llr. 193 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesien)
Mittag, 20. August 193^
Vom DouaumonWrmer zum Oehlanbfiehler.
Don Or. Ernst Keienburg.
Oie Verleihung des Ehrenkreuzes.
Ein Pour-Ie-Meriter geht ms Oedland.
Den Weg eines Pioniers vom Stamm der alten Douaumont-Kämpfer wollen wir hier nachzuschrei- tcn versuchen. Er führt ins „Luch", wo es am tiefsten ist in der tiefen brandenburgischen Landschaft. Da ist Unland und Oedland und Moor und Wüste und alles zugleich und ein Flüßchen schneidet hindurch, reichlich gespenstisch, der „Rhin" genannt, übernebelt duii nagen und Schatten wie das ganze Luch. Doch auch gute Geister gehen hier um: der alte Ziethen, der am Rande dieser Wüste seinen Acker bestellte und der große König, der adlige Siedler und Urbarmacher. Dieses unbezwungene Land, in dem noch alles schlief, suchte sich nun einer als Wirkungsfeld aus, der in der Hölle von Verdun als einer der Douaumont-Stürmer hohen Ruhm errungen hatte. Der Hauptmann Cordt! von Brandts war von der Art, daß er dieses dämonische Land vom ersten Augenblick an lieben mußte. Hier war etwas, das angepackt und gestaltet werden wollte. Hier war eine Leistung zu vollbringen, so recht nach den Begriffen der Front. Ja, dieses horizontweite, von Erlenbüschen durchsetzte Urland war wohl die Front s e l b st, ein Niemandsland, ein Abenteuer, eine jahrtausendelang von der Urschöpfung gehaltene Stellung, die sich der bedächtigen treuen Arbeit auf lange Sicht ergeben mußte Gelang es nicht, nun wohl, so war es ein Kräftemessen gewesen, ein männliches Unterfangen, würdig eines ganzen Kerls, der es ablehnte, irgendwo durch Protektion unterzukriechen.
Mann gegen Moor.
Der freie Mann und das freie Luch: beide voller Hintergründigkeit. Der Kampf beginnt. Der Douaumont-Stürmer ist kein Grünhorn. Er ist für Mißtrauen und Reserven. Das Luch ist blank vor Tücke: Komm nur! Es sind viele gekommen vor dir und wieder nach Hause gegangen. Brandts nimmt alle Kriegskunst zusammen. Er kundschaftet das Moor in unzähligen Patrouillen aus, ehe er zupackt Seine strategische Stellung ist nicht ungünstig. Der Hof des Schwiegervaters, hart am Operationsgebiet, ist zugleich Rückendeckung und Lieferstelle für Geräte und Saatkorn, die gepachteten Ländereien liegen an der Wasserstraße, am Rhin, das Kartenbild der erworbenen Parzellen läßt spätere Straßenbildung vermuten. Auch ein Stoßtrupp ist rasch gebildet. Ein Kerl zieht andere Kerle an, das ist eine alte Sache. Es sind mitnichten Zierden der bürgerlichen Gesellschaft, diese neuen Mitarbeiter unseres Hauptmanns Gerade heraus gesagt: mancher Bürger würde sich vor ihnen bekreuzen. Halbnackt, mit dampfendem Körpern, mit wilden Bärten und märchenhaften Flüchen, die in den Gräben des Krieges gewachsen sind, wühlen sich ein in das Luch, schwarzbraun von Sonne und Torfstaub „M o o r- i n d i a n e r", ist noch ein zarter Ausdruck. Ein ehemaliger Torpedobootsmaat ist da, stark wie ein Bär, und ein Deutschbalte, ein Prachtkerl und Meister in vielen Künsten, dazu ein Trüpplein Russen, ,30kindhafte Riesen aus allen möglichen Lagern zusammengeklaubt. Der ehemalige Gardeoffizier schuftet neben dem Muschik, der Zimmermann neben dem Steppensohn und so fort. Es ist eine Kampftruppe aus den unterschiedlichsten Elementen, die sich hier in das märkische Moor verbeißt, Gescheiterte und Flüchtige, Weglose und solche, die wieder Boden fassen werden, Abraum der Großstadt und Sehnsüchtige — ein Komposthaufen, in dem es treibt und gährt. Das Erstaunliche aber geschieht, daß der Hauptmann und die wenigen Getreuen, die ihn umschanzen, den gestaltlosen Haufen stählern durchdringen und ihn einschmelzen
