn nicht mehr. Lord Farone, begreifen Sie doch, daß ich mich von ihm trennen mußte! Ich konnte doch nicht ahnen, daß Sie selbst alles wußten. Wenn ick da- von eine Ahnung gehabt hätte, dann wäre alles anders gekommen. Denn dann hätten mir ja wieder eine Existenz gehabt."
(Fortsetzung folgt.)