zu einer schönen ungestümen Arbeitsgebärde. Man spricht nicht vom Führer, und doch lst er da. Er aeht mit langen Schritten über das Luch, seine Sägeraugen spähen über das Gelände, seine Blicke sättigen sich in der graubraunen Weite, über der die Rebel der Frühe dampfen. Eine Vision steht vor ihm auf, wie hier über dem sauren Grund, den harte Gräser überwuchern, ein st Saaten im Winde stehen werden. Dieses Bild ist stark und feurig in dem alten Sturmgeist, in dem „verrückten" Hauptmann. Doppelt arbeitswütig schmeißt er sich in die Sielen. Wenn er in der sengenden Hitze mit der Telleregge das Oedland zerreißt oder mit knatterndem „Bulldogg" die Trichterfelder ebnet, qualmt der Moorstaub dick über ihn hin. Dann gleicht er aufs Haar den Tankfahrern der Angrisfsschlachten.
Moor gegen Mann
Das Moor, die scheintote Landschaft, ein tückisches Wesen, das Jahrtausende schlief, spürt die Schrammen in seiner Haut und reckt sich zum Abwehrkampf. Da und dort klaffen Risse und braunschwarzes Wasser. Hinkümmert das Saatgut. Unkraut führt ein geiles Prasserleben auf den mühsam bereiteten Böden. Der Wind kommt als Sturm dahergefahren und wirft sich heulend auf die ungedeckte Weite. Die gesamte Heuernte wird auf den Wiesen in den Hucken zerfleddert, zerfetzt, in die Baumkronen geschleudert, in die Wolkenschleppen gewirbelt. Und wieder schickt bas Luch seine schleichenden, unterirdischen Gewalten gegen den Elementarfeind, den ordnenden Menschen: Wurmfraß und Seuche, Giftwolken von Mücken, würgendes Grundwaßer und das große Sterben von Tieren und Pflanzen. Härteres ist kaum einem widerfahren, der unter Einsatz seiner inneren und äußeren $abe mit dem Nichts um schmale Ernte rang. Schöneres läßt sich schwerlich von einem Manne sagen als dies: daß er immer seinem Werke treu blieb, fern von Profit und Hilfe von außen, und daß ein Streifen smaragdgrünen, selbstgeschaffenen Landes ihn glücklich machte und entschädigen konnte für ungezählte Bitterkeiten und Enttäuschungen, die mit dem Humor der echten Kerle ertragen wurden.
Blick auf das Kommende
Alles Bleibende will hart erworben fein. Das Werk, dem Hauptmann von Brandis dreizehn wertvolle Lebensjahre gewidmet hat, ist von B e - st a n d und Keimkraft. Es ist beispielhaft und im letzten Sinne soldatisch, mit einer Bravour durchgekämpft, die für den Außenstehenden, zumal für den siedlerisch Veranlagten, etwas Hinreißendes hat. So ist es nicht als Zufall einzuschätzen, sondern als gerechte Fügung, wenn die erwachte, auf den Führergedanken ausgerichtete Nation dem vielfachen Pionier eine wichtige Aufgabe anoertraute: die Heranbildung einer jungen Führerschicht aus der neuen Generation mit dem Endziele einer Verschmelzung des Siedlergedankens mit dem des deutschen Arbeitsdienstes, aus der Erkenntnis heraus, daß Oedlandsiedlung und Arbeitsdienst zusammengehören — im Auftrage jenes großen nationalen Werkes, das viel hunderttausend Hektar Land der Volksgemeinschaft als neue Heimat erschließen möchte.
Daten für Montag, 20.August.
1854: Der Philosoph Friedrich Wilhelm Josef von Schilling in Bad Ragaz gest. (geb. 1775); — 1858: Fritz Skowronnek, der Dichter der Masuren, geboren; — 1914: (bis 22.) Schlacht in den mittleren Vogesen; — 1914: Siegreiche Schlacht bei Lothringen (Kronprinz Rupprecht von Bayern);
Die Polizeidirektion Gießen teilt mit: Die vorgeschriebenen Formulare zur Erlangung des von dem Herrn Reichspräsidenten gestifteten Ehrenkreuzes stehen auf den Polizeibezirken zur Verfügung und können auch in verschiedenen Papiergeschäften erworben werden.
Die Entgegennahme und Bearbeitung der einzureichenden Anträge bringt eine erhebliche Steigerung des Geschäftsverkehrs mit sich. Jeder Antragsteller, der dazu in der Lage ist, hat die zur Verfügung gehaltenen Vordrucke selbst ordnungsgemäß und lückenlos auszufüllen, damit das Verleihungsverfahren so rasch als möglich abgewickelt werden kann. Soweit dem Antragsteller Beweisstücke über seine Teilnahme am Kriegsdienst ober sonstige Papiere (Tobesurkunbe usw.) zur Verfügung stehen, finb biefelben bem Antrag beizufügen. Die Beschaffung irgenbwelcher Beweisstücke bei bem Zentralnachweisamt für Kriegerveriufte unb Kriegergräber unb bei bem Reichsarchiv sowie beten Zweigstellen ist bem Antragsteller nicht gestattet. Diese Behörben werben solche Anträge ausnahmslos unbeantwortet lassen.
Nur die Verlelhungsbehörden sind befugt, Anfragen an diese Behörden zu richten.
Bei der ungeheuren Zahl der dorthin behördlicherseits gelangenden Anfragen wird die Beantwortung längere Zett dauern, so daß es im eigenen Interesse des Antragstellers liegt, sich Beweisstücke von anderen Behörden (Verbände und Vereinigungen), die angewiesen sind, sie dem Antragsteller auszuhändigen, selbst zu beschaffen.
Als Beweisstücke kommen in Frage:
Militärpah, Kriegsstammrollenauszug, Kriegsranglistenauszug, Militärdienstbescheinigung oder Bescheinigung über Verwundung und Kriegsgefangenschaft, Rentenbescheid, Gedenkblatt, standesamtlicher Registerauszug, sofern er den Kriegstod klar ersichtlich macht, Tobesurkunden ober Bescheinigungen» Auszug aus ber Verlustliste unb begleichen.
Das Ehrenkreuz wird verliehen an alle Kriegsteilnehmer, sowie an Witwen und Eltern Gefallener, an den Folgen von Verwundung oder in Gefangenschaft gestorbener oder verschollener Kriegsteilnehmer.
Frontkämpfer ist jeder reichsdeutsche Kriegsteil, nehrner, der bei der fechtenden Truppe an einer Schlacht, einem Gefecht, einem Stellungskampf oder einer Belagerung teilgenommen hat. Für die Ent- fcheidung der Frage, ob ein Kriegsteilnehmer bei der fechtenden Truppe an einer Schlacht, einem Gefecht, einem Stellungskampf ober an einer Belage- rung teilgenommen hat, ist bie Eintragung in der Kriegsrangliste ober Kriegsstammrolle maßgebend.
Die Frontkämpfereigenschaft im Seekriege haben Soldaten, Marinebeamte oder alle sonstigen Be- fatzungsangehörige eines die Kriegsflagge führenden Kriegsschiffes oder Hilfskriegsschiffes, die auf diesem an einer Kampfhandlung teilgenommen haben. Luftschiffe und Flugzeuge der Marine sind hierbei den Kriegsschiffen gleichgestellt. Kampfhandlungen zur See sind Schlachten, Gefechte, kriegerische Unternehmungen und sonstige ausgesprochene Kriegstätigkeit, wie Minensuchen, Minenräumen und O-Boot-Geleitdienst in Minengebieten.
Als Kriegsteilnehmer gilt jeder Reichsdeutsche, der auf deutscher Seite oder auf Seiten der Verbündeten Kriegsdienste geleistet hat. Kriegsdienste im Sinne dieser Bestimmung hat jeder Reichsdeutsche geleistet, der im Weltkriege zur Wehrmacht eingezogen war, sondern wie das Personal der freiwilligen Krankenpflege, des freiwilligen Automobilkorps und des freiwilligen Wotorbootkorps, soweit es sich im Krlegs- geblet aufgehalten hat. Der Weltkrieg im Sinne
dieser Bestimmung umfaßt die Zeit vom
1. August 1914 bis 31. Dezember 1918.
Die Eigenschaft als Witwe eines Kriegsteilnehmers setzt voraus, daß die Ehe nicht nach dem 31. Dezember 1918 geschlossen worden ist. Durch eine spätere Wiederverheiratung wird die Witwen» eigenfchaft nicht berührt.
Zu den Eltern gehören auch die Stief- und Adoptiveltern.
Als Verwundung gelten alle äußeren oder inne» ren Verletzungen, durch unmittelbare oder mittelbare Einwirkung von Kampfmitteln. Den Verwundungen sind alle sonstigen Gesundheitsschädigungen gleichzuachten, wenn sie auf die besonderen, nur dem Kriege eigen» tümlidjen Verhältnisse zurückzuführen sind.
Antragsberechtigt ist bei Eltern der Vater und, falls dieser verstorben ist, die Mutter.
Den Reichsdeutschen werden die Kriegsteilnehmer gleichgestellt, die infolge des Versailler Diktats dis Reichsangehörigkeit verloren haben
Personen, die wegen Landesverrat, Verrat militärischer Geheimnisse, Fahnenflucht ober Feigheit vor bem Feinb bestraft finb, barf bas Ehrenkreuz nicht verliehen werben.
Das Ehrenkreuz wird nur auf Antrag verliehen. Anträge ohne Benutzung der vorgeschriebenen Vordrucke bleiben unberücksichtigt. Anträge werden täglich in der Zeit von 8 bis 12 und 15 bis 18 Uhr auf dem 1. Polizeibezirk, Landgraf-Phi- lipp-Plah 1. und dem 2.Polizeibezirk, Clebigffr.18,
Leutnant a. D. Knobel.
Am Samstag berichteten wir über den 90. Geburtstag von Leutnant a. D. Knobel. Unseren Lesern vermitteln wir hier das Bild des geistig und körperlich noch sehr rüstigen Jubilars, dem aus Anlaß seines Geburtstages zahlreiche Ehrungen zuteil wurden.
nichts."
Schließlich aber gab er doch den unablässigen Bitten Susis nach und wartete noch neun Tage — zu seinem und seiner Kinder Heil. Denn am neunten Tag nach jener Nacht flog das Haus im Rheinland mit allen Bewohnern in die Luft. Ein geheimes, aus den Wirrnisfen der Franzosenzeit noch herrührendes Munitionslager darin war explodiert.
In ihren alten Tagen ist die Magd aus dem Rheinland in die Heimat zurückgekehrt und hat, in unserer Nachbarschaft wohnend und in meinem Elternhause ein- und ausgehend, als achtzigjähriges, bewegliches Hutzelweiblein mir dutzend- und dutzendmal die Geschichte von der kleinen Susi und ihrer Mutter, erzählen müssen. Die eiskalte Totenluft, das gespenstische Knistern des Seidenrockes, das Hinhauchen der Geistersprache, das Hereinragen einer anderen Welt in unser ahnungsloses Leben — stärker als all diese Schauer wirkte auf mich das wundersam beruhigende Gefühl des Geborgenseins in der selbst Tod und Grab noch überwindenden Mutterliebe.
Sie hatte ihrer Meinung nach schon mehrere Stunden geschlafen, als sie von einem eisigen Hauch, der über sie hinstrich, erwachte. Gleichzeitig.^ o--,. -•»- 9f - war es ihr, ois hä f , ____aL-Px.___ I — hL hnroit« alles vorder«
„Susi", fragte sie deshalb, „Susi, willst du was?" Keine Antwort. Aber ein seltsames Geräusch, etwa wie Kleiderrascheln geht durchs Zimmer. Und jetzt agt das Mädchen laut und bestimmt, nicht etwa hastig und unklar wie ein Träumender: „Jawohl, Mama. Gewiß. Ich hab dich gut verstanden und morgen sag ich's Papa", und dann mit unbeschreiblicher Wehmut: „Mama! Mama!", worauf das Kind still ist. Aber das jüngere jagt jetzt, deutlich und langsam: „Mama, gehst du schon wieder? Adieu, Mama, adieu!" Und sogleich fetzten wieder seine regelmäßigen Atemzüge ein. Von Susi dagegen war nichts zu hören.
Darum fragte die Magd, indem sie Licht machte. „Susi, bist du wach?"
„Ja." Und sich aufsetzend im Bett, sagt die Kleine ruhig und keineswegs erschreckt zur Magd hm: „Jetzt war eben die Mama da."
„Du hast geträumt, Susi."
„Lina, nein. Ich bin aufgewacht, weil es auf em- mal so kalt geworden ist. Aber ich war ganz zu- gedeckt, Lina. Dann hab' ich die Mama gehört. Ganz deutlich hab' ich das Rauschen und Knistern ihres seidenen Rockes gehört. Und Mama hat mit mir gesprochen. Ganz leise, wie wenn sie jedes Wort nur so herhauchte auf mich; aber so deutlich, daß ich jedes Wort verstanden habe.
Die Magd war aufgestanden und ans Bett des Kindes getreten: „Komm, Susi, leg dich wieder nie- der! Ich setz mich neben dich. Du bist aus dem Schlaf aufgeschreckt." Und sie fuhr dem Kind streichelnd übers Haar und drückte die Kleine sanft in die Kissen zurück: „Schlaf nur wieder, Kindl Es ist
Mutterliebe
von Michael Kohlhaas
Herr von Runge hatte nach dem frühen Tode seiner Frau seinen Grundbesitz im Salzburgischen, wo er nie heimisch und nur der Gattin zuliebe ansässig geworden war, verkauft, hatte im Rheinland, woher er stammte, ein Haus erworben und war eben drauf und dran, mit seinen zwei Kindern, Mädchen im Alter von vier und sieben Jahren, dorthin zu übersiedeln.
Das Verlassen der ländlichen Einsamkeit, die bevorstehende Reise, das zu erwartende Neue erfüllten die Kinderseele und den Jugendsinn mit ungeduldiger Fxeude. „Papa, wann reisen wir? Papa, warum sind wir eigentlich noch da? Papa, worauf warten wir denn noch?" also bestürmten sie noch aus ihren Betten heraus den Vater, und der Vater sagte: „Üebermorgen um diese Zeit sind wir schon fort. Jetzt aber die Augen zu und gute Nacht!" — ,,©ute Nacht, Papa, gute Nacht, gute Nacht! lieber- morgen sind wir schon über den sieben Bergen, bet den sieben Zwergen." Und alsbald schliefen die Kinder ein.
Das geräumige Schlafzimmer teilte mit ihnen ihre junge, aber resolute, mit hingebender Liebe an den mutterlosen Kleinen hängende Magd, die um ihre Hingebung immer wieder zu verjüngen, sich nur daran zu erinnern brauchte, wie auf ihr unbedachtes Wort vom baldigen Fortgehen und Sterben der Mutter das ältere der Mädchen über die todkranke Frau sich warf und flehte: „Mama, nicht fortgehen! Nicht gehen, Mama! Mama, bleiben! Mama, bableibenl”, und wie da die Sterbende noch einmal die Augen aufgetan und mit entfliehender Kraft geflüstert hatte: „Ich komm wieder, Susi! . . komm wieder . . . wied . . ", und in diesem Wort gestorben ist. Der Begriff der sensitiven Veranlagung, der überreizten Nerven, der hysterischen Einstellung, und wie diese materiellen Entkräftigungen übersinnlicher Zusammenhänge sonst heißen mögen, war auf die robuste, furchtlose, immer sachlich denkende Magd nicht anwendbar. Aber auch die Kinder waren in jeder Beziehung gesund und außerordentlich wahrheitsliebend.
Nachdem der Vater der Kinder das Zimmer verlassen hatte, ging auch die Magd zu Bette, löschte das Licht und schlief ein.
„Aber wenn ick mich doch gar nicht furchte, ßma. Mama war ja so lieb. Susi, hat sie gesagt, Susi, hörst du mich? — Gewiß, Mama ich gesagt das ist lieb, Mama, daß du kommst. - » ** 65 dir versprochen habe. Susi, höre mich. Ihr mußt mit der Abreist nach neun Tage "?^n. Unbedingt. Sag’s morgen dem Papa und bitt ihn und Jag. — ich bitt’ ihn auch! Hast du mich verstanden? Susi, leb wohl! Und der seidene Rock hat wieder geknistert und die Mama ist fort. Lina, ich hab nicht geträumt. Mama war wirklich da.
alaub es dir, Susi, und gleich in der Früh ,°ge^ wir alles dem Pap°. Ader ietzt nur °"L°wi/ich'°uch-, faflte das Mädchen und schloß langsam die Augen und sagte le.st noch vor sich hin: „Mama war ja so lieb ZU mir.
Des Morgens berichteten sie sogleich bem Vater, der -merst ungläubig, bann Zweife nb von einer mfrG+Uphnna ber Abreise nichts wissen wollte, zuwar es ihr, als haue ]ie, jeooaj noaj in lyren ncylas Verschiebung oer -uv e, Z b stellt roäre hinein, bie Stimme bes älteren Mäbchens gehört.'mal ba bereits alles oorbereitei uno oe,leiu wäre.
AnleitungzumKofferpackeninalterZeit
Das Kofferpacken hat schon ben Reisenden vor vierhundert Jahren viel Kopfzerbrechen gemacht, und so haben sie gewiß gern die Ratschläge angenommen, die ihnen in einem 1561 in Ulm er» schienenen Reisehandbuch gemacht wurden. In die- fern „getreuen fReifegeferr wurden sie vor allem gemahnt in ihrem „wohlverschlossenen Reistrühlein, Rantzen, Felleisen oder Dellis" nur das Allernotwendigste mitzunehmen, denn viel Gepäck ist beschwerlich und „locket nur die Räuber heran". Als „unentbehrliche Reiseapparate" gelten: Ein Gebetoder Gesangbuch, ein Stammbuch, ein Schreibtäf- lein, ein Reise- und ein Tagebüchlein, ein Kalender, ein historisches, luftiges oder nützliches Traktätlein, etliche Bogen weißes Papier, einige Federn, Tin- tenfah unb Streusandbüchslein, ein Federzeug, Nadeln, Faden, „Klöblein" und „Schlößlein", um die Zimmertür im Gasthof damit zu verschließen. Wer zu elegant gekleidet ist, setzt sich Gefahren aus, wer zu schlecht gekleidet ist, wird bei vornehmen Leuten keine Unterkunft finden; zwischen beiden galt es also die Mitte zu halten. Mitzunehmen sind vor allem: Ein Regenmantel und ein breitkrempiger Hut, „Kappen, Nafenfutter und Ueberstrümpfe mit Knöpfen" gegen die Kälte, vier saubere Leiboder Unterhemden, ebensoviele „Dorschläg und Krügen", ein Oberhemd, mehrere Schmutz- und Handtüchlein, zwei „Haupttücher", Ober- und Unterstrümpfe, Socken, Schlafhosen, Schlafhauben, Handschuhe, ein zweites Paar Schuhe und Pantoffeln, auch etwas Beyfuß in die Schuhe zu legen, ein
„gut Mittel vor die Müdigkeit". Ferner sind notwendig: Waffen, ein guter Stecken zur Abwehr der Hunde, zum Bergsteigen und Grabenüberspringen, ein Schlafpelz, ein Perspektiv, Brillen als Schutz gegen den Staub, ein Spiegel, Kreide, Räucher- und Wachskerzen, ein Petschaft „sowohl zu verwahren", Messer und Gäblein, ein Kamm oder „Strahl", Eßlöffel, Ohrlöffel, ein Zahnstörer, ein Kompaß, eine Sonnenuhr, eine Zeiger- und eine Sanduhr, ein Quadrat, etwas Gewürz, Eingemachtes, Del, Hirschenunfchlitt, Wachs, Zucker, Rosenzucker, Pillen und „etzliche andere Arzneien wider das Schweißen aus der Nasen, Durchfluß und Stopfung des Leibes, den Sodbrand, den Wolf vom Reiten, Blasen an den Füßen, Erbrechung, die Pest, Gicht, böse Lüfte, Kopfweh, Bräune, Schlangen und Skorpione, wütenden Hundebiß, Läuse, Schwunden an den Lippen und andere Umstände mehr". An Nahrung nehme man mit „gebraten Fleisch, Schinken, Brot, Käse, Butter, Knoblauch und etwas gebrannten Wein, denn man findet nicht allerorten zu essen und zu trinken". So versehen kann man „mit Gott versöhnt und den himm- lischen Zehrpfennig (das Abendmahl) zu sich genommen, seine Schulden bezahlt und seinen letzten Willen förmlich aufgesetzt", sich getrost auf die Reise machen, wobei allerdings nicht zu vergessen ist, „daß Gelb genug vorhanden sei".
Giebzehnmal Rom.
„Viele Wege führen nach Rom!" aber es ist dennoch keine Gewähr, daß man dorthin gelangt, wohin man kommen möchte. Denn es gibt nicht weniger als siebzehn Städte, die den Namen der heiligen Stadt tragen. In Europa gibt es außer dem „eigentlichen" Rom ein kleines skandinavisches Dorf auf der Insel Gotland, das sich den Namen der ewigen Stadt zugelegt hat. In Asien heißt ein Dorf, in Indien im Distrikt Shun, Provinz Birma, Rom, und in Afrika führt ein Misfionarplatz im Gebiete der Basutos den gleichen Namen. Aber den Rekord stellt Amerika auf: allein in den Vereinigten Staaten gibt es nicht weniger als neun Städte namens Rom; die größte liegt in Indiana unb zählt etwa 30 000 Einwohner, ein zweites Rom in Texas, ein drittes in der Nähe der Nia- garafäüe ufw. Aber auch in Südamerika hat man Rom dreimal: in der Provinz Nanquen in Argentinien, ein zweites an der Linie Bahia-Bianca und General Acha, ein drittes im Feuerland. In Australien liegt in Queensland ein Rom, und im malayifchen Archipel, auf Neupommern hat ein Sturzbach den Namen der Siebenhügelstadt.


